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Donnerstag dm 1. Oktober

1891

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Durch die Post bez^e 2 Mark 60 Pf^

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Gießener Anzeiger

Senerat-Mnzeiger.

Aints- und Anzeigeblatt füv den Nreie Gieren.

Hrati-Mla««: Kußmer Iamiki-«scstter. s

Arntliehev Thrrl.

Nr. 23 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 26. d. M., enthält:

(Nr. 1976.) Bekanntmachung, betreffend die technische Einheit im Eisenbahnwesen. Vom 22. September 1891.

Gießen, den 29. September 1891.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. September. Zwei zur gleichen Zeit ge­haltene Ministerreden beherrschen augenblicklich die all­gemeine Lage: diejenige des deutschen Reichskanzlers in Osnabrück und die Kundgebung des französischen Ministers des Auswärtigen, Ribot, in Bapaume. Den äußerlichen Anlaß zu beiden Ministerreden bildeten militärische Feierlichkeiten, denn in Osnabrück feierte man am Sonntag das 25jährige Jubiläum des ostfriesischen Infanterie- Regiments Nr. 78, dessen Chef der jetzige Reichskanzler ist,- in Bapaume aber sand die Einweihung des dem tapferen General Faidherbe errichteten Denkmals statt. Die Rede Herrn v. Caprivis characterisirr sich als eine Friedensrede im besten Sinne des Wortes, denn in unzweideutigster Weise hat der leitende deutsche Staatsmann hierin seiner Zuversicht auf die fernere Erhaltung des europäischen Fr'iedens Ausdruck verliehen und wiederholt betonte er, daß keine der europäischen Regierungen den Krieg wolle. Herr v. Caprivi warf auch einen Blick aus die Gruppirung der europäischen Mächte, welche nach seiner Anschauung keinerlei Anlaß zu Besorgnissen darbietet, diese Gruppirung ist dem deutschen Reichskanzler vielmehr nur der Ausdruck schon vorhandener Verhältnisse und bedeutet sie eigentlich nichts als die Feststellung eines schon früher existirenden europäischen Gleichgewichts. Diese klare und entschiedene Zeichnung der europäischen Lage als eine fortgesetzt friedliche erhält noch einen erhöhten Werth durch die Ansprache, welche Herr v. Caprivi am Samstag Abend aus dem Commerse ehemaliger Angehörigen des 78. Re­giments gehalten hat und in der er gleichfalls nachdrücklich versicherte, daß zur Zeit nicht der geringste Grund vorhanden sei, an der Erhaltung des Friedens zu zweifeln. Auch die Rede des Herrn Ribot in Bapaume trägt den Charaeter einer erfreulichen Friedenskundgebung.- Sie ist allerdings von einem sehr selbstbewußten Geiste durchweht, der namentlich an den Stellen hervortritt, an denen der französische Staats­mann der Wiederaufrichtung Frankreichs und der Herstellung des sranzösisch-russtschen Einvernehmens gedenkt. Indessen erklärt Herr Ribot doch in bündiger Form, daß das wieder­erstarkte Frankreich nichts als den Frieden wolle und diese Versicherung macht auch die Kundgebung des französischen

Ministers werthvoll für alle Friedensfreunde. Jedenfalls werden sowohl die Darlegungen des deutschen Reichskanzlers wie die Erklärungen des Leiters der auswärtigen Politik Frankreichs dazu beitragen, das durch die mancherlei Zwischen­fälle der letzten Monate erschütterte Vertrauen in die nächste Zukunft unseres Welttheiles wiederherzustellen und die Be­sorgnisse wegen einer drohenden Kriegsgefahr gründlich zu zerstreuen. Im Uebrigen hat der Reichskanzler in Osnabrück auch der inneren Verhältnisse Deutschlands gedacht und die bestimmte Hoffnung durchblicken lassen, daß die in Angriff genommenen großen Reformen zu einem be­friedigenden Abschlüsse gelangen werden, wenn vielleicht auch erst nach Jahrzehnten. Weiter betonte der Kanzler, daß die Regierung in der Socialpolitik sowohl eine Regierung der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer sei und berührte zum Schlüsse noch die für Hannover eingetretenen neuen Verhält­nisse, deren Nothwendigkeit hervorhebend.

Die Discussion über die Haltung der deutschen Regierung in der Frageber Auflegung der neuen russischen Anleihe in Berlin dürste durch eine weitere osficiöse Erklärung in derNordd. Allg. Ztg." endlich zum Abschluß gebracht werden. Es heißt da, daß es mit wichtigen politischen Interessen unvereinbar erscheine, wenn die Re­gierung durch jede Anfrage vor die Wahl gestellt werden solle, gegen oder für die Anleihe sich auszusprechen und damit einen unfreundlichen Act gegen eine auswärtige Macht zu begehen oder die Verantwortung financieller Folgen zu über­nehmen. Die Zumuthung sei umsomehr zurückzuweisen, wenn die politischen und financiellen Verhältnisse Jedermann erkennbar und seit Jahren öffentlich besprochen seien.

Ungemein bezeichnend für den Preußen und dem Reiche trotz 1870 noch immer feinbfeligen Geist, der in manchen Kreisen Deutschlands herrscht, ist eine imFränk. Volksblatt" in Würzburg veröffentlichte Münchener Correspondenz. In derselben wird zur Abschüttelung der preußischen-Hegemonie und zur Gründung eines süddeutschen Bundes mit Bayern als katholischer Vormacht und Oesterreich als Schutzmacht aufgefordert. Oesterreich solle aus dem Dreibunde austreten und sich mit Rußland im Orient verständigen. Frankreich werde, schlägt die nette Correspondenz ferner vor, durch ein Plebiscit der Elsaß- Lothringer über das fernere Geschick ihres Landes zube­ruhigen" sein und würde sich eine neue Tripelallianz hieraus ergeben, die Preußen zur Herausgabe seiner Eroberungen von 1866 zwingen müßte. In aller Eile wird dann noch die Wiederherstellung des Kirchenstaates verlangt und schließlich die dergestalt auftretende mächtige katholische Weltpolitik ge­priesen. In solchen Preßäußerungen hat man den Ausdruck wahrster Reichsfeindschaft vor sich, es ist indessen wohl über­flüssig, über solche schmachvolle Gesinnung, die sich von selbst richtet, noch ein Wort zu verlieren!

Feuilleton.

Die Kunst, das menschliche Leben verlängern.

In dec zweiten Sitzung der in Halle a. d. S. tagenden Versammlung deutscher Naturforscher sprach als zweiter Redner der berühmte Kliniker Professor W. Ebstein (Göttingen) Heber die Makrobiotik, d. i. die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern", welchem Vortrag wir nach derFranks. Zeitung" das Folgende entnehmen: In einigen einleitenden Worten gedenkt der Vortragende des Umstandes, daß in einem gewissen Lebensalter die Mängel des menschlichen Daseins in Folge der allmählichen Abnutzung der Maschinerie unseres Körpers immer mehr hervortreten, daß aber der Hang zum Leben trotz der pessimistischen Richtung der Schopenhauer'schen und E. v. Hartmann'schen Philosophie nach wie vor der näm­liche bleibt. Auch haben die Staaten das größte Interesse daran, die Erziehung eines langlebigen Geschlechts zu beför­dern. Ehe man sich klar macht, wie letzteres Ziel erreicht werden soll, handelt es sich zunächst darum, die normale Lebensdauer festzustellen. In Folge des Umstandes, daß in den ersten Lebensjahren die Kindersterblichkeit eine sehr be­deutende ist, deckt sich die normale Dauer des menschlichen Lebens nicht mit der mittleren Lebensdauer- vielmehr haben die von W. Lexis m Göttingen angestellten Untersuchungen ergeben, daß in den meisten europäischen Staaten die normale Dauer des menschlichen Lebens 70 bis 75 Jahre beträgt. Im Allgemeinen hat das weibliche Geschlecht eine etwas längere Lebensdauer als das männliche. Die in den ersten beiden Lebensjahren sehr beträchtliche Sterblichkeitsziffer nimmt bis zum 10. Lebensjahre stetig ab, um von da an bis zum

50. Lebensjahre wieder ganz allmählich anzusteigen,- immer­hin ist sie bis zum letzterwähnten Jahre eine verhältnißmäßig geringfügige. Nach dem Alter von 70 bis 75 Jahren, wo die absolute Zahl der Todesfälle ihr Maximum erreicht, werden sie, indem die Zahl der Ueberlebenden sich immer mehr erschöpft, immer seltener, so daß thatsächlich nur ein geringer Procentsatz von Menschen Aussicht hat, das 90. Lebens­jahr zu erreichen und Hundertjährige zu den größten Selten­heiten gehören. Immerhin kommen unter besonderen Um­ständen hier und da Ausnahmen von obiger Regel vor- so ist z. B. neuerdings constatirt worden, daß im heutigen Griechenland die Zahl der Hundertjährigen erheblich größer ist als im übrigen Europa. Die Zeiten sind vorüber, wo man wähnte, durch irgend welche besondere Mittel das mensch­liche Dasein verlängern zu können, wo dieLebenselexire" noch eine Rolle spielten - auch kann die Frage, ob es möglich ist, das menschliche Leben bis zur normalen Dauer von 70 bis 75 Jahren oder etwas darüber hinaus zu verlängern, nur bedingungsweise bejaht werden, insofern, als das Wich­tigste von allen jenen Momenten, durch welche die Lebens­dauer bedingt wird, nämlich die angeborene, häufig vererbte Beschaffenheit unseres Körpers und Temperamentes nur in beschränktem Maße beeinflußt werden kann. Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern, soll bereits in frühester Kindheit einsetzen. Fehler, welche in dieser Lebensperiode begangen werden, lassen sich im späteren Leben in den fei- teuften Fällen wieder ausgleichen. Neben einer rationellen Ernährung ist die Erziehung, sofern sie die Selbstdisciplin zu entwickeln vermag, für die Makrobiotik von hervorragender Wichtigkeit. Von großer Bedeutung sind die staatlichen Ein­richtungen, welche dahin zielen, ein ausdauerndes kräftiges

Aeneste Nachrichten.

SolffS telegraphische-' Eorrespondenz-Burecm.

Berlin, 29. September. Die hier tagende Haupt-Ver­sammlung des preußischen Medicinalbeamtenvereins beschloß zu der Trunksuchtsvorlage eine Resolution, wonach die Bestrafung wegen Trunksucht nicht gutzuheißen fei, die Ent­mündigung der Trunksüchtigen wie bei Geisteskranken unter Zuziehung eines Arztes geschehen müsse. Die Trinker­heilanstalten müßten ärztlicher Leitung und staatlicher Aufsicht unterstehen.

Berlin, 29. September. DerStaatsanzeiger" Pub- licirt: Nach den Schätzungen der landwirthschaftlichen Ver­eine vom Anfänge des Monats September betrug in Preußen der Ernteertrag 1891 für Winter- und Sommerweizen 18,407,740 Doppelcentner, für Erbsen 3,371,749, wogegen sich für 1890 der Ertrag an Winter- und Sommerweizen auf 17,523,007, an Erbsen auf 3,601,609 Doppelcentner stellte.

Berlin, 29. September. DerReichsanzeiger" meldet den gestern erfolgten Tod der regierenden Fürstin Ida vonReuß-Greiz ä. L.

Berlin, 29. September. DenPolitischen Nachrichten" zufolge beginnt die Sachverständigen-Commission zur Begut­achtung der reichsgesetzlichen Regelung des Verkehrs mit Giften am 26. October im Reichsgesundheitsamte ihre Beratungen.

Königsberg, 29. September. Der commandirende Gene­ral v. Werder begab sich heute nach Petersburg zur Bei­setzung der Großfürstin Alexandra.

Gaffel, 29. September. Zur Generalversammlung des Evangelischen Bundes sind Deputirte von überallher aus Deutschland zahlreich erschienen. Heute tagten die Vor­stände sammt Deputaten unter dem Vorsitze des Grafen Wintzingerode. Um 6 Uhr Abends fand ein Eröffnungs­gottesdienst in der dichtbefetzten Martinskirche statt, bei welchem Pfarrer Jatho-Cöln die Festpredigt hielt. Sodann erfolgte die Begrüßung der Delegirten im Stadtparksaale, woran sich ein Festspiel schloß.

Hamburg, 29. September. Der Kronprinz von Italien traf Vormittag von Kopenhagen hier ein, von dem italienischen Generalconsul und dem italienischen Verein herz­lichst begrüßt. Zu Ehren des Kronprinzen fand Nachmittags eine Hafenfahrt auf einem Staatsdampfer, Diner und Fest­oper statt. Die Weiterreise nach Amsterdam erfolgt morgen Abend über Frankfurt.

Köln, 29. September. DieKölnische Volkszeitung" meldet: Staatsminifter v. Boetticher sagte anläßlich der Generalversammlung des Landwirthschaftlichen Vereins für Rheinpreußen in Remscheid in seinem Trinkspruche: Das Gedeihen und Blühen der Landwirthschast und Industrie hänge von der Erhaltung eines goldenen und guten Friedens

Geschlecht heranzubilden. Die Schule, das Turnen und die militärischen Einrichtungen spielen hier die wesentliche Rolle. In hohem Grade nachtheilig wirkt es, wenn die Kinder wie dies in den höheren Kreisen Frankreichs häufig vorkommt in Pflege gegeben und somit während der für die körper­liche Entwickelung und die Ausbildung des Characters beson­ders wichtigen Lebensjahre dem Einfluß der Eltern entzogen werden. Das Maßhalten in allen Dingen, die Bekämpfung der die Gesundheit untergrabenden Leidenschaften kann dem jugendlichen Individuum nicht früh genug anerzogen werden. Das Bestreben der Eltern und Erzieher muß vor Allem dahin gerichtet sein, die Kinder oder Pflegebefohlenen möglichst widerstandsfähig zu machen gegen die Anstrengungen, Sorgen und Gefahren des Lebens. Weiterhin werden vom Vor­tragenden jene Bestrebungen der Makrobiotik eingehend erör­tert, welche dahin zielen, die Krankheitsursachen, unter denen die Ansteckung die hervorragendste Stelle einnimmt, zu besei­tigen oder doch wenigstens abzuschwächen. Es handelt sich ferner darum, mit dem Maße der Kräfte, das jedem Menschen gegeben ist, möglichst sparsam zu Wirtschaften. Insbesondere sollten Menschen in vorgerückten Jahren nichts unternehmen, was über ihre Kräfte hinausgeht. Andererseits wirkt gänz­licher Mangel an Arbeit ebenfalls nachtheilig- alte Leute müssen daher bestrebt fein, ihre Beschäftigung ihren gesund­heitlichen Verhältnissen und dem Maße der Körperkräfte an­zupassen. Mäßigkeit in allen Lebensgewohnheiten, Arbeit und tägliche Bewegung im Freien hat Moltke als diejenigen Grund­sätze bezeichnet, die ihm zu einem langen Leben verhalfen haben. Redner glaubt zwar, daß die durchschnittliche Lebens- I dauer der Menschen trotz aller Bestrebungen, dieselbe zu Oer* I längern, bisher unverändert geblieben ist, indessen dürfe man