Nr. 261 Erstes Blatt
Sonntag den 8. November
1891
D«r BMmm /uufjgtf «ßch«M täglich, Oft Ausnahme M MvntagK.
Ms Zehner
®Mee btm Anzeiger Ssch^ttlich bwimel »«tg-irgt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
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Kernfgrecher 61.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen.
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SMb« Anzeigen zu der N«chmitta«r für den ffat Afffff ft» Alle «nnoucen-Sureuux M In. und «»Standes uchv
lag erscheinenden Nummer bis «arm. 10 Uhr. j ^01111110101(111«. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegn
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Anrtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Lie nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat October 1891 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen;
Hafer 16.30, Heu 5.80, Stroh JL 4.40.
Gießen, den 7. November 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
___________________v. Gagern.___________________
Bekanntmachung,
die Errichtung der deutschen Viehversicherungsanstalt in Mainz betreffend.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß das Großherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz der zu Mainz errichteten „deutschen Viehversicherungsanstalt" die Erlaubniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum auf Widerruf ertheilt hat.
Gießen, den 6. November 1891.
Eroßherzogliches Kreisamt Gießen.
__________________v. Gagern.__________________
Gefunden: 1 Zwicker, 1 Trinkbecher, 1 Notizbuch, 1 Stock, 1 Ranzen, 1 Uhrgehänge, 1 Cigarren-Etuis, 1 Paar Filzschuhe, 1 Plüschkragen, 1 Griffelkasten, 1 Stück Band, 1 Filzhut, 1 Halstuch, 1 Schuh, 1 Laterne und 1 Peitsche.
Gießen, den 7. November 1891.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Freseniu s.
politische Wochenschau.
Gießen, 7. November 1891.
Die verflossene Woche hatte im Gegensätze zu der vorausgegangenen, während deren eine saft vollkommene Stille in der Politik eingetreten war, eine ganze Reihe bemerkenswerter politischer Ereignisse zu verzeichnen. Auf innerpolitischem Gebiete sah man mit einer gewissen Gespanntheit dem Urtheil entgegen, welches die Berliner Anwaltskammer über das Verhalten der beiden Vertheidiger in dem vielbesprochenen Heinze'schen Mordprozesse abzugeben hatte. Die Angelegenheit hatte ein besonderes Interesse aus dem Grunde gewonnen, weil Se. Majestät der deutsche Kaiser in einer persönlichen Meinungs- und Willensäußerung das Borgehen der Vertheidigung scharf kritisirt hatte. Namentlich war — von verschiedenen äußerlichen und formellen Verstößen abgesehen — der Umstand, daß die Rechtsanwälte ihren Menten den Rath gegeben hatten, jede Aussage zu verweigern, zum Ausgangspunkte schwerer Angriffe in der öffentlichen Discussion gemacht worden. Wie man indessen in juristischen Kreisen vorausgesehen hatte, entschied die Anwaltkammer dahin, daß es das Recht der Angeklagten sei, die Aussage zu verweigern, daß die Vertheidiger ihre Clienten aus dieses Recht aufmerksam machen können und daß der Beweis nicht erbracht sei, daß die beiden Rechtsanwälte von ihrer Befugniß einen illoyalen Gebrauch gemacht hätten. Damit ist eine bisher vorhanden gewesene Unklarheit in Bezug auf die Stellung der Vertheidigung zu ihren Clienten endgiltig beseitigt und ein Zustand als legitim anerkannt worden, wie er in England in weit schärferen Formen ^chon lange besteht. — Ungleich wichtiger als diese mehr pikante Angelegenheit der Rechtspflege ist für Deutschland die Frage, ob es sich bewahrheiten wird, daß Emin Pascha mit einem Theil der deutschen Schutztruppe das deutsche Gebiet verlassen hat, um durch englisches Besitzthum hindurch in seine alte Provinz Wadelai zu gelangen. Sollte es sich Herausstellen, daß die nach Deutschland gelangten Nachrichten keine Enten sind, so würde aller Grund zu ernster Besorgniß vorhanden sein. Emin Pascha ist jetzt keine Privatpersönlichkeit mehr, wie ehedem, sondern Beamter des deutschen Reiches, „attachirt dem auswärtigen Amt". Er würde aber nicht nur seinen amtlichen Character in unbegreiflicher Weise außer Acht gelassen, sondern auch einen Truppentheil des deutschen Heeres in seinem Privatinteresse in das Gebiet einer fremden Nation geführt und somit wider das Völkerrecht gehandelt haben. Internationale Verwickelungen mit England wären dre unausbleibliche Folge. In voller Würdigung dieser Sachlage hat die deutsche Regierung durch den Botschafter in London -ä>em englischen Premierminister Lord Salisbury mittheilen
lassen, „daß Emin Pascha bei diesem Zuge in die englische Interessensphäre gegen die ihm ausdrücklich ertheilten Instructionen gehandelt habe und daß die Kaiserliche Regierung unter diesen Umständen die Verantwortlichkeit für sein Unternehmen ablehnen müsse". Indessen verlautet, daß die englische Regierung sich bei dieser Erklärung nicht beruhigen werde und weitergehende Forderungen zu stellen gedenke. Inzwischen ziehen neuere Meldungen die Thatsächlichkeit von Emins Züg einigermaßen in Zweifel. Hoffen wir, daß die Ergebnisse sorgfältiger Erkundigungen, wie sie unsere Regierung zweifellos demnächst anstellen wird, die bislang eingegangenen Nachrichten als übertrieben erscheinen lassen. — Ebenfalls als ein politisches Ereigniß von besonderer Tragweite stellt sich das neue russische Ausfuhrverbot dar, welches das bereits bestehende Verbot von Roggenexport aus alle übrigen Getreidearten (mit Ausnahme von Weizen) und die Produete aus diesen ausdehnt und außerdem noch die Kartoffelausfuhr untersagt. Das Verbot ist bereits am vorigen Sonntag in Rußland veröffentlicht worden und gleichzeitig in Kraft getreten. Aus die Verhältnisse der deutschen Volkswirthschaft hat die Maßregel einen außerordentlichen Einfluß. Im Durchschnitt des letzten Jahrzehntes ist Deutschland für die Befriedigung seines Bedürfnisses an Gerste zu 11 °/0 des gesammten Gersteconsums auf Rußland angewiesen gewesen. An Hafer bezog Deutschland im Durchschnitt etwa 5,5 °/0 jährlich aus Rußland. Auch die Versorgung Deutschlands mit Roggen war zu einem erheblichen Theile von Rußland ausgeführt worden. Die Beschränkung der Gerfteneinfuhr trifft in erster Linie die deutsche Bierbrauerei, während der Hafer- und Maisausfall sich für die gesammte Landwirthschaft unangenehm fühlbar machen wird. Der Import von Kartoffeln endlich war seither nicht hervorragend gewesen, hätte aber in diesem Jahre angesichts der schlechten deutschen Kartoffelernte vielleicht sehr an Umfang gewonnen. Zu alledem und den nach wie vor auf ihrer exorbitanten Höhe verharrenden Brodkornpreisen hat sich nun schon recht zeitig die kalte Jahreszeit gesellt. — Ein Couflict ist zwischen Chile und den Vereinigten Staaten ausgebrochen, weil Chile den letzteren die geforderte Genugthuung für die Mißhandlung und Tödtung amerikanischer Flottenmannschaften nicht zu Theil werden lassen wollte. Einen Augenblick schien es, als ob ein bewaffneter Zusammenstoß der beiden Mächte nicht ausgeschlossen wäre. Indessen hat man jetzt den Eindruck, als ob Chile nach der Beseitigung des amerkanischen Botschafters in Chile, Evans, welcher nichts weniger als persona grata der chilenischen Regierung ist, bereitwillig nachgeben werde.
Deutsches Reich.
Berlin, 6. November. Der Kaiser hielt am Freitag mit mehreren geladenen Gästen eine Hühnerjagd am sogen. Entenfang bei Potsdam ab. Am Sonnabend betheiligte sich der Monarch an einer größeren Hofjagd im Spandauer Forst.
— Dem Bundesrath ist neben den schon bekannten Specialetats nun auch der Etat der Reichspost- und Telegraphen-Verwaltung zugegangen. Derselbe weist dem Vernehmen nach in den Einnahmen rund 11 Millionen Mark mehr als im Vorjahre auf; die fortdauernden Ausgaben dagegen sollen diejenigen des Vorjahres um circa 13 Millionen Mark übersteigen, der Ueberschuß des nächsten Jahres ist auf 3 Millionen Mark weniger als im Vorjahre veranschlagt. Uebereinstimmend versichert man von verschiedenen Seiten, daß das neue Budget dem Reichstag erst gegen Ende November zugehen würde, während die Vorlage der Handelsverträge mit Oesterreich-Ungarn und Italien noch vor Einbringung des Reichsbudgets zu erwarten stünde. Indessen muß doch noch abgewartet werden, ob dem deutschen Parlament wirklich noch im Laufe des gegenwärtigen Monats die neuen Handelsverträge vorgelegt werden,- wenigstens sind die Münchener Handelsvertrags-Verhandlungen zwischen Oesterreich und Italien noch immer nicht zum Abschluß gelangt- so lange aber der österreichisch-italienische Handelsvertrag nicht perfect ist, wird die deutsche Regierung schwerlich die Verträge mit Oesterreich und Italien veröffentlichen.
— Der plötzliche Sturz des alten angesehenen Berliner Bankhauses Hirschfeld L Wolff hat weit über die Reichshauptstadt hinaus Aufsehen und Interesse erregt. Das Haus galt als sehr solid, und diese Annahme schien allein schon durch die mehr als sechszigjährige Existenz dieses Geldinstitutes ihre Begründung zu finden. Um so überraschender kommt daher die Kunde von dem Fallissement der Firma Hirschfeld & Wolff, und weite Kreise sind es, auf welche das Ereigniß feine schwerwiegenden Folgen ausübt- befanden sich doch unter den Kunden von Hirschfeld & Wolff ungemein zahlreiche kleinere
Capitalisten und Rentiers, welche ihre gesammten Ersparnisse dem nun salliten Hause anvertraut hatten, und diese sind nunmehr völlig verloren. Uebrigens sind auch eine ganze Anzahl sehr hochgestellter Personen durch den Sturz der Firma Hirschfeld & Wolff geschädigt worden, sogar Mitglieder des preußischen Königshauses. Der eme Ches der Firma, Commerzienrath Wolff, ist inzwischen verhaftet worden, und der andere Ches wurde vor dem gleichen Schicksal einstweilen nur durch Erkrankung bewahrt.
— Die socialdemokratischen Stadtverordneten haben, wie der „Vorwärts" mittheilt, folgenden Antrag bei der Stadtverordnetenversammlung eingebracht: Die Versammlung wolle den Magistrat ersuchen: 1) in Gemäßheit des § 120 Abs. 4 der Gewerbeordnung den Entwurf eines Ortsstatuts vorzulegen, durch das den männlichen Arbeitern unter 18 Jahren die Verpflichtung zum Besuch einer Fortbildungsschule auferlegt wird- 2) in den Fortbildungsschulen über die sich aus dem Arbeitsverhältniß ergebenden Rechte und Pflichten, sowie über die Unfalls-, Kranken-, Jnvaliditäts- und Altersversicherungs-Gesetzgebung unterrichten zu lassen.
2tu»lan6.
Rom, 6. November. Friedensconferenz. Die Friedensconferenz setzte heute die gestrige Discussion über das Organisationsproject des Bureaus fort. Der Däne Bajer wünscht ein internationales Secretariat, das mit erweiterten Functionen ausgestattet ist und den Sitz in Bern hat. Der Franzose Gaillard beantragt, die Conferenz solle ein jährliches Bureau einrichten und zwar ein internationales parlamentarisches Comite mit dem Auftrage, alle Maßregeln zu ergreifen, um eventuelle Conflicte zu beschwören. Jm- briani wünscht die Annahme seines gestern mitgetheilten Antrages. Mazzoleni sagt: „Ohne den Volkswillen zu respec- tiren, könnt Ihr nur Oligarchien bilden, würdet Ihr nur Vertreter von Regierungen, nicht von Völkern fein. Ihr sitzt hier wie Auguren. Ihr repräsentirt Majoritäten, ich aber Minoritäten, denen die Zukunft gehört." Biancheri unterbricht den Redner, der dagegen protestirt, worauf Biancheri den Schluß der Sitzung androht. . Gaillard erklärt, die Annahme der Commissionsvorfchläge bedeute nichts, da sie alles auf die nächste Conferenz verschieben und die Tagesordnung unausgeführt lassen. Das werde ungünstig wirken besonders auf Frankreich, dessen Presse und leider auch vielfach große Männer, den Schiedsgerichten ohnehin ungünstig feien. (Redner citirt zum Beweise dieser Ansicht Lafitte und Zola.) Deßhalb sei es nothwendig, mit Thatsachen die öffentliche Meinung zu besiegen. Schließlich fordert er die deutschen Delegirten auf, sich auszusprechen, ob die deutschen Gesetze wirklich, wie behauptet werde, die Zustimmung zu einer internationalen Organisation verbieten. — Nach einigen minder wichtigen Reden nimmt Barth unter allgemeiner Spannung das Wort, um Gaillard zu antworten, daß die deutschen Gesetze ihn nicht hindern, der Bildung eiües internationalen Comitos zuzustimmen. Er stimme dagegen, weil er eine solche Institution für unfruchtbar halte. „Die Organisation ist überhaupt von nebensächlicher Bedeutung. Hauptsache ist die Arbeit in den Parlamenten, die Verbreitung des ContagiumS der Gerechtigkeit und Wahrheit, um ein Wort Paffys zu gebrauchen. (Sehr gut!) Alle verabscheuen den Krieg, aber Niemand will ein Opfer bringen, um Kriege unmöglich zu machen. Es gilt, die Keime des gegenseitigen Mißtrauens zu zerstören, die in patriotischen und nationalen Phrasen liegen. (Lebhafter Beifall.) Der wahre Patriotismus hat nichts zu thun mit Phrasen, er besteht in der Wahrheit auch gegen sich selbst, während die patriotische Phrase Schmeichelei der eigenen Nationalität ist, mit Verachtung der fremden. (Großer Beifall.) Dagegen müssen wir Alle, besonders in der Presse, kämpfen. Die Presse hat viel Muth, aber oft auch Furcht, die Popularität einzubüßen. Es ist leicht, das Publikum mit Sensationsgefchichten anzuziehen, deßhalb spielen gewisse Blätter cokett mit der Kriegsmöglichkeit. Em großer Krieg ist immer interessant. Aber der Friede ist nützlich, nothwendig, wenn auch uninteressant. (Beifall.) Nach dieser Richtung kann Jeder daheim viel wirken." — Barth wird von vielen Seiten warm beglückwünscht. — Gaillard erwidert heftig, daß die Ideen Barths dahin führen würden, daß Jeder sich in den eigenen Grenzen einschlöffe, ohne je hinauszugehen. Mit diesen Ideen wird uns selbst verwehrt sein, unsere Aspirationen auszudrücken. Wir sind nicht nach Rom gekommen, um uns von Fürsten bewirthen zu lassen, um Händedrücke auszutauschen. Wenn wir nicht mein Amendement annehmen, so war die Conferenz vergebens. Redner wiederholt seine Behauptung, die ablehnende Haltlmg.


