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2.8.1891 Zweites Blatt
 
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Nr. 177. Zweites Blatt. Sonntag den 2. August

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Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

1891

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Bekanntmachung,

die Unterhaltung der Kreisstraßen, hier den Umbau der Brücke in Garbenteich betreffend.

In Folge Umbaues einer Brücke wird die im Zug der Kreisstraße GießenDorf-Gill gelegene Ortsdurch­fahrt in Garbenteich zwischen der Abzweigung der Kreis- straße nach Steinbach und derjenigen nach Watzenborn von

Montag den 3, August d. Js. ab

Dis auf Weiteres für den Fuhrwerksverkehr gesperrt.

Gießen, den 29. Juli 1891.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Jost.

Locales unb j)vovtnzielles.

Gießen, 1. August.

Die Zeit der frischen Früchte ist gekommen und mit prüfenden Feldherrnblicken schaut die allezeit sorgende Haus­herrin bereits um sich nach Vorrath und Ernte für die kommenden mageren Tage, die der Speisekammer und Küche nicht immer gefallen wollen. Das Einhamstern beginnt mit dem Einkochen und Trocknen der vielerlei Gartenfrüchte, um der Zukunft in die Hände zu arbeiten. Thorheit aber wäre es, über dieser Zukunft die Gegenwart zu vergessen, diese reiche, Gaben spendende Gegenwart, deren volles Füllhorn verschwenderisch Blumen und Früchte streuend sich im Sommer über uns ergießt! Und des Sommers frische Früchte schmecken nicht nur gut, sie sind auch gut, besser und süßer, wie viele Arznei, denn der mäßige Genuß von Obst ist sür Jedermann, der es vertragen kann, eine sehr gesunde Nahrung, die besonders in Frankreich hoch geschätzt und stark consumirt wird. Manche Fieber-, Gallen-, Ver- dauungs- und andere Sommer- und Herbstkrankheiten sollen durch entsprechenden vernünftigen Genuß von frischem Obst vermieden werden können, da Früchte und Beeren erfrischende Säure enthalten, die das Blut reinigt und kühlt, und zwar sehr empsehlenswerth für den Genuß der reifen, frischen Früchte soll die Zeit eine halbe Stunde vor dem Frühstück oder Mittagsmahl sein, weil die Säure, welche in dem Saft enthalten ist, dann sofort in das Blut und in den Kreislauf übergeht. Natürlich aber schickt sich eines nicht für Alle, ebenso wie Jeder selbst wissen muß, welche Sorten und Quantitäten von frischem Obst ihm dienlich sind, da allzuviel stets ungesund ist und Uebermaß und Unklugheit gerade hierbei sich sehr empfindlich rächen können für Solche, die es über­treiben oder frische Früchte überhaupt nicht gut vertragen können. Voran als Löwe aber, als König des Obstes, steht der Apfel, der in den ersten Exemplaren wohl bald auf dem Markt erscheinen wird den man nicht nur wegen seiner vielfachen, vielseitigen Verwendung im Haushalte zu schätzen

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hat, sondern auch als Sanitätsmittel rühmen muß. Ein Apfel eine Stunde vor dem Mittagessen genossen, regt den Appetit au und die ihm inne wohnende Säure befördert die Verdauung- wem aber rohe Aepfel Beschwerde verursachen, der versuche es mit gebratenen, die ein schwacher Magen eher zu vertragen pflegt. Der Werth des Apfels besteht außerdem darin, daß er schnell und leicht verdaut wird, auf die Leber günstig wirkt, kühlenden und nährenden Einfluß auf den Körper hat und dessen Functionen befördert und überdies auch sich leichter und länger aufbewahren läßt, wie andere frische Früchte!

Eine hessische Lotterie gab es schon früher. Wie die N. H. V." berichten, hat ein Sammler alter Lotterieloose u. A. ein paar Loose der Hochsürstlich Darmstädtischen Zahlen­lotterie der 171. Ziehung vom 28. September 1785. Die­selben normiren denunbestimmten Auszug" auf das 15-, denbestimmten Auszug" auf das 75-, dieAmbe" auf das 270-, dieTerne" auf das 5300- und dieQuaterne" auf das 60,000sache des Einsatzes. Bei dem vorliegenden Loose wurden für denAuszug" 1 Kreuzer, sür dieAmbe" 4 Kreuzer bezahlt.

vernttfchtes.

*ff Staffel, 30. Juli. Der städtische Bürg er aus schuß hat auf Antrag des Magistrates 3 0,0 0 0 Mk. bewilligt, um gelegentlich der Anwesenheit S. M. des Kaisers die Straßen und öffentlichen Plätze der Stadt in ein würdiges Festgewand zu hüllen. Der Landwirthschaftsminister von Heyden war am Dienstag hier anwesend und führte in Gegenwart des Herrn Oberpräsidenten Gras Eu len bürg den neuernannten Präsidenten der Generalcommission für die Provinz Hessen-Nassau, das Fürftenthum Waldeck und das Fürstenthum Lippe-Detmold, Herrn Geheimrath Kette, in feierlichster Weise in sein Amt ein. Der Act fand im Sitzungs­saale der Generalcommission statt, wo sich die Mitglieder des Collegiums versammelt hatten. Herr Regierungs-Präsident Rothe, der seit einiger Zeit seinen Urlaub angetreten hat und in Italien weilt, war am Erscheinen verhindert.

* In diesen Tagen weilt in Paris eine amerikanische Dame, Frau Potter-Palmer, die Präsidentin der weib­lichen Directionscommissionen der Weltausstellung von Chicago. Der Zweck, welcher Frau Potter-Palmer über den Ocean geführt hat, ist der: Für ihr Project einer die Frau be­treffenden Abtheilung der Chicagoer Ausstellung Anhänger oder vielmehr Anhängerinnen zu werben. Der Plan zu diesem originellen Werke ist nach echt amerikanischer Art in den größten Zügen entworfen und zum Theil bereits ausgesührt. Alle Zweige menschlicher Thätigkeit, in denen die Frau eine Rolle zu spielen berufen ist, werden vertreten sein. Zunächst wird das Gebäude selbst, welches für die Frauen-Ausstellung bestimmt ist, von einem weiblichen Architecten gebaut werden, der als Sieger aus einer eigens ausgeschriebenen Concurrenz hervorgegangen ist. Trotz der anfänglichen Befürchtungen des

Preis-Comites ist dieser Wettbewerb geradezu glänzend aus­gefallen und die größte Schwierigkeit bestand wohl eben nur darin: unter den vielen guten Einsendungen die beste auszu­suchen. Fräulein Sophie Heyden, der schließlich der Preis zuerkannt wurde, ist eine geborene Bostonerin, 22 Jahre alt und im Besitz aller Eigenschaften, um ein von ihr erbautes hörne nachher durch ihre Anwesenheit darin zu einem Aufenthalt des Glückes zu machen. Das Gebäude wird auf einem der Plätze des Jackson-Parkes errichtet werden, gegen­über dem See. Im Innern wird alles weiblich sein, das heißt, weiblichen Ursprungs oder weiblichen Zweckes. Eine Gallerie von mächtiger Ausdehnung wird mit Gemälden, Statuen oder sonstigen Kunstwerken ausgesüllt werden, welche von Frauenhänden geführte Pinsel, Meißel rc. geschaffen haben. In anderen Gelassen wird eine Bibliothek ausgestellt werden, welche ausschließlich von Frauen geschriebene Werke enthält. Ein Separatzimmer wird den weiblichen Journalisten gewidmet sein. In großen Räumlichkeiten wird die Hand-, vor Allem die Näh-Arbeit etablirt sein. Was auf Haushalt und Kindererziehung Bezug hat, wird ganz besonders berück­sichtigt werden. In einer Musterküche z. B., die mit allem nur denkbaren Comsort eingerichtet sein wird, werden täglich weibliche Dozentinnen Curse mit Demonstrationen in den so wichtigen culinarischen Wissenschaften halten. Frau Potter- Palmer beabsichtigt nun in Paris die Bildupg eines fran­zösischen Damen-Comites zu veranlassen und rechnet aus die Unterstützung von Madame Carnor und Madame Ribot, Gemahlin des Ministers des Auswärtigen, welch' letztere aus Chicago gebürtig ist. Hierauf wird sie sich in gleicher Mission nach London begeben und hofft so nach und nach in allen großen europäischen Centren eine Frauenbewegung zu Gunsten ihres Ausstellungs-Projects hervorzurufen.

* Ein fliegender Hutmacher. Zu den Leuten, welche es in Berlin verstehen, sich durch eine originelle Beschäftigung gute Einnahmequellen zu erschließen, gehört auch einfliegender Hutmacher". Seine Kundschaft sucht dieser Mann auf den Droschken-Halteplätzen, wo sein Erscheinen stets mit Freude begrüßt wird. Ausgerüstet mit einem Kasten, in dem sich sein Handwerkszeug und allerlei Material, wie Tressen, schwarzer Glanzlack u. s. w. befinden, schlägt dieser Hutmacher­in der Droschke, deren Kutscher seinen Hut ausbessern lassen will, seine Werkstätte aus. Der Hut wird je nach Bedarf frisch lackirt, mit neuen Tressen versehen, etwaige Beulen werden entfernt, kleine Löcher und Sprünge zugenäht. Der Verschönerungsproceß nimmt regelmäßig nur kurze Zeit in Anspruch und kostet, je nachdem es sich um einen mehr oder wenigerschweren Fall" handelt, eine bis anderthalb Mark. Nach Beendigung der Arbeit packt der Hutkünstler seine Sachen zusammen und verlegt seine Werkstatt in die nächste Droschke und wenn er sich endlich von dem Halteplatze ent­fernt, hinterläßt er eine Anzahl hochbefriedigter Droschken­kutscher, die mit Stolz auf ihre alten Hüte blicken, dieaus­sehen wie neu". Der Mann arbeitet nur während der Sommermonate und verdient in dieser Zeit genug, um

FeuMetsn.

Der Roman des Vorreiters.

DasWiener Tageblatt" berichtet: Ein Vorreiter der Eener Tramway-Gesellschaft ist vor einigen Tagen verun­glückt. Der Mann stürzte an der Ecke der Peregrine- und Kolingasse beim Vorreiten, die Pferde des nachrollenden Wagens gingen über ihn und sein Roß hinweg, er erlitt mehrere Nippenbrüche und bedenkliche innere Verletzungen und wurde in schwerverletztem Zustande in das Allgemeine Kranken­haus gebracht. Dort wurde constatirt, daß der Verunglückte kaum mir dem Leben davonkommen dürste. Erwin Schön­stein, der verunglückte Tramway-Vorreiter, der nun hoffnungs­los im Allgemeinen Krankenhause darniederliegt, hatte einst einen viel stolzeren Namen geführt: Erwin Freiherr von Schön st ein, hatte er geheißen, und wenn er gewollt hätte, so hätte er diesen Namen auch heute noch führen können. Allein er wollte nicht- er hatte den Namen ab» gelegt, als er Vorreiter geworden war. Erwin Freiherr Frey v. Schönstein entstammte einem alten österreichischen Adelsgeschlechte, dessen letzter männlicher Sprosse er ist und das mit ihm erlischt. Als er vor ungefähr dreißig Jahren zum ersten Male in die Oeffentlichkeit trat, konnte er sich Millionär nennen. Sein Vater, ein hervorragendes Mitglied Ler österreichischen Beamtenhierarchie, hatte ihm ein Vermögen von mehreren Millionen und einen reichen Güterbesitz, Larunter auch ein Wiener Palais, hinterlassen. Der junge Freiherr wollte die militärische Carriöre einschlagen und trat

auch wirklich in ein Dragoner-Regiment, allein er trug nicht lange Helm und Pallasch. Der strenge Dienst behagte ihm nicht und auch den kleinen Garnisonen, in denen sein Regi­ment lag, konnte er keinen Geschmack abgewinnen, frei wollte er sein, um frei all das zu genießen, was ein Millionär ge­nießen kann, und so quittirte er eines schönen Tages, nach­dem er es in raschem Avancement bis zum Oberlieutenant gebracht, und eilte nach Wien. Das war zu Beginn der sechziger Jahre- Wien war damals eine viel lebenslustigere Stadt als jetzt, der junge Freiherr von Schönstein wollte das Leben in vollen Zügen genießen. Das Palais, das ihm der Vater hinterlassen hatte, gefiel ihm nicht- er verkaufte es und richtete sich in einer fashionablen Straße der inneren Stadt eine üppige Gartzonwohnung ein. Das Haus steht heute noch- wenn seine Wände sprechen könnten, sie würden nicht müde werden, von den Festen und den Symposien zu erzählen, die in den Salons des jungen Lebemannes gefeiert wurden. Den Vorsitz dabei aber führte durch lange Zeit eine Person, die vor zwei Jahren hier bitterster Armuth gestorben ist, die berühmteSperl-Königin", die Fiaker- Milli. Der junge Baron Schönstem gehörte zu den eifrigsten Verehrern derFiaker-Milli" wo sie war, da war auch er zu finden. In seinem prächtigen Viererzuge er hatte sich einen reichen Stall eingerichtet kutschirte er mit ihr durch die Straßen, zu den Rennen, zum Dommayer oder wo sich sonst das lustige Wien zusammenfand, und das ging so durch mehrere Jahre. Freiherr v. Schönstein lebte flott in den Tag hinein- es genügte seinem Ehrgeiz, von der Fiaker-Milli" als splendid erklärt zu werden, und er warf

das Geld mit offenen Händen zum Fenster hinaus. Dies ging so durch einige Jahre, dann aber änderte sich das Bild. Die Garton - Wohnung wurde aufgegeben , der prachtvolle Viererzug verschwand aus den Straßen Wiens und die Fiaker-Milli" suchte sich einen anderen Verehrer. Freiherr v. Schönstem hatte sich nämlich in wenigen Jahren total ruinirt- seine Millionen waren vergeudet und sein Güter­besitz, sein Stall verpfändet oder verkauft. Was dann kam? Zahlreiche Leidensstationen, zuletzt aber vor ungefähr fünfzehn Jahren fand Schönstein eine Anstellung in den Remisen der Wiener Tramway-Gesellschaft. Seitdem nannte er sich nicht mehr Baron. Er war im Dienste recht sorg­fältig und gewissenhaft, nur manchmal im Jahre gab er zu Beschwerden Anlaß, und dies war der Fall, wenn er von seinen einzigen, in Ungarn lebenden reichen Verwandten, die vergebens versucht hatten, seiner Verschwendung Zügel an­zulegen, Geldunterstützungen erhielt- dann verschwand er, ob mit oder ohne Urlaub, aus dem Dienste, der alte Leichtsinn und die alte Lebenslust kamen über ihn und er ruhte nicht eher, als bis er wieder so arm war wie kurz vorher. Hierauf kehrte er wieder ruhig zu seinem Dienste zurück. Schönstein war Kutscher zweiter Klasse- eines Tages nun wurde der Penzinger Remise ein neuer Kutscher erster Klasse zugetheilt und dieser war Niemand Anderes, als ein ehe­maliger Groom des ehemaligen Freiherrn von Schön­stein. Schönstem kam darauf sofort um seine Versetzung ein, die ihm auch bewilligt wurde.