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Mittwoch den 8. Juli

1891

Nr. 155

Gießener Anzeiger

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Tag erscheinenden Nummer bi» *orm. 10 Uhr. | ^nUlSWSUllgC. | »«--igen str den .Gießener Anzeiger- «tge,^

Anrtlichev Shell.

Bekanntmachung,

betreffend die Feldbereinigung in der Gemarkung Staufen­berg, hier Wahrnehmung der bestehenden Rechtsverhältnisse.

Auf Grund des Art. 19 des Feldbereinigungsgesetzes vom 28. Sept. 1887 fordere ich hierdurch die betheiligten Grundbesitzer auf, die Einträge der Eigenthums- und sonsti­gen Rechtsverhältnisse in den öffentlichen Büchern, insoweit dieselben den bestehenden Verhältnissen nicht mehr entsprechen, innerhalb einer Frist von 3 Monaten bei dem Großherzogl. Amtsgericht Gießen berichtigen oder ergänzen zu lassen, da­mit die bestehenden Rechtsverhältnisse beim Bereinigungs­verfahren berücksichtigt werden können.

Diese Aufforderung ergeht:

1. an Diejenigen, welche Grundstücke im Bereinigungs­bezirk erworben, aber ihren Eintrag im Grund- oder Flur­buch, bezw. im Mutationsverzeichniß noch nicht erwirkt haben, um die Errichtung und Jngroffation ihrer Erwerbtitel oder die Berichtigung irriger Einträge zu erwirken;

2. an Diejenigen, welche zwar im Grundbuche stehen, aber weil sie schon vor Einführung des Gesetzes vom 21. Febr. 1852 eingetragen waren, ohne Beifügung des Erwerbstitels, um Letzteren nach Maßgabe des Art. 28 des Gesetzes vom 21. Febr. 1852 eintragen zu lassen, indem sonst, abgesehen von dem Hindernisse bei der Feldbereinigung, demnächst nur eine Bescheinigung des Besitzstandes statt einer Eigenthums- urkunde ausgestellt werden wird;

3. an Diejenigen, welche an ein aus fremden Namen im Grundbuch eingetragenes Grundstück einen Vindications- oder einen unter gewissen Umständen zu realisirenden An- und Rückfallsanspruch wegen eines vor Einführung des Ge­setzes vom 21. Febr. 1852 vertragsmäßig gemachten Eigen- thumsvorbehalts oder wegen einer bei der Veräußerung bei- gesügten auflösenden Bedingung, eines Endtermins oder einer Zweckbestimmung zu bilden haben, ohne diesen Anspruch, durch den Vermerkstreitig" oderbeschränkt" im Grundbuch ge­sichert zu haben, sowie an Diejenigen, welche unter Nachweis der gesetzlichen Voraussetzungen die Vormerkunggehemmt" wollen eintragen taffen;

4. an die Obereigenthümer und Fideieommißberechtigte, welche ihre Heimfalls- und Suceessionsrechte nicht durch Ein­trag der Lehens-, Erb- oder Landfiedel-, Leih- oder Fidei- commiß-Qualität eines Grundstücks im Grundbuch haben wahren lassen, um ihre Rechte, soweit dies nach Artikel 37 und 38 des Gesetzes vom 21. Februar 1852 noch zulässig ist, im Grundbuch eintragen zu lassen;

5. an Diejenigen, welche Pfandrechte, Eigenthumsvorbe- halte, Revocations-, Resolutions- oder Nichtigkeits-, Separa- tions- oder andere Sicherheitsrechte, die weder im Hypotheken- noch im Grundbuch gewahrt sind, an zur Bereinigung be­stimmten Grundstücken geltend machen können, um unter Vorlage der betreffenden Urkunden und genauer Bezeichnung der Forderung und derjenigen Grundstücke, welche zur Sicherheit dienen, die Einträge in die öffentlichen Bücher zu erwirken;

6. an Diejenigen, welche Realservituten, die nicht durch die bei der Bereinigung vorzunehmende neue Weg- und Wässerungs-Regulirung erlöschen, sondern noch nach derselben geltend zu machen sind, z. B. Weg- und Wasserleitungs- Gerechtigkeiten zu Gunsten von Grundstücken, die nicht in die Bereinigung fallen, Lehm-, Thon-, Sandgrube- oder Keller- Berechtigungen auf zur Bereinigung gehörigem Gelände an- zusprechen haben, ferner an die, welche solche Grundstücke zur lebenslänglichen Nutznießung, zur Benutzung als Brautgabe bis zur geschwisterlichen Theilung, zur Sicherung einer lebens­länglichen Leibzucht- oder Auszugsberechtigung anzusprechen haben;

7. an Diejenigen, auf deren Grundstücken in den öffent­lichen Büchern solche Rechte eingetragen sind, welche sie für erloschen halten, aber noch nicht haben löschen lassen, um diese Löschung unter Vorlage der nöthigen Beweise hierzu zu er­wirken.

Rechte der unter pos. 17 genannten Art, welche nach Ablauf von 3 Monaten weder in den öffentlichen Grund- und Hypothekenbüchern, bezw. den zu den Flurbüchern ge­hörigen Mutationsverzeichniffen, noch in den in Gemäßheit der Anmeldungen auszustellenden Verzeichnissen gewahrt sind, bleiben bei der stattfindenden Feldbereinigung unberücksichtigt,

ebenso werden erloschene, aber in den öffentlichen Büchern noch nicht gelöschte Rechte als sortbestehend behandelt.

Gießen, den 6. Juli 1891.

Der Vollzugscommissär: Nebel, Amtmann.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Juli. Aus Windsor wird über den Auf­enthalt Kaiser Wilhelms am Sonntag gemeldet, daß der Kaiser früh das zweite Bataillon der schottischen Garde und das zweite Leibgarde-Regiment besichtigte und dann dem Gottesdienste in der heiligen Dreieinigkeits-Kirche beiwohnte. An demselben nahmen auch der Prinz von Wales, die Herzöge von Connaught und Clarenee, sowie zahlreiche Offiziere Theil. Der Geistliche gedachte in seiner Predigt des dahingeschiedenen Moltke, dessen Gottvertrauen hervorhebend. Nach einem um 2 Uhr eingenommenen Gabelfrühstück begab sich der Kaiser nach Cumberland Lodge, der Residenz des Prinzen und der Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein im Parke von Windsor, und wohnte hier dem Empfange einer Deputation des Ulanen-Regiments des Prinzen Christian bei, welche dem prinzlichen Paare anläßlich dessen silbernen Hochzeit die Glückwünsche des Regiments überbrachte. Am Sonntag Abend hörte der Monarch der geistlichen Mufikaufführung in der St. Georgseapelle des Windsorschlosses zu. Die kaiser­lichen Prinzen sind jetzt mit Ausnahme des jüngsten ebenfalls in England eingetroffen, wo sie im Seebade Felixtow Aufenthalt genommen haben. Die Kaiserin wird sich nach Beendigung ihres Besuches am englischen Hofe auch nach Felixtow begeben.

Reuefte 2Tadm cbfeti.

EolffS telezraphÜchrS Torrespondenz-Burrau.

Hannover, 6. Juli. Dem neuen Minister der öffentlichen Arbeiten, Thielen, wurde anläßlich seines Scheidens von hier heute Abend von nahezu 4000 Beamten des Eisenbahn- direetionsbezirkes Hannover ein glänzender Fackelzug dar­gebracht. Der neue Minister dankte und ermahnte zu weiterem einmüthigen Zusammenwirken; er schloß seine Ansprache mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser.

München, 6. Juli. Der offizielle Saaten st and s- bericht für d*as gesammte Königreich Bayern eonstatirt: Der Verlauf des Monats Juni war sehr günstig. Das Wintergetreide steht dünn, das Sommergetreide durchweg vortrefflich, die Kartoffeln befriedigend, theilweise allerdings naßfaul. Das Wiesenheu ist trocken eingebracht. Klee und Futterrüben sind gut, Reps ist mittelmäßig, Hopfen gut entwickelt. Die Obsternte wird reichlich. In den Wein­bergen machen sich die Frostschäden bemerkbar. Der Tabak hat günstig gesetzt. Hülsenfrüchte sind vorzüglich. In ganz Bayern steht eine gute Mittelernte zu erwarten.

München, 6. Juli. Eine amtliche Mittheilung des Generaldirectors der bayerischen Staatsbahnen theilt betreffs der Eggolsheimer Entgleisung mit: Die Ursache sei noch nicht genau constatirbar. Die Zusammen­hänge mit der am 2. Juli vorgenommenen Verschiebung des Stations-Hauptgeleises, den heftigen Regengüssen, sowie der trotz der gegebenen Signale zum Langsamsahren nicht gehörig gemäßigten Geschwindigkeit des Extrazuges wären noch nicht erkannt. Die Vorspannmaschine blieb auf dem Geleise; wahrscheinlich trat zuerst die zweite Maschine aus dem Geleise. Entgleist sind 2 Gepäckwagen und 13 Personenwagen, sie sind sämmtlich erheblich beschädigt. Todt ist Frau Dupont aus Berlin, verwundet sind drei Männer, zehn Frauen und zwei Knaben, meist nicht gefährlich. Der Streckenbetrieb ist seit gestern frei.

Bamberg, 6. Juli. Alle vierzehn, im Krankenhause und im Erlanger Hofe untergebrachten Eggolsheimer Ver­letzten sind außer Lebensgefahr; eine Dame ist abgereist.

Bremen, 6. Juli. Auf dem im Geestemünder Hafen liegenden deutschen DampferNord" brach gestern Nachmittag Feuer aus und zerstörte die Cajüten, Mannschaftsräume und den Kohlenbunker. Der Schaden ist bedeutend. Die Ma­schinen, sowie die aus Holz bestehende Ladung sind unbe­schädigt. Abends war der Brand gelöscht.

Straßburg i. E., 6. Juli. Bei den gestrigen Wahlen zum Gemeinderath wurden unter 36 zu wählenden Mit­gliedern 27 der bisherigen Vertreter, unter diesen der Bürger­meister Back, meist mir großer Mehrheit und ohne Gegen- candidaten wiedergewählt. Im dritten (deutschen) Bezirk, in welchem vor fünf Jahren sieben altdeutsche Candidaten glänzend durchdrangen, wurden heute nur fünf sofort gewählt; infolge

gänzlicher Uneinigkeit waren die Stimmen aus eine Menge verschiedener Candidaten zersplittert. In diesem Bezirke, wo unter 3700 Wählern mehr als 2000 Altdeutsche sind, ist also Nachwahl erforderlich. Die Socialdemokraten waren in allen Bezirken der Innenstadt ausgetreten und erzielten etwa 1000 Stimmen.

Metz, 6. Juli. Bei den Gemeinderathswahlen wurden 6 Altdeutsche und 10 Einheimische gewählt. Sechs­zehn Stichwahlen sind erforderlich. Der Bürgermeister Halm ist wiedergewählt. Der Wahlkampf war sehr heftig.

Wien, 6. Juli. An vielen Punkten Bosniens und der Herzegowina wurde am 4. d. Mts., um llx/2 Uhr des Nachts ein starkes, fünf Secunden anhaltendes und von unter­irdischem Rollen begleitetes Erdbeben in der Richtung von Südwest nach Nordost wahrgenommen.

Bern, 6. Juli. Das Eisenbahndepartement gibt bekannt, die Zahl der Todten bei dem Mönchen st einer Unglück betrage 73, die Gesammtzahl der Verwundeten 131, elf Per­sonen sind als vermißt angemeldet, wovon nur bezüglich einer Person seststeht, daß sie mit dem Zuge gefahren sein könnte.

Bern, 6. Juli. Die Revision der Bundesver­fassung, betreffend Einführung der Initiative, wurde in gestriger Volksabstimmung mit 168 308 gegen 116 824 Stimmen angenommen.

Olten, 6. Juli. Bei einer Vergnügungsfahrt des Fahr­vereins Olten nach Biel aus der Aare schlug bei Wangen ein Schiff um, wobei gegen 12 Personen ertranken.

Paris, 6. Juli. Professor Lanelongue theilte in der heutigen Sitzung der Academie der Wissenschaften mit, er habe mittels Chlorzinks eine Transformation tuber- culösen Gewebes in Gelenk- und anderen Körperpartien erzielt; die erhaltenen Resultate seien derartige, daß er seine neue Methode der allgemeinen Prüfung übergeben könne. Lane­longue, welcher morgen weitere Mittheilungen über das Technische der Methode machen wird, gab noch bekannt, er applizire das Chlorzink in der Umgebung des Tuberkelherdes behufs Sclerotifirung des tuberkulösen Gewebes. Diese Umbildung trete bereits am nächsten Tage ein.

Marseille, 6. Juli. In der gestern von dem Syndicat der Hafenarbeiter einberusenen Versammlung wurde be­schlossen, am Dienstag eine große Versammlung in der Arbeiter­börse zu veranstalten, zu welcher alle (Korporationen eingeladen werden, um gegen das Dockmonopol zu protestiren.

London, 6. Juli. DerStandard" meint, die An­wesenheit des deutschen Kaisers in London würde Ge­legenheit zu fruchtbringenden (Konferenzen mit der Königin bieten. Es würden zwar keine Verträge zu unterzeichnen und Verständigungen herbeizuführen sein; indessen wäre es möglich, daß die in Windsor gewechselten Worte einen ebenso bedeutenden Einfluß auf die Geschichte übten, wie die in den Staatscanzleien aufbewahrcen, mit Unterschriften versehenen Schriftstücke.

London, 6. Juli. Bei Dover ist ein großer Dampfer gesunken, der Name desselben ist jedoch noch nicht er­mittelt. Am User wurde heute ein Stück eines Rettungs­boots aufgefunden, welches zum Dampfer gehören dürfte.

London, 6. Juli. Im Oberhause erklärte Br owulaw, wenn den Freiwilligen, die an der Revue vor dem deutschen Kaiser am nächsten Samstagtheilnehmen, Löhnung gegeben werde, so würde dieser Umstand den Wenh der Revue zer­stören, da es der Zweck der Veranstaltung sei, dem Kaiser eine Anzahl englischer Bürger zu zeigen, die dem Staate unentgeltlich dienen; aber zur Deckung der Reisekosten und Verpflegungskosten wolle die Regierung allerdings den theilnehmenden Corps zwei Schillinge pro Mann vergüten.

Windsor, 6. Juli. Der Kaiser und das Prinzen­paar von Wales wurden auf ihrem Wege nach der Ca­pelle überall jubelnd begrüßt. Im Laufe des Nachmittags fielen mehrere starke Regenschauer. Die Königin wurde auf ihrem ganzen Wege enthusiastisch bewillkommt. Der Feier wohnten auch Prinz Eduard von Sachsen Weimar, das Herzogspaar von Teck, Lord und Lady Salis­bury 2c. bei. Der Prmz von Wales betrat die Capelle mit der Kaiserin am Arme. Der Kaiser war in Heller Dra­goneruniform (vom RegimentKönigin") erschienen; er folgte mit der Prinzessin von Wales. Nach vollzogener Trauung in Windsor sand aus dem Schlosse Empfang statt. Die Neu­vermählten reiften Abends nach Cleveden am Thcmse-User, dem Landsitze des Herzogs von Westminster, ab.

Windsor, 6. Juli. Der Kaiser begab sich heute Mor­gen mit dem Herzog von Connaught und zahlreichen Stabs offizieren nach dem Eton College, um die der Freiwilligeu- Abtheiluug angehörenden Schüler zu inspiciren. Nach dem Exercieren hielt er an dieselben eine Ansprache, in welcher