1891
Mittwoch den 8. April
Mr. 80
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Bekanntmachung,
Uebertragung amtlicher Functionen auf die practischen Veterinärärzte Löffler zu Hungen und Dr. Köhler zu Langsdorf betreffend.
Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß die nach dem -Milzbrandreglement den Thierärzten zugewiesenen Functionen für die Orte Hungen, Langd, Inheiden, Nodheim mit Hof-Graß, Steiuheim und Rabertshausen mit Ringelshaufen, sowie die nach § 8 der Fleischbeschauordnung hem beamteten Thierarzt zukommenden Befugnisse für dieselben Orte und für Villingen dem practischen Veterinärarzt Löffler zu Hungen, sowie daß die beiden bezeichneten Functionen für Obbornhofen dem practischen Veterin'ärarzt Dr. Köhler zu Langsdorf übertragen worden sind.
Gießen, den 4. April 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, den 4. April 1891. Berr.: Wie vorher.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen ÄN die Großh Bürgermeistereien Hungen, Langd, Inheiden, Rodhrim, Steinheiw, Rabertshausen, Villingen und Obbornhofen.
Unter Bezugnahme aus vorstehende Bekanntmachung beauftragen wir Sie, die für Ihre Gemeinden in Betracht kommende Bestellung in ortsüblicher Weise publiciren zu lassen, v. Gagern.
Polizei-Reglement, die polizeiliche Beaufsichtigung der Spinnstuben in der Gemeinde Allen Buseck betreffend.
Mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz wird hiermit nachstehendes Polizei- Reglement für die Gemeinde Alten-Buseck erlassen:
1) Spinnstuben dürfen in Privathäusern nur bis zu der festgesetzten Polizeistunde stattfinden. Wer über diese Stunde hinaus eine Spinnstube hält oder an einer solchen Theil nimmt, wird mit Geldstrafe bis zu 30 Mk. bestraft.
2) Gegenwärtiges Polizei-Reglement tritt mit dem Tage seiner Verkündigung in Kraft.
Gießen, den 3. April 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz dem Vorstände der „Ständigen Ausstellung für Kunst und Kunstgewerbe in Weimar" die Erlaubniß ertheilt hat, die Loose einer im Juni und December l. I. zu veranstaltenden Verloosung von Gegenständen der Kunst und des Kunstgewerbes innerhalb des Großherzogthums zu vertreiben.
Nach dem von der zuständigen Behörde genehmigten Verloosungsplan dürfen 400 000 Loose zu je 1 Mk. ausgegeben werden und müssen 200 000 Mk. zum Ankauf von Gewinnsten verwendet werden.
Gießen, den 3. April 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 6. April. Im Reichsamte des Innern in Berlin wird im Laufe dieses Monats die von der Re ichs- regierung einberusene Conferenz in Sachen der Handwerker frage eröffnet werden. Wie verlautet, soll die Con- ferenz über geeignete Maßnahmen zur Hebung des Handwerkerstandes berathen und gewiß wird dieser Versuch bei jedem aufrichtigen Freunde des Handwerks warme Sympathieen finden. Nur dürfte sich die Conferenz vor künstlichen Mitteln zur Erlangung des gewünschten Zieles zu hüten haben, wie dies z. B. die Wiederbelebung des alten Jnnungswesens wäre, welches sich mit dem Geiste der Neuzeit in keiner Weise mehr verträgt.
— Das vollständig im revolutionären Sinne gehaltene Auftreten der deutschen Delegirten auf dem Vergär beiter-Congr eß zu Paris erfährt unter den verständigeren Elementen der deutschen Bergarbeiterschaft entschiedenen Widerspruch. Derselbe kam u. A. auch auf dem am Sonntag in Dortmund abgehaltenen Bergmannstag zum Ausdruck. Die Versammlung nahm in ihrer großen Mehrheit Stellung gegen den Pariser Congreß und gegen die deutschen Delegirten, denen vorgeworfen wurde, daß sie nicht im Namen der deutschen Bergleute gesprochen hätten.
— Die Verhandlungen über den deutsch-österreichischen Handelsvertrag sind jetzt in der Hauptsache zum Abschlüsse gelangt. Doch gilt es noch, die notwendigen Förmlichkeiten zu erledigen und daneben ein Einverständniß in einigen untergeordneten Punkten, über welche zwischen beiden Theilen noch Meinungsverschiedenheiten obwalten, zu erzielen. Es steht daher, wie Wiener Privatmeldungen besagen, die Unterzeichnung des getroffenen Abkommens erst in ein paar Wochen zu erwarten,- ob dann das Abkommen gleich zur Veröffentlichung gelangt, erscheint auch fraglich.
Wiesbaden, 6. April. Der heute unter Vorsitz des G e- heimraths Lehden aus Berlin eröffnete 10. Congreß für innere Medizin ist von mehr als 200 Aerzten, darunter den berühmtesten Klinikern Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz besucht. Regierungs-Präsident von Tepper- Laski begrüßte den Congreß im Namen der hiesigen Regierung. Vom Cultusministerium war Geheimrath Skrzeczka anwesend. Als Vizepräsidenten wurden berufen: Geheimrath Quincke-Kiel, Professor Demme-Bern, Geheimrath Naunyn- Straßburg. Letzterer und Professor Fürbringer-Berlin sprachen in heutiger Vormittags-Sitzung über Gallensteinkrankheiten.
Ausland.
Rouen, 5. April. Die feierliche Beisetzung der Leiche Pouyer-Quertiers fand unter zahlreichster Betheiligung statt. Der Erzbischof von Rouen leitete die Feier. Buffet feierte den Verstorbenen als Vertheidiger der siegreichen Politik des Schutzzolles. Die Blätter melden gerüchtweise, unter den Beileidstelegrammen befinde sich auch ein solches vom Fürsten Bismarck.
Athen, 5. April. Die Kammer beschloß, die weitere Behandlung der Anklage gegen das Cabinet Trikupis bis zur nächsten Session zu verschieben. Die Session ist heute geschlossen worden.
Sofia, 5. April. In die düstere Mordangelegenheit von Sofia ist jetzt zum ersten Male eine leise Lichtspur gefallen. Ein Kawaß des ehemaligen russischen General- consulatS wurde als der Schreiber der dem Fürsten Ferdinand,, seiner Mutter Clementine und dem Minister Greekoff zugegangenen Todesdrohbriefe ermittelt und verhaftet und wird angenommen, daß der Verhaftete auch in das Attentat gegen Stambuloff und Bentscheff verwickelt sei, worüber die Untersuchung wohl bald Näheres ergeben dürfte. Außerdem wird aus der bulgarischen Hauptstadt die Auffindung von Dynamit- patronen und Zündern im Erdboden eines Privatgartens gemeldet, die Entdeckung geschah infolge einer Anzeige der Frau des Besitzers des fraglichen Gartens. Unzweifelhaft sollte der aufgesundene Sprengstoff zu einem neuen verbrecherischen Unternehmen in Bulgariens Hauptstadt dienen, vielleicht gar zu dem angekündigten Mordanschlag auf Fürst Ferdinand, seine Mutter und Minister Grekoff! Alle über das Attentat in Sofia vorliegenden Nachrichten lassen übrigens erkennen, daß dasselbe nur die Einleitung zu einem neuen großen Putsch der bulgarischen Russensreunde bilden sollte, zu welchem alles Erforderliche wohl vorbereitet war. Offenbar ist die weitere Durchführung des Complotts lediglich daran gescheitert, daß Stambuloff den für ihn bestimmten Kugeln der Verschwörer entging.
Feuilleton.
Die Rappen.
Novellette von Z o « von R e u ß.
(Nachdruck verboten.)
I.
„Nun, — wie sind Sie mit Ihrer Schülerin zufrieden?" srüg die junge Dame, auf einer Anhöhe ihr Pferd anhaltend, ihren Cavalier.
„Sie haben entschieden bedeutendes Talent zur Amazone, gnädiges Fräulein," lächelte dieser ironisch.
„Gnädiges Fräulein? — Sie sind mir doch neulich als Vetter vorgestellt vom Papa? — Allerdings ists wohl ein bischen um die Ecke. Ich hörte noch niemals von einem Vetter Hans von Hochstedt —"
„Es ist auch wohl nur Güte, daß Ihr Papa unsere, wenn nicht von Adam, doch mindestens von Vater Noah herstammende Verwandtschaft gelten läßt, vermuthlich um mir eine bessere Stellung im Hause zu geben."
„Wie kamen Sie eigentlich in unser Haus?"
„Ich war Mitglied eines Vereins für Landwirthschasts- beamte geworden und suchte eine Jnspectorstelle. Ihr Herr Papa aber suchte einen Verwalter seiner Güter. Erst bei der Vorstellung stellte sich die Verwandtschaft heraus."
„Papa scheint aber erfreut darüber, er kann nun den ganzen Tag Hasen und Hühner schießen, Fhombre spielen und verreisen, das letztere freilich nur wenn er mich mitnimmt . . . Aber Sie sind mir noch eine Kritik meiner Reitkünste schuldig. Ich will genau wissen, welche Fehler ich mache, es interessirt mich viel mehr als die falschen und aus- gelaffenen Noten, die mir Fräulein Matthias nach den
Clavierstunden wie unverzeihliche Sünden an den Fingern herzuzählen weiß . ."
„Nun, Jyr Sitz ist gut, wenn auch ein wenig lässig. Die Zügelsührung muß noch gleichmäßiger werden. Dem Füßchen im Steigbügel erlaubte ich mir schon verschiedenemale die richtige Stellung zu geben. Aber Sie haben Muth, Kühnheit, Elan; Almeister Renz hätte eine vortreffliche Acqui- sition an Ihnen gemacht, Cousinchen! Sind Sie nun zu- friedengestellt?"
„Glauben Sie, daß ich Ihren Spott nicht heraushöre? Ist es unrecht, eine Amazone zu sein?"
„Keineswegs!"
„Nun also, mein Herr Vetter! . . . Papa hat mir ein paar reizende Pistolen kommen lassen, süße Dinger, die wir nächstens zusammen probiren können. Es wäre auch zu langweilig auf dem Lande, wenn man seine Freiheit nicht ordentlich benutzen wollte."
„Wie mans nehmen will. Mir scheint gerade das Leben eines Landsräuleins das glücklichste von der Welt, nur übertroffen von dem Glücke der treuen, mitschaffenden Gattin," sagte Herr v. Hochstedt gedankenvoll, „reich an Freude und voll Abwechslung, ohne Aufregung."
„Soll ich vielleicht die Dorskinder unterrichten?"
„Auch dies — doch nur, wenn Sie Beruf dazu haben. Anders würde auch für die Kleinen nicht viel dabei herauskommen. Soll ich Ihnen einmal den Tag einer jungen Landedeldame schildern, Cousinchen, so wie ich ihn mir denke?"
„Meinetwegen."
„Sie füttern zuweilen die Hühner, wie ich gesehen habe?"
„Wenn ich es nicht vergesse."
„Vergessen Sie es einmal nicht. Indem Sie eine Pflicht übernehmen, gewinnen Sie schon ein Jntereffe. Sie wollen
doch die armen Thiere nicht hungern lassen? Ihr schöner- Name Gertrud klingt so hausfraulich, man hört ordentlich das Schlüsselbund der jungen Hausfrau klingeln . ."
„Unsinn! Ich bin Trudel, wie mich Papa nennt."
„Wenn ich Ihnen rathen soll, so nehmen Sie die Fütterung Ihrer Hühner am Nachmittag vor, gleich den practischen Amerikanern," fuhr Herr v. Hochstedt unbeirrt fort. „Die Thiere werden durch eine Fütterung vor dem Schlafengehen besser zusammengchalten, was auf den amerikanischen Farmen natürlich von Wichtigkeit ist. Auch sind sie ungefüttert tagsüber weit fleißiger im Aussuchen der Jnsecten und Würmer . ."
„Was Sie klug find, Vetter Hochstedt, man bekommt ordentlich Respect."
„Einmal wöchentlich besuchen Sie die Kranken im Dorfe, und sehen, wo es ihnen fehlt. Manchmal gibts einen Dienst zu leisten, klein und unbedeutend, den die Angehörigen aber doch nicht thun können- eine Krankensuppe kochen, einen Brief schreiben, ein Buch leihen: Sie können ein flügelloser Engel werden."
„Sind Sie noch nicht fertig?" srug Trudel ungeduldig, indem sie Kalypso an der Mähne riß.
„Eine Kleinkinderbewahranstalt würde ein Segen sein für die Arbeiterfamilien, besonders während der Erntezeit. Die Eltern können dann unbekümmert zur Arbeit gehen. Das neue Schulhaus, das Ihr Papa als Patron bauen läßt, müßte so eingerichtet werden, daß eS auch zur Aufnahme städtischer Feriencolonien benutzt werden könnte . .
„Wollen Sie mich als Sprachrohr benutzen Papa gegenüber?"
„Warum nicht? Ihr Papa ist gut von Ihnen erzogen, sehr gut, Toiletten, Reitpferd, Pistolen — alles können Sir verlangen! Warum nicht auch einmal etwas für andere?"


