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Rt. 126.

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Donnerstag den 4. Juni 1891

Gießener Anzeiger

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2 Mark 50 Pf,.

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Aints- und Anzeigeblatt für den "Krei# Gieszen.

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Anrtli^er Tbsrl.

Gießen, den 2. Juni 1891.

Betr.: Den Abverdicnst uneinbringlicher Feldstrafen vom Jahre 1890/91.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche noch mit der Vollstreckung des Abverdienstes aus der I.VI. Feldrügegerichtsperide 1890/91 im Rückstände sind, werden hiermit an die Erledigung binnen acht Tagen erinnert.

_____________v. Gagern.__________________________

Bekanntmachung.

Seit dem 20. October 1887 ist, um dem Vagantenthum nach Möglichkeit zu steuern, in hiesiger Stadt eine Natural­verpflegungsstation errichtet worden, welche sich bis jetzt be­währt hat. In der Verpflegungsstation wird an die, die Station in Anspruch nehmenden durchreisenden Handwerks­burschen keine Almosen gegeben, sondern den Durchreisenden wird gegen von ihnen zu leistende Arbeit Nachtlager und sonstige Verpflegung in ausreichender Weise verwilligt. Es wird also der drückende Gedanke des Almosenempfangs voll­ständig serngehalten. Zugleich mit der Verpflegungsstation ist eine Arbeitsnachweisestelle bei der unterzeichneten Behörde er- richtet worden und werden die Gewerbetreibenden dahier dringend gebeten, im Bedarfsfälle sich an die genannte Be­hörde zu wenden, um durch Anmeldung ihres Bedürfnisses an Arbeitskräften die \o segensreiche Einrichtung auch ihrer­seits zu unterstützen. Ueberdies können die übrigen Ein­wohner Gießens nicht dringend genug ausgefordert werden, das Almosengeben in ihren Häusern gänzlich einzustellen und die um Almosen Nachsuchenden ab- und an das Polizeiamt zu verweisen.

Gießen, den 2. Juni 1891.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fres enius.___________________

Bekanntmachung.

Droschkenbesitzer Konrad Junker hat die Erlaubniß, eme Droschke mit der Nr. 5 nach Maßgabe des Droschken­reglements für die Provinzial-Hauptstadt Gießen vom 3. August 1878 in Betrieb zu setzen.

Gießen, am 2. Juni 1891.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 2. Juni. In der Vertrauensmänncr-Ver- sammlung des vorgestrigen deutsch-freisinnigen Par­teitages zu Frankfurt a. M., worüber schon berichtet, wurden in den Ausschuß eine größere Anzahl von Mitgliedern gewählt und zwar für Hessen die Herren Reichstagsabgeord­neter Dr. Gutfleisch in Gießen, Notar Wolf in Ober- Ingelheim und Architect Rückert in Darmstadt.

Berlin, 2. Juni. Die von den türkischen Räubern ge­fangene Stangen'sche Reisegesellschaft erfreut sich nach den hierher gelangten Telegrammen, nachdem sie schonend ausaeplündert worden ist, einer verhältnißmäßig guten Be­handlung. Unter den Ausgeplünderten befindet sich auch der Redacteur der freisinnigen WochenschriftNation", Dr. Nathan. Er ist aber nicht mit weggeschleppt worden. Wie dieNordd. Allg Zrg." meldet, hat die Pforte noch gestern der Reichs­regierung ihr tiefes Bedauern über die Gefangennahme und Plünderung deutscher Rcichsangehöriger beim Ueberfall des Orient - Expreßzuges ausdrücken lassen und schnellste und strengste Bestrafung der Räuber zugesichert. Eine entsprechende Anzahl Truppen ist bereits von Konstantinopel abgesandt und man hofft, bereits heute oder morgen der Räuber habhaft zu werden und die Gefangenen zu befreien.

Braunschweig, 2. Juni. In der Stangen' schen Reisegesellschaft, die im Orientzuge überfallen wurde, befand sich auch Bankier Meyersseld mit Frau von hier. Meyersseld telegraphirt aus Adrianopel, daß der Raub- Überfall, die Entgleisung und die Fortführung der Geiseln bei der Station Smekli stattgesunden. Frks. Ztg.

Ausland.

Wien, 2. Juni. An die Wiener Direction der Orient- Lahnen gelangte gestern folgende Depesche:Conven­

tions-Zug 4 (nicht, wie anfänglich gemeldet, Orient- Expreßzug) bei Sinekei von Räubern überfallen. Alle Reisende beraubt, vier Reisende und Locomotivsührer entführt. Betrieb heute wieder ausgenommen."

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Lorrespondenz-Bureau.

Berlin, 2. Juni. Das Abgeordnetenhaus nahm heute in zweiter Lesung die Sperrgeldervorlage mit den vom Reichskanzler v. Caprivi gebilligten Aenderungen an. Bei Berathung der Eisenbahnvorlage sprach sich der Abgeordnete von Limburg^Stirum in Ausdrücken des höchsten Lobes und der Dankbarkeit für das Wirken und die Erfolge des Mini­sters Maybach aus. Minister Maybach dankte und drückte seine Freude darüber aus, mit der Mehrheit der Volksver­tretung im Einvernehmen gewesen zu sein und bat, das ihm geschenkte Vertrauen auch auf feinen Amtsnachfolger zu über­tragen. Im Namen ihrer Parteien sprachen sodann die Ab­geordneten Huene, Eynern und Ritter dem Minister Maybach ihren Dank aus. Hierauf wurde die Eisenbahnvor­lage unverändert angenommen, deßgleichen nach längerer Dis- cussion des Antrag des Abgeordneten Korsch, betreffend das Verbot des Handels mit staatlichen Loosen. Morgen Mitt­woch 11 Uhr nächste Sitzung. Petitionen.

Berlin, 2. Juni. Nachdem der Staatssecretär des Auswärtigen gestern eine längere Unterredung mit dem türkischen Botschafter gehabt, meldete heute ein Telegramm aus Konstantinopel, daß die Pforte die sofortige Zahlung der von den Räubern geforderten 200000 Francs Lösegeld verfügt und der Bankier Israel in Begleitung des Botfchaftsdragomans Eckardt und eines Beamten der otto- manischen Bank bereits nach dem von den Räubern bezeichneten Orte unterwegs sei, um durch Uebergabe des Lösegelds die Gefangenen zu befreien.

Berlin, 2. Juni. In der gestrigen Eröffnungsrede des Colonialraths gedachte der Vorsitzende, Geh. Legations­rath Kayser, der gegenwärtigen wesentlich gebesserten Lage der Colonial-Angelegenheiten, welche zu dem Glauben berech­tige, daß man getrosten Muthes in die Zukunft blicken könne und hob im Einzelnen hervor, daß die Schutzgebiete in West­afrika sich in gedeihlichem Fortschreiten befinden. Wenn auch die Verwaltung des Togogebietes mit allzu geringen Ein­nahmen zu kämpfen habe, so sei doch nach den letzten Be­richten und bei den durch das Abkommen mit England er­worbenen befferen Grenzen aus einen allmählich reicheren Zollertrag zu hoffen. In Kamerun sei der Entfaltung einer kräftigeren Thätigkeit freier Spielraum gegeben. Weniger günstig seien die Verhältnisse der südwestafrikanischen Colonie, aber auch hier öffnet sich dem Blick eine frohere Zukunft,- die letzten Nachrichten lassen das Zustandekommen einer neuen capitalfähigen Gesellschaft hoffen. Die Marfchallinseln schreiten stetig vorwärts, wenn auch langsam, während Neu-Guinea und der Bismarckarchipel trotz der günstigen Vorbedingungen nicht im Stande waren, die dafür aufgewandten Opfer wett zu machen.

Kiel, 2. Juni Se. Majestät der Kaiser machte mit dem Chef der Marinestation, Biceadmiral Knorr, und mehreren Offizieren eine Segelfahrt auf der DachtMeteor". Ihre Majestät die Kaiserin unternahm mit I. K. H. der Prinzessin Heinrich eine Ausfahrt nach Levensau zur Besichtigung der Canalarbeiten.

Kiel, 2. Juni. Se. Majestät der Kaiser kehrte um 1 Uhr Mittags auf der DachtMeteor" von der Segelfahrt hierher zurück und nahm mit Ihrer Majestät der Kaiserin und I. K. H. der Prinzessin Heinrich an Bord des Flagg­schiffesBaden" das Frühstück ein.

Mannheim, 2. Juni. Die Getreide - Arbeiter Mannheims und Ludwigshafens legten die Arbeit nieder, weil mehrere bei dem vor einigen Wochen wegen Lohndifferenzen stattgehabten Strike beseitigte Wortführer von den Oberarbeitern entlassen wurden.

Stuttgart, 2. Juni. DerStaatsanzeiger" meldet: Das Befinden des Königs hat Besserung aufzuweisen. Das Fieber hat heute Morgen aufgehört. Die Unterleibs­störung dauert fort.

Wien, 2. Juni. Der Kaiser Franz Josef nahm heute Mittag am Westbahnhof den von den österreichischen Bahnen gemeinsam beschafften neuen Kaiserzug entgegen. Der Handelsminister und die Präsidenten der einzelnen Eisen­bahnen waren am Bahnhof anwesend.

Wien, 2. Juni. Gestern hielt der Verein zur Ab­wehr des Antisemitismus seine conftituirenbe Ver­sammlung unter zahlreicher Betheiligung ion Vertretern der

Kunst und Wiffenschast. Der Bericht über die Thätigkeit der vorbereitenden Comitös constatirt, daß die Beitrittserklärungen so zahlreich sind, daß der Verein darin einen ersten Sieg erblicken könne. Der Statutenentwurf wird en bloc ange­nommen. Gras C. Zichy, Baron Leitenberger und Hofrath Professor Nothnagel wurden zu Ehrenpräsidenten gewählt. Hofrath Nothnagel sagte: Es muß Licht werden in den Herzen, es muß klar werden in den Köpfen, damit was als Gift und Krankheit unter uns herumschleicht und am Marke des Volkes zehrt, zum Verschwinden gebracht werde.

London, 2. Juni. Aus Saint Jean in Neufund­land wird gemeldet, daß die Unionsregierung ein Panzer­schiff nach der Georgsbai geschickt hat, um eine Untersuchung über die Einmischungen eines französischen Kriegsschiffes in die Rechte der amerikanischen Fischer anzustellen.

London, 2. Juni. In Balmoral, dem gegenwärtigen Aufenthalte der Königin, ist die Influenza unter der Be­dienung des Schlosses aufgetreten.

Rom, 2. Juni. In dem C o n s i ft o r i u m am 4. d. M. wird der Papst den Erzbischöfen Vanetelli und Dunajewski den Cardinalshut übergeben. Darauf findet, wie üblich, die Mundschließung und nach der Präconisirung mehrerer Erz­bischöfe und Bischöfe, darunter eines bayerischen Erzbischofs, die übliche Mundöffnung und Uebergabe des Cardinalsringes an Vanetelli und Dunajewski statt.

Petersburg, 2. Juni. Der Kaiser genehmigte laut Be­kanntmachung das Muster eines neuen kleinkalibrigen Ge­wehrs, der sogenannten Packetbüchse, Patronenmuster und Klammer für die Patronenpackete. Das Gewehr ist eine dreilinige Büchse Muster 1891.Nowoje Wremja" erklärt die Meldungen über eine neuerliche Judenzählung und zunehmende Ausweisung für unbegründet.

Sofia, 2. Juni. Die Eisenbahnverbindung mit Konstantinopel ist wieder hergestellt.

Belgrad, 2. Juni. Als Grund für die Hinausschiebung des Termins für die ursprünglich auf den 1. Juni anbe- raumten Waffenübungen derReserven undMilizen wird in Negierungskreisen Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Landwirthschaft angegeben.

Es wird die Einberufung der Skupfchtina zu einer außerordentlichen Session im Juli wegen der Timok- bahn ventilirt.

Cairo, 2. Juni. Hooker, welcher von der Regierung mit dem Studium der Heuschreckenfrage beauftragt war, meldet, daß der Süden von jungen Heuschrecken überschwemmt und Gefahr vorhanden fei, daß das ganze Delta von dort aus mit überzogen werden könne. Die ernstesten Abwehr­maßregeln sollen ergriffen werden.

Newyork, 2. Juni. In den Böttcherwerkstätten von Palmer u. Compagnie brach um Mitternacht ein Feuer aus, welches sich schnell auf die Dick u. Meyer'sche Zucker­fabrik und die Depots der Newyork-Central- und Pennsyl­vania-Eisenbahn ausbreitete. Mehrere Feuerwehrleute wurden leicht verletzt. Der Schaden wird auf eine Million Dollars geschätzt.

Cocale# unt provinzielles.

Gießen, 3. Juni.

Wegen Vergehens gegen § 176, 3 des Strafgesetz­buchs wurde gestern ein junger Mann verhaftet.

Von dem um 7 Uhr 55 Minuten gestern Abend von hier in der Richtung nach Deutz abgehenden Personenzuge wurde auf der Strecke innerhalb der Gemarkung Gießen einem Bremser ein Bein abgefahren. Der Verunglückte wurde in die Klinik gebracht.

Zmmobilienwechsel. DiePulvermühle" wurde gestern um die Summe von 62,000 Mk. an einen Deutsch- Amerikaner, Herrn Wilh. Scharf, verkauft.

Nach einer Entscheidung des ReichsverficheruugsamtS ist die Beschäftigung von Kochfrauen, die berufsmäßig auf Bestellung zu den Häusern ihrer Kunden gehen und für einen den Lebensunterhalt abwerfenden Lohn ihre Arbeit verrichten, nicht als vorübergehende Dienstleistung im Sinne der Jnvaliditäts- und Altersversicherung anzusehen. Solche Kochfrauen sind daher als versicherungspflichtige Lohn­arbeiterinnen zu erachten. Dagegen sind Botenfrauen, die Aufträge von verschiedenen Personen besorgen und dafür in allen Fällen dieselben auf eigene Rechnung und Gefahr ausführen, nicht versicherungspflichtig, ebensowenig wie die selbstständigen Dien st männer und Kosserträger, deren Betrieb als ein selbstständiges Unternehmen anzusehen ist.

Geschäftsabschlüsse durch Vermittler. Derjenige, welcher sich mit einem Geschäftsvermittler in Unterhandlung über die