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Sonntag den 1. März
Rr. 51
Zweites Blatt
1891
Kießener Anzeig er
Keneral-Mnzeiger.
Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren.
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Der grtejtnH Znzcizer erscheint täglich, »Al Ausnahme deS MsntagS.
Anrttrchrr Cbeil.
Bekanntmachung.
Mittwoch den 11. Mäpz 1891, Nachmittags 3 Uhr, wird aus Lonys Felsenkeller in Gießen eine GeneLalvessawmisrNg des landwirthschaftlichen Bezirk-Verein- Gießen abgehalten werden.
Alle Mitglieder des landw. Bezirksoereins und der landw. Orisvereine sowie alle Freunde der Landwirthschaft werden zu dieser Versammlung hierdurch ergebenst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister werden ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Tage-ordnung:
1) Vortrag des Herrn Landwirthschaftslehrers Leithiger über Schweinezucht.
2) Berathung über Hebung der Rindviehzucht,
3) „ „ „ „ Schweinezucht.
4) „ „ „ „ Ziegenzucht.
5) „ , „ ,, Geflügelzucht.
6) Berathung über den Antrag des Thierschutzvereins aus Anpflanzung von Hecken auf Wüstungen zum Schutze der Singvögel.
Gießen, den 23. Februar 1891.
Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen. Jost, Regierungsrach.
Verinischtes.
* Die natürliche Volksvermehrung im Deutschen Reiche, d. i. der Ueberschuß der Geborenen über die Gestorbenen, «ar 1889 größer als je. Er betrug 619,483 gegen 618,581 im Jahre 1888, 605,155 im Jahre 1887, 512,396 im Jahre 1886 und 547,580 im Durchschnitt der Jahre 1880 bis 1889. Auf tausend Einwohner kam eine Volksvermehrung von 12,77 gegen 12,88, 12,73 und 10,88 in den drei Vorjahren und 11,74 im Durchschnitt der Jahre 1880—1889.
* Zn einem Schachkampfe per distance hat das „Offizier-Casino" in Moskau den „Schachverein" zu Coburg herausgesordert. Der Kamps soll mittelst Postkarte aus- gesochten werden.
Thierschntzverein.
Ihr weitverbreitetes Blatt ist für uns schon darum ein höchstgeschätztes, weil es stets ermahnte, wenn strenge Kälte eintrat und tiefer Schnee die Fluren bedeckte, die überwinternden, hungrigen Vögel nicht zu vergessen, und wir können Ihnen die erfreuliche Mittheilung machen, daß wenigstens in unserer Stadt Ihre Ermahnungen auf einen fruchtbaren Boden gefallen sind, denn viele, ja sogar sehr viele Bewohner haben bei ihren Wohnungen und in Gärten recht zweckmäßige Futterplätze errichtet und die darbenden Vögel reichlich mit Futter versorgt. Wir fühlen uns daher gedrungen, allen denen, die ihre milde Hand den nothleidenden Thierchen nicht verschlossen, öffentlich unsere volle Anerkennung zu zollen, und eine hochverehrliche Redaction, die jeder Zeit bereit ist, für den Schutz der nützlichen Vögel einzutreten, wird gewiß auch einigen Worten zu Gunsten des Staares die Ausnahme nicht versagen.
In früheren Jahren traten die Sraare, sobald sich die ersten Fröste einstellten, oder der erste Schnee die Fluren bedeckte, ihre Südreise an, und sie waren in der Regel Anfangs November aus unserer Gegend verschwunden. Dem einigermaßen aufmerksamen Beobachter wird aber nicht entgangen sein, daß dies seit mehrcren Jahren nicht mehr der Fall ist, denn er wird wahrgenommen haben, daß sehr vjele Staare Den ganzen Winter in unserer Gegend, namentlich um Gießen herum verweilten, was doch gewiß als eine merkwürdige Erscheinung im Reiche der Zugvögel - zu erachten ist. Die klugen Thierchen haben sicherlich gemerkt, daß mitleidige Menschen auch für sie im Winter den Tisch reichlich decken, und sie bleiben daher ruhig bei uns und halten es nicht mehr für nöthig, eine beschwerliche und gefährliche Südreise anzutreten, und wenn wir denselben auch fernerhin im Winter unsere Aufmerksamkeit schenken, so verzichten sie wohl sehr gern auf den Aufenthalt in dem schönen Lande der Citronen, deren Bewohner ja so höchst unfreundlich gegen die Zugvögel gesinnt sind, und sie haben wohl auch keine Sehnsucht mehr, nach Aegypten zu wandern. Auch in diesem sehr harten Winter sind die Staare auf unseren Futterbrettern und anderen Futterplätzen massenhaft erschienen und haben sich die ihnen dargebotenen Speisen so trefflich schmecken lassen, daß unsere ohnehin nur spärlich gefüllte Kasse ein Liedchen davon zu singen weiß. Aber wir haben unS doch sehr ^gefreut, den Staar abermals als Wintergast bei uns zu sehen, woraus wir wohl schließen dürfen, daß auch in Zukunft der stets muntere, heitere und fröhliche Geselle unsere stille und öde Winternatur wesentlich beleben wird.
Ferrilletsn.
I V __________
D r r einzige Sohn.
Novelle von I. Bonnet.
(11. Fortsetzung.)
DaS alles hatte sich vor ein bis zwei Jahren zugetragen und nun war der Unglückliche, an Leib und Geist heruntergekommen, wieder auf dem nämlichen Schauplatze angelangt, da Amerika Arbeit, rauhe, harte, tägliche Arbeit von ihm forderte, der sich zu unterziehen ihm unerträglich dünkte. Er hatte sich zum Glücksritter aufgeschwungen, suchte durch das Spiel seinen Lebensunterhalt zu gewinnen und lebte wie der Vogel im Walde, der herumpickt, wo es gerade etwas gibt.
Seine beiden Genossen, mit denen er zechte, hatten ebenfalls ein verfehltes Leben hinter sich, kannten die weite Welt wie er und waren nicht minder in allen Sätteln gerecht, wenn ihnen gleich die ursprüngliche feine gesellschaftliche Bildung abging. Auf ihren Gesichtern aber spiegelte sich der i sittliche Verfall weniger als aus dem seinen, da sie nie die Zeichen der Vornehmheit getragen hatten wie das des Mannes aus der großen Welt, dem an ihrer Sonne die Dädalusflügel versengt waren. Da saß er nun mit niederem Gelichter, das ihm einst, als seine Sporen noch^klirrten, Luft gewesen wäre- von dem er sich nicht die Stiefel hätte wichsen lassen. Jetzt waren sie gleich, ein Loos und eine Lebensanschauung — alle Drei waren überzeugte Communisten — hatte sie gleich gemacht.
Karl war mit dem besonderen Zwecke hierher zurück- gekehrt, sich womöglich unter dem Schutze der Dunkelheit an vormalige Bekannte von Vermögen anzusaugen, obwohl sie ihn bei Tage nicht kannten. Er spielte sich mit einer gewissen Ueberlegenheit über die beiden anderen auf, .denen er " Amerikanische Erlebnisse und Abenteuer zum besten gab.
„Ein vert . . . Kerl, ein richtiger Sohn, so gerieben wie einer, hielt bei dem Streite zu mir, Pistole 'raus, Kugel durch den Kops —"
Er schnellte mitten in der prahlenden Rede auf und schoß an die Glasscheiben, als wollte er sie durchbrechen. Dann sprang er zu dem Ständer, griff nach seinem Hute, stürzte hinaus und rannte die Straße hinab mit dem Rufe: „Arthur! Arthur!"
Die Spätlinge auf der Straße hielten verwundert an, während er vorbeistürmte, jedem flüchtig ins Angesicht starrend, und dann den Ruf wiederholend. Es antwortete ihm aber Niemand darauf, ein Offizier flüsterte dem Civilisten an seiner Seite zu: „Da ist er," und die Kragen höher ziehend, bogen sie schleunigst ab, als widere sie ein Pestgeruch an.
Die Ahnung des. Generaldirectors, der davonjagende Reiter sei kein anderer als sein eigener Sohn, war zutreffend gewesen, und eben dieser hatte sich soeben an dem Kaffee- Hause vorüber begeben, einen neugierigen Blick hineingeworfen, nach einigen Schritten Kehrt gemacht und eine veränderte Richtung eingeschlagen, da er erst jetzt erkannte, daß ihm bei der ungeheuren Erregung, in der er sich wie betäubt fühlte, der rechte Weg entfallen war. Vor einem dunklen Thorweg, der durch eine Thür versperrt war, hielt er den hastigen Schritt an, indem er zugleich tastend mit der Hand die Wand entlang fuhr, bis sie auf einen Knopf traf, den er zurückdrückte. Ungeduldig trat er um ein wenig weiter auf die Straße, den Kopf emporgewandt zu den dunkelumschatteten Fenstern. Es blieb jedoch alles so finster und regungslos wie zuvor. _ Ein kalter Sprühregen riefelte herab und der Nachtwind pfiff unerquicklich durch die Straße, auf der selten noch ein einzelner, rasch vorbeirollender Wagen oder ein Fußgänger zu bemerken war. Von Neuem drückte er, mit heftiger Bewegung herantretend, den Knopf hinein, und abermals, schlug auch, um dem Zeichen durch Lärm weiteren Nachdruck zu geben, mit der Faust an die eisenbeschlagene Thüre, so daß es im Thore dumpf widerhallte.
Wiederholt haben wir in Ihrem Blatte auf den sehr großen Nutzen des StaareS, indem er viele, viele Millionen höchst schädlichen Ungeziefers vertilgt, aufmerksam gemacht, und wir haben dabei klar und deutlich nachgewiesen, daß der Staar einer der nützlichsten Vögel unserer Gegend ist, und also gewiß verdient, bei uns gehegt und gepflegt zu werden. Vor allen Dingen werden wir Dafür Sorge tragen müssen, Daß Der Staar recht viele Nistkästchen, in denen er so gern seine Wohnung aufschlägt, bei uns antrifft, Denn je mehr Wohnungen, die ihm behagen, sich demselben an einem Orte darbieten, desto mehr siedelt er sich Da an. Wer gesehen hat, wie gründlich der Staar die Felder und Bäume von Schnecken, Würmern, Engerlingen, Raupen, Bremsen, Stechfliegen, Käsern u. s. w. reinigt. Der wird es im Interesse der Landwirthschaft gerechtfertigt finden, wenn von Seite» der Gemeinde dem Staar Brutstätten errichtet werden, was die Forstbehörden schon vor längerer Zeit angeordnet haben. Der Bau, die innere Einrichtung und die Anbringung von Staarenkästchen müffen aber der Art fein, daß sich der Staar darin vor seinen Feinden, den Katzen, Mardern, Raubvögeln u. s. w. ganz sicher fühlt. In einen Kasten, der nicht die gehörige Länge und Breite hat, der mit Rissen behaftet, dessen Flugloch zu weit ist, nistet der Staar sicherlich nicht. Wie und wo benannte Kästchen angebracht werden müffen, dürfen wir als bekannt voraussetzen, da wir ja darüber auch in diesem Blatte schon mehrfach genaue Andeutungen gegeben haben, und wir möchten nur dringend abrathen, Kästchen an Giebeln und Mauern anzubringen, weil wir die unangenehme Erfahrung gemacht haben, daß die Staare in diesen auf eine so schlimme Weise von den Thurmschwalben (Mauerschwalben) belästigt worden sind, daß sie die Nester und ihre Jungen, welche natürlich zu Grunde gingen, verlassen mußten. Schließlich wollen wir un noch Die Bewohner unserer Stadt und auch die Landbewohner darauf aufmerksam machen, daß Staarenkästchen (50 Pf. per Stück) bei der hiesigen Firma Andrea- Euler zu haben sind. Dieselben sind, was Länge, Breite und Weite des Flugloches anbelangt, ganz genau nach einem Modell gefertigt, das sich vollständig bewährt hat.
Gießen, den 23. Februar 1891.
Curschmann.
Eingesandt.
Gießen den 27. Februar 1891.
Eisenbahn Londorf Lollar betreffend. Die von der Handelskammer Gießen kürzlich beantragte und von Den Herren Stadtverordneten befürwortete Erbauung einer Eisenbahn von Güßen über Wiestck nach Londorf wurde bereits vor 5 Jahren durch den Vorstand der Gewerkschaft Klaus in Veranschlagung gebracht.
Jetzt endlich knarrte ein Schlüssel, der im Schlosse schwerfällig, ihm viel zu langsam, umgedreht ward. Eine kleine Thür sprang auf und irgendwer fragte schläfrigen und mürrischen Tones nach seinem Begehr. Statt der Antwort war er schon eingetreten.
„Halt, zu wem wollen Sie?" fragte der andere, ihn mit dem Arme aufhaltend.
Er stieß ihn einfach zurück. Trotz der Dunkelheit war er hier bekannt, sprang behend die Treppe hinaus und schellte vor einer verschlossenen Glasthüre. Ein Lichtschein fiel gleich Darauf durch die Scheiben, mit der Arbeitslampe leuchtend, betrachtete ihn ein Mann, der im behaglichen Schlafrock sich besser befand als er, Dem der feine Regen durch und durch gedrungen war.
„Doctor, Sie müssen sogleich zu mir herauskommeu," sagte er, Äthern schöpfend, „mein Kleiner fiebert und nimmt keine Nahrung, es ist plötzlich gekommen, er scheint sehr krank zu sein."
„O, ich bedauere. Warten Sie einen Moment, ich bestelle Den Kutscher — oder sind Sie zu Wagen hier?"
„Nein, zu Pferde. Es war unüberlegt im Grunde, Sie wären schneller bei unS gewesen. Aber es mag auch so gut fein, ich bin jedenfalls eher zu Hause."
Erregt griff er nach der Hand des ArzteS. „Sie thun mir die Liebe uuj? eilen sich, kommen gleich!"
„Reiten Sie getrost voraus, ich folge schleunigst."
Schon flog er wieder Die Treppe hinunter, der Portier ließ ihn hinaus, kurze Zeit daraus saß er wieder zu Pferde und sprengte mit verhängtem Zügel in die Nacht hinaus.
Ein Stündchen nach ihm traf Der Arzt ein. Er fand ihn im Schlafzimmer verzweifelt auf und ab lausend und Mariechen in Thränen über Den Liebling geneigt, der in Krämpfen lag.
(Fortsetzung folgt.)


