Sonntag den 4. October
Gietzenev Anzeiger.
Beilage zu Br- 231. -1891
Feuilleton.
D i e Mensur.
Humoreske aus dem Studentenleben von Paul Jahn.
(Nachdruck verboten.)
In der Mitte unseres erfindungsreichen Jahrhunderts zeitigte das Studentenleben auf der kleinen, aber hochberühmten thüringischen Musenstadt Jena an der Saale gar üppige Blüthen und Früchte. Der Bruder Studio war „Herr des Platzes" und in vollen Zügen genoß er des „Lebens ungemischte Freude". Die wenig scharfen Gesetze der Universitätsgerichtsbarkeit waren auch nicht dazu an- gethan, einen besonderen Ernst der Situation herauszukehren und kam ja einmal ein Studio, der es gar zu bunt getrieben, so sorgte der Herr Universitätsamtmann, selbst ein alter Commilitone der alma mater Jenensis, schon dafür, daß des Gesetzes Strenge, mit väterlicher Milde gepaart, den flotten Burschen nicht allzu hart traf. Ja, selbst der Karzer war solch milden Regungen unterworfen und wurde als „molliger Aufenthalt zum Ulken" characterisirt und dementsprechend „illustrirt". Natürlich erkannten die Musensöhne diese Milde dankbar an, sie nannten den hohen Universitäts- gerichtshos einfach das „Biergericht", die ehrwürdigen Beisitzer dementsprechend „Bierrichter", ein Ausdruck, der selbst den Bürgern, vulgo Philistern, sehr geläufig war.
Somit wäre alles recht schön gewesen, wenn diese zarte Milde nur auch aus die Mensuren ausgedehnt worden wäre- da aber verstand man leider keinen Spaß und von den Pedells war keiner so „eklig" wie der sonst gutmüthige Oberpedell Kahle. Früh und spät war er auf den Beinen, um die Herrchens „abzusassen", leider immer mit negativem Erfolge. Kam es doch vor, daß, als er früh 7 Uhr nach der „Tanne" über die Kamsdorfer Brücke eilte, ihm die Herren Eorpsburschen entgegenkamen: man hätte im Sommer die Gewohnheit, schon früh um halb fünf Uhr loszuschlagen.
Endlich erfuhr unser Kahle einmal ganz im Geheimen, daß man am nächsten Montag früh in Wöllnttz mehrere „Suiten" auspauken wollte, sein Plan war demnach gefaßt- diesen Tag sollte und mußte er die Herren in flagranti ertappen.
* * *
Ein schöner Junitag war angebrochen. Schon am frühesten Morgen hatten sich die Herren Corpsburschen in Begleitung des Paukarztes, der Wichsiers und der Corpshunde nach Wöllnitz begeben, um dort die Ehrenhändel auszufechten. Die ersten Paukanten waren gerade im Ankleidezimmer oben neben dem Saale und warfen sich in Paukwichs, während die andern noch unten im großen Gastzimmer saßen. Der Wirth und die Wirthin waren in der Küche beschäftigt, als die letztere ausblickend die wohlbekannte Figur des Ober
pedells Kahle über den Hof schleichen sah. Wohl waren beide anfangs sprachlos vor Schreck- jedoch die Wirthin warf ihrem Manne ein paar Worte hin, worauf dieser schleunigst verschwand, während sie selbst dem Pedell entgegenging.
„Guten Morgen, mein lieber Herr Kahle," redete die dralle Frau ihn an und zog ihn am Aermel rasch in die Küche und von da in die abgelegene Wohnstube.
Verblüfft von dieser Überrumpelung, wollte dieser eine scharfe Entgegnung loslassen, als die Frau sich ihm an die Schulter hing und ihn schelmisch anblickend fortfuhr:
„Ja, mein lieber Herr Kahle, es ist gut, daß Sie kommen und die heillose Gesellschaft mal am Kragen kriegen, mein Mann ist auch nicht da, der ist nach Roda zum Schweine- kaus, wie soll ich arme Frau wohl da Herr werden? Aber nicht wahr, Sie helfen mir armen Frau---— ja, aber
was schwatze ich da," unterbrach sich die Frau, „Sie werden zunächst Durst haben, lieber Herr Kahle," und fort war sie, unseren Pedell mit gemischten Gefühlen zurücklaffend.
Nach Verlauf von zehn Minuten erschien die Frau wieder, in der Hand ein großes Glas mit Doppelkümmel und eine Kanne Weißbier tragend.
„Hier, stärken Sie sich erst, lieber Herr Kahle, dann will ich Ihnen meinen Plan mittheilen, wie wir den Herren beikommen können."
Kahle trank den Kümmel, trank auch rasch die Kanne aus und bald stand eine zweite vor ihm. Je mehr er aber trank, um so unternehmungslustiger wurde er und als die Wirthin wieder erschien, srug er sie nach dem Feldzugsplane. „Der ist ganz einfach, Herr Oberpedell," entgegnete die Frau, „oben im Saale steht in einer Ecke ein mächtiges Faß, in dasselbe setzen Sie sich und ich lege dann einen Deckel daraus, wenn dann die Studenten loslegen, brauchen Sie blos aufzustehen und — die Geschichte kommt in schönste Ordnung!"
Armer Oberpedell! Kümmel und Bier hatten deinen Verstand getrübt- nicht eine Minute besann er sich, dann stand er aus und meinte treuherzig zur Wirthin:
„Los, das geht ausgezeichnet, nur erst oben im Saale!"
An der Hand der Wirthin schlich er die Treppe in den Saal hinaus und wirklich, das Wagestück gelang, ungesehen gelangte er aus seinen Lauscherposten im Faß, erwartungsvoll der Dinge, die da kommen sollten, harrend.
Kurz darauf wurde es lebendig im Saale und Kahlen wurde es doch beklommen zu Muthe, weil es doch immerhin möglich war, daß irgend em neugieriger Student den Deckel aufheben könnte und dann hätte er sich doch schrecklich blamirt. Aber diese Befürchtung bestätigte sich nicht. Kahle athmete denn auch freier auf und horchte aufmerksam nach den Vorkommnissen im Saale. Dabei freute er sich immer mehr im Stillen auf die ellenlangen Gesichter der Studenten, wenn er plötzlich aufstieg und die ganze Gesellschaft arretirte. Dabei hatte er die ersten Commandos ganz Überhört, erst als
die Worte „Bindet die Klingen" an seine Ohren tönten, sand er sich wieder. Jetzt dachte sich Kahle den Moment gekommen, um mit Erfolg einschreiten zu können. Langsam erhob er sich vom Boden des Fasses und eben war er im Begriff, den Deckel wegzuschieben, als sich etwas ereignete, was er nicht vorgesehen hatte: nämlich ein Student schwang sich auf den Faßdeckel und ließ sich darauf feierlich nieder, ein Beispiel, dem noch zwei andere folgten.
Vorsichtig zog sich Kahle auf den Faßgrund zurück und wartete daselbst geduldig, bis sich die Studenten entfernt haben würden. Aber Kahle mußte die unangenehme Entdeckung machen, daß es zunächst keinem der Drei einfiel, vom Fasse abzusteigen. Da machte Kahle endlich den verzweifelten Versuch, den Deckel zum Wanken zu bringen. Umsonst, der saß wie angenagelt. Nach und nach begann es dann in Kahle zu dämmern, daß ihm ein schlechter Streich gespielt worden war. Eine Mensur nach der andern wurde abgethan, jedes Commando hörte Kahle, doch sehen konnte er nichts, denn die am Faß und Deckel befindlichen Oeffnungen zeigten ihm blos Wand und Decke. Noch einmal machte er einen Versuch, herauszukommen, dann zog er resignirt sich aus den Faßboden zurück.
Aber alles hat ein Ende, auch die heutige Mensur. Es wurde endlich still im Saale und zuletzt merkte der unfreiwillige Diogenes, daß auch die drei „Beschwerer" vom Faß- decket absprangen und weggingen.
Vorsichtig entstieg Kahle dem Fasse und ging mit leisen Schritten zum «Saale hinaus nach der Treppe, um unbemerkt das Freie zu gewinnen. Es schien auch zu glücken. Aber in dem Moment, wo er zur Hofthür hinaus wollte, kam ein Schwarm Studenten zur Thür herein und als sie Kahle erblickten, schienen sie äußerst erfreut, „ihren lieben Oberpedell Kahle zu sehen, der gewiß in Anbetracht des schönen Wetters eine Spaziertour gemacht habe". Dabei drückten sie ihm cordial die Hand und zogen ihn halb und halb in die Gaststube, wo er mit Jubel begrüßt wurde. Natürlich ließ sich Niemand merken, was Kahle für Pech gehabt und dieser nahm an, als er Nachmittags mit bedenklichen Schritten nach Jena ging, daß sein „Ungemach" doch ein zufälliges gewesen sei, und beruhigt legte er sich zu Bette.
Da, gegen 11 Uhr, wurde er munter- ein Geräusch vor seiner, Wohnung ließ ihn aufstehen und hinaussehen. Da stand im Mondenscheine die halbe Jenaer Studentenschaft und sang;
„Kahle kommt, Kahle kommt von Jäne, Macht Euch auf, macht Euch auf die Beene!"
Nun wußte er alles. Am anderen Morgen, als er sich in der Stadt sehen ließ, schrie Jedermann Halloh über den Streich und gar lange dauerte es, ehe Kahle es über sich gewann, den Studenten auf die Mensur zu folgen.
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