Ausgabe 
4.1.1891 Zweites Blatt
 
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Nr. 3. Zweites Blatt. Sonntag den 4. Januar

1891.

Gießener Anzeiger

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Amtlicher» Theil.

Bekanntmachung.

Unter Bezugnahme aus die Bekanntmachung im Anzeige- Llatt Nr. 299 von 1887 wird nachstehende Bekanntmachung der Reichsversicherungsamts vom 24. November 1890 hier­durch zur öffentlichen Kenntniß gebracht.

Gießen, den 29. December 1890- Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Bekanntmachung,

die Ausführung des Bauunsallverficherungsgesetzes vom 11. Juli 1887, hier den Prämientarif der Heffen-Naffauischen Bangewerks-Berussgenossenschast, sowie der Tiefbau-Berufs' genoffenschaft betreffend.

Den nachstehenden Auszug aus einer Bekanntmachung des Reichsverstcherungsamts vom 24. November 1890 bringen wir mit Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 13. De­cember 1887, betreffend die Ausführung des Bauunfallver- sicherungrgesetzes rc. (Regierungsblatt von 1887, 2. Theil, Beilage Nr. 31 <5- 225), zur öffentlichen Kenntniß.

Darmstadt, den 28. November 1890.

Großherzogltches Ministerium des Innern und der Justiz.

Finger. Fey

Bekanntmachung, betreffend die Prämieutarife Mr die Verficherungsanstalten der Tiefbau'Berufsgenoffenschast und der ausschließlich vom Reichs'Berficherungsamt reffortirenden Baugewerks'Berufs' genoffenschasten (tz 24 des Bauunsallverficherungsgesetzes vom 11. Juli 1887).

Vom 24. November 1890.

Auf Grund des § 24 des Bauunsallverficherungsgesetzes vom 11. Juli 1887 (Reichsgesetzblatt Seite 287) wird nach Anhörung der betheiligten Genossenschaftsvorstände Folgendes bestimmt:

A. Die durch die Bekanntmachung vom 10. December 1887 (Reichs - Anzeiger Nr. 293 vom 14. December 1887 2. Beilage, Amtliche Nachrichten des R-V.-A. 1888 Seite 21 ff.) festgesetzten Prämientarife für die Versicherungsanstalten rc. rc.

6. der H.-ffen-Nassauischen Baugewerks-Berufsgenoffenschast, rc. rc.

sowie der durch die Bekanntmachung vom 18. Aprll 1889 (Reichs-Anzeiger Nr. 96 vom 20. April 1889, Centralblatt

für das Deutsche Reich 1889 Seite 275, Amtliche Nachrichten des R.-V.-A. 1889 Seite 309) festgesetzte revidirte Prämien- tarif sür die Versicherungsanstalt

rc. rc.

10. Der Tiefbau-Berufsgenossenschaft

bleiben vom 1. Januar 1891 ab für die nächsten drei Jahre vorbehaltlich anderweiter Festsetzung noch vor Ablauf dieser Zeit in Geltung, rc rc.

II. Bei der Tiefbau-Berussgenoffenschast wird für die­jenigen Arbeiten, welche in die Gefahrenklasse C gehören (sämmtliche Sprengarbeiten, Stollen- und Schachtbau), der Lohnprocentsatz von 8 auf 5 Procent und somit der auf jede angesangene halbe Mark des in Betracht kommenden Lohnes entfallende Prämienbetrag von 4 auf 2y2 Pfennig ermäßigt, rc. rc.

Berlin, den 24. November 1890.

Das Reichs-Versicherungsamt.

(gez.) Dr. Bödiker.

Bekanntmachung.

7,0100 2,3310 0,3042 1,5044 6,0545 2,7727

3,0016 21,8154

6,8408 13,3963 23,5500

2,5583 1,5227 4,2850

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Nachstehend veröffentlichen wir das Ergebniß einer von dem hiesigen chemischen Untersuchungsamt vorgenommenen Untersuchung des von R. Multhaupt & Co. in Hamburg mit großer Reclame in den Handel gebrachten, auch in hiesiger Stadt erhältlichenOzalin (geruchloses Desinfectionspulver)".

In hundert TheilenOzalin" find enthalten: Feuchtigkeit .

Sand ....

Eisenoxyd Thonerde Aetzkalk Kohlensaurer Kalk. Phosphorsaurer Kalk Schwefelsaurer Kalk Kohlensäure Magnesia . Magnesia Schwefelsaure^Magnesia Chlorkalium . Chlornatrium Schwefelsaurer Natron . Unterschwefiigsaures Natron 2,5531 Da von allen diesen Bestandtheilen höchstens das unter­schwefligsaure Natron als schwachwirkendes Mittel für Des- infectionszwecke in Betracht kommen könnte und da auch dieses nur in fast verschwindender Menge in demOzalin" enthalten ist, da ferner dasOzalin" aus Leben und Vermehrung von Batterien und Bacillen erwiesenermaßen keinerlei Wirkung übt, fo, muß dasselbe als ein für De-infeetion-zwecke gänzlich werthloseS Pulver bezeichnet werden.

DasOzalin" erhöht nicht den Wetth des Düngers und beseitigt nicht den Geruch von Abfallstoffen (Fäcalten), wie aus seiner Zusammensetzung ersichtlich und wie Versuche ergeben haben. In feuchtem Zustand wirkt es geradezu ätzend, da es stark alkalisch und daher auch nicht ungiftig ist. In Wasser ist es nur theilweise löslich, 61,16 Theile bleiben ungelöst zurück. Es darf mit Wahrscheinlichkeit angenommen werden, daß das angepriesene Mittel Abfallproduct irgend einer Fabrikation ist, welches unter dem NamenOzalin" verwetthet werden soll.

Darmstadt, den 13. December 1890.

Großherzogliches Polizeiamt Darmstadt. Morneweg.

Die politischen und wirthschsftlichen Aussichten im neuen Jahre.

Alle Welt ist im Allgemeinen darüber einig, daß die politischen Aussichten, soweit sie die Erhaltung des äußeren und inneren Friedens betreffen, im neuen Jahre sehr günstig sür Europa und ganz besonders günstig für unser großes Vaterland sind. Dle führenden Großmächte stimmen gegen­wärtig in ihren Bemühungen, den Weltfrieden zu erhalten, in seltener Weise überein und die Kriegsparteien wagen sich fast gar nicht mehr an das Tageslicht. Zweifellos ist dies ein Verdienst der Friedenspolitik des Dreibundes, den die geniale Staatskunst des Fürsten Bismarck schon unter Kaiser- Wilhelm I. geschaffen hat und der unter dem thalkräftigen: Kaiser Wilhelm II. wiederholt befestigt und erweitert wurde. So gesichert wie bgr Weltsriede unter der Friedenspolitik der' drei verbündeten Großmächte und der ebenfalls dem Frieden zugeneigten Politik Englands, Rußlands und Frankreichs gegenwärtig erscheint, ebenso gesichert darf man auch die maß­gebenden Staaten Europas vor inneren Revolutionen halten, denn Ordnung, Disciplin und Heeresmacht sind in den euro­päischen Großstaaten so gewaltige Machtfactoren, daß revolu­tionäre Bewegungen, wenn sie sich wirklich hervorwagen sollten, unbedingt im Keime erstickt werden müssen.

Die politischen Aussichten im neuen Jahre sind also vorzüglich und werden wahrscheinlich auch durch bevorstehende parlamentarische Kämpfe in keinem Lande beeinträchtigt wer­den. Was indessen die wirthschastlichen Aussichten Europas im Allgemeinen und Deutschlands im Besonderen anbetrifft, so kann man dieselben leider nicht so sehr günstig bezeichnen, denn nicht nur gegenwärtig, sondern bereits seit Jahren ist die wirthschaftliche Entwickelung durch eine ganze Reihe un­günstiger Umstände gehemmt und benachtheiligt worden. Auf eine Periode großen wirthschastlichen, zumal industriellen Hochganges erfolgte naturgesetzlich auch eine solche des Rück­ganges, in welcher wir uns offenbar noch befinden. Dazu

4 Feuilleton.

Anter der Erde.

Novelle von Zos v. Neuß

(Fortsetzung.)

wurde viel geredet und noch mehr getrunken, ehe rnan zu einer Einigung gelangte. Endlich, nach zweistündigem Durcheiuandersprechen, Ruhegebieten und Wiederbeginnen der Rede gelangte man zu einer Einigung, die sofort protokollirt wurde. Auf den bierüberflutheten Schenktisch steigend, verlas Bernhard Kahlsen beim Scheine der im dichten Tabaksqualm matt brennenden Lampe mit Stentorstimme:

Es wird hierdurch öffentlich bekannt gemacht, daß sämmtliche Arbeiten auf GrubenzecheIdnna" von dem dortigen gesummten Arbeiterpersonal am Montag den 23. Mai eingestellt werden. Die Bedingungen zur Wiederaufnahme der Arbeiten sind folgende:

1- Lohn für Häuer pro Schicht 3 Mk. 50 Pfg. -

2- Lohn für Schlepper und Handlanger 3 Mk.,-

3» Abschaffung sämmtlicher Nebenarbeiten, Ueberstunden und Beischichten,-

Deputartohle erster Qualität-

5. Transport des Grubenholzes bis zur Arbeitsstelle, Zahlung von Holzschneidegeld nach Vereinbarung.

Gleichermaßen war Montag auf riesengroßen, am Sonn­tag gedruckten und während der Nacht angeschlagenen Plakaten auf der Zeche zu lesen.

II.

Der Häuer Wilhelm Harras bewohnte eines der hübschen Hemeu Backsteinhäuser, welche Commerzienrath Vogelsang mr {eine Arbeiter hatte erbauen lassen. Es war vielleicht

sogar das hübscheste, denn es lehnte mit der Seitenwand an einen Eichenkamp, der in dieser Gegend der rothen Erde zu den Seltenheiten gehörte. Vorn befand sich ein niedliches Vorgärtchen mit kleinen, buxbaumumsäumten Blumenbeeten, auf denen soeben Narzissen und Tulpen blühten. Eine wohl- gepflegte Buchenlaube, die der Häuer beim Beziehen des Häuschens selbst angelegt hatte, fing bereits an, Schatten zu geben. Die Wege waren mit gelbem Sande bestreut und wurden von der Haustochter ebenso wie das ganze Blumen­gärtchen sehr sauber gehalten. Hinter dem Hause befand sich ein Gemüsegarten, mit damenbrettartig abgetheilten Beeten, welche in der Pflege der Hausmutter für die Küchenbedürf­nisse des Haushalts sorgten. Ein anschließendes Stück Wiese lieferte den Bedarf für die Ziege, die neben einem grunzenden Borstenvieh zum Hausstand des Häuers gehörte. Da Frau Harras aber eine speeulative Frau war, hatte sie in einem ihrer beiden, nach der Straße belegenen Zimmer einen kleinen Laden eingerichtet. Es war eine sogenannteNahrung" und enthielt alles, was zum Hausstand des Grubenarbeiters ge­hörte, an Victualien und anderen Gegenständen. Die Deco- ration des Schaufensters bildeten Vorhänge, welche aus reihenweise aufgehängten Gesäßledern bestanden, darunter war eine Pyramide von Broden und Reihensemmeln ausgerichtet, die mit selbstgefertigten Würsten verziert war. Darüber be­fand sich ein Plakat in Form eines weißen Zettels, auf welches der sechzehnjährige Fritz, der Kalligraph der Familie, im Auftrage der Mutter geschrieben hatte:Unseren Kunden wird Samstag Abend ein Stück Waschseife gratis verab­reicht." Dieser Freigebigkeit gegen die heimkehrenden berußten Kameraden des Gatten verdankte Frau Harras zumeist das Emporblühen desGeschäfts".

Droben auf dem Hausboden, dicht neben dem gleichfalls von Fritz angelegten Taubenschlage, befand sich Annas Schlaf­

kammer, die sie heute mit Trina Tienken aus Eschershauseir theilte. Die Mädchen waren beim Auskleiden und lachten über alles und nichts, und schwatzten von dem morgenden Sonntag, dem schönen Wetter, dem neuen Hefenkuchen und den Liebhabern. Anna machte dabei ganz wie eine Dame sorgfältige Nachttoilette und kämmte und flocht ihr schönes dunkelblondes Haar vor dem kleinen Spiegel, der, getroffen von der Petroleumlampe, fast blendend hell ins Zimmer hineinblitzte, als freue er sich der Bestimmung, das Bild des schönsten Mädchens der Umgegend zurückstrahten zu dürfen. Als sie die Nachttoilette beendet hatte, zog sie ein goldenes Medaillon mit einer Photographie aus einem Kasten und hielt es stolz und freudig der Freundin entgegen.

Das Bild hat er mir gestern geschenkt," sagte sie triumphirend,ich werde es künftig auf dem Herzen tragen."

Guck mal einer an," sagte die praktische Trina,ein echt goldenes Medaillon! Hat er Dir auch schon den Ring gegeben ?"

//Den Ring nein!" gestand Anna,ich wünschte auch nur sein Bild zu haben, damit er immer bei mir ist."

Ein Ring gehört aber auch dazu, wenns ein richtiger ordentlicher Verspruch sein soll," beharrte Trina.Laß ihn Dir nur geben."

Behüte wo könnte ich so etwas sagen! Auch weiß ich, wie heiß er mich liebt!" sagte Anna und küßte entzückt ihr Medaillon.

Ist alles ganz gut und schön, aber sicher ist sicher!" meinte Trina, indem sie ins Bett stieg und die rothgewürfelte Federdecke bis an die Ohren zog. Dann, sich wieder frei machend, rief sie ins andere Bett hinüber:Du wirst mirs hoffentlich nicht verübeln, Antje, daß ich so dreist von ber. Leber weg spreche? 'S ist justament meine Meinung."