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Freitag den 6 Februar
Nr. 31
1891
Gießener Anzeiger
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Aints- «nd Anzeigeblatt für den "Kreis Gietzen
GraiisZeisage: Gießener KarnikienZkäiter
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Gietzeser Anzelaer erscheint täglich, mit Ausnahme des MontagS.
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2lmtiid?er Lhsil.
Bekanntmachung.
Lehrrurfus für Obstbaumwärter bei Baumschulbesttzer Th. Jäger zu Bensheim a. d. B. betreffend.
Zur Heranbildung von tüchtigen Obstbaumwärtern wird im Laufe der Frühjahrs 1891 wiederum ein Lehrcursur zur Srtheilung von theoretischem und practischem Unterricht im Obst- und Weinbau, sowie den verwandten Wissenschaften eröffnet werden.
Die Theilnehmer haben sich die erforderlichen Bücher und Geräthschaften auf eigene Kosten anzuschaffen, was mit ungefähr 16 Mark geschehen kann. Ebenso haben dieselben für Logis und Kost selbst Sorge zu tragen. Herr Jäger wird in dieser Beziehung zur Auskunfterthellung bereit fein.
Der Unterricht wird unentgeidlich ertheilt. Der Frühjahrscursus beginnt mit dem 9. März und endet mit dem 9. Mai l. Js. Der Sommercurfus beginnt mit dem 10. August und endet mit dem 29. August l. Js.
Der Unterricht umfaßt:
1) Obstbau: in wöchentlich 6 Stunden, a. Obstbaumzucht, b. Obstbaumpflege, c. Baum- und Rebschnitt, d. Pomo- logie, e. Obstbenutzung, übrige Zeit, f. Praktische Hebungen: Lehrer Jäger.
2) HülfSwissenschaften in wöchentlich 5 Stunden, a. Lehre vom Bau und den Lebensverrichtungen der Pflanze, b. Bodenkunde, c. Düngerlehre.
Den Schülern, welche es wünschen, können nach statt- gehadter Schlußprüfung Stellungen als Gärtner oder Obstbaumwärter durch Herrn Jäger vermittelt werden.
Es werden hiernach diejenigen, welche an besagtem Unterricht Theil zu nehmen wünschen, hiermit ausgefordert, sich baldthunlichst bei demselben mündlich oder schriftlich anzumelden. Wegen einer zu gewährenden pecuniären Unterstützung sind die betreffenden Gesuche bei den landwirthschaftlichen Bezirksvereinen resp. deren Vorständen oder den Gemeindevorständen der betreffenden Wohnorte einzureichen und werden diese hiermit freundlichst gebeten, dieser so wichtigen Angelegenheit ihre Aufmerksamkeit zvzuwenden.
Bensheim, den 15. Januar 1891.
Der Vorsitzende des landw. Bezirksvereins Bensheim.
v. Bechtold.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 4. Februar. Der costümirte The dansant, welcher gestern Abend 8 Uhr in den kunstvoll drapirten Foyers deS Grobherzoglichen Hoftheaters stattfand, nahm einen glänzenden Verlauf. Seine Königliche Hoheit der
Grobherzog wohnten demselben in dem Costüm eines Ritters vom Hosenbandorden bei. I. I. K. Gr. H. H. der Erb- großherzog und die Prinzessin Alix trugen venetianisches Costüm, S. Gr. H. Prinz Heinrich war in der Tracht des Landgrafen Georg I., S. Gr. H. Prinz Wilhelm im Frack erschienen. Ferner wohnten dem Feste bei I. I. D. D. die Fürstin zu Vsenburg-Birstein, zu Solms-Lich und' zu Isenburg- Büdingen nebst durchlauchtigen Familien S. E. der Gras und I. D. die Gräfin zu ErbachSchönberg, I. I. E. E. die Grafen zu Isenburg-Meerholz, zu Solms-Laubach und Arthur zu Erbach-Erbach nebst durchlauchten Familien. Im Ganzen waren etwa 300 Einladungen ergangen. Das Fest währte bis etwa 1 Uhr. Die Musik hatte das 1. Großh. Dragoner- Regiment (Garde-Drag.-Regt.) Nr. 23 gestellt.
Berlin, 4. Februar. Wieder einmal hat sich mit dem jetzt zur Thatsache gewordenen Rücktritte des bisherigen General st ab sch ess Grafen Waldersee eine bedeutsame, aber allerdings nicht mehr überraschend gekommene Veränderung in den leitenden militärischen Kreisen Deutschlands vollzogen. In ungemein gnädiger Weise ist seitens des Kaisers das Entlassungsgesuch des Grafen Waldersee bewilligt worden und die zugleich erfolgte Ernennung desselben zum Commandeur des 9. Armeeeorps (Schleswig-Holstem) an Stelle des Generals v. Leszynsky beweist zur Genüge, daß der allerhöchste Kriegsherr die werthvollen Dienste seineseitherigen Generalstabschefs noch lange nicht entbehren mag, wenn er ihm jetzt auch einen ganz anderen Wirkungskreis zugewiesen hat. Rückhaltlos gibt auch die betreffende kaiserliche Cabinetsordre Aufschluß über die Gründe, welche den Monarchen bewogen haben, öem Grafen Waldersee die Führung eines Armeeeorps zu übertragen. Der Gras ist vom Kaiser im Falle eines Krieges zum Führer einer Armee ausersehen und da er dem praetischen Truppendienst längere Zeit entzogen war, so soll sich Gras Waldersee zunächst in denselben durch die Uebernahme eines Corpscommandos wieder einleben, um sich dergestalt sür seine große Zukunftsaufgabe vorzubereiten. In den Ausdrücken lebhaftester Anerkennung gedenkt der Kaiser der hervorragenden Leistungen Waldersees als Generalstabsches und weist schließlich daraus hin, daß die Berufung Waldersees gerade an die Spitze des schleswig- hotstein'schen Armeeeorps, welches so innig mit der Heimath- provinz der Kaiserin verwachsen ist, noch eine besondere Anerkennung bedeuten solle. Bei den glänzenden militärischen Eigenschaften des Grafen Waldersee steht mit Zuversicht zu erwarten, daß er auch seine neue Stellung voll und ganz aussüllen und daß er in letzerer dem Vaterlande noch recht lange nützlich sein werde. Ueber die Gründe, welche ihn veranlaßten, nach wenig mehr als zweijähriger Wirksamkeit den wichtigen und einflußreichen Posten als Ches des Großen Generalstabes niederzulegen, kann man vorerst nur Vermuth-
ungen hegen, vielleicht, daß eine spätere Zeit hierüber Auf- klärung bringt. Hinsichtlich des Nachfolgers für den Grafen Waldersee lauten die Angaben noch verschieden, vermnthlich wird aber künftig die Stellung eines deutschen GeneralstabS- chess kaum ihre frühere Bedeutung behalten.
— Der bisherige Commandeur des 9. Armeeeorps, General v. Leseynsky, ist vom Kaiser als Zeichen der Anerkennung für seine Dienste zum Ches des Brandenburgischen Jnsanterie-Regiments Nr. 65 „Markgraf Karl" ernannt worden. Auch die Vorgeschichte des Rücktrittes LesehnskyS, der sür einen der befähigtesten deutschen Generäle galt, bedarf noch sehr der Aufklärung.
Deutscher Reichstag.
67. Plenarsitzung. Mittwoch, 4. Februar 1891, 1 Uhr.
Eingegangen: Nachtrag zum Weißbuch über Ostafrika. — Abg. Müller-Marienwerder hat sein Mandat niedergelegt.
Die zweite Berathung des Retchshaushalts wird beim Etat deS Auswärtigen fortgesetzt.
Zur Bestreitung der Verwaltungsausgaben im südwestafrikanischen Schutzgebiete wird ein Zuschuß von 293300 Mk. gefordert. Die Budgetcommtssion (Referent Prinz v. Ar en berg) beantragt Genehmigung.
Abg. Dr. Bamberger (dfr.) beantragt gemeinsam mit bew Abg. Richter Streichung der ganzen Forderung event. Herabsetzung derselben auf 268500 Mk. Mit Lüderitzland sei nichts anzufangen; alle Versuche, das Gebiet zu verwerthen, durch Viehzucht, durch Herstellung von Fischguano, sowie durch Bergbau u. s. w. sei« fehlgeschlagen. In Seemannskreisen circulirt das Wort, in Lüderttz- land könne man weiter nichts thun, 'als Scat spielen. Das Beste wäre, wenn die südwestafrikanische Gesellschaft ihre Rechte und ihr« Besitz, wenn auch an eine auswärtige Gesellschaft, verkaufte. Jedenfalls lohne es Angesichts der bisherigen Erfahrungen nicht, den Zuschuß weiter zu bewilligen.
Abg. Dr. Hammacher (natl.) constatirt, daß der südwestafrikanischen Gesellschaft auch nacb Zustandekommen des Vcrtrages mit der neuen Gesellschaft für Südwestafrika noch Gebiete verblieben und sie somit keineswegs zu existiren aufhöre. An dem Mißgeschick der Gesellschaft sei leider die Regierung nicht ganz ohne Schuld. Die Forschungen Hermanns hätten ergeben, daß das Gebiet zu seine« größten Theile zur europäischen Besiedlung geeignet sei. Das Klima sei mild, der Boden fruchtbar, wenn es gelinge, demselben die nöthiae Bewäfferung zuzuführen. Er könne nicht annehmen, daß das südwestafrikanische Schutzgebiet zu einem Tauschobject werden solle und bitte den Reichskanzler um eine bezügliche Erklärung.
Abg. Dr. Wtndthorst: Er stehe der Colonialpolitik kühl gegenüber, aber nachdem man einmal dieses Gebiet betreten habe, könne man nicht so ohne Weiteres zurück. Die Bewilligung werde indeß nicht auf die Dauer, sondern nur auf ein oder einige Jahre gemacht. Er setze voraus, daß die Regierung bemüht sein werde, entweder den Zuschuß wegfallen zu lassen oder sich des Gebiets allmählich zu entledigen.
Reichskanzler v. Caprivi: Auch er stehe dem südwestafrikanischen Schutzgebiet kühl gegenüber. Er halte auch hier au de» I Traditionen seines Vorgängers fest. Er habe nichts dagege», daß auch Andere als Deutsche in unseren Colonien thätig seien; aber wenn es so weit gehe, daß Colonien nur durch Nichtdeutsche exploitirt
Feuilleton.
Der blaue Domino.
Eine Fastnachtsgeschichte. Von Reinhold Ortmann.
„Herr, in des Teufels Namen, können Sie sich denn nicht ein wenig vorsehen?"
Diese keineswegs verbindlich klingende Frage entschlüpfte den Lippen des Gerichtsaffeffors Georg Breitschwert, als an einer Straßenkreuzung der Cylinderhut eines wild daher- ftürmenden Herrn in 1 höchst unsanfte Berührung mit seiner Nasenspitze gekommen war. In höchster Bestürzung erhob der Gescholtene das tief gesenkte Haupt, aber noch ehe er im Stande gewesen war, einige verwirrte Entschuldigungsworte zu stammeln, hatte ihn der Affeffor laut auslgchend mit beiden Händen an den Schultern gefaßt.
„Ist es denn möglich? — Mertelmann — Emmerich — Doctor? Du bist es, der gleich einem schnaubenden Wisent harmlose Spaziergänger über den Hausen rennt ? Sind es etwa Deine unbändigen Sextaner gewesen, die Dich in solche Raserei der Leidenschaft versetzt haben?"
Mit einer schwermüthigen Geberde schüttelte der junge Doctor Mertelmann den hübschen, blondbärtigen Kopf.
„Laß mich, Georg, — ich beschwöre Dich — mir fehlt in diesem Augenblick wahrlich die Lust, zu scherzen."
„Oho — steht es so? — Etwas Ernstliches also? — Du bist doch nicht krank?"
„Nein, aber ich bin unglücklich, sehr unglücklich! — Adieu, Georg! Mich verlangt nach der Einsamkeit meiner vier Wände!"
Ohne sich um diese unzweideutige Verabschiedung z« ckümmern, schob der Affeffor seinen Arm in denjenigen des Freundes.
„Du wirst mir gestatten, diese Einsamkeit auf ein halbes Stündchen mit Dir zu theilen, mein Bester! Es wäre ja das erste Mal, daß ein Rhenane den anderen im Unglück verließe!"
Ein herzbrechender Seufzer war Doctor Mertelmanns einzige Antwort. Schweigend legten sie die kurze Entfernung zurück, welche sie noch von seiner Wohnung trennte, und als sich die Thür des einfachen, von einer musterhaften Ordnungsliebe seines Bewohners zeugenden Junggesellenstübchens hinter ihnen geschlossen hatte, rief der Assessor ohne viele einleitende Floskeln mit seiner, dröhnenden Baßstimme:
„Nun heraus mit der Beichte! — Katzenjammer und Schulden sind bei einem Musterjüngling Deines Schlages ja von vornherein ausgeschlossen, bleibt also nur unglückliche Liebe. — Laß mich denn den Namen der Auserwählten hören!"
Der Doctor, welcher ganz gebrochen in einen Stuhl gesunken war, erröthete wie ein junges Mädchen.
„Wenn Du Dich über mich lustig machen willst, Georg—"
„Gott bewahre, ich denke nicht daran! — Dich will ich wieder lustig machen, weiter nichts! — Und wenn Dir das Bekenntniß nicht vom Herzen herunter will, so werde ich Dir mit meinem bekannten Ahnungsvermögen zu Hülse kommen. Ist eS etwa des würdigen Stadtrath Haberkorn blondes Gretchen, das Dir den Frieden Deiner Seele geraubt hat?"
Fast entsetzt sprang Doctor Mertelmann in die Höhe.
„Wie konntest Du errathen, Georg, was ich doch bis zu dieser Stunde keinem lebenden Menschen anvertraute?"
„Nun, es bedurfte dazu keines besonderen Scharfsinns, mein Lieber! Du hast sie ja ans der Eisbahn angeschmachtet wie eine himmlische Erscheinung, und wenn sie mit Dir sprach, war Dir Dein kostbares Geheimniß aus da- Gesicht ge
schrieben, daß man es in einer Distanz von hundert Schritten ohne Brille lesen konnte. Aber Du brauchst gar nicht s, verlegen zu werden, Bruderherz! Die Wahl macht Deinem Geschmack alle Ehre, und ich gratulire Dir von Herzen."
Wehmüthig ablehnend erhob der andere die Hand.
„Dein Glückwunsch klingt mir wie Hohn, Georg, wie gut er auch gemeint sein mag. In der letzten Stunde habe ich alle meine Hoffnungen für immer begraben."
„Wie? — Die Kleine hat Dir doch nicht etwa einen Korb gegeben?"
„Nicht geradezu, denn ich war selbstverständlich noch lange nicht so weit, ihr meine Liebe zu gestehen. Aber ich müßte blind und taub fein, wenn ich nicht aus ihren Mienen und ihren Worten entnommen hätte, daß sie mich verabscheut."
„Verabscheut? — Na höre, Doctor, das ist ein hartes Wort, und es will mir überdies gar nicht zu dem Eindruck stimmen, den ich damals aus der Eisbahn von dem Benehmen der Kleinen gegen Dich empfangen. Was ist denn eigentlich zwischen Euch vorgefallen?"
„Warum sollte ich es vor meinem besten Freunde verschweigen? — Du wirst ja zu Niemanden davon sprechen, nicht wahr?"
„Stumm wie das Grab!" versicherte der Affeffor feierlich.
„Nun wohl, so höre! — Bei welcher Gelegenheit ich Gretchens Bekanntschaft machte und wie übermächtig ihre Schönheit, ihre Liebenswürdigkeit, ihre holdselige Schelmerei auf mich wirkten, brauche ich Dir ja nicht erst zu erzähle». Auch mir wollte es damals scheinen, als nähme sie meine bescheidenen Huldigungen nicht unfreundlich auf. Die süßesten Hoffnungen regten sich in meiner Seele und ich war vermessen genug, mich bereits für den glücklichsten aller Sterblichen zu halten, als sie mich bei unserer letzten Begegnung


