Ausgabe 
7.6.1891 Erstes Blatt
 
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1891

Sonntag den 7. Juni

«r. 129. Erstes Blatt.

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«chhttm täglich, * Ausnahme des Montags.

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Mkn dem Anzeiger Tätlich dreimal deißelegt.

Gießener Anzeiger

Keneral'-Unzeiger.

iVterMlshrlHEL A»O«re«tLprrßAs 2 Mark 20 Pst. *Ä Bringerloh«.

Durch die Post bcjefÄ 2 Mark 50 Pi,.

Webaction, «pieMÖwi und Druckerei: Kchntstrat« Wkli Fmchaecher 51,

Aintr- und Anzeigeblatt fiir den Urei* Gieren.

Annahme Vsn Anzeigen zu der Nachmittag- für dm fatzgendm Lag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

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Anrt^cher Lheil.

Gießen, den 6. Juni 1891.

Betr.: Die Besichtigung der Gemeinde-Zuchtstiere und Eber. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grvtzh. Bürgermeistereien de- Kreise-.

Die Besichtigung der Gemeinde-Zuchtstiere und Zuchteber durch die Körcommissionen des Kreises wird an folgenden Tagen stattfinden:

Montag den 8. Juni zu Hausen, Garbenteich, Watzen­born-Steinberg, Grüningen und Lang-Göns-

Mittwoch den 10. Juni zu Steinbach, Albach, Annerod, Oppenrod, Burkhardsfelden und Reiskirchen-

Donnerstag den 11. Juni zu Münster, Niederbessingen, Oberbessingen, Nonnenroth, ViÜingen und Röthges-

Freitag den 12. Juni zu Rödgen, Trohe, Großen-Buseck, Alten-Buseck, Wieseck, Göbelnrod, Saasen, Lindenstruth, Har­bach, Hattenrod, Ettingshausen und Queckborn-

Montag den 15. Juni zu Gießen, Daubringen, Mainz­lar, Staufenberg, Ruttershausen, Lollar, Weitershain, Rüddings- hausen, Odenhausen, Kesselbach, Londorf, Climbach, Allen- dors a. d. Lda. und Treis a. d. Lda. -

Mittwoch den 17. Juni zu Beltershain, Reinhardshain, Winnerod, Bersrod, Beuern, Allertshausen, Geilshausen und Lumda -

Freitag den 19. Juni zu Heuchelheim, Klein - Linden, Allendorf a. d. Lahn, Großen-Linden, Leihgestern, Stangen­rod, Stockhausen, Weickartshain, Grünberg und Lauter.

Samstag, den 20. Juni zu Langsdorf, Bettenhausen, Bellersheim, Obbornhofen, Utphe, Trais-Horloff und Inheiden-

Montag den 22. Juni zu Hungen, Steinheim, Rodheim, Rabertshausen und Langd-

Freitag den 26. Juni zu Lich, Birklar, Muschenheim, Dors-Gill, Grüningen, Holzheim, Ober-Hörgen und Eberstadt.

Sie wollen die Bullen- und Eberhalter anweisen, an den bezeichneten Tagen zu Hause zu bleiben und die Thiere der Körcommission bei dem Eintreffen vorzuführen, sich auch selbst bereit halten, um der Commission auf Nachsuchen för­derlich sein zu können.

v. Gagern.

Gesundenr 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Taschen­tuch, 1 Handschuh, 2 Corallenketten, 1 Oelkännchen, 2 Schrau­benzieher, 1 Stab Eisen, 1 Firmenschild, 1 Buch, 1 Kinder­hut, 1 Brille, 1 Petroleumlampe, 1 Messer, 1 Gürtel, 1 Haarkämmchen und 1 Sack.

Zugelaufen: 1 Mopshund.

Gießen, den 6. Juni 1891.

Grobherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Lolitische Wochenschau.

Gießen, 6. Juni 1891.

Bon den Angelegenheiten des Reiches hat die wichtige Frage der Aushebung des Getreidezolles nunmehr ihre Lösung gefunden. Am 1. Juni erklärte der Reichs­kanzler v. Caprivi im preußischen Abgeordnetenhause, daß es nicht in der Absicht der Regierung liege, die Herabsetzung oder Suspension der Getreidezölle beim Bundesrath in An­regung zu bringen. Zugleich legte der Reichskanzler in längerer Rede die Gründe zu dieser Entschließung der Re­gierung dar. Indem er die Thatsache außer Betracht ließ, daß die Getreidezölle bereits um 30 Mark denjenigen Betrag überschritten haben, den man bei der letzten Erhöhung der Zölle im Jahre 1887 von Seiten der Regierung als den höchsten zulässigen bezeichnete, führte er aus, daß der Vorrath an Brodkorn im Lande nach den Erhebungen der Regierung an den beiden letzten Tagen nicht so unbedeutend sei, wie man gewöhnlich annehme. Die künftige Ernte werde, wenn auch nicht gut, so doch wenigstens besser aussallen, als man bis jetzt geglaubt habe. In Rußland, Nordamerika und Indien fänden sich noch ziemliche Bestände an Getreide vor, die im Nothfall zur Ergänzung der inländischen Waare ver­wandt werden könnten. Sollte der Kornpreis noch um so viel höher steigen, daß er sogar den Weizenpreis überträfe, so könnte man ja zum ausschließlichen Consum von Weizengebäck übergehen. Wahrscheinlich werde im Falle der Zollherabsetzung die Preisermäßigung doch nicht ganz dem Betrage des juspendirten Zolles entsprechen. Die Staatsregierung sage sich

überhaupt, daß eine mäßige Herabsetzung nichts nutzen werde, sondern daß, wenn eine Erniedrigung des Brodpreises herbei- gesührt und unserer armen Bevölkerung geholfen werden solle, dann die Zölle auf Zeit völlig erlassen werden müßten. Das sei aber eine Maßregel, zu der sich die Staatsregierung nicht würde entschließen können. Bei einer vollkommenen Aufhebung auf Zeit werde es später schwer sein, die Zölle wieder in Geltung zu bringen. Die Regierung habe aber nichts weniger im Sinne, als sich einem Freihandelssystem zuzuwenden. Man müsse unter Umständen auch einmal gegen den Strom schwimmen, selbst wenn man Gefahr laufe, dadurch unpopulär zu werden. So weit die Rede des Reichskanzlers, die sicherlich das Verdienst in Anspruch nehmen kann, die auf den Getreidehandel geradezu lähmend wirkende Unsicherheit in Bezug aus die Zollverhältnisse einigermaßen beseitigt zu haben. Allerdings sind die Getreidepreise, die in Erwartung einer Zollaufhebung um fast 10 Mark gefallen waren, in Folge der Rede Caprivis wieder um etwa 11 Mark hinauf­gegangen. In Preußen hat der bevorstehende Rücktritt des Eisenbahnministers den Anlaß dazu gegeben, daß Angehörige fast aller Parteien dem scheidenden Minister die vollste Anerkennung für sein hingebendes und unparteiisches Wirken während seiner langen Amtszeit, aussprachen. Selbst die entschiedenen Gegner der Eisenbahnverstaatlichung, die v. Maybach bekanntlich durchgeführt hat, erkennen an, daß ein Minister von gleich großer Sachkenntniß und Sachlichkeit nicht leicht gefunden werden wird. Ein gewisses Interesse auch über Preußen hinaus beanspruchen weiterhin die Ver­handlungen des preußischen Abgeordnetenhauses über das Lotteriewesen in Preußen. Der conservative Abgeordnete Korsch hatte den Antrag gestellt, den Privathandel mit Staatslotterieloosen zu verbieten. Dieser Antrag wurde an­genommen und ebenso eine Resolution, in der die Regierung ersucht wird, eine reichsgesetzliche Regelung des Staats- und Privatlotteriewesens herbeizuführen. Eine weitere Resolution, welche eine Vermehrung der preußischen Staatslotterieloose fordert, wurde zunächst der Budgetcommission überwiesen. Von freisinniger Seite hatte man gegen die gefaßten Be­schlüsse Einwände erhoben. Der Abgeordnete Eugen Richter meinte, so lange es eine Staatslottterie gebe, werde stets eine große Nachfrage nach Loosen eines solchen Institutes statt­finden. Verbiete man den Privathandel, so werde diese aus ungesetzlichem Wege sich zu befriedigen trachten, und setze man sich in Widerspruch zu der Resolution, gerade der Nach­frage durch Vermehrung der Loose in weiterem Umfange zu genügen. Allerdings sei er überhaupt für die Abschaffung der Staatslotterie und eventuell für eine hohe Besteuerung aller Privatlotterien, denn diese sei nur eine Besteuerung der Dummheit. Aus dem Volke müsse der Glaube schwinden, als ob man irgendwie anders als durch Fleiß und Sparsam­keit vorwärts kommen könne.

Rücksichtlich der Verhältnisse des Auslandes kommen noch immer die Erörterungen über die Erneuerung der Tripel­allianz in Betracht. Unter den bezüglichen Kundgebungen der Presse erregte besonders ein Artikel der Londoner Contemprorary News", der fälschlich auf den italienischen Exminister Crispi zurückgeführt wurde, das größte Aufsehen. An Versuchen, Italien von dem mitteleuropäischen Bündnisse abzudrängen, soll es nicht gefehlt haben- die Schwierigkeiten seien zeitweise recht erheblich gewesen und hätten bis zuletzt viel Kopfzerbrechen bei den verhandelnden Mächten ver­ursacht. Doch sei jetzt von Italien die Unterschrift zu dem Vertrage gegeben. In Verbindung mit diesen Meldungen taucht auch wieder einmal das Gerücht auf, daß England zu dem Dreibund in bestimmten offiziellen Beziehungen stehe. Diesmal werden sogar der König von Italien und der ver­storbene Prinz Jerome Napoleon als Gewährsmänner auf­geführt. Die russischen Judenaustreibungen werden auch jetzt noch erbarmungslos fortgesetzt und erhalten in der Verschärfung der Maßregeln gegen die zurückbleibenden Juden ihre Vervollständigung. Es besteht in jüdischen Kreisen der Plan, einen Theil der jüdischen Auswanderer und Flüchtlinge nach Palästina überzuführen, wo die bereits an­sässigen Juden sich vornehmlich mit Wein- und Tabakbau beschäftigen- einen anderen Theil gedenkt man in Argentinien anzusiedeln. Bereits bereist ein Beauftragter des Barons Hirsch, Mr. White, diejenigen russischen Gegenden, in denen zahlreiche Juden wohnen, um zu erkunden, inwieweit die russischen Juden selber geneigt sind, aus solche Pläne ein­zugehen. In Korfu hat sich dagegen die Aufregung so ziemlich wieder gelegt. Der griechische Ministerpräsident Delyannis hat erklärt, nach seiner Meinung sei der ganze Aufruhr nur inscenirt worden, um seine Stellung zu er­schüttern. Die Behauptung, daß ein Christenmädchen zu rituellen Zwecken von Juden ermordet worden sei, beruhe

aus dreister Lüge. In Chile werden die Verhältnisse immer wirrer. Es bestätigt sich, daß die nordamerikanische Regierung nicht einzugreifen beabsichtigt. Auch in Haity hat eine bewaffnete Erhebung stattgesunden, die jedoch rasch unterdrückt wurde und ihr Nachspiel in der Hinrichtung der Rädelssührer sand.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Lorrespondenz-Bureau

Berlin, 5. Juni. Das Abgeordnetenhaus nahm heute in zweiter Lesung die Rentengütervorlage und zwar im Wesentlichen nach den von der Commission gemachten Vor­schlägen an.

Berlin, 5. Juni. Der Bundesrath ertheilte in der am 4. dss. Mts. unter dem Vorsitze des Vice-Präsidenten des Staatsministeriums, Staatssecretärs des Innern, Herrn Dr. von Boetticher, abgehaltenen Plenarsitzung den Gesetz­entwürfen für Elsaß-Lothringen, betreffend die Aushebung der Denunciantenantheile, über die Einrichtung von Grundbüchern und über die Kosten in Grundbuchsachen in der vom Landes- ausschusse beschlossenen Faffung die Zustimmung. Dem JnnungsverbandeBund deutscher Perrückenmacher- und Friseur-Innungen in Berlin" wurde auf Grund des § 104h der Gewerbeordnung das Recht zugestanden, unter seinem Namen Rechte, insbesondere Eigenthum und andere dingliche Rechte an Grundstücken zu erwerben, Verbindlichkeiten ein- zugehen, vor Gericht zu klagen und verklagt zu werden. Außerdem wurde über mehrere Eingaben in Zoll- und Steuer­angelegenheiten Beschluß gefaßt.

Berlin, 5. Juni. Für das Etatsjahr 189091 be­tragen die gesammten Ist einnahm en der Reichskasse an Zöllen und Verbrauchssteuern 625,089,290 Mk. gegen das Vorjahr mehr 38,383,940 Mk. Der Spielkartenstempel be­trägt 1,203,900 Mk., gegen das Vorjahr mehr 22,049 Mk. Es entfallen aus Zölle 368,286,976 Mk., gegen das Vorjahr mehr 18,410,882 Mk.- Tabaksteuer beträgt 11,043,091 Mk., gegen das Vorjahr weniger 896,442 Mk. Die Zuckermaterial­steuer 6,364,774 Mk., mehr 4,806,138Mk. Zuckerverbrauchs­abgabe 52,191,737 Mk., mehr 11,290,367 Mk. Salzsteuer 41,988,020 Mk., weniger 1,395,238 Mark gegen das Vorjahr.

Berlin, 5. Juni. Nach denBerl. Pol. Nachr." ver­lautet, eines der vacanten Oberpräsidien werde mit einem nicht conservariven in dem Ruhestand befindlichen, parlamen­tarisch thätigen höheren Staatsbeamten besetzt werden. Dem Landtage dürste noch ein mit dem Reichsgesetz über die Gewerbegerichte zusammenhängender Gesetzentwurf zugehen.

Berlin, 5. Juni. DerReichsanzeiger" publicirt eine Bekanntmachung der Reichsschulden- Verwaltung, worin für die Entdeckung der Verfertiger oder Verbreiter der in neuerer Zeit circulirenden falschen Reichskassen­scheine zu fünfzig und fünf Mark eine Belohnung bis 2000 Mk. versprochen wird.

Berlin, 5. Juni. Der zweite Bürgermeister Duncker theilte dem Oberbürgermeister mit, daß er sein Amt am 1. October niederlege.

Berlin, 5. Juni. Nach Konstantinopeler Depeschen haben die Räuber den Maschinisten Freudiges mit Briefen nach Kirk-Kileffe geschickt, um ihre Vorschläge wegen Auszahlung des Lösegeldes zu überbringen. Seitens der türkischen Re­gierung seien wiederholt Befehle ertheilt, keine Truppen­bewegungen vorzunehmen.

München, 5. Juni. Dem officiellen Berichte zufolge hat sich das Sommergetreide in ganz Bayern im Laufe des Monats Mai durchgehends bestens entwickelt. Die Win­tersaaten sind, soweit nicht umgepflügt, unbefriedigend. Der Klee hat gelitten - der Wiesenstand sich gebessert. Der Hopsen ist gut. Der Tabak schreitet im Wachsthum fort. Die Weinaussichten sind ungleichmäßig, die Obstkulturen gut. Mehrfache Schäden sind durch Hagel, Frost und Mäusesraß herbeigesührt worden. Sollte das Wetter günstig bleiben, so wird das Sommergetreide den Ausfall des Winters ge­nügend decken.

Hamburg, 5. Juni. DerHamb. Börsenhalle" aus Kamerun vom 18. April vorliegende Berichte melden nichts von dem englischerseits berichteten Unfall einer angeblich deutschen Expedition. DerBörsenhalle" zufolge sind die englischen Berichte erfunden. Es hat keine Expedition unter dem Gouverneur stattgehabt. Der Weg von der Wüste bis zur Barombistation ist vollständig frei.

Wien, 5. Juni. Ein Bericht derPolit. Corr." aus Konstantinopel drückt den festen Entschluß der Pforte aus, den Zuständen, welche den Ueb erfüll des Orientzuges ermöglichten, ein Ende zu machen. Sofort nach der Be­freiung der Gefangenen sollen die Provinzgrenzen militärisch