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1890

Samstag den 30. August

Nr. 201

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2lutunb ünjdgcblatt für den ICtds Gieren.

GratisZeikage: Gießener Aamikienökatter

von

Feuilleton

Uavahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den falzenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux de- In» und Au-lande- nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgcqm.

Neuefte Nachrichten.

Wolff- telegraphisches Correspondenz-Bureau.

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LoesLes utiö provtitsUOe».

Gießen, 29. August.

Die Lehrer und Schülerinnen der höheren und er­weiterten Mädchenschule, welche sich am Festzuge am 2. Sep­tember betheiligen, versammeln sich um Hal- drei Uhr im Schulhose in der Schillerstraße und ziehen von da aus nach Oswalds Garten.

Unter den Neuerungen für Feld und Manöver, welche gegenwärtig eine eingehendere Prüfung quf ihre Zweck­mäßigkeit bestehen sollen, befinden sich auch die Flnrentschädig- ungen. Solche Beschädigungen sind im Gefolge der Manöver nur zu häufig auch dort vorgekommen, wo sie leicht ver­meidlich waren. Nunmehr lautet die Bestimmung:Jeden­falls aber ist es unstatthaft, daß Truppenabtheilungen nach Beendigung einer Uebung, also im Allgemeinen nach dem SignaleDas Ganze sammeln" noch weitere Flurschäden lediglich aus dem Grunde verursachen, um durch ein Marschiren querfeldein den Weg abzukürzen. Jede Truppen- abtheilung hat vielmehr nach erfolgtem SignalDas Ganze sammeln", bezw. nach eingegangenem Befehle zum Einrücken möglichst sofort und unter thunlichster Vermeidung von Flur­schäden die nächste Straße zu erreichen, um dann hier zu rasten oder den Weitermarsch auf Straßen fortzufetzen. Für nicht gerechtfertigte Flurbeschädigungen bleibt der Führer der betreffenden Truppenabtheilung persönlich verantwortlich."

Wir machen an dieser Stelle auf das nächsten Sonn­tag in Steins Garten stattfindende große Concert der hiesigen Negimentsmufik aufmerksam. Da die Capelle in letzter Zeit keine Gelegenheit hatte, ein großes Concert ztr veranstalten, so dürfte sich ein Besuch desselben sehr empfehlen, zumal die Witterung für Parthien rc. nicht geeignet ist. Die Mitglieder der GesellschaftBürgerclub" haben lt. Ueber- einkunft freien Zutritt zu diesem Concert.

Im Seuling'schen Garten, Wallthorstraße 71, stehb eben ein mit Früchten behangener Aepfelbaum in Blüthe.

Die Zahl der Todesfälle, ausschließlich der Todt- geborenen, betrug in der Woche vom 10. bis 16. August in Mainz mit Castel 34, in Darmstadt 23, in Offenbach 14, in Worms 12 und in Gießen 7, zusammen 90, darunter 42 im ersten Lebensjahre. Die Todesursache anlangend, verstürben an Rachenbräune 1 (Darmstadt), an Halsbräune 1 (Darmstadt), an Keuchhusten 3 (Mainz 2, Darmstadt 1, an Unterleibstyphus 1 (Worms), an Diarrhoe und Brechdurchfall 23 (Mainz 12, Darmstadt 4, Offenbach 3, Worms und Gießen je 2), an Lungenschwindsucht 4 (Darmstadt, Offenbach, Worms und Gießen je 1), an entzünd!. Krankheiten der

berg ernannt.

Prinz Albrecht wurde ä la suite der Litthauischen Dragoner gestellt.

Dresden, 28. August. Gestern begannen hier die Arbeiten zur Legung des unterirdischen Kabels Dresden-Hof- Mimchen.

Rostock, 28. August. Der Deutsche Apotheker- v er ein wählte Brunnengräber (Rostock), Thäter (München) und Frölich (Berlin) in den Vorstand. Die nächste Versamm­lung 1891 soll in Magdeburg abgehalten werden.

Paris, 28. August. Die Blätter melden: Zwei Torpedo­boote gehen nach Toulon ab, um dort das englische Ge­schwader zu begrüßen.

DieJustice" meldet, daß von 1900 Conscribirten $90 geistliche Lehramts candidaten dispensirt wurden. Da man weiß, daß die Kirche keine schwächlichen Leute tn Len Orden aufnimmt, wünscht das Blatt, daß man Vergleiche Larüber anstelle, ob bei anderen Civillehranstalten ebenso viele Lispensirt würden.

Paris, 28. August. Der Marineminister beschloß, ein drittes Bataillon senegalischer Tirailleure zu errichten.

Die Blätter tadeln das Project Rolland für die Transsaharabahn. Das JournalPans" empfiehlt, Lie Linie Oran-Ainsefra zu verlängern.

Paris, 28. August. Die brasilianische Gesandtschaft Lementirt die Nachricht, daß der brasilianische Finanzminister Ruiz Barbose feine Entlassung genommen habe.

Mons, 28. August. Heute Nachmittag durchzogen etwa $00 Ausständische die Straßen. In Quaregnon Men einige gewaltthätige Scenen vor. Vorüber­gehende wurden beschimpft und nicht ausständische Arbeiter ausgepfiffen.

Mons, 28. August. Nach dem gestrigen Meeting m Paturages schlug eine Bande von 3000 Strikenden die Richtung auf Dur und Wasmes ein; sie wurde jedoch von der Gensdarmerie zerstreut, wobei vier Personen verhaftet wurden. Die Zahl der Strikenden hat sich heute auf 16,800 vermehrt.

Königsberg, 28. August. Superintendent Poetz Insterburg wurde zum Generalsuperintendenten von Ost­preußen und ersten Hofprediger an der Schloßkirche zu Königs-

Madrid, 28. August. In der Provinz Toledo kamen acht Cholera fälle vor, darunter vier tödliche; in Toledo starb der Director der Militärakademie an der Cholera. In den Provinzen Alikante und Valencia kamen mehrere Er­krankungen vor.

Madrid, 28. August. Gestern sind in den Provinzen Alicante Badajoz, Tarragona, Toledo und Valencia ins- gesammt 100 Cholerafälle, davon 47 mit tödtlichem Verlauf, vorgekommen.

Petersburg, 28. August. Die Stadt Kinesh m a (4000 Einwohner, im Gouvernement ^Kostroma), ist größtenteils abgebrannt. Der Schaden wird auf drei Millionen ge­schätzt. Den obdachlosen Einwohnern fehlen überdies die Nahrungsmittel. Ferner sind in O r e l 20 Gebäude, darunter ein Hanfspeicher, und in der Vorstadt von Kursk 150 kleinere Gebäude durch Feuer zerstört.

Petersburg, 28. August. Der Groß Herzog und Erb- großherzog von Hessen haben sich mit dem Großfürsten und der Großfürstin Sergius auf deren Landgut Jlinskoje bei Moskau begeben.

Sofia, 28. August. Der Wald bei Bellova wird seit zwei Tagen durch eine Feuersbrunst verheert, zurLocali- sirung des Brandes ist ein Infanterie-Regiment abgeschickt.

Sofia, 28. August. Ein Theil der Reservisten der Jahrgänge 1882/83 ist zu einer vierzehntägigen Uebung mit dem Mannlichergewehr einberufen worden.

Belgrad, 28. August. Die Reservisten des stehenden Heeres werden nach den Wahlen vom 25. September (alten Stils) zu der jährlichen Waffenübung eingezogen.

Athen, 28. August. Die Kaiserin Friedrich nebst den Prinzessinnen Victoria und Margarethe sind heute nach Korinth abgereist, wo sie sich auf dem AvisoSurprise" ein­schifften. Die Weiterreise erfolgt über Korfu, Venedig nach Berlin.

Rewyork, 28. August. Depeschen von heute aus San Salvador melden, Ezeta habe die Friedensprotokolle mit Guatemala unterzeichnet.

Melbourne, 28. August. Die Bemühungen der Ver­mittelung zwischen Rhedern und Ausständischen werden eifrig fortgesetzt. In Folge des Strikes der Gasarbeiter sind einige Stadttheile dunkel. Die Ausständischen versuchen hier und in Newcastle, wohin Artillerie geschickt wurde, die Nichtunionisten an der Arbeit zu verhindern. Die Situation ist augenblicklich ruhiger.

Der Otesteoer Anzeiger erfchemt täglich, Mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener MnmttienSrätter «erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

an feiner Seite war makellos gewesen. Sie hatte ihm nie Gelegenheit zur Eifersucht, aber zahllose Veranlassungen ge­geben , seinen Hochmuth, seine Eitelkeit zu nähren. Er schwelgte im Besitz der schönsten, gefährlichsten, aber un­nahbarsten Frau; und damit hatte sie ihre Bestimmung erfüllt.

Als das fürstliche Paar in den Sälen des Residenz- schloffes erschien, war die Gesellschaft schon vollzählig ver­sammelt, bis auf die höchsten Herrschaften und den Helden des Tages. Trotzdem sich alle Erwartung dem Einen zu- wandte, der in der Musikwelt einen Namen trug wie kein zweiter, lenkte die strahlende Erscheinung der Fürstin Schrecken­stein sofort die fieberhafte Spannung in eine andere Bahn und bewog die Mehrzahl der anwesenden Gäste, sich ihr zu nähern und ihr die gewohnten Huldigungen darzubrtngen.

Ihre Blicke flogen unstät umher; wer sie scharf beob­achtet, hätte ihre Haut um einen Ton bleicher, ihre be­redten Mienen gezwungener als sonst finden müssen. Dennoch wurde ihr inneres Ringen um die gewohnte Selbstbeherrschung, um die Entfaltung aller der geselligen Reize, die sie zur Königin ihrer kleinen Welt machten, von Erfolg gekrönt.

Als sie, umringt von ihrem Hofstaat, lichtweiß, von Licht umflossen, in der Mitte eines Saales in vollem Kerzen­glanze dastand, fühlte sie insünctiv, daß eine Gegenströmung von einem der Nebenzimmer ausging.

Zwischen den bunten Uniformen schwarz und ernst sich abzeichnend, erschien in der Thür die Silhouette eines Fremden, ihr nur zu wohlbekannt.

Sie drückte ihren Fächer gegen das Herz, das im Schmerz zusammenzuckte.

Beifälliges staunendes Geflüster begleitete den berühmten Gast durch die Reihen der auserwählten Gesellschaft, in der er sich wie ein Ebenbürtiger einführte.

Also das ist aus ihm geworden, meinem einstigen, meinem lieben Georg.....Er hat die Manieren eines

vollendeten Cavaliers. Aber die Art, wie er mir entgegen­

tritt, wird dies erst recht beglaubigen. Nur keine Senti­mentalitäten . ?*

Er mußte sie von Weitem schon gesehen haben, sie blieb nicht unbemerkt. Aber er eilte ihr nicht entgegen, nicht ein­mal mit den Augen. Als der Hosmarschall_ ihn ihr sehr förmlich vorführte, verneigte er sich so tief, daß zunächst ihre Blicke sich nicht trafen; als er ihr dann gegenüberstand und sie sich gerade in die Augen sahen, glitt ein flüchtiger Blick höchster Bewunderung über sein ausdrucksvolles Gesicht. Zu welcher Frauenschönheit hatte sich die Knospe entwickelt! Göttergleich wie die Venus von Milo, Canovas liebliche Marmorgebilde, die kühl und weiß aus ihren goldenen Nischen herabschauten, und dabei Geist und Leben athmend, warm gefärbt!

Er sagte nicht mehr als:Ich hatte schon früher, in Wien, die Ehre, Durchlaucht zu begegnen . . . ." Man konnte die Worte nicht kühler aussprechen, und die Hand, die sie ihm in der Aufwallung entgegenhielt, übersah er, verneigte sich und folgte seinem Führer zu einer anderen Gruppe, die ungeduldig seiner harrte.

Antonie fühlte sich erleichtert, daß der erste Sturm vorübergegangen, aber auch enttäuscht, wenn sie es sich auch nicht zugestand; und in ihrem Innern bebte jetzt der Ton seiner lange entbehrten Stimme nach. Sie fühlte Schmerzen, ohne sagen zu können, wo, und ein nervöses Zittern ging ihr durch den ganzen Körper. Sie hätte sich gern gesetzt^ aber die Zeit dazu war noch nicht gekommen.

Sie folgte ihm mit den Augen. Wie schlank und schmat war ihr Georg geblieben, wie viel Sorgen- und Arbeits-- linien hatte ihm der ruhelose Genius um Schläfen und Lippen gezogen, aber wie leuchtete feine Stirn, wie brannten die dunklen tiefgelegenen Augen und wie erinnerte der sprechende Zug um den Mund an alte, selige Zeiten, der Mund, der so gut zu lächeln wußte, damals!

Jetzt stand er ihrem Gatten gegenüber, der, seiner Mäcenrolle gemäß, den Künstler mit reichem Wortschwall.

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Hichmer Anzeiger

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Die verlorene Perle.

Novelle von I. Dedekind, Nerf. derAchten-Lini".

(Fortsetzung.)

Nun blieb sie allem. Seit wenigen Tagen war es ihr bekannt geworden, daß sie ihn wieder sehen sollte! Zu­erst, zwölf Jahre nach ihrem Lieben und Scherben. Wre oft hatte sie den Augenblick gefürchtet, wie oft ihn heiß herber- oesehnt! Es war ihr früh genug klar geworden, daß Georg sic vermied. Kein Lebenszeichen watj je von ihm zu thr herübergedrungen; so lange sie in der Heimath weilte, hatte er diese nicht betreten. Dabei wußten und hörten sie beide ohne Unterlaß von einander, denn beide waren sie in ihrem Kreise Sterne erster Größe geworden, die sich nicht unbemerkt verbergen konnten. Er, ein unerreichter Herrscher im Reiche der Töne, sie der bewunderte Abgott der großen Welt, hatten sie beide begreiflicher Weise am meisten in großen Residenzen oelebt und geglänzt. Oft schienen sich ihre Bahnen zu be­gegnen, aber kometenartig wußte der Künstler sich der An­näherung seines ehemaligen Leitgestirns zu- entziehen.

Was mochte ihn jetzt bestimmen, ihr hier, an dem kleinen norddeutschen Hofe, an den ihr Gatte vorübergehend gefesselt mar, su begegnen? War er es müde geworden, sie zu fürchten, oder zu strafen? Sein Name war häufig mit dem gefeierter Frauen des Auslandes, mit romantischen Abenteuern in Verbindung gebracht worden. Er mochte sie vergessen h°^Seufzend erhob sie sich, als ihr Gemahl erschien, um sie abzuholen. Sie bemühte sich, ihm das herkömmliche Lächeln zu zeigen, um nicht den geringsten Argwohn zu wecken. Sie glaubte, daß ihm zur Zeit seiner Bewerbung, durch ihren kurzen, erfolglosen Kampf eine Ahnung ihrer Jugendliebe ausgegangen sei. Gleichviel, das spätere Leben