Nr. 123.
1890
Samstag den 31. Mai
Aints- unb Anzeigeblatt für den ALveis Gieren.
chratisöeikage: Gießener JamitienSkäLLer.
Dents^es Reich.
daß er
in der
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den falzenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.
Hauses ich noch
aus den eine
an- die
Neneste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 29. Mai. Die Besserung des verletzten Fußes des Kaisers nimmt einen günstigen und schnellen Fortgang.
würde. Bei dem Suchen nach solchen Reformen muß aber berücksichtigt werden, daß eine große finanzielle Mehrbelastung des Reiches für militärische Zwecke weiter nicht eintreten kann, wenn unser Vaterland nicht im hohen Maße wirthschaftlich geschädigt werden soll. Es müssen daher die Bedingungen festgestellt werden, nach denen der Haupttheil der Armee, die Infanterie, welche ja auch wesentlich leichter auszubilden ist wie die übrigen Truppengattungen, mit kürzerer, vielleicht zweijähriger Dienstzeit seine kriegsmäßige Ausbildung erlangen kann. Daß dies möglich ist, lehrt ja bereits die Thatsache, daß ein großer Theil der Infanterie als sogenannte Dispositionsurlauber nach einem Jahre und zehn Monaten entlassen werden und läßt sich mit vorsichtigem Vorgehen und größerer Ausdehnung des Princips der Dispositionsurlauber zweifellos für die Infanterie eine Verminderung der Dienstzeit und eine große Geldersparniß erreichen.
rathen wird.
Abg. Schröder bedauert, daß Großh. Regierung erst jetzt dem Hause die Vorlage unterbreite- sicher wäre dies schon vor Monaten möglich gewesen. Bei der knappen Besetzung des Hauses und ‘bei der gesammten Geschäftslage halte er die Berathung dieser Vorlage für sehr bedenklich.
Hierauf tritt das Haus in die Berathung des Gesetz- Entwurfs, die Brandversicherungs-Anstalt für Gebäude.
In der General - Discussion erläutert Finanzminister Weber die Motive, welche die Großh. Regierung geleitet haben, um den Ständen eine neue Gesetzes-Vorlage zugehen zu lassen. Danach bleibt die seither für das Großherzogthum bestandene Brandversicherungsanstalt für Gebäude fortbestehen. Dieselbe wird nur neu eingerichtet und verwaltet.
Nach einer kurzen Bemerkung des Abg. Schröder tritt das Haus sofort in die Special-Berathung der einzelnen Gesetzes-Paragraphen. Das Gesetz umfaßt 73 Artikel und regelt in eingehender Weise das Brandversicherungswesen in Hessen.
Nach unwesentlichen Debatten und nachdem das Haus zwei von dem Abg. Schröder gestellte Abänderungsanträge abgelehnt hat, gelangt man in rascher Reihenfolge bis zum Art. 48 des Gesetzes, nachdem sämmtliche Artikel nach den Ausschuß-Anträgen Annahme sanden.
Morgen findet Fortsetzung der Berathung statt.
Weiter steht ein Antrag des Abgeordneten Dr. Osann und Genossen, die Verstaatlichung der Hess. Ludwigsbahn, für morgen auf der Tagesordnung.
Berlin, 29. Mai. Se. Majestät der Kaiser haben Aller- gnädigst geruht, den bisherigen Großherzoglich hessischen Ober- Zollinspector Fuhry zum Kaiserlichen Regierungs-Rath und Mitgliede des Statistischen Amts zu ernennen.
— Es ist Klage darüber geführt worden, daß die bei Eisenbahnbauten beschäftigten Unternehmer vielfach die Interessen der ländlichen Grundbesitzer dadurch schädigen, daß sie contractbrüchig gewordene ländliche Arbeiter annehmen und trotz an sie ergangener Reclamationen nicht ohne Weiteres zurückgeben, oder gar, daß sie den ländlichen Grundbesitzern die Arbeiter unter Verleitung zum Contract- bruch ausmiethen. Ein derartiges, zu begründeten Beschwerden Anlaß gebendes Verfahren der Unternehmer darf nicht gestattet werden, weshalb der Minister der öffentlichen Arbeiten die Königlichen Eisenbahn - Directionen beauftragt hat, geeignete Maßnahmen zu treffen, damit Vorkommnisse der gedachten Art vermieden werden.
Berlin, 29. Mai. Ein Gesuch des Magistrats um Er- lnubniß zu Sammlungen für ein Denkmal des Kaisers Friedrich wurde vom Kaiser abschlägig beschieden mit der Begründung, daß er sich verpflichtet fühle, seinem Vater und Vorgänger selbst ein Denkmal zu setzen. Er habe die beiden in Betracht kommenden Minister, den Cultusminister und den Minister der öffentlichen Arbeiten, bereits beauftragt, die einleitenden Schritte zu veranlassen. Der Kaiser betonte ausdrücklich, daß ihm die Denkmalsabsicht selbst sehr sympathisch sei und daß alle, die dem Gedanken anregend oder sördernd nahe gestanden, seines Dankes gewiß sein könnten.
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Der Lieutenant v. Rittner schritt, in seinen großen Reitermantel gehüllt, ein lustiges Liedchen pfeifend, die Hauptstraße entlang. Plötzlich prallte er an einer Ecke mit einem Herrn heftig zusammen, der eiligen Schrittes aus einer Nebenstraße kam. Beide murmelten ein „Pardon".
„Potz tausend, Herr Assessor!" rief der Dragonerlieutenant, als er Bach erkannte, „wo wollen Sie denn so eilig hin?"
„Was sehe ich, Herr von Rittner, Sie hier, sind Sie denn nicht mehr auf dem Balle!"
„Famoser Witz!" lachte der Dragoner, „Assessorchen, Sie machen doch immer gern einen Spaß."
„Na, wie so denn? Ich will jetzt gerade hin, nachdem ich mir einen anderen Frack angezogen."
„Ach, Pardon, ich vergaß ganz, Sie um Entschuldigung zu bitten, daß ich Ihnen heute Abend ' die Unannehmlichkeit machte. Sie sind also deßhalb zu Hause gewesen? Höchst fatal- ich dachte, Sie wären mit den übrigen Gästen sort- gegangen."
„Mit den übrigen Gästen sortgegangen? Wie meinen
Richtung des Hundheim'schen Palais weiter.
„Wenn her keinen Schwips hat, weiß ich es nicht!" murmelte Rittner, dem Davoneilenden kopsschüttelnd nachblickend.
eignes Ding, weiterzutanzen, wenn die Tochter des unwohl- also hieß es Verabschiedung und jetzt will ein Glas Bier trinken, kommen Sie mit?"
Bach war sprachlos. Eine Ahnung sagte ihm, an diesem Unwohlsein Tessas schuld sei.
Mit einem kurzen „gute Nacht" stürmte er
Kammer beschlußfähig ist.
Eingegangen ist eine Vorlage Großh. Regierung Bewilligung eines Staatszuschusses von 762,000 Mk. zu Kosten der Mainzer Ufer- und Strombauten- ferner Vorlage auf Aushebung des Gesetzes über das Mitwirkungsrecht der Forensen bei Feststellung des Gemeindehaushaltes. Beide Vorlagen gehen an den Ausschuß. Die letztere Vorlage wird morgen früh zur Verhandlung gelangen, während die Vorlage wegen der Mainzer Uferbauten später be-
Militärischk ZukMstsMnk.
Für die Gegenwart und nächste Zukunft darf das deutsche Volk, Dank der genialen Einsicht seiner Staatslenker und der Opferwilligkeit seiner Vertreter im Reichstage, sicher mit dem größten Vertrauen auf sein Heer blicken, welches in der Stunde der Gefahr sich in der Stärke von drei Millionen Streitern wie ein Mann erheben und den Gegnern trotzen wird; so lange ein deutsches Reich existirt und ein kraftvolles Volk in seinen Grenzen leben wird, vertrauen wir auch auf deutsche Tapferkeit und Vaterlandsliebe als auf die stärksten Bollwerke gegen äußere Feinde, aber ob trotz dieser zuversichtlichen Hoffnungen der Wettstreit der Rüstungen unter den Großmächten Europas und die Lage Deutschlands inmitten von den stärksten Militärmächten das deutsche Reich nicht nöthigen wird, in umfaffender Weise sein Heer zu reformiren und zu stärken, muß gegenwärtig als eine offene Frage behandelt werden. Diese Frage bleibt schon deßhalb eine offene, weil Frankreich auch'nach Durchführung der im gegenwärtigen Reichstage geplanten Verstärkung des deutschen Heeres noch eine stärkere stehende Armee als Deutschland besitzt, und Rußlands stehendes Heer geradezu doppelt sogar stark ist als das deutsche. Mn wollen wir aus diesen Stärkeverhaltniffen zwar durchaus nicht die Folgerung ziehen, daß Deutschlands militärische Stärke derjenigen Frankreichs oder Rußlands nicht gewachsen sei, denn im Kriegsfälle spielen ja noch ganz andere Faetoren mit als die Zahlen der stehenden Heere, wesentlich überflügeln lassen kann sich aber Deutschland von Frankreich in der Heeresstärke doch nicht, weil darin im gegebenen Falle ein sehr starker Anreiz zum Losschlagen für die Franzosen liegen kann. Dazu kommt nun aber in Deutschland die be- merkenswerthe Thatsache, daß die allgemeine Wehrpflicht mchl vollständig durchgeführt ist, sondern daß rm deutschen Reiche jährlich ungefähr 70000 dienstpflichtige und bedingungsweise auch taugliche junge Leute nicht in das Heer eingestellt werden. GegenüberdieserGesetzesungleichheit,welcheeinesehrgroße Anzahl junger Leute von der allgemeinen Wehrpflicht befreit und gegenüber dem Umstande, daß das viel kleinere Frankreich bestrebt ist, ein größeres Heer in das Feld zu stellen als Deutschland, erwächst den Vertretern der deutschen Militärverwaltung und den Mitgliedern des Reichstages offenbar die Aufgabe, sich mit der Zeit nach denjenigen Reformen urn- rusehen, durch welche diejenigen jungen Leute, welche als über- zählich vom Militärdienste bisher befreit waren, künftig auch als Soldaten ausgebildet werden können und wodurch dann auch ein für alle Mal den Versuchen Frankreichs, Deutschland militärisch zu überflügeln, ein starker Riegel vorgeschoben
nn. Darmstadt, 29. Mai. Zweite Kammer der Land stände. Nach kurzer Unterbrechung hat die Kammer heute ihre Thätigkeit wieder ausgenommen. Das Haus ist äußerst schwach besetzt, so daß eine Stunde später wie gesetzt, die Verhandlungen beginnen können, nachdem
Sie das, Herr von Rittner?"
„Ach so, natürlich, ja, können es nicht wissen, da Sie zu Hause waren. Nun, die Tochter des Hauses ist unwohl geworden, kleiner Ohnmachtsanfall, verstehen schon: gut gegessen, eng geschnürt, Ausregung, Hitze des Saales voila tout, ganz begreiflich. Der Papa versicherte, es sei weiter nichts, sollten uns nicht stören lassen! Aber bleibt doch immer
Der {Heftener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- Montags.
Die Gießener Isnmilienvtätter werden dem Anzeiger ssSchmtlich dreimal beigelegt.
Feuilleton.
Eine Verlobung mit Hindernissen.
Humoreske von Alexander von Degen.
(Schluß.)
Mit einer fabelhaften Geschwindigkeit entledigte sich Bach des Geliehenen. Freilich, Schraps hatte recht, salonfähig war das Kleidungsstück nicht, auf dem Rücken war ein großer Fleck, der bei der Beleuchtung recht braun aussah.
Trübselig betrachteten Herr und Diener das corpus delicti. * r . ...
„Aber, Schraps, was thun? Rath muß werden!"
//Ziehen der Herr Baron den alten an, den Sie mir geschenkt haben. Ich habe ihn nur einmal angehabt."
„Her mit dem Dinge, in der Noth frißt der Teufel Fliegen, ich habe keine Minute zu verlieren!" rief der Assessor in Heller Verzweiflung.
Schraps beeilte sich, dem Wunsche zu willfahren und nachdem das Kleidungsstück mit Eau de Cologne eingespritzt war, hielt Bach es für salonfähig.
Im Hnndheimlchen Palais hatte unterdessen, der Ball seinen Ansang genommen, nachdem vorher der Hausherr mit Frau und Tochter eine kurze Familienunterredung gehabt- am Schluß derselben hatte Vater und Mutter die glück- strahlende Tessa umarmt.
Als Tessa in die Salons zurückkehrte und die verlockenden Klänge des ersten Walzers aus dem Saal vernahm, suchten ihre Augen unwillkürlich den Assessor.
Paar aus Paar engagirte sich, nur noch wenige junge Mädchen hatten keinen Tänzer und standen mit mehr oder minder trübseligen Gesichtern im Salon.
Der Hausherr kam an seiner Tochter vorüber.
„Ich suchte Dich und Bach bereits im Saal."
‘ „Bach ist überhaupt noch nicht hier gewesen," entgegnete Tessa mit leicht bebender Stimme.
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Gießener Anzeig er
Kenerat-Mzeiger.
„Sollte er etwa im Rauchzimmer sein und —" ärgerte sich Herr von Hundheim, „da will ich doch gleich einmal nachsehen!"
„Das scheint ja ein zärtlicher Bräutigam zu sein," murmelte der alte Herr.
„Herr v. Bach war vorhin hier," entgegnete der Justizrath aus des Hausherrn Frage, „er ist dort aus der Thür gegangen."
Herr v. Hundheim betrat das Toilettenzimmer, auch hier war kein Assessor zu sehen- er sah in die Garderobe.
„Haben Sie den Herrn Assessor von Bach nicht gesehen?" fragte er die alte Garderobiere.
„Der Herr Assessor ist vor einer halben Stunde sortgegangen."
„Fortgegangen — was — Sie irren sich, ich meine den Herrn Assessor von Bach!"
„Jawohl, ganz recht. Ich kenne den Herrn Assessor sehr gut, ein netter, lieber Mann- er gibt stets ein Trinkgeld - aber heute Abend war er ganz anders, er war in furchtbarer Aufregung und stürmte dann fort."
„Sonderbar!" dachte Herr v. Hundheim, „Bach machte doch einen sehr vernünftigen Eindruck, als er vorhin mit mir sprach. „Ich kann mir sein Verschwinden gar nicht erklären, auf alle Fälle muß ich aber meine Frau und Tessa benachrichtigen."
Er kehrte in den Salon zurück, woselbst Tessa an der Seite der Mutter stand. Beide Damen waren sichtlich erregt.
„Hast Du Bach gefunden?" fragte Frau Hundheim.
„Leider nein, er ist sortgelausen! Ich kann mir dieses fluchtartige Verlassen unseres Hauses nicht erklären."
Tessa erblaßte, eine Ohnmacht umfing das junge Mädchen.
„Auch das noch!" rief Herr v. Hundheim. Die Gäste eilten herbei. Trotz der Versicherung des Hausherrn, daß das Unwohlsein der Tochter nichts zu bedeuten habe und man sich im Vergnügen nicht stören lassen solle, verabschiedete sich einer nach dem andern bald daraus.


