Nr. 230 Samstag den 3. October 1891
Ster rtftbnnt täglich, n« UuSuohm« des Moma-s.
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Arntliichrv Theil.
Gießen, den 1. October 1891. Betr.: Den Wiesengang.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
a« die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Nach Art. 7 der Wiesenpolizeiordnung ist in diesem Monat der Wiesengang von den Wiesenvorständen unter Zuziehung der Feldschützen und Wiesenwärter vorzunehmen.
Wir beauftragen Sie deshalb, dieselben hierzu baldigst auszusordern und uns die über den Wiesengang aufzunehmenden Protokolle bis längstens 2O/£)cto6er d. I. vorzulegen.
In diesen Protokollen haben die Wiesenvorstände, was Sie denselben noch besonders eröffnen wollen, hauptsächlich solgende Punkte aufzunehmen:
1) ob die Anordnungen, welche sie bei dem letzten Wiesengang getroffen haben, befolgt worden sind und welche nichts
2) welche Anordnungen von den Wiesenvorständen zur Beseitigung der bei dem diesmaligen Wiesengang vorgefundenen Mängel von ihnen getroffen worden sind oder oorgeschlagen werden- hierbei wird den Wiesenvorständen besonders empfohlen, ihr Augenmerk namentlich auch auf die Reinigung der Wiesen von Gestrüpp, Gesträuch, Moos re., auf die Entfernung der Herbstzeitlosen, des Erdauswurfs aus den Be- und Entwässerungsgräben, auf die Verebenung der Maulwurfshügel und dergleichen und aus die Unterhaltung der Be- und Entwässerungsgräben zu richten und hierbei nach den bestehenden Bestimmungen zu verfahren -
3) Verbessernngsvorschläge in Bezug aus größere Wiesenfluren, namentlich solche, zu deren Ausführung die Bildung von Wassergenossenschaften nach dem Gesetze vom 30. Juli 1887 über die Bäche und nicht ständig fließenden Gewässer (Regierungs-Blatt S. 159) erforderlich ist.
Zu Nr. 2 erläutern wir, daß Sie in der Regel, insofern kein besonderer Anstand vorliegt, jedem der betreffenden Wiesenbesitzer speciell eröffnen wollen, welche Mängel der Wiesenvorstand vorgefunden hat und daß diese Mängel binnen der vom Wiesenvorstand zu bestimmenden Frist so gewiß zu beseitigen wären, als sonst die nöthigen Herstellungen aus Kosten der Säumigen angeordnet würden. Nach fruchtlosem Ablauf der gesetzten Frist wollen Sie nach Anhörung des Wiesenvorstandes weitere Anträge stellen. Jedenfalls sind die von Ihnen getroffenen Anordnungen in den von Ihnen cinzusendenden Protokollen einstweilen zu erwähnen.
Das Protokoll über den Rundgang ist von allen Theil- nehmern zu unterzeichnen. War ein Mitglied des Wiesen- vorftandes verhindert, am Rundgange Theil zu nehmen, so ist dieses am Schlüsse des Protokolles zu bemerken.
Sollte der Wiesenvorstand, der außer dem Großherzoglichen Bürgermeister oder Beigeordneten, mindestens noch aus zwei Ortseinwohnern, welche Wiesen besitzen oder solche zu benutzen oder zu verwalten haben, bestehen soll, nicht mehr- vollständig sein, so wollen Sie den Gemeinderath wegen Ergänzung des Wiesenvorstandes vernehmen und uns die Anträge des Gemeinderathes in besonderer Verhandlung vorlegen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. October. Am verflossenen Mittwoch, den 30. September, vollendeten sich achtzig Jahre, daß die hochselige Kaiserin Augusta, die erste Kaiserin auf dem Throne des neuen deutschen Reiches, geboren wurde. Anläßlich dieses Gedenktages sand für die verewigte Fürstin am Mittwoch ein Gedächtnißgottesdienst in der Schloßcapelle zu Karlsruhe statt, welchem das Großherzogliche Paar und das Erbgroßherzogliche Paar von Baden, sowie der preußische Gesandte nebst Gemahlin beiwohnten.
— Ein Gedenktag anderer Art fiel ebensalls auf den 30. September d. I. An ihm war ein Jahr seit Aushebung des Socialistengesetzes vergangen, aus welchem Anläße sich in der Tagespresse vielfach Vergleiche zwischen der Zeit des Socialistengesetzes und dem nachfolgenden Zeitabschnitt vorfinden. Im Allgemeinen wird hierbei darauf hingewiesen, daß sich bis jetzt weder die Besorgnisse, noch die Hoffnungen, welche an die Beseitigung des Socialistengesetzes geknüpft wurden, voll erfüllt hätten, und wird weiter betont, daß deshalb die eigentlichen Wirkungen dieser Maßregel noch abgewartet werden müßten.
Dresden, 30. September. Seine Majestät der König
j hat dem „Dr. I." zufolge angeordnet, daß dem 1. (Leib-) Grenadier-Regiment Nr. 100, dem 5. Infanterie-Regiment „Prinz Friedrich August" Nr. 104, dem 8. Infanterie- Regiment „Prinz Johann Georg" Nr. 107, dem 2. Jäger- Bataillon Nr. 13, dem 1. Königs-Husaren-Regiment Nr. 18 und dem 1. Feld-Artillerie-Regiment Nr. 12, welche im Feldzuge 1870/71 feindliche Geschütze erobert haben, zur I Erinnerung an diese heldenmüthigen Waffenthaten je eine der von der' Kriegsbeute noch vorhandenen französischen Mitrailleusen überwiesen werde.
Caffel, 30. September. Die 5. Generalversammlung des Evangelischen Bundes beschloß an Se. Majestät den Kaiser folgendes Huldigungstelegramm zu senden: „Ew. Kaiserlichen und Königlichen Majestät bringt die in Cassel tagende 5. Generalversammlung des Evangel. Bundes ihre allerunterthänigste Huldigung dar. Bei den schweren Gefahren, welche unser Volk in seinen heiligsten Gütern bedrohen, weiß sich der Evangelische Bund mit Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät hochherzigem Bestreben freudig eins, durch mannhaftes Bekenntniß zu dem lebendigen Gott und seinem eingeborenen Sohn, dem alleinigen Gründer unseres Heils, der Verblendung zu wehren und durch festes Eingreifen in die so vielen Schäden der Zeit von der Macht der christlichen Liebe Zeugniß zu geben. Gott schütze, Gott stärke, Gott segene Eure Kaiserliche und Königliche Majestät zum Heile der Kirche und des deutschen Vaterlandes!" Auch an Ihre Majestät die Kaiserin wurde auf Beschluß der Versammlung ein Huldigungstelegramm gerichtet. — Die heutige Hauptversammlung eröffnete im Namen des Centralvorstandes Graf Wintzingerode mit einer längeren Ansprache. General-Superintendent Lohr begrüßte die Versammlung im Namen des Kirchenregiments, Bürgermeister Kloeffler im Namen der Stadt Cassel und Professor Achelis im Namen der theologischen Facultät der Universität Marburg. Fernere Grüße gingen ein von dem Centralausschuß der inneren Mission, dem evangelisch socialen Congreß und dem evangelischen Arbeiterverein. Der Generalvicar der deutschen Altkatholiken, Professor Weber-Breslau, hielt ebensalls eine Begrüßungsrede.
Ausland.
Paris, 30. September. Den von der Kammer genehmigten Vorlagen gemäß stehen bedeutende Vermehrungen der französischen Infanterie bevor. Darunter befindet sich ein neues in Nimes am 15. October zu errichtendes Regiment, das die Nummer 163 führen wird. Es wird aus Compagnien des 15. und 16. Corps zusammengestellt.
Nesrsfts
WolftS telegraphisches TorrespouLenz-Burran.
Berlin, 1. October. Der internationale Stenographentag wurde durch den Geheimen Regierungsrath Blonck eröffnet. Als Vertreter des Cultusministers waren Unterstaatssecretär Weyrauch und Geheimerath Wehrenpfennig anwesend, ferner der sächsische Bundesbevollmächtigte Oberst Schlieben. Der Kaiser, der Reichskanzler und Minister Miquel ließen unter Zusicherung ihres lebhaften Interesses ihr Bedauern ausdrücken, am Erscheinen verhindert zu sein. Zu Beisitzern des Präsidiums wurden Potin-Paris, Walpole- London, Alteneder - Passau berufen. Zahlreiche Ausländer überbrachten Grüße ihrer Landsleute. Wiemer-Berlin sprach über die öffentliche Werthschätzung der stenographischen Bestrebungen Deutschlands. Ferner ist angekündigt ein Vortrag Depoin-Poutoise über die Organisation der Stenographen- Vereine, Foures-Paris über die Kurzschrift im Unterricht, Potin-Paris über die Erlernung der Kurzschrift.
Caffel, 1. October. In der zweiten Hauptversammlung des Evangelischen Bundes sprach Consistorialrath Göbel- Halle über den Segen, der den Einzelnen aus dem Anschluß an die Gemeinschaft erwächst, Consistorialrath Leuschner erstattete den Generalbericht über die Entwickelung und Thätig- keit des Vereins. Professor Haupt-Halle behandelt die Frage: Wie hat sich die protestantische Characterfestigkeit gerade in unseren Tagen zu bewähren?
Caffel, 1. October. Die Generalversammlung des Evangelischen Bundes beschloß im Fortgang der heutigen Berathungen eine Resolution, welche sich gegen die Wiederzulassung der Redemptoristen ausspricht. Ferner wurde der Reichsregierung der Dank der Versammlung für die Be- I mühungen um eine wirksame Bekämpfung der Trunksucht ausgesprochen. Nachmittags^ 4 Uhr fand in Wilhelmshöhe ein
Festmahl statt. Mit einem Abends in der Martinskirche abgehaltenen Gottesdienst schloß die Generalversammlung.
Wien, 1. October. Heute Nacht wurde versucht, die Brücke bei Rosenthal, der ersten Station vor Reichenberg, welche Kaiser Franz Joses heute passirenmußte, zu sprengen. Um Mitternacht explodirten zwei mit Nitroglyzerin gefüllte Bomben, welche in zwei Wasserleitungsschläuche von verbrecherischer Hand gelegt worden waren, ohne großen Schaden anzurichten. Es soll sich darum gehandelt haben, ein Ver- kehrshinderniß zu schaffen, damit die Reise des Kaisers nach Reichenberg verhindert werde- von den Thätern hat man keine Spur. — Die „N. Fr. Pr." glaubt an ein nicht mit der Politik zusammenhängendes Bubenstück. Die Wiener Bevölkerung plant, morgen den zurückkehrenden Kaiser festlich zu begrüßeu und die Straßen zu illuminiren. Die gehobene Stimmung der hiesigen Bevölkerung ist der Reflex der Aeußerungen des Kaisers während seines Aufenthaltes in Prag.
Reichenberg, 1. October. Die „Reichenberger Zeitung" veröffentlicht einen Bericht über die Bombenexplosion in Rosenthal, in welchem es u. A. heißt, daß die Beschädigung der Brücke so geringfügig war, daß einem in Reichenberg haltenden Lastzüge unmittelbar nach der Explosion das Signal zur Abfahrt gegeben werden konnte. Dies sei dem Umstande zu danken, daß die auf beiden Seiten der Brücke gelegten Bomben nicht gleichzeitig explodirten. Ein bestimmter Verdacht liege nicht vor, jedoch sei bereits eine Spur zur Aufklärung des ruchlosen Bubenstückes gefunden. Daß es sich um ein Bubenstück handle, sei zweifellos, ein anarchistisches Complott sei nicht dahinter zu vermuthen.
Wien, 1. October. In der heutigen Sitzung des internationalen statistischen Instituts beantragte Engel eine Resolution über die Aufstellung eines Schemas für anthro» pometriscke Erkundigungen. Böhmert erörterte die Statistik der Löhne und forderte eine genaue Feststellung der effectiven Arbeitslöhne. Engel sprach unter großem Beifall über die Statistik der Familienausgaben.
Wien, 1. October. In der Nachmittagssitzung des Statistischen Congresses erstattete Major Craigio den Comitßbericht für das Grundeigenthum. Daville sormu- lirte einen neuen Vorschlag, betr. die Eintheilung und Einschätzung des Grundeigenthums. Die Mittheilung des französischen Generaldirectors Boutin über die Verwerthung des bebauten Grundeigenthums wurde sehr beifällig ausgenommen. Jnama-Sternegg trat für die Bewerthung nach der Einheit des Besitzstandes gemäß dem Gutskataster ein. Pros. John wünschte eine fortlaufende Erhebung über die im Bau befindlichen Gebäude durch die Baupolizei.
Paris, 1. October. Der verhältnißmäßig geringe Eindruck des Selbstmords Boulangers in der Bevölkerung spiegelt sich in den Blättern wieder, die, abgesehen von wenigen boulangistischen, insgesammt ausführen, der Tod Boulangers habe keinerlei politische Bedeutung. Viele besprechen den Selbstmord ohne ein Wort des Mitgefühls, manche mit Hohn und Spott.
Paris, 1. October. Mehrere revisionistische Comites beschlossen, eine Abordnung zur Leichenfeier Boulangers nach Brüssel zu senden. Der boulangistische Deputirte Castelin glaubt, die boulangistische Kammergruppe werde sich vollständig zersetzen und zur radicalen Partei übergehen.
Rom, 1. October. Der Pap st empfing heute die katholischen Jugendvereine, welche eine Adresse verlasen, die besagte, Gott möge die Pläne der Bösen vereiteln und die gestörte sociale Ordnung wiederherstellen. Volpini verlaß hieraus die Antwort des Papstes. Dieselbe drückt die Freude des Papstes darüber aus, daß die Versammlung von einer großen Anzahl katholischer Jünglinge besucht sei, warnt vor den verderblichen Irrlehren, flößt den Jünglingen Liebe zum Papst ein, und spricht aus, daß diejenigen einer falschen Freiheitsidee huldigen, welche behaupten, der Papst sei frei. Schließlich werden die jugendlichen Pilger aufgesordert, die Sache des Papstes mit allen gesetzlichen Mitteln zu ver- theidigen.
Monza, 1. October. Der König von Rumänien ist hier eingetroffen- er wurde von König Humbert, dem Herzog von Aosta, dem Grasen von Turin, von Rudini und den Behörden empfangen. Die Könige umarmten sich. Im Schlosse wurde König Carol von der Königin empfangen. Später sand ein Hosdiner statt.
Depeschen des „Bureau Herold".
Berlin, 1. October. Der „Post" wird aus Wilhelms Haven gemeldet, Corvettencapirän Rüdiger sei zum Stellvertreter des Gouverneurs in Ostafrika ernannt worden.
Berlin, 1. October. Ein hiesiger Makler, dessen Insolvenz gestern bekund k!-


