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Nr» 254.
Freitag den 31. October 1890
Der #k^net Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montag-.
Die Gießener Ismttieuötätter »erden dem Anzeiger »Lchentlich dreimal beigelegt.
Kießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
Bierteljähriger ASonuemeutsprerr r 2 Marl 20 Pfg. mit Bringerlahn.
Durch die Post liezoqrv 2 Mark 50 Pfg
Sicdaction, Expeditrov und Druckerei:
Kchutgraße ^r.l, Fernsprecher 51.
Amts- unfc Anzrigrblatt fflr den Ureis Gieren.
Annahme von Anzeige« zu der Nachmittags für den fairf4>t Oc «nnoncen-Bureaux d-S In- und Auslandes nehme-
folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr. ^lUUSIPniUyC» ISllinU UX*. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Gießen, den 28. October 1890. Betr.: Jahresbericht der Fabrikinspectoren für 1890.
Das Groffherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Sie wollen innerhalb 8 Tagen an uns berichten, ob im Laufe des Jahres 1890 gewerbliche Betriebe mit mehr als 10 Arbeitern und solche mit regelmäßiger Benutzung von Dampfkraft, sowie Hüttenwerke und Bauhöfe in Ihrer Gemeinde neu entstanden sind oder innerhalb dieser Zeit aufgehört haben. Diejenigen von Ihnen, welchen eine direkte Verfügung in obigem Betreff zugegangen ist, wollen sich nach dieser direeren Verfügung strengstens richten und sind von der Befolgung dieses Ausschreibens befreit.
v. Gagern.
Gießen, am 29. Ottober 1890. Betr.: Die Volkszählung im Jahre 1890.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die GroHherzoglilL-n Bürgermeistereien der Landgemeinden de- Kreise-.
Sie erhalten mit der nächsten Post die Formulare zur Volkszählung am 1. December l. I.
Wir empfehlen Ihnen, alsbald zu prüfen, ob Zählkarten und Zählbriefe ausreichen werden. Etwaiger Mehrbedarf ist bei uns zu reclamiren.
v. Gagern.
Gießen, den 28. October 1890. Betr.: Instruction für Kirchenrechner.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Ki^chenrechnsr de- Kreise-»
Wir bringeit hierdurch zur Kenntniß der Interessenten, daß die Instruction für Kirchenrechner zum Preise von 30 per Exemplar von der Buchhandlung Großh. Staatsverlags ! (G. Jonghaus) in Darmstadt bezogen werden kann.
v. Gagern-
Vemtsetzes A^ich.
Darmstadt, 29. October. Seine Königliche Hoheit der Groß Herzog empfingen heute u. A. eine Deputation, bestehend aus den Herren Commcrzienralh Blumenthal aus Darmstadt, Rabbiner Dr. Levi und Stadtverordneten Hornberger aus Gießen, Rabbiner Dr. Salfeld, Handelsrichter Hirsch, sowie Georg Reinach, Präses der israelitischen Gemeinde aus Mainz.
Aerreste Nachrichten.
WolssS telegraphisches CercespondLnz-Bureau.
Berlin, 29. October. Der Geheime Regierungsrath Simon, Miterbauer der Thüringer Bahn, ist heute gestorben.
Potsdam, 29. October. Der König von Belgien, welcher Mittags nach Berlin gefahren war, kehrte um 5 Uhr hierher zurück. Um 7 Uhr fand bei dem Prinzen Friedrich Leopold auf Glienicke eine Familientafel zu 28 Gedecken statt. Zur Rechten des Königs saß die Kaiserin, neben dieser Prinz Friedrich Leopold; zur Linken des Königs die Prinzessin Friedrich Leopold, neben dieser Prinz Heinrich. Dem König gegenüber saß der Kaiser, rechts von diesem die Großfürstin Wladimir und dann der Herzog von Connaught; links vom Kaiser saß die Herzogin von Connaught und dann der Großfürst Wladimir. Die Tafelmusik führte die Capelle der Gardes-du-Corps aus.
Potsdam, 29. October. Se. Majestät der Kaiser begab sich heute früh zu Pferde in Begleitung zweier Adjutanten nach dem Stadtschloß, um dem Könige der Belgier einen Besuch abzustatten.
Potsdam, 29. October. Der König der Belgier besuchte Vormittags das Mausoleum Kaiser Friedrichs und legte am Sarge einen großen Lorbeerkranz mit einer Schleife in den belgischen Farben nieder. Dann stattete er Besuche ab und unternahm eine Spazierfahrt nach Babelsberg.
Dresden, 29. October. Nach amtlicher Feststellung betrugen die durch die jüngste Hochfluth der Elbe in Sachsen verursachten Schäden, welche bei der Vertheilung der hierfür veranstalteten Sammlungen Berücksichtigung finden sollen, 385 000 Mk., zu deren Deckung gegen 200 000 Mk. bis jetzt eingegangen sind.
Wien, 29. October. Wie die „Polit. Corresp." aus Petersburg erfährt, wird der Großfürst-Thronfolger auf der Reise nach Triest, wo die Einschiffung erfolgt, Wien berühren, während des Aufenthalts aber einen durchaus unoffiziellen Character bewahren. Von Triest begibt sich der Czarewitsch zu mehrtägigem Aufenthalt nach Athen und von da nach Egypten. Ein Besuch Palästinas unterbleibt.
Hermannstadt, 29. October. Eine Abendconferenz der rumänischen RationalparLei beschloß, das Central- comite zu beauftragen mit der Abfassung eines Memorandums über die Beschwerden der in den ungarischen Ländern ansässigen Rumänen. Die Erklärung des Referenten, daß die Rumänen Ungarns nicht nach Außen gravitiren, sondern treu zur Dynastie stehen, wurde gutgeheißen. Die Conferenz sprach den Wunsch aus nach guten politischen, commerciellen und militärischen Beziehungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Rumänien.
Paris, 29. October. Rach Meldungen ans Konakry (einer der Los-Inseln an der Westküste Afrikas) brachen in Rio Runez (am Fluß gleichen Namens im südlichen Theile des französischen Senegambien) Unruhen aus. Der Negerkönig Dinah Salifih wurde von aufständischen Stämmen geschlagen. Ein Dampfer ist nach Rio Nunez abgegangen, um die europäischen Factoreien zu schützen.
—1 In Calais nahmen sämmtliche Tüllarbeiter heute die Arbeit wieder auf; es ist ein fast vollständiges Einvernehmen erzielt.
London, 29. October. Stanley ist heute von Liverpool nach Newyork abgereist.
Dundee, 29. October. Anläßlich der Ueberreichung des Ehrenbürger-Diploms hielt Gladstone eine Rede gegen die Mac-Kinley-Bill, dieselbe würde den Vereinigten Staaten nach allen Richtungen schaden. Er empfahl England, sich nicht zu Repressalien hinreißen zu lassen. Der Taris sei nur mit Unrecht Schutztarif genannt, in Wahrheit sei er Unterdrückung und trügerische Täuschung. England habe nichts zu fürchten, wofern es mit Eifer seine Industrie betreibe. Gladstone sprach sich ferner gegen einen Zollverein Englands mit den Colonien aus, welche den Handel Englands mit den Colonien vermehren, seinen Welthandel verringern würde.
Athen, 29. October. Der König bewilligte Delyannis einen Ausschub von mehreren Tagen für die Bildung eines Cabinets. Delyannis forderte seine Anhänger auf, so bald als möglich nach der Hauptstadt zurückzukehren.
Athen, 29. October. Der Kronprinz und die Kronprinzessin reisen morgen nach Berlin, um der Hochzeit der Prinzessin Victoria beizuwohnen.
— Zwei russische Panzerschiffe gingen nach Triest ab, um den Großfürst-Thronfolger hierher zu geleiten.
Athen, 29. October. Ueber die Zusammensetzung des neuen Ministeriums ist noch nichts festgestellt. Es verlautet, Delyannis würde Finanzen und Krieg übernehmen.
Petersburg, 29. October. Das „Journal de St. Peters- bourg" bemerkt bei der Besprechung der Patriarchats- srage: Indem die Pforte das gemeine Recht anzuwenden suche, lasse sie außer Acht, daß gewisse Anordnungen deS türkischen Gesetzbuches auf die christliche Gesellschaft nicht anwendbar seien. Man könne billigerweise nicht behaupten, daß die ottomanische Regierung ebenso wie tue übrigen christlichen Regierungen die Beziehungen zur christlichen Kirche regeln könne. Da uns die Interessen der orthodoxen Kirche sehr am Herzen liegen und wir eine vollkommene Uebereinstimmung der christlichen Gemeinden mit der ottomanischen Regierung wünschen, so hegen wir die feste Zuversicht, daß durch die Initiative des Sultans der bedenklichen Lage bald ein Ende gemacht werde und hoffen ebenso, daß der Patriarch im
FenilletsM.
Urder eine deutsch-rationale Ausstellung in London 1891
wird der „Post" aus L o n d o n geschrieben :
Schriftliche und mündliche Informationen der respec- tabelsten und, soweit dies bis jetzt möglich, gründlichsten Art lassen zur Stunde keinen Zweifel mehr darüber bestehen, daß nach menschlichem Schluß die Abhaltung einer deutsch-nationalen Ausstellung auf dem dafür üblichen Platze in Earls Court zu London für das Jahr 1891 gesichert ist. Dies Factum ist um so erfreulicher, als es früh genug conftatht werden kann, um genügend Zeit zu lassen, die Ausstellung nach allen Richtungen erfolgreich zu machen uni) mit Sorgfalt und Muse alle jene Mißstände zu verhüten, welche sich bei früheren fremdnationalen Unternehmungen dieser Art wegen Kürze der Zeit für die Ausführung gezeigt haben. Das Factum, als solches anerkannt, muß auch jede Opposition als unpatriotisch erscheinen lassen und in deutschen Kreisen hüben und drüben den Eifer wecken, zu einem glänzenden Ausfall der deutsch- । nationalen Ausstellung in London beizutragen.
Sind auch die Ansichten verschieden über die rasche Auf- elnanderfvlge und Entartung der Ausstellungen allgemeiner und localer Natur, so steht doch das Eine fest, daß weder die Kunst, die Landwirthschaft; noch die Industrie der Ausstellungen entrathen können. In dem Erfolg zeigt sich ihre Uothwendigkeit und damit ihre Berechtigung. Der Erfolg der amerikanischen, italienischen und französischen Ausstellung im London für die Aussteller ist constatirt durch die ein- uriithige Anerkenntniß der Letzteren und zwar trotz der vielen nmd leicht zu beseitigenden Mißstände. Die französische Aus
stellung scheint nur kein Erfolg für die Unternehmer zu sein, die Aussteller sind durchweg zufrieden, obschon das Unternehmen mit zwei schweren Hindernissen zu kämpfen hatte. Zunächst war die Zeit von drei Monaten für die Ausführung des Unternehmens viel zu kurz und so kam es, daß es fast zwei Monate nach der Eröffnung erst als complettirt gelten konnte; zweitens war der nasse Sommer nicht gerade dem Besuche der Massen förderlich, welche gewohnt sind, Earls Court als einen Platz, ihrem Vergnügen nachzugehen, die Langeweile zu vertreiben und ihr Geld los zu werden, zu sreqnentiren. Und dies sind in der That in London „Massen".
London ist die größte Handelsstadt der Welt und demgemäß, auch für die deutsche Industrie namentlich, der größte Consiiment für den englischen Import und den Export in alle Theile der bewohnten Erde. Die französische große Ausstellung in Paris, wie die französische und andere fremde nationale Ausstellungen in London haben dem Handelsverkehr zwischen den verschiedenen Ländern und den überseeischen Ländern einen großen Impuls gegeben, wie dies die Handelskammerberichte beweisen. England hat auf öffentliche Kosten Handwerker und Ingenieure aller Branchen nach Paris zum Studium geschickt, die Folge ist natürlich eine Neigung zu französischem Geschmack und französischer Art der Production. Man ist in den erleuchteteren Kreisen Englands zu der fatalen Einsicht gelangt, daß, ausgenommen in Maschinenconstruction, der englische Handwerker dem auswärtigen Concurrenten in Geschick, Fleiß und Moral unterliegt, und man hat versucht, mit der Chicane der Ursprungsmarke den fremden Fabrikaten den Verkauf in der britischen Dvmaine zu erschweren, um unter dem Hochdruck der ganzen Presse den Patriotismus John Vulls gegen die fremden „inferioren" Maaren zu schützen. Man hat nur erreicht, daß die Einführung der Ursprungs
marke erst den ganzen Umfang fremden Einflusses auf den englischen Markt dargethan hat und daß die ganze Chicane nur das Resultat hatte, den englischen Arbeiter gegen den fremden Kameraden zu verhetzen, während der Handelsherr und Kaufmann sich hütete, dem Patriotismus zu Liebe seinen Vortheil aufzugeben. Die deutschen Arbeiter haben trotz der gegen sie gerichteten Angriffe keinen Platz verloren, sondern behaupten sich in fast allen Jndustrieen als die bestbezahlten Und meist gesuchten Arbeiter, obschon es fortwährend nicht an Versuchen fehlt, sie mit dem russisch-polnisch-jüdischen Element, das hier die Arbeitsquartiere des Ostens überschwemmt und das „Sweating“ möglich machte, in einen schmierigen Topf zu werfen.
Daß Deutschland trotz aller für seinen Absatz nach England und dessen Colonien ungünstigen Conjuncturen mindestens keine Einbuße in seinem Verkehr mit dem englischen Markte erlitten hat, wie dies unzweifelhaft aus den Berichten der britischen Consuln in Deutschland sich ergibt, beweist nur, welcher Ausdehnung der Export deutscher Producte nach dem englischen Markte fähig ist.
Deutschland muß nach meiner Auffassung die Gelegenheit mit aller Kraft, allem Geschick und aller Vorsicht ausnützen , seine Erzeugnisse in der Fremde, am wichtigsten Handelsplätze der Erde, sehen zu lassen; der Erfolg wird ein überraschender sein. Mit der von dieser Idee ausgehenden deutschen „schwimmenden Ausstellung", welche auch London besuchen wird, kann die Ausstellung in Earls Court nicht collidiren, denn das Schiff kann doch während des kurzen Aufenthalts höchstens von einer Anzahl interessirter Geschäftsleute besucht werden, da es genöthigt ist, weit draußen in einem Dock vor Anker zu gehen. Auch ist ja die Bestimmung des Schiffes eine überseeische.
Wie sehr die deutsch - nationale Ausstellung erfolgreich


