Nr. 153 Zweites Blatt. Sonntag den 5. Juli
Die Gießener
»erden dem Anzeiger «tchmtlich dreimal beigelegt.
WHmer Anzeiger
Kenerat-MnzWger.
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, eit Ausnahme de- MontagS.
1891
Vierteljähriger AvonnemenlrPreiSt 2 Mark 20 Pfg. mtt
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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kalgenven Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. Anzeigen für den .Gießener Anzeiger" mtgegen.
Anrtttchev Theil.
Nachstehende Bekanntmachung wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Gießen, am 25. April 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
den Ankauf von Remonten für 1891 betreffend.
Zum Ankauf von Remonten im Alter von drei und ausnahmsweise vier Jahren sind im Bereiche des Groß- herzogthums Hessen für dieses Jahr nachstehende, Morgens 8 Uhr beginnende Märkte anberaumt worden und zwar:
am 13. Juli d. I. in Großbieberau
,/ 14. „ „ „ ,, Bickenbach
„ 15. „ „ „ „ Lampertheim
„ 16. „ „ „ „ Gernsheim
,/ 17. „ ,, „ z/ Großgerau.
Die von der Remonte-Ankauss-Commission erkauften Pferde werden zur Stelle abgenommen und sofort gegen Quittung baar bezahlt. Pferde mit solchen Fehlern, welche nach den Landesgesetzen den Kauf rückgängig machen, sind vom Verkäufer gegen Erstattung des Kaufpreises und der Unkosten zurückzunehmen, ebenso Krippensetzer und Klophengste, welche sich in den ersten zehn bez. achtundzwanzig Tagen nach Einlieferung in den Depots als solche erweisen. Pferde, welche den Verkäufern nicht eigentümlich gehören, oder durch einen nicht legitimirten Bevollmächtigten der Commission vorgestellt werden, sind vom Kauf ausgeschlossen.
Die Verkäufer sind verpflichtet, jedem verkauften Pferde eine neue starke rindlederne Trense mit starkem Gebiß und eine neue Kopfhalfter von Leder oder Hans mit zwei mindestens 2 Meter langen Stricken ohne besondere Vergütung mitzugeben.
Um die Abstammung der vorgesührten Pferde seststellen zu können, sind die Deckscheine resp. Füllenscheine mitzubringen, auch werden die Verkäufer ersucht, die Schwelfe der Pferde nicht zu coupiren oder übermäßig zu verkürzen. Ferner ist es dringend erwünscht, daß ein zu müßiger oder zu weicher Futterzustand bei den zum Verkauf zu stellenden Remonten nicht stattfindet, weil dadurch die in den Remonte- depots vorkommenden Krankheiten sehr viel schwerer zu überstehen sind, als dies bei rationell und nicht übermäßig gefütterten Remonten der Fall ist. Die auf den Märkten vorzustellenden Remonten müssen daher in solcher Verfassung
sein, daß sie durch mangelhafte Ernährung nicht gelitten haben und bei der Musterung ihrem Alter entsprechend in Knochen und Muskulatur ausgebildet sind.
Kriegsministerium Remontirungs-Abtheilung.
v. Arnim.
Führer für Lsien durch die Internationale Electrotechnische Ausstellung in Frankfurt s. M.
Wie so Vieles, was im Publikum über die Internationale Electrotechnische Ausstellung verbreitet ist und als nicht zutreffend bezeichnet werden muß, so ist es namentlich auch die vielfach verbreitete Ansicht, daß diese Ausstellung speciell nur Interesse für Fachleute habe und für den Laien nur wenig Interessantes biete! Ost hört man die Aeußerung: „Von Maschinen und Electrotechnik verstehe ich nichts und die übrigen Sehenswürdigkeiten, wie z. B. Theater, Taucher, Irrgarten, Panorama rc. kosten alle extra und das ist mir zu theuer" rc. — Abgesehen nun davon, daß letztere Sehenswürdigkeiten Unternehmen sind, welche auch nach dieser Richtung hin alle Ansprüche in hohem Maße befriedigen und welche auch aus allen anderen Ausstellungen extra bezahlt werden müssen, so bietet die Ausstellung selbst für Jedermann ohne Unterschied des Standes und der Vorbildung so viel Interessantes und Belehrendes, daß alle obigen Vorurtheile verstummen müssen, gegenüber der Thatsache, daß durch diese großartige Veranstaltung zum ersten Mal alles geschehen ist, um bis aufs Kleinste vorzusühren, inwieweit es der Wissenschaft und Technik vereint gelungen ist, die Electricität in den Dienst der Menschheit zu stellen und nutzbar zu machen. Sehen wir ab von den zahlreichen Maschinen, Dynamos rc. für electrische Beleuchtung und Kraftübertragung, welch letztere jedoch namentlich für den Kleinfabrikanten und Handwerksmeister von weittragender Bedeutung sind, so sind es außerdem Hunderte von Erzeugnissen — Gebrauchs- und Luxus- gegenstände, welche uns hier vorgeführt werden, welche direct oder indirect, mit Hilfe der Electricität, oder des galvanischen Stromes erzeugt werden, zum Theil lucrative Handelsartikel bilden.
Viele besuchen die Ausstellung, ohne gerade diese für jeden Laien interessanten Erzeugnisse genügend beachtet zu haben. Ebenso wie es unrichtig ist, daß die Ausstellung jetzt noch „unfertig" sei, ebenso unrichtig ist es, daß dieselbe nicht auch für das große Publikum im Allgemeinen des Interessanten, ohne besondere Nachzahlung irgend welcher Art, also nur für das Eintrittsgeld, genug biete.
Wir halten es deshalb für angezeigt, unsere Leser aus interessante Neuheiten fortlaufend aufmerksam zu machen, die oft gerade in denjenigen Gebäuden ausgestellt sind, die der Laie zumeist nicht betritt, weil er sich sagt, was verstehe ich von „Electro-Chemie" rc.
Gehen wir jedoch gerade einmal in die Halle für Electro-Chemie und ,wir finden hier vieles, was sehenswerth und interessant ist. Wenn wir die Halle betreten, sehen wir vorerst in der Mitte vor uns Metalltheile und Stücke ausgestellt (Deutsche Electricitäts-Gesellschaft). Es ist dies sogenanntes Aluminium-Metall, das vermittelst electrischem Strom und einem chemischen Verfahren aus einem Thon ausgeschieden und gewonnen wird, im natürlichen (unvermischten) Zustand silberähnlich weiß, ungemein leicht, zähe und bearbeitungsfähig ist und bereits eine große Rolle in der Industrie spielt. Die Aluminium-Schlüssel, welche uns gezeigt werden und an welchen der Schlosser nur den Barth entsprechend auszufeilen hat, stehen an Haltbarkeit den bisherigen Eisenschlüsseln in keiner Weise nach und sind so leicht, daß 3 Stück nicht mehr wiegen als ein ebenso großer Schlüssel von Eisen, und da diese neuen Schlüssel unwesentlich theuerer sind als eiserne Schlüssel, so dürften solche ihrer Vorzüge halber bald an Stelle der Eisenschlüssel treten.
Die mannigfachsten Gebrauchs- und Luxusgegenstände aus diesem Metall, als z. B. zierliche Schalen, Feuerzeuge, Leuchter, Schreibzeuge, Taschenuhren, Bierseidel, Cigarren- Etuis 2C. rc. in eleganter Ausführung und verblüffender Leichtigkeit finden wir in der Verkausshalle, am unteren Ende links der Ausstellung.
Wenden wir uns nun wieder nach der Halle für Electro- Chemie zurück und begeben uns von der Vorhalle die Treppe hinab, so begegnen wir hochinteressanten Erzeugnissen der Galvanoplastik, welche von der Firma Trautmann & Co., München, ausgestellt sind. Es sind dieses metallisirte d. h. auf galvanischem Wege mit den verschiedensten Metallen (Kupfer, Silber, Gold rc.) überzogene natürliche Blumen, Blätter und Gräser, Blumenbouquets, Kränze, Fruchtstücke und sonstige Zimmerdecorationsstücke, in prächtiger Ausführung und Auswahl bis zu den kleinsten Gegenständen, Photographie-Rahmen, Schmucksachen (Brochen) rc.
Diese Trautmann'sche Erfindung steht aus dem Gebiete der Galvanoplastik einzig da, denn so viel uns bekannt ist, ist diese Anstalt die erste, welcher es gelungen, lebende Blumen, wie z. B. Rosen, Maiglöckchen rc. direct mit Metall zu überziehen, so daß die natürliche Form, selbst die feinsten Staubsädchen, erhalten bleibt.
Sehr schöne Decorationen von dieser Anstalt befinden sich in der Ausstellung, im Cafe Milani, der Bergrestauration, in der Calisornischen Weinstube rc. Wer sich sein Heim in
Feuilleton.
Hunger und Appetit.
Ueber dieses hochwichtige Thema schreibt ein vielersahrener Praktiker unter Anderem Folgendes: Die Hygieiniker pflegen mit großem Nachdrucke die Verhältnisse außerhalb des Menschen zu betonen, seine Umgebung, Boden und Luft, Licht und Drainage und Reinlichkeit sind Worte, denen man überall begegnet, in Büchern, in Flugschriften, in öffentlichen Vorträgen, in privater Unterhaltung, und das sind nicht allein Worte, nein, diese Worte sind wesenhafte Dinge. Ohne sie ist keine ersprießliche Gesundheitspflege möglich, ihre Nichtbeachtung bringt Elend und Tod; nicht allein einzelne Krankheiten, sondern Epidemie und Pestilenz sind die Strafen ihrer Vernachlässigung. Aber außer ihnen gibt es noch andere Verhältnisse innerhalb des Menschen, die sein Wohlbefinden beeinflussen, deren Einwirkung sein Wohl oder Wehe bestimmt. Diese sind aber so schädlich, ja, bei Weitem schädlicher als die Miasmen, die unter dem glühenden Strahle der Augustsonne aus sumpfigem Boden gebrütet werden. Während wir der Umgebung des Menschen alle gebührende Wichtigkeit beilegen, dürfen wir nicht vergessen, daß in ihm selbst Kräfte walten, welche sein Geschick als Einzelwesen formen, ihn von gut zu besser erheben, oder die Quellen seiner Lebenskraft vergiften und versiegen lassen. Und dies sind vermeidliche Krankheitsursachen! Sehen wir uns den Esser ein wenig an: Der Esser denkt keinen Augenblick an die Thatsache, daß Hunger und Appetit ganz verschiedene Zustände sind. Hunger ist naturgemäß, Appetit ist künstlich; Hunger ist das Verlangen der Natur nach frischem Baumaterial- Appetit ist die Begier nach dem Trödelkram und den Kinkerlitzchen eines überspannten gesellschaftlichen Lebens- Hunger ist ein physio
logischer, Appehit em pathologischer Vorgang. Der erstere ist leicht befriedigt, der letztere fast unersättlich- der erstere erhält und baut auf und geleitet uns durch die uns beschie- denen Lebensjahre- der letztere drückt uns nieder und überlastet uns mit einer unerträglichen Bürde - der erstere erneuert unsere Lebenskraft und gibt körperliche Befriedigung, der letztere führt krankhafte Ueberreizckng mit sich, deren beständiger Ruf ist: „Gib! gib!" Daher kommen die elendlichen, bejammernswerthen Gebilde der Verdauungsschwächlinge, der Dyspeptiker, die fortwährend über ihren von ihnen selbst mißhandelnden Magen jammern- daher die Gichtischen, deren Füße für die Schwelgereien bei Tische büßen müssen- daher die Herzleidenden, die sich alle Tage dem Tode nahe fühlen und vor Allem Angst haben, nur nicht vor einer wohlbesetzten Tafel. Wahrlich, die pontinischen Sümpfe sind nicht verderblicher als die prunkenden Hallen, in welchen dem Appetit gefröhnt wird! Der natürliche Hunger macht keine großen Ansprüche an die Kochkunst, aber der künstliche Appetit thut dies in seiner Gier - Gericht auf Gericht, eines immer stärker gewürzt als das andere, Pfeffer, Senf, pikante Saucen, Meerrettig, Paprika und Cayenne, in gesteigerter Beißkraft, bis der ganze Organismus überheizt ist, und die Versuche, mittelst Weines oder anderen Spirituosen Kühlung zu schaffen, schüren nur die Flammen noch höher. Ist das vernünftig? Es schlägt allen hygienischen und physiologischen Gesetzen ins Gesicht. Und es geschieht im Jahre 365 Mal und die Leute leben dahin, in thörichter Verletzung aller Vernunft, die sie schnell und mit absoluter Sicherheit zu Verfall und Untergang fühlt.
Welches Organ auch immer bei einer schweren Krankheit in Mitleidenschaft gezogen sein mag, eine gute Verdauung bieret stets einige Hoffnung auf Wiedergenesung. So wird der Magen eines der besten Hilfsmittel der ärztlichen Behandlung. Alle anderen Organe sind an ihrem Platze
natürlich sehr wichtig, aber die Verdauungskraft erhält alle anderen Organe in beständiger, gesunder Thätigkeit. Man kann mit Sicherheit behaupten, daß der Magen der beste Wiederhersteller eines zerrütteten Organismus ist. Ist auch der Magen zerrüttet, so ist für das ganze Gebäude keine Hoffnung mehr, so daß Vorsichtsmaßregeln, die Verdauungskraft möglichst stark zu erhalten, von der größten Wichtigkeit sind. Es gibt keine vollkommene Gesundheitspflege ohne ein moralisches Leben- dies gehört ebenso zu einer hygieinischen Lebensführung, wie Körperübung, Schlaf, Wasser und Seife. Medicin und Hygieine sind in ihrem Grundwesen durchaus practisch, sie verlangen auch nichts Unmögliches, es gibt aber auch keine menschliche Vollkommenheit. Die Menschheit ist in ihrem Grundwesen unvollkommen und wandert durch das Leben mit unsicheren Schritten. Aber so weit die unvollkommene Menschheit es kann, muß sie Krankheiten, namentlich vermeidliche Krankheiten, beseitigen. Wer sich einbildet, die Hygieine beabsichtige, dem Menschen ein Leben von tausend Jahren zu schenken, ist thöricht und unvernünftig. Auch der Zweiselsüchtigste muß zugeben, daß es vermeidliche Leiden gibt. Wer fein Auge gegen alle die großartigen Erfolge schließt, welche die Hygieine in den letzten fünszig Jahren zu verzeichnen hat, der ist ein getreues Abbild dessen, der Franklin, seine Philosophie und seine electrischen Versuche verlachte, der Generationen später Stephenson und die Locomotive verspottete, Morse und den Telegraphen anzweifelte und auf Bell und das Telephon stichelte. Und was sind diese Kräfte jetzt? Hauptfactoren im Handel und gesellschaftlichen Leben der Welt. Auch das strebsame Wirken der Hygieine hat seine Spötter, aber die Welt beginnt einzusehen, daß die Gesundheitslehre ein neues Capitel in der Geschichte der Menschheit: eröffnete.


