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Alle Annoscen-Bureaux bet In- und Auslandes uch««L Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger" entgegen.
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Ventschcr Reich.
Darmstadt, 1. Februar. Der Abg. Dr. Schr öder hat bei der zweiten Kammer den Antrag eingebracht, die Großh. Negierung um Vorlage einer gesetzlich zusammengesaßten, zeitgemäß geregelten Stempel- und Taxordnung, sog. Sportelgesetz, für gewisse indirecte Auflagen und Regalien zu ersuchen.
Mainz, 31. Januar. Das hiesige Centrumsorgan, das ^Mainzer Journal", veröffentlicht soeben einen mit 1400 Unterschriften versehenen „Aufruf" zum Beitritt für den „Volksverein für das katholische Deutschland". Der Inhalt des Ausrufs richtet sich in der Hauptsache gegen die Bestrebungen der Socialdemokratie. Das Eintrittsgeld ist auf 1 Mark pro Jahr bemessen.
Berlin, 1. Februar. Der deutsch-conservative Verein für Schlesien hat beschlossen, die conservative Fraction des Landtages zu einer Interpellation zu veranlassen, um gegen Kohlenringe Einspruch zu erheben, die Errichtung fiskalischer Kohlenlager und die Festsetzung höchster Preise zu fordern.
Ausland
Rom, 31. Januar. Unter den Vorgängen in der Weltpolitik zieht augenblicklich der urplötzlich erfolgte Sturz des italienischen Ministerpräsidenten Crispi die allgemeinste Aufmerksamkeit auf sich. Herrn Crispis parlamentarische Stellung schien durch den für die Regierung so überaus günstigen Ausfall der Neuwahlen zur italienischen Deputirten- kammer für längere Zeit gekräftigt worden zu sein und noch in den letzten Tagen ertheilte ihm die Kammer in einer Frage der inneren Verwaltung ein ausdrückliches Vertrauensvotum. Und saft unmittelbar darauf, am letzten Samstag, fand sich in derselben Kammer bei Berathung eines zoll- und steuerpolitischen Entwurfes eine bedeutende Mehrheit gegen Crispi zusammen und veranlaßte ihn durch ihr Votum zum Rücktritt — fürwahr ein verblüffender Scenenwechsel! Indessen geht aus den Meldungen über den Verlauf der verhängniß- vollen Sitzung doch hervor, daß Crispi an seiner parlamentarischen Niederlage zum guten Theil selbst mit die Schuld trägt. In ungemein scharfer und verletzender Weise griff er die conservative Rechte an, und machte er den früheren eonservativen Ministerien namentlich den schweren Vorwurf, sie hätten sich in Servilismus gegenüber dem Auslande ergangen. Diese Anschuldigungen riesen auf der Rechten die stürmischsten Proteste hervor und als es zur Abstimmung über die vom Abg. Willa beantragte und von der Regierung
angenommene einfache Tagesordnung kam, da schlugen sich die erbitterten Gruppen der Rechten aus die Seiten der radical - irredentiftischen Opposition, und mit 186 gegen 123 Stimmen wurde die Tagesordnung abgelehnt. Sofort begab sich Crispi zum Könige und überreichte ihm das Entlassungsgesuch des Gesammtcabinets, welches der Monarch inzwischen wohl auch angenommen haben dürste. Nachrichten aus Rom bezeichnen die so entstandene Cabinets-Crisis als eine sehr schwere und das begreift sich wohl, denn für Herrn Crispi einen geeigneten Ersatzmann zu beschaffen, ist eine höchst schwierige Aufgabe - deshalb sind auch all die auf» getauchten Meldungen über die vermuthliche Zusammensetzung des neuen italienischen Ministeriums nur mit Vorsicht aufzunehmen. Wer aber auch schließlich an Stelle Crispis zum leitenden Staatsmann Italiens ernannt werden mag, so steht doch jedenfalls so viel fest, daß auch der neue italienische Ministerpräsident an der auswärtigen Politik seines Vorgängers und also auch am Dreibund wird festhalten müssen, eben, weil diese Politik den wahren Interessen Italiens Rechnung trägt. Diese Empfindung spiegelt sich sogar in französischen Blättern wider- obwohl dieselben den Fall Crispis übereinstimmend bejubeln, so meint doch der Pariser „National", die Tripelallianz werde auch ohne Crispi fortbestehen, während die meisten übrigen Pariser Zeitungen der Anschauung sind, der Rücktritt Crispis bedeute einen empfindlichen Stoß für den Dreibund. Nun, hoffentlich wird der „National" mit feiner Ansicht recht behalten!
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Neueste Nachrichten.
WolstS telegraphisches Lorrespondenz-Bureau.
Berlin, 2. Februar. Die Abendblätter veröffentlichen ein Schreiben des Stadtkommandanten Grafen Schliessen, worin derselbe die Zeitungsnachricht, daß er im Auftrage Sr. Majestät des Kaisers auf dem Berliner Preßballe erschienen sei und das Bedauern des Kaisers überbracht habe, daß Allerhöchstderselbe nicht selbst erscheinen könnte, für vollständig erfunden und in jeder Beziehung für unwahr erklärt.
Berlin, 2. Februar. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Dienstentlassung des Reichsgerichtspräsidenten Sim- son, sowie die bereits bekannt gewordenen Ernennungen Oehlenschlägers zum Reichsgerichtspräsidenten, Bosses zum Staatssecretär des Reichsjustizamts und Bevollmächtigten zum Bundesrath, R ottenburgs zum Unterstaatssecretär im Retchsamt des Innern und Görings zum Vortragenden Rath in der Reichskanzlei.
Berlin, 2. Februar. Die Sitzungen des Deutschen Landwirthschastsraths sind heute unter Vorsitz des
Grasen Lerchenfeld-Köfering eröffnet worden. In seiner Begrüßungsrede erklärte der Minister für Landwirthschast rc., von der Heyden, die verbündeten Regierungen beabsichtigten keineswegs, die Landwirthschast schädigend zu belasten, wenn auch deren Entschließungen möglicherweise durch die Interessen der inneren Politik beeinflußt werden könnten. (Lebhafter Beifall.) Zum Vorsitzenden wurde v. Hammerstein-Loxten gewählt.
Kiel, 2. Februar. Mannschaften der Matrosenartillerie- Abtheilung haben heute die 400 Meter breite Eisbarre vor Friedrichsort durchbrochen, so daß eine Fahrrinne für Dampfer eröffnet worden ist.
Paris, 2. Februar. Die Commission des obersten Colonialrathes beschloß, der Staat solle eine Controle und Ueberwachung der Thätigkeit der großen Colonialgesellschaft e n durch einen Commiffar ausüben- ferner solle der Staat die Gesellschaften ermächtigen, Arbeiter aus benachbarten Strafcolonien zu Handarbeiten zu verwenden.
Rom, 2. Februar. Die „Riforma" glaubt, die Äußerungen Crispis in der Sonnabends-Sitzung der Kammer hätten nur den Vorwand für das Demissionsgesuch desselben gebildet. Der wahre Grund liege in verschiedenen und mehrfach vorausgesehenen Umtrieben, denen Crispi, obschon er gewußt, daß er darüber stürzen könne, habe Trotz bieten wollen.
Barcelona, 2. Februar. Bei den hiesigen Wahlen kamen gestern mehrere Ruhestörungen vor. Ein Hause von Personen drang in die Wahllocale ein und zerbrach die Urnen. Mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen.
Brüssel, 2. Februar. Die Militärbehörde betreibt die Untersuchung über die Vorgänge innerhalb der Brüsseler Garnison eifrigst. Die Schuldigen werden streng bestraft werden. Die Entlassungsbefehle gegen die Milizsoldaten waren bereits unterzeichnet, wurden aber infolge der gestrigen Vorgänge vom Kriegsminister zurückgezogen.
Madrid, 2. Februar. Nach officiellen Berichten über die Wahlen sind von 417 Deputirten nur 120 Oppositionelle gewählt. Die alten Parteiführer und die Minister wurden wiedergewählt, so z. B. Castelar in Huesca, Zorilla in Barcelona, Pimagall in Barcelona und Valencia. Salmeron und Martos unterlagen.
Oporto, 2. Februar. Der Transportdampfer „Jndia" ist mit Truppen hier eingetroffen. Die Militärgerichte treten demnächst in verschiedenen, dem Rathhause benachbarten Häusern zusammen. Es wurden 225 Gewehre aufgesunden, welche die Aufständischen aus der Flucht zurückgelassen haben. Die meisten Verwundungen sind beim ersten Zusammenstöße
Feuilleton.
Vater Alexei, der Pope.
Eine russische Geschichte von Friedrich Meister.
(6. Fortsetzung.)
tzr täuschte sich nicht. Weder die verzweiflungsvollen Bitten noch die heißen Thränen seiner Mutter vermochten den jungen Nihilisten zu bewegen, an feinen Kameraden zum Ver- räther zu werden, und so geschah es, daß der Prozeß gegen die jugendlichen Verschwörer mit deren Verurteilung zum Tode endete.
Nach dem russischen Strafgesetz darf ein verurteilter Nihilist von dem Tage des Spruches bis zu dem Moment der Execution keinen seiner Angehörigen mehr sehen, dennoch aber gelang es dem Einfluß des Obersten Iwan Kaloff, für Marfa Hermann die Erlaubniß auszuwirken, ihren Sohn «och einmal an ihr Herz drücken zu dürfen, unter der Bedingung jedoch, daß er, der Polizeipräsident, selber bei der Zusammenkunft der beiden gegenwärtig sei und für alles hafte.
Am Tage vor der Hinrichtung der gefährlichen Staatsverbrecher erschien Iwan Kaloff in der Wohnung der Wittwe. Dieselbe saß am Fenster und starrte mit verweinten Augen nnb gänzlich abwesend hinaus. Der Oberst ging auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Marfa Michajlowna," sagte er mit weicher Stimme, //willst Du Dein Kind noch einmal sehen?"
. „Mein Kind! Meinen August?" rief sie aufspringend. „Wo — wo ist er?"
Dabei blickte sie wie verstört im Zimmer umher.
„Er ist nicht hier," entgegnete der Oberst sanft. „Aber Du kannst mit mir gehen und ihn besuche«."
„O, Iwan, wie gut bist Du!" schluchzte die Wittwe. "Wie soll ich Dir das danken?"
Und in ihrer Freude schloß sie den hohen Beamten in ihre Arme.
Der Oberst machte sich heftig von ihr los, dann aber faßte er sich wieder und sagte gütig: „Nun, willst Du mit mir kommen?"^
Sie nahm ihr Tuch und folgte ihm auf die Straße.
Es war im Hochsommer und durch die offenen Fenster der Gefängnißhalle kam von dem weiten, steingepflasterten Hofe her das Geräusch vieler Schritte. Die beiden großen eisernen Oefen in der Halle waren kalt und bestäubt und der ganze Raum sah unheimlich nackt und öde aus. Im dunklen Hintergründe öffnete sich eine Thür und August Augustowitsch wurde, ohne Fesseln und in seinem grünen Studentenrock, von zwei Gesängnißwärtern seiner Mutter entgegengeführt. Die Wittwe eilte mit einem leisen Wehschrei auf ihn zu und preßte ihn an ihr Herz.
„Setze Dich zu mir auf die Bank," sagte sie dann- der Oberst Kaloff, der bis jetzt dort neben ihr gesessen hatte, stand auf und trat langsam auf die Seite. Nur die beiden Wärter blieben in der Nähe und schauten nicht ohne Rührung zu, wie die Mutter von ihrem Kinde Abschied nahm.
Die Gefangenen draußen im Hofe hatten inzwischen ihren vormittäglichen Spaziergang beendet und wurden nun wieder hereingesührt. An der Spitze der langen Reihe ging ein alter Mann. Sein Haar und fein Bart waren schneeweiß, die Jahre hatten ihn tief gebeugt und aus dem bleichen, abgezehrten Greifenantlitz sahen ein Paar hellblauer Augen stumpf und ausdruckslos auf den Polizeipräsidenten, welcher der Mutter mit dem Sohne den Rücken zugewendet hatte und die quer über die Halle ziehenden Gefangenen beobachtete. Der alte Mann ging bis an das Ende des weiten Raumes, dann drehte er sich um und erhob die Hände gegen seine Genoffen, als spende er ihnen den Segen. Dieses Gebühren des Alten erregte Iwan Kaloffs Aufmerksamkeit.
„Wer ist jener Sträfling?" fragte er einen der ihm zunächst befindlichen Gefangene».
„Das ist der Vater Alexei, Väterchen," antwortete ber Mensch, sich tief verneigend. „Sie sagen, daß er früher ehr Priester gewesen sei. Ob es wahr ist, weiß ich nicht, oberer kann lesen und schreiben und auch beten habe ich ihn gehört, ganz wie der Pope, der ab und zu ins Gefängniß zu uns kommt."
„Weßwegen ist der Alte hier?" fragte der Oberst weiter. Sein Gesicht war bleich geworden.
„Ich weiß es nicht, Väterchen, aber sie sagen, daß er vor vielen Jahren einen Menschen getödtet habe.
„Wie lange ist das her?"
„Das weiß ich nicht, Väterchen. Er ist länger hier im Gefängniß als alle andern. Peter ist dreizehn Jahre hier, Vater Alexei aber war schon vor ihm da. Soll ich den Peter rufen, Väterchen?"
Der Oberst schüttelte heftig den Kops und trat zurück. Der alte Gefangene also war jener Priester, der hier unschuldig die Strafe erlitt für den Mord, den er selber begangen ! Iwan Kaloff erschauerte.
Sein Kopf schwindelte und es brauste ihm dumpf in den Ohren. Er ging auf die Bank zu, wo Marfa und ihr Sohn saßen - eine schwarze Wolke legte sich vor seine Augen, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, die Beine versagten ihm den Dienst, er schwankte und wäre gegen den Ofen gefallen, wenn August Augustowitsch nicht hinzugesprungen wäre und ihn gestützt hätte. Dann schwanden die Sinne.
Als er wieder zu sich kam, lag er auf der Bank und um ihn her standen der Gouverneur des Gefängnisses unk eine Anzahl von Beamten und Polizisten. Im Hintergründe drängten sich noch immer die Gefangenen. Unmittelbar vor ihm aber, zwischen zwei Polizisten hindurchlugend, stand der alte Mann mit dem weißen Haar und dem weißen Bart.
(Schluß folgt.)


