Ausgabe 
5.3.1891
 
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Nr. 54

Donnerstag den 5. März

1891

Der tUfesft Anzeiger erfcheim täglich, kU UuLnahme de- MsnlagL.

Die Gießener

»erden dem Anzeiger

VTchenttich dreimal

dk,gelegt.

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

Vierteljähriger Kösnnementsprei» i 2 Mark 20 Pfg. Bringerlohn. Durch die Post bezöge, 2 Mark 50 Pfg.

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-chulßratze Ar.?« Ferufprecher 51.

Aints» u«d Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den Mgrabcn Lag erscheinenden Nummer bi« vorm. 10 Uhr.

Kratisbeikage: Kießener Jamikienötätter.

Alle Annoncen.Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegm.

Dentfches Reich.

Darmstadt, 4. März. Die II. Kammer hat gestern die Einstellung von 295,000 Mk. als Betrag von Tranksteuer von Wein in namentlicher Abstimmung mit 26 gegen 17 Stimmen abgelehnt. Der Antrag der Ausschußmehrheit, die Großh. Regierung zu ersuchen, um Vorlage eines Gesetzes wegen Besteuerung von Weineinlagen der Privaten, wurde in namentlicher Abstimmung mit 30 gegen 13 Stimmen abgelehnt.

Verrtfcher SeMystag.

78. Plenarsitzung. Montag, 2. Marz 1891, 1 Uhr.

(Verspätet eingegangen.)

Die Berathung des Milttäretats wird bei dem Capitel Naturalverpflegung fortgesetzt. Hier werden in Consequenz der Ab­setzung von StabSoffizterstellen und der noch zu fassenden Beschlüsse hinsichtlich der Pferderattonen für Brod- und Fourageverpflegung zugesetzt beim preußischen Contingent 192084, beim sächsischen 12278 und beim württembergtschen 5765 Mk.

Die Capitel Bekleidung und Ausrüstung der Truppen, Garnison- Verwaltungs- und Serotswesen, Garnison-Bauwesen, Mtlitär-Medi- ctnalwesen, Verwaltung des Tratndepots und Instandhaltung der Keldgeräthe und Verpflegung der Ersatz- und Reservemannschaften und Arrestanten auf dem Marsche debattelos angenommen.

Beim CapitelAnkauf der Remontepferde" fordert die Re­gierung an Geldvergütung zur Beschaffung von Dienstpferden für alle berittenen Offiziere im preußischen Contingent 2214148, im sächsischen 188764 und im würtembergischen 120028 Mk. Die Commission (Ref. Abg. v. Keudell) beantragt zu bewilligen: Zur Gewährung von Pferdegeldern für die rattonsberechttgten Osfiztere der Fußtruppen vom Secondelteutenant aufwärts bis zum Regiments- commandeur, jedoch ausschließlich des letzteren, sowie für diejenigen rationsberechrigten Offiziere gleicher Chargen, die, aus den Fußtruppen heroorgegangen, sich in besonderen Functionen befinden, 1006800 bezw. 91298 bezw. 52067 Mk., ferner an Geldvergütung zur Br- schaffuvg von Dienstpferden für Adjutanten 60650 bezw. 4505 und 1733 Mk. Der finanzielle Effect dieser Anträge ist eine Ersparniß von 1146698 bezw. 92961 und 66228 Mk.

Preußischer Kriegsminister v. Kaltenborn-Stachau: Die Heeresverwaltung könne eine endgültige Lösung der Frage in dem Commissionsantrage nicht erblicken, obgleich dieser eine Hülfe an den- jmigen Stellen gewähre, wo die Hülfe am dringendsten nöthtg sei. Der Antrag durchbreche ein bestimmtes System, weshalb er bitte, der Regierungsvorlage zuzustimmen.

Abg. Richter (dfr.): Die Freisinnigen stimmten dem Com­missionsantrage zu und bewiesen damit, daß sie überall da Be­willigungen eintreten ließen, wo sie ein Bedürfnttz anerkennen.

Abg. Dr. Frege (conf.) erklärt, daß seine politischen F-eunde auf dem Boden der Regierungsvorlage stünden, aber bet der Aus­sichtslosigkeit desselben für den Commtssionsantrog stimmen würden.

Abg. Frhr. v. Huen e (Ctr.) empfiehlt den Commtssionsbeschluß, der einem vorhandenen Bedürfniß und ebenso den Ersparuißrücksichlen Rechnung trage.

Abgg. v. Kardorff (Rp.) und Dr. Hammacher (natl.) er­klären, daß ihre politischen Freunde nach Lage der Sache für den Commisstonsantrag nimmen würden.

Der Commissionsantrag wird angenommen.

Die CapitelVerwaltung der Remontedepots" undReisekosten und Tagegelder, Vorspann- und Transportkosten".werden ohne Debatte angenommen.

Beim CapitelMilitär-Erziehungs- und Bildungswesen" bean­tragen die Abgg. Richter und Hinze (dfr.) Streichung der von der Regierung geforderten Vermehrung von Cadettenstellen.

Abg. Hinze (dfr.): Der Andrang zu den Cadettenanstalten sei ein künstlich erzeugter, erzeugt durch Freistellen, sowie durch Ver­billigung der Penstonärstellen. Es liege darin eine Bevorzugung besonderer Categorien der Bevölkerung. Das Offiziercorps sei aus dm Kreisen des Bürgerthums zu ergänzen; die große Masse des Ersatzes gehe am besten aus der Truppe selbst hervor, anstatt aus Cadettenhäusern.

Abg. Frhr. v. Huene (Ctr.) befürwortet die Vermehrung. Gerade die Mischung von aus den Cadettenanstalten und von aus den Kreisen der Offizieraspiranten heroorgegangenen Offizieren habe wesentlich zur Bildung eines tüchtigen OffiziercorpS beigetragm.

Abg. Dr. v. Frege (conf.) tritt gleichfalls für die Vermehrung ein. Die Cadettenerziehung fei eine vorbildliche für andere Er­ziehungsstellen. Sie mache den jungen Mann auch für andere Berufe als den des Offiziers fähig.

Abg. Richter (dfr.): Die Aufnahme von aus bürgerlichen Kreisen hervorgegangenen Offizieren sei künstlich erschwert worden; die Folge davon sei, daß im OffiziercorpS so wenig Kenntniß von den bürgerlichen Interessen und so wmtg Berücksichtigung derselben anzulreffen sei. Er schätze die Fachkenntniß unseres OffiziercorpS, aber dasselbe betone zu einseitig den mtlitärischen Standpunkt. Daran sei die einseitige Ausbildung in den Cadettenanstaltm schuld.

General Vogel v. Falckenstetn widerspricht dem. Weder aus den Kreisen der Familien noch aus denen der Armee, also den nächstbetheiligten Kreisen, seien bisher Bedenken gegen die Art der Erziehung in den Cadettenanstalten geltend gemacht worden. Unsere hervorragendsten Helden seien aus den Cadettenhäusern hervor­gegangen. Seine zum geflügelten Wort gewordene Aeußerung über die Kaserne alsFeriencolonien" sei dahin gegangen, daß im Ver­gleich zu dem Leden in gewissen Fabriken in Bezug auf Gesundheits­pflege die Kasernen Feriencolonien seien.

Abg. Richter (dfr.): Rach seinen stenographischen Auf­zeichnungen sei die BezeichnungFeriencolonie" doch allgemeiner ge­braucht worden.

Die Vermehrung der Cadettenstellen wird genehmigt.

Bet demselben Capitel finden sich Neuansätze infolge Errichtung von Unteroffizier-Vorschulen in Jülich und Wohlau. Abgg. Richter und Hinze (dfr.) beantragen Streichung dieser Neuansätze.

Abg. Haußmann (93p.) empfiehlt Streichung und spricht sich gegen Unteroffizier-Vorschulen überhaupt aus. Der Vorwurf der Negation gegen die Linke sei unbegründet, nachdem dieselbe bereits 312 Millionen beim Militäretat bewilligt habe.

General Vogel v. Falckenstein: Es handle sich hier weniger um eine Vermehrung der Quantität als um eine Besserung der Qualität.

Abg. Hahn (conf.): Seine Freunde erkennen in den Unter­offizier-Vorschulen eine heilsame und nützliche Einrichtung und stimmen deshalb für die Vorlage.

Abg. Richter (dfr.) bekämpft die Einrichtung der Unteroffizier- Vorfchulen; dieselben erzeugten jenes Selbfibewußtsein, das der Reichskanzler in umsichtiger Auffassung einer früheren Auslassung des Redners als militärische Tugend bezeichnet habe, das aber in Wirklichkeit nur darin bestehe, daß die Leute in ihrer Gewohnheit zu commandiren, es verlernen, sich anderen Verhältnissen anz»- bequemen. In keinem Falle sei das Bedürfniß nachgewiesen für den Bau von zwei neuen Schulen. Man bat den Unteroffizieren Prämien gewährt, um so weniger liegt ein Grund vor, nun auch noch die Schülerprüfung für Unteroffiziere zu erleichtern.

Bundescommifsar Major Gäbe: Die seit 10 Jahren mit de» Unteroffizier-Vorschulen gemachten Erfahrungen find die günstigsten und baden den Anlaß zu den vorliegenden Forderungen geboten.

Abg. Hahn (cons.) leitet aus früheren Aeußerungen Richters über die Unteroffizierschulen die Schlußfolgerung her, daß die Ver­mehrung dieser Anstalten nöthig und wünschenswerth sei.

Abg. Hinze (dfr.): Die militärische Erziehung soll aus der Armee heraus erfolgen; ich bekämpfe das Princip der Sonder-Er­ziehung; ich bin der Ansicht, daß aus diesen Schulen kein besonders brauchbares Material für die Besetzung der Unterosfizierstellen ge­wonnen wird.

Abg. Haußmann (Volksp.) erklärt sich gegen die Bewilligung.

Die Debatte wird geschlossen.

Die Forderung wird unter Ablehnung des Antrages Richter- Hinze (dfr.) nach der Vorlage bewilligt.

Der Rest des OrdinariumS wird bewilligt.

Nächste Sitzung Dienstag 12 Uhr: Fortsetzung der Berathung. Schluß 5 Uhr.

79. Plenarsitzung. Dienstag, 3. März 1891.

Die Berathung deS Militäretats wird bei den einmalige» Ausgaben fortgesetzt.

Abg. Hahn constattrt als Berichterstatter, daß die Budget- commtssion gewissenhaft geprüft und nur das Nothwendigste bewillig habe.

Ohne Debatte werden bewilligt 404147 Mk. für besondere Zulagen, 162300 Mk. zur Erneuerung des Oberbaues der Militär- bahn, Vermehrung der Betriebsmittel ?c., 2030450 Mk. für de» Bau von Magazing-bäuden und 419000 Mk. zum Bau des Be- kleidungsamts in Danzig, zweite Rate.

Bei den Kasernenbauten wünscht Dr. Rüge (dfr.) Rückgabe eines mit alten Ställen besetzten und jetzt die Stadt verunzierenden Terrains, das früher der Stadt Potsdam gehörte, an diese Stadt und beschwert sich gleichzeitig über Einmischung der Militärverwaltu»g in die communalen Verhältnisse Potsdams.

Regierungsseitig wird erwidert, daß die Rückgabe dieses Terrains in die Wege geleitet sei und daß es der Militärverwaltung fern liege, sich in die communalen Verhältnisse Potsdams einzumischen.

Die erste Baurate für ein Commandanturgebäude in Doyen wird gestrichen.

Die Commission beantragt ferner Streichung der ersten Bau­rate, 600000 Mk., für Kasernen für die Schteßfchulen der Feld- und Fußartillerie auf dem Schießplatz in Jüterbog.

Abgg. Dr. Frege, v. Masfow u. Gen. (conf.) beantragen als erste Baurate zum Neubau von Mannfchaftskafernen, Ställe» und Wegeanlagen für die Jüterboger Schteßfchulen 400000 Mk. zu bewilligen.

Feuilleton.

Der einzige Sohn.

Novelle von I. Bonnet.

(13. Fortsetzung.)

Die Damen mochten freilich in das überaus günstige Urtheil über den Gast minder ungetheilt einstimmen, am wenigsten Mariechen, die eine unerklärliche Scheu vor ihm nicht verließ und die nichts sehnlicher wünschte, als daß er recht bald ihrem Heim den Rücken kehren mochte.

Dazu bezeigte er durchaus keine Neigung. Er ging mit ihrem Vater aus den Anstand, angelte und fischte mit Reusen im nahen Flusse, ritt Pferde ein und machte, auch nachdem der Generaldirector und seine Frau abgereist waren, Miene, die Rolle eines wohlwollenden Hausfreundes zu spielen. Arthur selbst ärgerte sich darüber und wünschte den Un­bequemen dahin, wo der Pseffer wächst- kam er aber mit Mariechen aus ihn zu sprechen, so fuhr er gereizt heraus, vertheidigte ihn, verbat sich die Dreinrede gegen seinen längeren Aufenthalt und verbarg ihr damit, wie er leider aus keinem anderen Grunde als aus Furcht vor gereiften Enthüllungen den sogenannten Freund bei sich duldete und in Schutz nahm.

Seltener noch als früher waren sie jetzt allein beisammen, immer und überall stand der Schatten des unheimlichen Fremden zwischen ihnen, der sich da ohne Umstände einniftete und sich merkwürdigerweise von Tag zu Tag mehr einen hohen, bevormundenden Ton anmaßte.

Jndeß nach dem Verlaus von ein paar Monaten erklärte er unerwartet, nach der Stadt zurück zu müssen. Seine Taschen waren gefüllt. Wozu noch länger fasten in der Ein> sörmigkeit des Landlebens?

Erleichtert athmeten die Gatten auf, als er entschwunden war. Arthur allem nicht ohne heimliches Seufzen und Bor­

ahnen, daß es aus die Plünderung seines ohnehin schwach versehenen Geldschrankes abgesehen sei.

Wer vermag die sich stetig wiederholenden, schlangen­artig ringelnden Kreise trauriger Rückerinnerungen zu saften, die in Arthurs Brust wie Feuer brennend oftmals Tag und Nacht unaufhörlich sich hoben und senkten? Düster, ver­schlossen, in sich gekehrt, ging er feinem Berufe schweigsam nach. Oester als sonst brachte der Postbote Briese aus der Stadt, woraus Geldsendungen antworteten. Dann fuhr oder ritt er auch wohl selbst hinüber unter irgend einem Vor- wandte, manchmal auch ohne Mariechen vorher ein Wort da­von zu sagen, und seine Heimkehr warf noch dunklere Schatten über das Haus.

Plötzlich auch kam es ihm, daß er sein Weib mit leiden­schaftlicher Inbrunst umfaßte, wenn sie ihm aber die Lippen lösen wollte, stürzte er hinweg und jagte bald nachher wie unsinnig durch die Flur, bis dem Pferde der weiße Schaum auf den zitternden Gliedern stand. Und dann wieder nahm er seinen einzigen Sohn mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit in seine Arme, herzte und küßte ihn, bis er schrie und mit den Beinchen und Händchen schlagend sich wehrte, auf einmal warf er ihn fast auf das Vettchen zurück und wandte sich heftig wie einer, der eine böse That gethan.

Unstät und flüchtig erschien er überall und in allem. Mariechen drang in ihn, mit ihr wieder die Kirche zu be­suchen, und hohnlachend wies er das von sich als eine aus­bündige Dummheit.

Der Vater hatte ihm eine bedeutende Geldsumme über­sandt, seine schlimmsten Verlegenheiten damit aus der Welt zu schaffen. Er verwendete das Geld nicht dafür. Konnte er denn anders? Saugte ihm nicht ein Schmarotzer, ein Vampyr an seinem eigenen Blute?

Während er jetzt öfter als zuvor tagelang in der Stadt war, rang Mariechen auf den Knieen am Lager ihres Kindes um das Heil ihres Gatten und Hauses. Da es häufig und immer häufiger am uöthigsten Gelde fehlte, entließ sie schweren

Herzens die tüchtige Wirthschafterin. Der Jnspector war, über Veruntreuungen ertappt, längst nicht mehr da. Sie führte die Wirthschaft mit kühler Berechnung und ins Kleinste gehender Einsicht- wo eingeschränkt, gespart werden konnte, da ließ sie jede Rücksicht auf den äußeren Schein fahre». Das sinkende Schiff über Wasser zu halten, womöglich zu retten, indem sie ihren Mann für das gleiche Streben ge­wann, war ihr unabänderliches Ziel. Die Sonne ihres Lebens sah sie in dem Liebling, dem kleinen Arthur, der ihr wie mit tiefem, süßen Einverständniß die leuchtenden Augen zukehrtc und die hätschelnden Aermchen entgegenstreckte.

Keine Klage über den Gatten, der sie je länger desto mehr vernachlässigte, ja, in trunkenen Augenblicken mißhandelte, entfloh ihren Lippen. Sanft und ergeben trug sie, innerlich reisend zu einem höheren Sein, ihr Loos, der Pflicht allein lebend und der Liebe, die unausgesetzt um eines Höheren willen alles glaubt und hofft und duldet. Fiel ihr je einmal eine freie Stunde ab, so verbrachte sie dieselbe mit ihrem Kinde im Pastorat, aus dem sie frische Kraft zum Tragen und Entsagen heimbrachte, um die täglichen Aufgaben Hellen Auges zu lösen. Was sie war und was sie hatte, das ward ganz eingesetzt.

Eines Tages, als Mariechen mit ihrem Kleinen aus dem Gemüsegarten kam, ward sie vom Geräusche eines sremden, städtischen Wagens überrascht. Der Besuch kam ihr so un­gelegen wie möglich, sie hatte sich überhaupt in der letzte» Zeit aus guten Gründen zurückgezogen. Wie aber schrak sie zusammen, als kein anderer als der unselige Freund ihres Mannes aus dem Geführt sprang. Er schien von übermäßigem Weingenuß erhitzt. Wenigstens hatte seine ausdringliche Art sie nie so belästigt und widerwärtig berührt als heute. Zögernd geleitete sie ihn ins Haus, um sich ihm dann unter einem Vor­wande zu entziehen.

(Schluß folgt.)