Nr. 183
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Moritag».
Gießene«.
^neUitÄSfÄtfr* Werden dem Anzeiger dreimal
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1891
Sonntag den 9 August
Erstes Blatt.
Keneral-Mnzeiger.
Biertelt^rlger Zvon«eme«t»preiO» 2 Mark 20 Psg. dK» vringerlohn. Durch die Post bezog«; 2 Mark 50 Pf,.
ttrbactiou, Expedia« und Druckerei:
Saiutürahe Fernsprecher 61.
2lints- «nd Anzeigedlatt für den ALreis Gieren.
Hratisöeikage: Kießener Jamikienölätter
»eraatzme ton Anzeige« zu der Nachmittag» für de« KLgeuden Lag erscheinmden Nummer bi» Corrn. 10 Uhr.
Alle AunonceN'Bureaux de» In« und AuSlanbe» nehm« Aozeigen für den „Gießener Anzeiger- mtgc^e«.
2lmtlid?6r Therl.
Gießen, am 7. August 1891.
Betr.: Die Bildung der Schöffen- und Schwurgerichte. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Wir beauftragen Sie, mit der Aufstellung der Urlisten der zum Amte eines Schöffen oder Geschworenen bestellbaren Personen zu beginnen und diese Listen nach vorgängiger achttägiger Offenlegung sanirnt -en etwa erhoben werdenden Reclamationen mit Begleitbericht spätestens bis zum 15. Oktober l. I an die zuständigen Amtsgerichte einzusenden.
Die Spruchlisten der Geschworenen haben, wie bererts m unserem Ausschreiben vom 20. April 1885 (Anzeiger Nr. 92) bemerkt wurde, in mehrfachen Fällen die Namen von Personen enthalten, welche das 30. Lebensjahr noch nicht vollendet, oder das 65. bereits überschritten hatten und sind hierdurch in den Schwurgerichtssitzungen den Fortgang der Verhandlungen hemmende Weiterungen veranlaßt worden. Derartige Vorkommnisse können nur durch eine genaue Beobachtung der hinsichtlich der Aufstellung der Urlisten der Schöffen und Geschworenen bestehenden Bestimmungen vermieden werden. Wir machen Ihnen daher die sorgfältigste Beobachtung der Vorschriften in § 1 und 3 der Verordnung vom 14. Mai 1879 (Reg.-Bl. S. 213) zur Pflicht. Hiernach sind die in den §§ 32, 33 und 34 des Gerichtsverfassungsgesetzes (s. Reichs-G.-Bl. von 1877, S. 47) bezeichneten Personen nicht in die Urlisten aufzunehmen, während bei den in § 35 daselbst Genannten der Grund, warum sie ablehnen können, in der Spalte „Bemerkungen" der Liste anzugeben ist. In allen Fällen, in welchen Zweifel darüber bestehen, ob eine in die Urliste aufzunehmende Person das 30. oder 65. Lebensjahr vollendet habe, wollen Sie sich durch eine Anfrage bei derselben, oder in sonst geeignet scheinender Weise genau über deren Alter vergewissern. Sie dürfen aber auch nicht Personen, welche Sie für ungeeignet zum Amte eines Schöffen oder Geschworenen halten, bei denen aber die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen, aus der Liste weglassen, z. B. weil sie arm oder zu alt sind. Sie wollen vielmehr diese Personen ebenfalls in die Liste ausnehmen, Ihre Ansicht aber unter „Bemerkungen" oder im Begleitberichte angeben. „ f _
Das zur Aufstellung der Listen erforderliche Formular wird Ihnen k. H. zugesandt werden.
I. V- -
Jost, Regierungsrath.
Bekanntmachung.
Großh. Bürgermeister Friedrich Koch II. von Mainzlar wurde unterm Heutigen als Ortsgerichts- Vorsteher und Standesbeamter genannter Gemeinde verpflichtet und in seinen Dienst eingewiesen.
Gießen, den 7. August 1891.
Grobherzogliches Amtsgericht.
Fresenius.
Gefunden: 1 Handschuh, 1 goldener Ring, 2 Taschentücher, 2 Regenschirme, 1 schwarzes Tuch, 1 Kragen, 1 Paar Kinderhosen, 1 Brille und 1 Henkelkorb.
Gießen, 8. August 1891.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
politische Wochenschau.
Gießen, 8. August.
Der gegenwärtig herrschende Mangel an ergiebigem politischen Stoff zeigt nunmehr auch auf dem Gebiete der iunerpolitischen Angelegenheiten des Reiches seine bedenklichen Folgen. Genau wie im vorigen Jahre um dieselbe Zett beginnen einige namhafte politische Tageszeitungen sich^den Kopf über die Zunahme particularistischer Strömungen im Deutschen Reiche zu zerbrechen. Namentlich weist man aus die Thatsache hin, daß eine Anzahl bayrischer Blätter, welche einer nicht gerade preußensreundlichen Anschauungsweise huldigen, sich im Augenblick einer großen Verbreitung erfreut. Man behauptet sogar, daß die persönliche Beliebtheit preußenfeindlicher Journalisten in maßgebenden Kreisen die hier geltenden politischen Auffassungen genau
wiederspiegele. Das Vorgehen der bayrischen Regierung gegen die Münchener „Allgemeine Zeitung" sührt man auf die ablehnende Haltung des Blattes in Sachen der Redemptoristen zurück, sowie auf den Umstand, daß die Zeitung bei ihren jüngsten Auslassungen über das bayrische Eisenbahnwesen die militärischen Interessen stark in den Vordergrund gerückt hat. Selbstverständlich kann kein Mensch im Ernste glauben, daß durch die bezeichneten Vorfälle, selbst wenn sie vollkommen authentisch wiedergegeben und interpretirt sein sollten, der Bestand des Deutschen Reiches irgendwie gefährdet ein könnte. — An dieser Anschauung darf man sich auch nicht durch die Nachrichten, welche neuerdings über die Verhandlungen zwischen den Einzelstaaten bezüglich der Militärgerichtsreform verbreitet werden und das Ergebniß der gemachten Bemühungen als ein unerfreuliches bezeichnen, irre machen taffen. Denn erst vor Kurzem ist von unterrichteter Seite betont worden, daß die preußische Regierung der bayerischen namentlich hinsichtlich der Oeffentlichkeit der militärischen Gerichtsverhandlungen weitgehende Zugeständniffe gemacht habe. Darnach erscheint die neuerliche Meldung, daß Preußen rückschrittliche Abänderungen bayerischer Institutionen auf diesem Gebiete verlange, als Mißverständniß oder sommerliches Verlegenheitsproduct. — Eher könnte man noch auf die Verschiedenartigkeit in der Haltung der verbündeten Regierungen gegenüber der Asrikalotterie als ein Anzeichen von Particularismus Hinweisen. Nur darf man nicht vergessen, daß es sich hierbei lediglich um ein von Preußen ausgehendes Privatunternehmen handelt, dem selbst im preußischen Ministerium schwerwiegende Bedenken entgegengestellt worden sind. Immerhin bleibt es interessant, daß einige Bundesstaaten die Lotterie für ihr Gebiet verboten haben. Bis Mitte Mai hatten nur Lübeck, Oldenburg, Hamburg und Hessen ihre Zustimmung gegeben. Erst nachdem Ende Juli auch in Preußen die Erlaubniß der Lotterie erlangt war, gestattete auch Bayern den Vertrieb der Loose. Baden und Württemberg knüpften ihre Zusage an die Erfüllung gewisser Bedingungen. Vollkommen ablehnend verhielten sich bis jetzt Bremen, Sachsen und die thüringischen Staaten.
In Preußen erregte die Nachricht, daß der neue Eisenbahnminister Thielen probeweise einen Zonentarif für den Verkehr in der näheren Umgegend von Berlin einzuführen gedenke, bei den Anhängern des Zonentarifs eine unbändige Freude, die allerdings durch die Gegenmeldung, daß der Minister eine ganz anders geartete Erleichterung des Vorortverkehrs plane, rasch wieder erheblich gedämpft wurde. Auch soll die betreffende Reform nicht schon am 1. October dieses Jahres eintreten, sondern wahrscheinlich erst 1892 durchgeführt werden.
Von den Angelegenheiten des Auslandes macht immer noch vornehmlich der Besuch des französischen Geschwaders in Kronstadt von sich reden. Wir verschonen unsere Leser mit einer eingehenden Darstellung der letzten Hauptfestlichkeiten und machen nur kurz auf die Nachricht der Londoner „Times" aufmerksam, nach der ein förmliches Bündniß zum Zweck gegenseitiger Vertheidigung zwischen Frankreich und Rußland zu Stande gekommen ist. Admiral Gervais habe den Entwurf eines Vertrages fertig aus Frankreich mitgebracht, um ihn den russischen Ministern des Auswärtigen, des Krieges und der Marine vorzulegen. Dieser Vertragsentwurf sei nach längeren Verhandlungen von den angeführten Ministern, jedoch noch nicht vom Kaiser unterzeichnet worden und werde bis zum Eintritt einer günstigeren Laune des Czaren in dieser unperfecten Form liegen bleiben. Von anderer Seite werden diese sämmtlichen Behauptungen als müßige Erfindungen hingestellt. In Rußland selbst sei man an allerhöchster Stelle von der „an Tollheit grenzenden Begeisterung" der Russen für ihre Gäste keineswegs entzückt gewesen. Ebenso warnt der französische „Soir" vor der voreiligen Annahme, daß ein Vertrag geschlossen sei. Die beiden Regierungen ständen auf demselben Flecke, wie vor der Flottenparade. — Ein Gegenstück zu der geschilderten russisch-französischen „Verbrüderung" bilden die Festlichkeiten, die momentan im Hafen von Cherbourg von französischer Seite zu Ehren der Mannschaften dort vor Anker liegender russischer, griechischer und amerikanischer Kriegsschiffe veranstaltet werden. Es genügt uns, auf diese Neuauflage der Kronstädter Feste kurz hingewiesen zu haben. — Desgleichen bescheiden wir uns damit, die Ankunft des Königs von Serbien in Rußland einfach zu erwähnen. — Schließlich registriren wir noch die großartigen Festlichkeiten zur Feier des 600jährigen Bestehens der schweizerischen Eidgenossenschaft, welche am 1. August ihren Anfang genommen haben.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Eorrespondenz-Burecm.
Berlin, 7. August. Der Kaiser ist an Bord des „Hohenzollern" gestern Abend vor Stavanger eingetroffen.
Berlin, 7. August. Heute fand Hierselbst unter nam- Hafter Betheiligung der Deutsch - Ostafrikanischen Gesellschaft die Constituirung der Eisenbahn-Gesellschaft für Deutsch-Ostasrika statt. Das vollgezahlteGrundcapital beträgt einstweilen zwei Millionen.
Berlin, 7. August. Die Kaiserin ist mit den kaiser- lichen Prinzen heute Vormittag in Potsdam eingetroffen.
Trachenberg, 7. August. Die Kaiserin Friedrich und Prinzesssin Margarethe sind heute um 5^ Uhr hier em- getroffen, vom Fürsten Hatzfeld empfangen und von der zahlreich erschienenen Bevölkerung enthusiastisch begrüßt. Die Stadt ist festlich geschmückt.
Paris, 7. August. Die Zeitung „Paris" weist, indem sie den Toast Tschernajews mißbilligt, aus die Telegramme des Czaren an Carnot und an den Bürgermeister von Cherbourg hin, welche beide über eine Kundgebung freundschaftlicher Gesinnung nicht hinausgingen und für die Beur- theilung der Lage allein maßgebend seien. Nichts erlaube die Folgerung, daß Rußland für Revanchegelüste Frankreichs eintreten wolle. Man möge sich daher davor hüten, die Bedeutung der Depeschen des Czaren zu übertreiben und ihnen ein Postscriptum zu geben, das der Czar selbst nicht hinzu- zusügen beabsichtigte.
London, 7. August. Der Botschafter Hatzfelds welcher heute nach Deutschland abreiste, richtete Namens des Kaisers an den Lordmayor ein Schreiben, in welchem er den Lordmayor anläßlich seiner Erhebung in den Baronetstand beglückwünscht.
Petersburg, 7. August. Der König von Serbien wohnte gestern Nachmittag den Truppenübungen in Krassno- jeffelo bei, speiste dann beim Großfürsten Wladimir, besuchte das Theater und kehrte nach Petersburg zurück.
Depeschen des „Bureau Herold".
Berlin, 8. August. Nach der „Kreuzztg." wird der K a i s e r heute um 8 Uhr Abends in Kiel eintreffen.
Berlin, 7. August. Das „Tageblatt" erfährt aus Mecklenburg-Schwerin, daß sich das Befinden des Großherzogs verschlimmert habe.
— Nach der „Post" lehnte Fürst Bismarck eine Einladung des Kyffhäuserverbandes und des Vereins deutscher Studenten zum Kyffhäuserfeste ab, indem er auf seinen Gesundheitszustand und den nothwendigen Curgebrauch hinwies.
Berlin, 7. August. Die „Voss. Ztg." hört von maßgebender Seite, daß in der letzten Woche die Anlagen bei der Reichsbank erheblich zurückgegangen seien. $on einer Herabsetzung der officiellen Bankrate riethen die Verhältnisse des heimischen Geldmarktes ab, aus welchem der Privatdiscont eine langsam anziehende Richtung verfolge, theils mit Rücksicht auf den herannahenden Herbstbedarf, welcher der Bankleitung eine Reserve auferlege. Gold sei vom Auslande in größeren Beträgen zugeflossen. Die Reichsbank verfüge zwar zur Zeit über recht ansehnliche Beträge fremder, namentlich Regierungsgelder, die aber einen unsicheren Posten bilden, da sie leicht zurückgezogen werden können.
Köln, 7.August. Unter der Überschrift: „Papstthum und europäische Kriegspartei" veröffentlicht die „Köln. Ztg." an leitender Stelle einen längeren Artikel, betonend, daß der Vatiean vom Bündnisse Rußlands mit Frankreich die baldige Wiederherstellung des Kirchenstaates erhoffe. Man glaubt, wenn Rußland, vereint mit Frankreichs Deutschland und Oesterreich mit Krieg überziehe, erhalte Frankreich, nachdem die Franzosen Italien besiegt, in Italien freie Hand, während Oesterreich durch das von Rußland umgarnte Serbien und Rumänien im Schach gehalten werde. Nur aus dieser Combination erkläre sich, daß man jetzt plötzlich offen mit der bisher angenommenen monarchischen Tradition der römischen Curie breche und dem Grundsätze huldige: „Der Kirche kann nur die Revolution Helsen." Diese Hoffnungen würden ganz offen in vertrauten Kreisen ausgetauscht.
Wien, 8. August. Der in Folge des gemeldeten Erdrutsches unterbrochene Verkehr auf der Brennerbahn ist wieder ausgenommen.
Budapest, 7. August. Drei Töchter des Barons Bela Horvath sind gestern beim Baden ertrunken. Dieselben verschwanden spurlos in den Wellen des Nyarad.
Rom, 8. August. Der „Moniteur de Rome" erklärt die Meldung der „National-Ztg.", Frankreich habe dem P a p st e große Geldsummen zur Verfügung gestellt, um seine.


