fU. 231. Zweites Blatt. Sonntag den 4. Oktober 1891
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Auf Theodor Körners Grab Zum 100jährigen Geburtstage des Dichters (23. September 1891).
Von E. o. W t l d e n b r u ch.
Gegangen — nicht vergangen,
Gestorben — doch nicht tobt,
In jeder großen Freude,
In jeder großen Noth
Gewärtig feinem Volke, Lebendig seiner Zeit — Das war der Mann, das ist er,
Dem dieser Kranz geweiht.
Wir legen diese Spende
Dem Sänger auf den Schrein, Es soll ein Gruß dem Jüngling
Von deutscher Jugend sein, Es soll der Kranz verkünden, Daß Deutschland sich bewußt, Daß seine Quellen strömen
In seiner Jugend Brust. —
Gedenkt des großen Erbes,
Gedenkt der großen Pflicht, Ihr jungen deutschen Seelen, Wacht auf und säumet nicht!
Es lagern sich die Wolken Rings um den HtmmelSrand, Es gehen böse Stimmen
Rings durch das Vaterland.
Sie flüstern in die Ohren
Euch fremde wilde Mähr, Sie machen Eure Herzen
Von Glaubens-Hoffnung leer.
Am Grab des deutschen Helden
Gedenkt der heil'gen Zeit, Als Deutschland groß geworden
In Glaubens-Freudigkeit!
Sie wollen Euch vergällen
Den tiefen reinen Trunk, Den Lebensquell der Menschheit:
Heil'ge Begeisterung.
Stoßt aus die Lugpropheten, Kehrt bei euch selber ein —
Wenn Deutschland nicht mehr jung ist, Wird Deutschland nicht mehr sein!
Vermischtes.
♦ London, 25. September. Eine Ausstellung des Elends. Die englische Heilsarmee hat die große Agrikultural- Hall in London gewählt, um dort eine Ausstellung zur Belehrung der Welt über die Armen und die Elenden zu veranstalten unfr zwar im December kurz vor Weihnachten.
Außer den Arbeiten, welche von Solchen, „die der Gasse entrissen" in den gegründeten Heimstätten angefertigt werden, sollen auch wahrheitsgetreue Nachbildungen der jämmerlichen Logis des Londoner Ostends, wo die Aermsten hausen, und der Arbeitshöhlen der Schweißtreiber dem Publikum vorgeführt werden. In der Ankündigung heißt es: „Dies wird eine deutliche Lection für die Welt bieten und wir wollen versuchen, klar zu Gemüthe zu führen, wie schrecklich das Elend des Bettlers Lazarus ist, der vor seiner Pforte kauert im „dunkelsten England".
* Künstlicher Schiffbruch. In dem Seebade Bar Harbor huldigt man einem neuen Sport. Ein früherer Seekapitän hat eine Anzahl alter Boote gekauft, mit denen Schiffbruch gespielt wird. Wer nun gern in den Ruf eines beherzten Mannes kommen will, wer ein nasses Bad nicht scheut und seinem Mädchen durch ein solches Wagstück imponiren möchte, macht gegen Zahlung einer ziemlich hohen Summe eine Fahrt mit. Der Capiän lenkt sein Boot in die See hinaus und läßt es auf dem Rückwege auf einen Felsen fahren. Der Capitän zieht aber doppeltes Geld aus diesem Sport. Gegen Zahlung von einem Dollar gibt er an, wo der Schiffbruch stattfinden soll und jedes Mal finden sich genug Leute, die gern einem solchen realistischen Schauspiele beiwohnen. Für die „Schiffbrüchigen" wird durch eine Lebensrettungs-Mannschaft gesorgt, die gleich mit Rettungsbooten zur Stelle ist. Ein recht aufregender Sport, der aber doch einmal zu einem recht traurigen Ende führen kann.
Landwirthschaftliche Winke und Rathschtägr.
A Slus Oberhefsen, Ende September.
Beiträge zur Bestellung der Herbstsaaten. Ist denn das Alles auch wirklich drum werth, daß man sich eine solche Unruhe macht!? fragen wieder Dutzende von Landwirlhen. Die Unruhe und die Unbequemlichkeit, die Furcht vor dem anhaltenden Denken und das Ueberlegen von ganz neuen Anforderungen sind Dinge, welche ebenso schwierig auszurotten sind, wie das Unkraut. Dieses und Jenes verschlingen dem Bauer alljährlich große Geldsummen und wenn einer denkt, der heutige Bauer könne es machen wie der Bürgermeister von H ... es vor 40 oder 50 Jahren gemacht hat, dann sind sie sehr irre. Der Bürgermeister wurde nämlich von dem Großherzoge, welcher damals das Land durchreiste, gefragt, welche Beschäftigung in seiner Oeconomie ihm am angenehmsten sei. Der Bürgermeister antwortete ebenso aufrichtig als gemüthlich: „Herr Großherzog, eich fühl' mich am wuhlste, wenn eich mich dreimol rundsichherum foatt gegeasse hun, mei' Schnuddelkappe uff de Kopp nehm', mich uff die Ofebank setze und denk' goar naut."
So bequem haben wir es nickt mehr, es muß gedacht und überlegt werden, beim Zackern und Eggen, beim Fahren und Walzen, beim Säen und Mähen. Der Erfolg rechtfertigt dieses
Thun. Nicht weit von dem Einsender wohnt ein Bauer, der etwa 60 Morgen Grundbesitz bewtrthschaftet. In der ersten Hälfte der achtziger Jahre lernte er nach jahrelangem Widerstreben die Anwendung der künstlichen Dungstoffe; das tiefere Pflügen war ihm bisher ein Gräuel, denn er behauptete: der wilde Boden wird ja dadurch gerade herauf geschafft. Daß die Pflanzenwurzeln den guten Boden alsdann besser erreichen und sie sich vortbeilhafter ernähren konnten, wurde ihm erst später klar. Ebenso wurde ihm nachträglich deutlich, daß der wilde Grund durch den Einfluß der Sonne, Regen Schnee und Wind gar brauchbar wurde. Er fand, daß seine Pflanzen tiefer in den Boden eindrangen, sie wurden gesünder und stärker ^unb lieferten eine viel höhere Ernte.
Hiermit ist die Antwort auf die Frage gegeben: Ist es denn auch drum werth, daß man sich diese Last und Mühe macht! Und ob es drum werth ist! Der Mann erntet jetzt auf seinem Gütchen in allen Branchen: Getreide, Futter, Hack- und Knollengewächsen um ! 50 Prozent mehr als vorher. Da ist es doch schon drum werth, } nicht wahr? Die Leute sprechen immer von schlechten Zeiten, be- I merkte der Bauer, indem er seine Wirthschaftsbücher herbeiholte und nachwies, wie er durch intensivere Cultur von Jahr zu Jahr vorankam. Schlechte Zeiten! Das ist dummes Zeug. Unsere Zeiten sind aut, man muß sie nur zu begreifen wissen. Die Arbeiter wollen höheren Lohn und das hat seine Berechtigung, denn Alles ist theurer j geworden, Jedermann muß mehr Zahlungsmittel in Händen haben, ! wenn er etwas kaufen will. Wir selbst aber müssen höhere Erträge ! aus unserem Grundbesitze ziehen, dann können wir dm höheren : Anforderungen entsprechen. Schlecht sind die Zeiten in Bezug auf 5 die DiscipUn und Subordination bei den Menschen. Niemand will { mehr gehorchen. Schlecht sind die Zeiten im Hinblick aus Moral i und Sittlichkeit. Kaum sind die Menschen ein paar Jahre confirmirt, i so kommen sie nach Hause und sind genöthigt zu heirathen. Schlecht ! sind die Zeiten, weil alles von einer bodenlosen Gier nach Genuß 1 und Vergvügen erfüllt ist, weil die Einfachheit der Sitten verlacht, die Bescheidenheit, Demuth — mit einem Worte — die Religion verhöhnt wird. Wer aber auf dem Lande arbeiten will, wer ein Geschäft, z. B. Schneider, Schuhmacher, Sattler, Wagner, das Anfertigen von Frauenkletdern, ein Bauhandwerk u. v. A. richtig versteht, der kann sich prächtig ernähren. Solche Handwerker sind an vielen Landorten so rar, daß man fast nichts gemacht bekommt. Bei uns braucht Niemand zu verhungern, wie es, Gott set's geklagt! in den großen Städten vorkommt. Wir haben mit Mangel an i Arbeitern in allen Ecken und Enden zu kämpfen, besonders fehlen auch die Dimstboten. Wer die buntm Flittern der Städte und ihre seichten Genüsse zu verschmerzen vermag, der komme aufs Land, an Arbeit und Verbimst wird es nicht fehlen.
Wir kehren zu unserer Ackerbestellung zurück! Der vorhergehende Absatz hat nur wenig mit dieser zu thun. Wir denken aber: Der Bauer soll auch manchmal Tagen, wo ihn der Schuh drückt! Zu dieser Aussprache gibt unsere Zeitung stets gerne etwas Raum her und sie verdient sich den Dank vieler kleiner Landwirthe dadurch, welch' letztere mit Befriedigung lesm, wie es bei ihnen steht.
Welche Stoffe sollen wir denn aber den AeLern znführen? fragen viele Landwirthe und bilden sich dabei ein, es müsse ihnen nun für jeden Acker ein besonderes Recept verschrieben werden, wie der Arzt für jeden Kranken ein Recept verschreibt. Dieses Receptverschreiben muß der Bauer selber lernen und er lernt es auch sehr bald, denn es ist gar nicht so schwer, als sich die Meisten anfangs vorstellm. Mit kurzen, klaren Worten läßt sich
Leuilletsn.
Skltssmkeitkn berühmter Menschen.
Von Aug. Scheibe.
(Nachdruck verboten.)
Es gibt kaum einen Gegenstand von allgemeinerem Interesse als das Leben und Wesen bedeutender Menschen. Alles, was in irgend einer Beziehung zu ihnen steht oder gestanden hat, erregt unsere Theilnahme. Die Räume, in denen sie gedacht und gearbeitet, ihr häusliches Leben, ihre Art, zu sprechen und sich zu kleiden, ihre großen und kleinen Eigenheiten, Schwächen, Vorurtheile, Einbildungen sind ebenso oft Gegenstand der Besprechung gewesen, wie ihre hervorragenden Thaten und Fähigkeiten. Es hat einen unbeschreiblichen Reiz, in die vertraute Gesellschaft bevorzugter Geister einzudringen, sie nicht nur in ihren Werken, sondern auch in ihrem Privatleben und in ihren Privateigenschaften kennen zu lernen, ja, nicht selten erhalten Biographien berühmter Persönlichkeiten einen besonderen Zauber durch die Mittheilung anscheinend unbedeutender Einzelheiten. Wer möchte all die kleinen Züge und Vorkommnisse entbehren, welche uns Goethe aus seiner Jugendzeit mittheilt? Wer erinnert sich nicht mit Wohlgefallen des rothen Pelzes der Frau Rath, in welchem der Sohn allen Philistern zum Trotz Schlittschuh lief; wem wäre die schief zugeknöpfte Weste Schillers nicht als ein characteristisches Zeichen seines Wesens interessant? Biche und Phöbe, die Windhunde Friedrichs des Großen, Richelieus Katzen, Jean Pauls Pudel und Napoleons grauer Rock sind uns von Bedeutung, denn sie gehören zu dem Bilde, das uns von jenen Persönlichkeiten vorschwebt.
Ein interessantes Capitel in der Geschichte berühmter Menschen bilden ihre harmlosen Schwächen und viele haben gerade ihren Seltsamkeiten die Popularität im weiten Kreise zu verdanken. Wir erinnern nur hier an den ersten protestantischen Theologen, den im Jahre 1850 in Berlin verstorbenen August Ne and er, dessen sprichwörtliche Zerstreutheit
und Originalität Veranlassung zu zahlreichen Aneedoten gegeben hat. Es ist bekannt, daß er sich eines Tages einbildete, lahm zu sein, weil er auf der Straße, ohne es zu bemerken, mit einem Fuß in der Gosse ging. Als er einst ein jahrelang bewohntes Logis verlassen, weil es zu weit von der Universität gelegen war, und ein näheres, bequemer gelegenes bezogen hatte, ging er täglich hartnäckig an der neuen Wohnung vorüber und wanderte den alten gewohnten Weg. Daß Neander vergaß, irgend ein unentbehrliches Kleidungsstück anzulegen, kam täglich vor, und ohne die Wachsamkeit seiner bei ihm wohnenden Schwester würde er oft im wunderlichsten Costüm ausgegangen sein.
Bude oder Budäus, welchen Erasntus „das Wunder Frankreichs" nennt, war einer der zerstreutesten Menschen. Als eines Tages sein Diener in das Studirzimmer stürzte mit der Meldung, daß das Haus brenne, gab er ruhig zur Antwort: „Sage das meiner Frau, Du weißt, daß ich mich nicht um häusliche Angelegenheiten kümmere."
Lafontaines, des berühmten französischen Fabeldichters, Zerstreutheit grenzte an Blödsinn. Man konnte fast immer versichert sein, daß er eines feiner Kleidungsstücke vergessen oder verkehrt angezogen hatte. Man erzählte, daß er einst mit seinem Sohne, der außer dem Hause erzogen wurde und den er lange nicht gesehen hatte, ein Stelldichein verabredete. An Ort und Stelle angekommen, hatte er jedoch die Verabredung so gänzlich vergessen, daß er seinen Sohn nicht einmal erkannte, sondern, nachdem er sich einige Zeit mit ihm unterhalten, der anwesenden Gesellschaft sein Vergnügen über das angenehme Wesen des jungen Mannes aussprach. Als man ihm sagte, daß es sein eigener Sohn fei, antwortete er freundlich: „Das ist mir ja lieb!" — Einst hatte der Dichter beschlossen, nach Chateau-Thierry zu reisen, um sich mit seiner von ihm getrennt lebenden Frau zu versöhnen. Er fährt in einem Postwagen ab, kommt in feiner Heimath an und geht nach dem Hause seiner Frau, wo ihm der Diener, der ihn nicht kennt, sagt, daß Madame sich in der Messe befindet. Lafontaine geht, um ihre Rückkehr zu
erwarten, zu einem Freunde, bei dem er zwei Tage wohnt, ohne sich des Zweckes seiner Reise zu erinnern, und fährt endlich nach Paris zurück. Als man ihn hier fragt, ob ihm die Versöhnung gelungen, antwortete er wie aus einem Traume erwachend: „Meine Frau war nicht zu Hause- sie war in der Messe." — Ein Zeitgenosse sagt von Lafontaine: „Im Umgänge mit Thieren war er mehr als ein Mensch- im Umgänge mit anderen Menschen aber weniger als ein Mensch."
Sully, der berühmte Minister Heinrichs IV. von Frankreich, litt, wenn neue Reformpläne seinen Geiste beschäftigten, ebenfalls an großer Zerstreutheit. Als er eines Tages im Winter nach der Kirche ging, bemerkte er zu seinem Begleiter, daß es ungewöhnlich kalt sei. „Nicht kälter als alle die letzten Tage," entgegnete dieser, „aber vielleicht haben Sie sich zu leicht angezogen." Als man die Sache näher untersuchte, sand man, daß Sully nichts anhatte als sein Ueberkleid. Alle Unterkleider hatte er vergessen.
Fast bis zur Lächerlichkeit achtsam auf seinen Anzug war der Naturforscher Buffon. Es war sein größtes Vergnügen, sich in glänzende kostbare Stoffe zu kleiden, Spitzen und Juwelen zu tragen. Sein Haar kräuselte er mit besonderer Sorgfalt und trug es, wenn er arbeitete, stets in Papilloten. — Auch der englische Dichter Pope kleidete sich als Dandy und sein ungeheurer Haarbeutel, sein zierlicher Degen und die übertriebenen großen Manschetten gaben seiner kleinen verkrümmten Gestalt das Ansehen eines geputzten Affen. — Vo ltaire schwärmte ebenfalls für elegante Toilette und putzte sich in der auffallendsten Weise. — Petrarca besaß einen ledernen Ueberwurf, auf den er beim Spazierengehen Gedichte schrieb, wenn ihm Papier oder Pergament fehlte. Dieses Kleidungsstück wurde noch im Jahre 1527 vom Cardinal Sadolet als eine kostbare Reliquie ausbewahrt.
(Fortsetzung folgt.)


