Ausgabe 
6.6.1891
 
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1891

Samstag den 6. Juni

Nr. 128.

Kenerat-Anzeiger

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lernte* Lag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr. ^U^miglUnUllCl« | Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgega».

Deutsches Reich.

nn. Darmstadt, 4. Juni. Unter dem Vorsitz des Ober- landesgerichtsrath Heinzerling trat heute Morgen die IV. evangelische Landessynode zu mehrtägigen Verhandlungen zusammen. Nach Verkündigung einer Anzahl neuer Einläufe und Berichtsanzeigen trat die Synode sofort in die Berathung über die Wahlen eines Stellvertreters für den weltlichen Ab­geordneten im Decanate Alsfeld, eines weltlichen Abgeordneten jür das Decanat Groß-Gerau, sowie eines Stellvertreters des geistlichen Abgeordneten des Decanats Friedberg. Der Ausschuß schlägt vor, aus formalen Gründen die Wahl von Friedberg für gültig, diejenige von Groß-Gerau und Alsfeld dagegen für ungültig zu erklären. Mit allen gegen 1 Stimme beschließt die Synode demgemäß. Mit dem Bericht Großh. Oberconsistoriums, die Verhältnisse und Zustände der evan­gelischen Landeskirche in der abgelausenen Synodal-Periode 1885/89 erklärt sich die Synode einverstanden. Ebenso mit der Vorlage Großh. Oberconsistoriums, die Stiftungen, deren Erträge dem Centralkirchensond zufließen. Auch eine Vor­lage Großh. Oberconsistoriums, die Aufnahme der Stelle des Hausgeistlichen in dem DiaconissenhausElisabethenstist" unter die zum Eintritt in die geistliche Wittwenkasse berech­tigten und verpflichteten Stellen findet einstimmige Annahme. Ein Antrag der Synodalen Wahl, Dr. Dieffenbach und Müller-Alsfeld, den Diensteid der Geistlichen betreffend, ruft lebhafte Debatten hervor. Allgemein wurde der Wunsch aus- gedrückt, daß die zur Anstellung oder in Function gelangenden jungen Geistlichen ihren Diensteid vor der kirchlichen Behörde und nicht wie seither vor der weltlichen ablegen sollen,- außer­dem soll dies nicht mehr im eigenen Hause, sondern in der Kirche geschehen und womöglich unter Zuziehung des be­treffenden Superintendenten. Seitens des Kirchenregiments wird eine Prüfung der Sache zugesagt und erklärt sich die Kirche hiermit einverstanden. Ein Antrag der Synodalen Dieffenbach und Wahl (Schlitz), betreffend den Militärdienst der Theologen, hier Anrechnung desselben bei Feststellung des Dienstalters, wird nach längerer Debatte dahin erledigt, daß Namens des Kirchenregiments Consistorialrath Köhler er­klärte, die Regelung der Sache herbeiführen zu wollen, wenn auch nicht die Schwierigkeiten zu verkennen seien, die mit Lieser Angelegenheit verbunden seien. Zwei Interpellationen, eine wegen Vorlage eines Katechismus: Entwurfs für die unirten Gemeinden, welches von dem Synodalen Wiener für sehr dringlich erklärt wurde und diejenige des Abg. Hall- wachs, die wirksame Veröffentlichung der Formulare für das kirchliche Begräbniß, beantwortet das Kirchenregiment dahin,

daß beide Wünsche baldigst befriedigt würden. Morgen früh um 9 Uhr Sitzung.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphische- Torrespondenz-Bnreau.

Berlin, 4. Juni. Das Abgeordnetenhaus nahm die Sperrgeldervorlage nach den Beschlüssen der zweiten Lesung definitiv an und erledigte in wenig erheblicher Debatte die übrigen auf der Tagesordnung stehenden Vorlagen. Morgen 11 Uhr: Rentengütervorlage.

Berlin, 4. Juni. DerReichsanzeiger" publizirte eine Verfügung des Unterrichtsministers vom 30. Mai, wodurch dem Mißstande vorgebeugt werden soll, daß die Lehrer an mittleren Schulen an Orten bis zu 10,000 Ein­wohnern im Einkommen schlechter gestellt sind, als ihre früheren durch Gewährung der staatlichen Dienstalterszulagen begüngstigten Collegen an Volksschulen derselben Orte. In der Verfügung wird für mittlere Schulen die Festsetzung von Grundgehältern und Einführung von Zulagen nach Maßgabe des Dienstalters anempfohlen und als spätester Termin für die neuen Gehaltsfeststellungen der 1. October bestimmt.

Berlin, 4. Juni. Die nächste Hauptversammlung des Colonialraths findet am 22. Juni statt.

Die heutigen Abendblätter glauben nicht, daß die Reichsbank dem Beispiele der Bank von England folgen und den Discont herabsetzen werde.

Berlin, 4. Juni. DieNordd. Allgem. Ztg." hält die Behauptung derHamb. Nachr.", daß durch die Schuld der gegenwärtigen Regierung die früheren guten Beziehungen Deutschlands zu Rußland seit dem Abgänge des Reichskanzlers Fürsten Bismarck wesentlich verändert seien, für eine will­kürliche Erfindung, die lediglich eine Beunruhigung der öffentlichen Meinung bezwecke.

Bremen, 4. Juni. Heute wurde die fünfte Wander­ausstellung der deutschen landwirthschaftlichen Gesellschaft durch den Präsidenten, Erbgroßherzog von Oldenburg, eröffnet.

Speyer, 4. Juni. Eine zahlreich besuchte Versammlung von Tabaksinteressenten (aus Baden, der bayerischen Pfalz, Hessen und Elsaß) nahm heute eine Resolution an, in welcher, entgegen dem letzten Reichstagsbeschlusse, eine bedeutende Erhöhung des Tabakszolles und Beibehaltung der jetzigen Tabakssteuer verlangt wird. Der Versammlung wohnten Vertreter der bayerischen und der Negierung der Reichslande, sowie die Reichstagsabgeordneten Buhl, Brünnings, Klemm und Menzer bei.

Wien, 4. Juni. Kaiser Franz Joseph empfing \ heute eine Depu tatio n der Großgrundbesitzer und der ' czechischen Bürgermeister aus dem Marchgebiete unter j Führung des Abgeordneten Proszkowetz. Der Kaiser nahm eine Petition um die Regulirung des Marchflusses, sowie um ! Ausbau des Donau-Odercanals entgegen.

Wien, 4. Juni. Nach einer Meldung derPresse" hat ein englisches Consortium die Gräflich Henkel-Donnersmark- l schen Kohlen werke in Oberschlesien behufs Umwandlung k in eine Actiengesellschast erworben.

Paris, 4. Juni. Eine Versammlung von Ei senbah n- { Bedien st eten, welcher mehrere Deputirte und Municipal- i räthe beiwohnten, hat einen Antrag angenommen, welcher gegen die Entlassung von Mitgliedern der Arbeitersyndicats- kammer seitens der Eisenbahngesellschaften protestirt, und hat beschlossen, einen Ausstand eintreten zu lassen, wenn der letzte unternommene Schritt erfolglos bleibt.

Lyon, 4. Juni. Die Bediensteten der Tramway- g e s e l l s ch a s t fordern Lohnerhöhung und den Zwölfstundentag, sie drohen mit einem Strike.

London, 4. Juni. Der Staatssecretär für Irland, 1 Balfour, erklärte in einer Versammlung des unionistischen Frauen-Vereins, die Zeit sei gekommen, ohne Gefahr fast ganz Irland mit den ordentlichen Gesetzen zu regieren und i die Ausnahmegesetze aus eine Grafschaft und mehrere Districte E zu beschränken.

London, 4. Juni. Auf der Metropolitanbahn zwischen Iden. Stationen Saint-Johnswood und Marlboroughroad stießen heute früh zwei Passagierzüge zusammen. Zwei Personen sind tobt, mehrere verletzt.

Loudon, 4. Juni. Am Clyde droht ein neuer Strike unter den Maschinen- und anderen Eisenarbeitern, ebenso wie : bei den im Schiffsbau von Glasgow und Greenock angestellten : Arbeitern - sie widersetzen sich der Lohnherabminderung von k^pCt. Wenn die Arbeitgeber auf ihrem Vorhaben beharren, wollen 20 000 Arbeiter sinken. Die Omnibuskutscher und Conducteure Londons striken am Sonnabend um Mitternacht, wenn vorher nicht ein Uebereinkommen getroffen wird.

Turin, 3. Juni. Im Thale von Suse sind in der letzten Nacht während eines heftigen Sturmes mehrere Häuser | eingestürzt. Neun Personen blieben todt, mehrere wurden verwundet.

Pera, 4. Juni. Die Unterhandlungen wegen der Frei­lassung der gefangenen Reisenden des Orientzuges blieben bis heute Mittag resultatlos und dauern noch fort. Das Lösegeld ist auf Verlangen der Briganten bei dem österreichischen Consularagenten in Kirk-Kilisse hinterlegt, wegen der starken Garnison sind die Briganten aber miß-

Feuilleton.

Am Vorabend des deutsch-frsnMschen Feldzuges 187071.

(2. Fortsetzung.)

Die kleinen Ereignisse bei den Feldwachen, von denen am Abend die Rede, hatten noch ihre große Bedeutung in diesem Vorspiel und interessant war es, bei der Feldwache auf dem hohen Exercierplatze zu liegen und unter sich nach Stiering und Forbach zu die französischen chasseurs ä cheval an der Grenze hin und her reiten zu sehen, während vor ihnen ihre Kameraden die Kartoffeln aus den Feldern der Bürger stahlen. Den interessantesten Punkt aber bildete das Dorf Brebach, rechts der nach Forbach führenden, von uns hinter Güdingen abgebrochenen Bahn. Aus der Höhe über dem Dorfe lag unsere Feldwache, drüben jenseits des Terrain- Einschnittes lag die bayerische und unten rechts der Saar am Waldesrande die französische. Tiefe Stille herrschte natürlich zwischen diesen feindlichen Nachbarn, bis plötzlich einer von ihnen sich durch eine Schleichpatrouille beunruhigt fühlte - piff, paff! hallte es dann durch Thal und Wald und bei dieser Gelegenheit ersah man denn schnell die schwache Seite unserer Gegner; während die Unserigen das Gewehr ruhig an die Backe legten, knallten die Franzosen blind in die Lust hinein, ohne Zweck und Ziel. Das Chassepot mochte allerdings unserer Zündnadel überlegen sein darüber war man sich bald im Klaren aber es war, hier wenigstens, in schlechten Händen.

Wenn die anderen ebenso sind, werden wir mit ihnen fertig!" hieß es bei unseren Leuten, und sie sangen den Nach­barn das schnell so berühmt gewordene Lied vor:

Was kraucht dort in dem Busch herum - Zch glaub, das ist Napoltum!"

Der Füsilier Kutschte vom 40. Regiment hier sollte das

Lied verfaßt haben, aber Niemand kannte den Dichter im Bataillon- selbst die Post fand ihn nicht auf, als ihm eine lustige Gesellschaft in Hirschberg 5 Thaler Ehrenhonorar ein» sandte. Erft später stellte sich heraus, daß das Lied von einem Geistlichen, ich glaube in Mecklenburg herrühre.

Eine interessante Persönlichkeit hatte sich in der des englischen Capitaus Scaton vom 102. Regiment eingefunden. Er hatte in Indien gedient, haßte die Franzosen und sandte ihnen einGoddam nach dem andern hinüber, wenn er bei der Feldwache saß. Leider verließ er uns bald, um feine Frau nach England zu bringen und dann wiederzukehren.

Inzwischen ward es uns selber immer begreiflicher, daß man drüben keine Anstalten machte, uns aus Saarbrücken hinauszuwerfen- ebenso beunruhigend aber ward es uns auch, daß man uns somutterseelenallein" ließ. Keiner der wenigen Reisenden, Angehörigen der Stadt, die aus Deutschland kamen, wollten von unseren Truppen gesehen haben. Ich setzte mich also eines Morgens in meinen Wagen und fuhr die Pfälzergrenze entlang, um den Vorposten unserer baye­rischen Kameraden einen Besuch zu machen. Mein Weg ging Über Zweibrücken zunächst nach Pirmasens, von da nach Berg­zabern , der französischen Festung Weißenburg gegenüber. Wohin ich kam, ward ich mit Fragen bestürmt - die Vor­postenlinie war so dünn und unbedeutend, man wartete auch hier vergebens. So beschloß ich denn, den Truppen, die doch endlich kommen mußten, entgegenzufahren und traf zunächst vor Landau auch auf den Hauptmann Kühne (den Roman­schriftsteller Joh. von Dewal), der mir mit- einer nassauischen Batterie entgegenkam.Zum Teufel!" rief ich,Sie schreiben wohl Novellen unterwegs? Alles wartet mit Schmerzen auf Euch!" Es war eben die Spitze der auf Weißenburg an- rückenden Truppen des Kronprinzen.

In Neustadt a. d. H. empfing malt mich mit der Nach­richt, Saarbrücken werde von den Franzosen mit Granaten beschossen und stehe in Hellen Flammen. Eine offene Stadt mit Granaten! Ich ließ also Pferd und Wagen im Stich,

warf mich in den Eisenbahnzug und erreichte Saarbrücken, wieder. Aber nichts brannte hier. Die Franzosen hatten nur eben einige Granaten auf unseren Exercierplatz geworfen, weil ja möglicherweise die Stadt eine Festung sein konnte. Diese Frage hatte nämlich ein französischer Offizier an den Förster von St. Arnual gerichtet. Inzwischen aber war wenigstens die Reserve des zweiten Bataillons der Vierziger eingetroffen, so daß man eine Stärke von etwa 1000 Mann erreicht hatte.

Die nächtlichen Erdarbeiten unserer Nachbarn verriethen uns jetzt, wie thätig sie an ihren Schanzwerken. Unbegreif­lich wars uns, daß sie sich an der Grenze einzuschneiden, ihren linken Flügel zu decken suchten, also schon hier einen harten Strauß erwarteten - unbegreiflich, da sie es mit der Kriegserklärung so eilig gehabt! Auch das dumpfe Rollen, das wir Nachts namentlich bei den Feldwachen in westlicher Richtung vernahmen, überzeugte uns, daß der feindlichen Truppen sich immer mehr in großen Bahnzügen heranbewegten und wir mit unserer Handvoll Leute ihnen gegenüber uns schämen mußten. Moltke hatte, die Unmöglichkeit eines so schnellen Aufmarsches einsehend, wie ihn das zu erwartende rasche Andringen des Feindes erforderte, die ganze Grenze bis tief ins Nahethal preisgegeben, und wir waren hier in den Augen des Feindes nichts als eine Schachtel von Zinn­soldaten, denn er wußte jedenfalls, daß nichts hinter uns.

Um ihm mehr zu imponiren, wurde also eines Morgens, als wir auf dem Ludwigsplatze vor der Allarm-Kaftrne saßen und den schon gewohnten saueren Wein tranken, eine kleine Komödie verabredet. Es sollten den Franzosen einige andere Truppengattungen vorgestellt werden, um sie an eine Ver­stärkung der Garnison glauben zu machen. Zu diesem Zwecke wurden denn mehrere Ulanen in der Kaserne in weiße Stall­jacken gekleidet, von der städtischen Feuerwehr wurden deren Messinghelme requirirt und ihnen aufgesetzt, so daß sie für Cürassiere gelten konnten- andere wurden in dunkelblaue Jnsanterie-Waffenröcke gesteckt, die Pickelhaube wurde ihnen