liche an unserer Bergmannsarbeit, dies ewige Einerlei hier unten: kein Tag und keine Nacht, kein Frühling, Sommer, Herbst und Winter, ewig die dunstige, kohlenstaubgeschwängerte Lust! Was man da an Gift in den acht Stunden, die man täglich hier unten arbeitet, in die Lunge aufnimmt, bringt man in den sechzehn Stunden oben nicht wieder heraus. Wir Bergleute werden nicht alt- wir vergiften uns langsam, aber sicher, wenn wir nicht schon vorher durch schlagende Wetter, Einsturz, Ueberschwemmung oder irgend eine andere der unzähligen uns stündlich umlauernden Gefahren ein jähes Ende finden."
Inzwischen waren wir immer weiter vorgedrungen und sahen jetzt in der Ferne ein Licht schimmern. Unser Führer zündete eine Sicherheitslampe an, die er bei sich führte, blies sein Grubenlicht aus und forderte uns auf, dasselbe zu thun und ihm vorsichtig zu folgen.
„Hier kommen wir „vor Ort", wo die Kohlen gehauen werden," sagte er, „es wird seit einigen Tagen hier mit der Sicherheitslampe gearbeitet, da man böse Gase im Flötz vermuthet. Dieselben verlöschen die Sicherheitslampe einfach, während sie bei einer andern explodiren. Wenn solche Gase entdeckt sind, muß eine Luftschacht nach oben gebohrt, oder, wenn das zu große Mühe und Kosten verursacht, das Flötz ausgegeben werden."
Jetzt standen fober vielmehr knieten wir dicht bei den Hämmern - denn wir hatten schon den letzten Theil des Weges fast kriechend zurücklegen müssen, so niedrig war der Gang. Die Leute lagen wie Maulwürfe am Boden und hackten mit eintönigem Schlage in die Kohle, die losgelösten Stücke nach hinten schiebend, wo sie Andere in kleine, niedrige Wagen luden. Wir standen eine Zeitlang schweigend da und schauten der schweren Arbeit zu, dann machten wir Kehrt.
An der Stelle, wo wir sie vorher verlöscht, zündeten wir unsere Lichter wieder an und gelangten auf demselben Wege wieder an den Schacht.
Als unser Führer uns fragte, ob wir auch noch das obere Flötz sehen wollten, an dem wir vorher vorbeigefahren waren, sagten wir einstimmig Nein und eilten, den Aufzug zu besteigen, der uns in wenigen Augenblicken wieder ans Tageslicht brachte, das wir mit aufrichtiger Freude tief aus- athmend begrüßten.
Wir waren eine Stunde unten gewesen, abgeschieden von Luft und Licht. Jetzt empfanden wir erst so recht, ein wie großes Glück es ist, hier oben leben und für sein Leben kämpfen zu dürfen.
* In dem Kundenverzeichuiffe eines bekannten Industriellen bei B. in der Bergstraße, welcher nach den Reichslanden Geschäfte macht, sind hinter jedem Namen die durch die Reisenden gesammelten besonderen Ansichten über den persönlichen Character des Inhabers vermerkt. Hinter einer Firma, welche durch ihre Chicanirerei berüchtigt ist', steht das Wort „Chicaneur". Bei Adressirung der Reise-Avise schrieb nun kürzlich der jüngste ahnungslose Lehrling: „Herrn P. R., Ehicaneur." Der Reisende wurde bei seiner Ankunst vom Adressaten natürlich sehr „warm" empfangen und portofrei auf die Straße expedirt.
* Erster Geschäftsreisender: .... „Ich warte also längere Zeit im Comptoir auf den Ober-Ches des Hause- . . . endlich höre ich einen Fußtritt ..." — Zweiter: „Wirklich bloß gehört?"
Nr. 253.
Donnerstag den 30. October
1890
Der
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Die Gießener
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Gießener Anzeiger
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v. Gagern.
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Feuilleton
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innen ist es immer warm, hier oben Sommer ist oder Winter, dringen nicht so tief in die Erde.
die Strahlen der Sonne Das ist eben das Schreck-
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Lorm. 10 Uhr.
t in von der uen, die vom cke Mzetuuscht
A8e Annoncm-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
letzten drei Jahren auszählenden Rede eröffnet. Ferner wird aus Belgrad die Abreise Milans in's Ausland gemeldet und soll die serbische Regierung sehr froh sein, daß sie nun diesen unbequemen Aufsichtsrath losgeworden ist. Endlich signalisirt man aus Constantinopel die Beilegung der Streitigkeiten zwischen der Pforte und dem griechischen Patriarchen.
Der alte Gladstone setzt seinen Redefeldzug in Schottland gegen das Ministerium Salisbury mit ungeschwächten Kräften fort. So hielt „old Glad“ am Montag in Edinburg eine Rede, in welcher der Oppositionsführer zur Abwechslung die auswärtige Politik Salisburys tüchtig heruntermachte. Namentlich mißbilligte Gladstone die Specialmission Salisburys an den Papst, welche fast einer Anerkennung der päpstlichen Forderungen gleiche.
i Logis von 4 Zimmern, ßtt* Mftrltiiung, LanMrg?.
rs-ZS-
Mnfhundert Meter unter der Erde.
Von Hugo Werth.
(Schluß.)
Der übrige Theil des Bodens war ziemlich trocken, so daß es sich hier, abgesehen davon, daß man jeden Augenblick zur Seite springen mußte vor einem ankommenden und in der Dunkelheit erst ganz in der Nähe bemerkbaren Wagenzug, sehr gemüthlich gehen ließ, im Vergleich zu den Gängen, die wir nun betraten. Das waren die nach allen Richtungen auseinander gehenden in dem Flötz selbst befindlichen Stollen, aus denen die Kohle schon gehauen war. Hier war nur noch ein schmales Geleise und die Decke senkte sich oft so tief, daß wir uns zu unfern halben Höhe niederbjicken mußten, um nicht anzustoßen. Wände und Decken waren mit Balken verzimmert und man mußte sich wohl in Acht nehmen, daß Kopf ober Ellenbogen nicht mit irgenb einem hervorstehenben Stück unliebsame Bekanntschaft mache. Dabei wateten wir bis über bie Knöchel in schmutzigen Lachen unb wurden von oben bis unten von dem durch die Balken sickerndem Wasser bespritzt.
Trotzdem froren wir nicht, sondern empfanden sogar eine gewisse angenehme, drückende Wärme, die zunahm, je weiter wir vordrangen und je enger die Stollen wurden. Als Einer von uns seiner Verwunderung darüber Ausdruck
Gießen, am 27. October 1890.
Betr.: Die Erhebung und Verrechnung der evangelischen Kirchensteuer von 1890/91.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien de- Kreises.
Einem Ersuchen Großh. Oberconsistoriums entsprechend, beauftragen wir Sie, die Gemeinde-Einnehmer anzuweisen, die bi- jetzt eingegangene Kirchensteuer von 1890/91 — soweit noch nicht geschehen — unverzüglich in runder Summe an den Rechner des evang- Centralkirchenfonds ab
sei, es hätten sich überhaupt keine Gewaltthätigkeiten ereignet, Meusel und seine Gefährten hätten erst außerhalb der Stadt Witu und nachdem sie von den Wituleuten angegriffen worden seien, ihre Schußwaffen gebraucht. — Das traurige Ereigniß bedarf jedenfalls noch immer einer näheren Aufklärung.
Das neueste Avancement im österreichischen Heere, welches das Wiener „Militär-Verordnungsblatt" veröffentlicht, weist eine besonders interessante „Nummer" aus. Es ist nämlich Graf Hartenau, der ehemalige Bulgarensürst, bisher überzähliger Oberst des 6. Dragoner-Regiments, zu dem in Graz stehenden Infanterie-Regiment „König der Belgier", einem der historisch berühmtesten Truppentheile des österreichisch-ungarischen Heeres, versetzt worden. Hiermit ist Graf Hartenau in den activen österreichischen Heeresdienst eingetreten und man darf einigermaßen gespannt darauf sein, ob in demselben der fürstliche Sieger von Slivnica und Pirot eine rasche Karriere machen wird. In den russischen Regierungskreisen wird die Nachricht von der Activirung des Battenbergers im österreichischen Heere jedenfalls mit gemischten Empfindungen ausgenommen werden.
In der Schweiz sind am vergangenen Sonntag zwei große Wahlacte vollzogen worden. Bei dem einen handelte es sich um die durch Volksabstimmung vorzunehmende Revision der Bundesverfassung, betreffend die Einführung der staatlichen Unfall- unb Krankenversicherung in ber Schweiz, unb hat bie Abstimmung mit großer Mehrheit bie Genehmigung bieser bebeutsamen socialpolitischen Neuerung ergeben. Der zweite Wahlact bestaub in ber Vornahme ber Nationalrathswahlen, bie sich unter lebhafter Betheiligung unb theilweise großer Erregung ber Wählermassen vollzogen. So weit bekannt, haben bei ben Wahlen zur ersten gesetzgebenben Körperschaft ber Schweiz bie Freisinnigen einige Vortheile errungen, während bie socialbemokratische Partei in Zürich unb Basel, sowie bie conservative Volkspartei in Bern Nieberlagen erlitten.
In Paris würbe am Montag bie „kleine Allianz" zwischen Rußlanb unb Frankreich, nämlich bie Civiltrauung ber Tochter bes russischen Botschafters Baron Mohrenheim mit bem französischen Jägerlieutenant Dssore, vollzogen. Natürlich fehlten bei bem Acte politische Anspielungen auf bie russisch-französische Freunbschast nicht.
Von ber Balkanhalbinsel liegen biesmal gleichzeitig eine Reihe interessanter Nachrichten vor. Zunächst fanben am Sonntag in Griechenland bie Neuwahlen zur Deputirtenkammer statt, bei benen bie Opposition siegte, benn es würbe kaum ber britte Theil der ministeriellen Candidaten gewählt; voraussichtlich wird daher das Ministerium Trikupis zurücktreten müssen. Weiter wurde am Montag in Sofia die Sobranje- Session durch den Fürsten Ferdinand seierlichst mit einer sehr zuversichtlich gehaltenen und bie Erfolge Bulgariens in ben
politische ttebersicht.
Gießen, 29. October.
Ein hoher Gast ist in ber Person bes Königs Leopold von Belgien zum Besuch bei den Kaiserlichen Majestäten in Potsdam eingetroffen. Die Ankunft bes Königs auf bem Potsbamer Bahnhofe erfolgte am Dienstag in ber fünften Nachmittagsstunbe, und fand hierbei großer militärischer Empfang statt. Der Kaiser begrüßte seinen erlauchten Gast auf dem Bahnhof in herzlichster Weise und denselben Charac- ter trug auch die Begrüßung zwischen König Leopold und den zum Empfang erschienenen königlichen Prinzen. Der Kaiser geleitete sodann den König nach dem Stadtschloffe, woselbst der belgische Monarch Wohnung nahm. Daß der jetzige Aufenthalt König Leopolds am deutschen Kaiserhose einen politischen Hintergrund haben sollte, ist schwerlich anzunehmen, es handelt sich wohl bloß um die Erwiderung des Besuchs, den Kaiser Wilhelm gelegentlich seiner letzten Reise nach England den belgischen Majestäten in Ostende abstattete.
Ueber die Ermordung Küntzels und seiner deutschen Landsleute im Sultanat Witu bringt jetzt der „Reichsanzeiger" einen osficiellen Bericht des deutschen Generalconsuls Micha- helles in Zanzibar, der indessen diesen blutigen Vorgang auch nicht sonderlich ausklärt. Der Bericht stützt sich auf Mit- theilungen des Vertreters der früheren Witugesellschaft aus Lamu, wonach in jenen Gegenden während der letzten Monate eine allgemeine. Gährung herrschte, die durch den englischerseits veranlaßten Anschlag eines Deerets gegen den Sclaven- verkanf und durch das unvorsichtige Auftreten Küntzels zum Ausbruche gelangte. Dagegen hat Meusel, der einzige der Metzelei von Witu entronnene Gefährte Küntzels, protocollarisch ausgesagt, daß ihm von einer heftigen Scene Küntzels mit dem Sultan oder mit einem seiner Beamten nichts bewußt
Deutsche- Reich.
Darmstadt, 28. October. Das heute ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 42 enthält:
1. Verordnung, die Ausführung der Landesfeuerlöschordnung vom 29. März 1890 betreffend.
2. Gesetz, die Ableistung des Diensteides betreffend.
3. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Gebühren der Ausstellung und Fortführung der Umlagekataster I. Abtheilung für die Unfallversicherung der in land- unb forstwirthschastlichen Betrieben beschäftigten Personen betr.
Darmstadt, 28. October. Zum außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister am Großherzoglichen Hofe wurde vom Kaiser der bisherige Generalconsul in Budapest, Legationsrath Freiherr v. Plessen, ernannt.
Be rlin, 27. October. Von Sr. Excellenz dem General- Feldmarschall Grafen Moltke ging der „Post" folgendes Schreiben zu:
Gelegentlich meines Geburtstages sind mir vom Jn- und Auslande so zahlreiche Glückwünsche zugegangen, daß mir unmöglich ist, die nach Tausenden zählenden Briese und Telegramme alle zu beantworten. Ich bitte daher, allen Denjenigen, die meiner so freundlich gedacht haben, auf diesem Wege meinen herzlichsten Dank aussprechen zu dürfen.
Berlin, den 27. October 1890.
Graf Moltke, Feldmarschall.
Berlin, 28.October. Zwischen der Reichsregierung und der preußischen Regierung ist ein Einvernehmen dahin angebahnt, die Unzuträglichkeiten des Zusammenarbeitens der Parlamente so weit wie irgend thunlich herabzumindern. Man hofft es wenigstens zu erreichen, so meldet die „Magd. Ztg.", daß nicht besonders wichtige Arbeiten gleichzeitig im Reichstage und Landtage zur Berathung gelangen. In beiden Parlamenten ist in den nächsten Tagungen den Commissionen
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gab, nahm unser Führer wieder das Wort:
„Dort hinten am Schacht," sagte er, „und in den Hauptgängen, da weht oft ein eisiger Luftzug, aber hier ist es einerlei, ob es da
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auch GartenanM. M vn-


