Ausgabe 
30.7.1890 Erstes Blatt
 
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1890

Mittwoch den 30. Juli

Nr. 174

Ä

Amts- imd Anzeigeblatt für den Akreis Gieren.

Gratisbeilage: Gießener Iamilienölätter

Amtlicher Theil.

Nordonlage 33.

Bekanntmachung.

116

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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgcgm.

! Theilnahme bei dem mgsten Dank

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Die Gießener Wa«itts«-tL1ler werden dem Anzeiger «eschentlich dreimal beigelegt.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- vorm. 10 Uhr.

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Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Es steht nunmehr endgiltig fest, daß Kaiser Wilhelm auf seiner Reise nach Rußland vom Reichskanzler v. Caprivi begleitet sein wird, was den politischen Character dieser Reise besonders hervortreten lassen würde. Der Kaiser begiebt sich zu Schiffe nach Reval, wo die Landung am 17. August erfolgen soll, von Reval aus erfolgt die Weiter­fahrt zu Lande nach dem durch den glänzenden Sieg König Karl XII. von Schweden über die Russen historisch berühmten Narwa, welches den Mittelpunkt der bevorstehenden Kaiser­manöver in Rußland bilden wird.

Die Angelegenheit des Welsenfonds macht wieder einmal von sich reden. Es heißt, daß dem preußischen Landtage vielleicht schon in seiner nächsten Session eine Vor­lage, betr. die Aufhebung des Welfenfonds, zugehen und von einer Denkschrift des Ministerpräsidenten v. Caprivi begleitet sein würde. Die Verwaltung des Welfenfonds befand und befindet sich noch in den Händen des Reichskanzlers, als des preußischen Ministerpräsidenten, dessen Bestimmungen laut Gesetz sich der Beurtheilung seitens des Landtages wie der Oberrechnungskammer entzogen. Bei der jetzigen Politik, verlautet nun weiter, sei kein Anlaß vorhanden, den Fonds fortbestehcn zu lassen, weil sowohl die Staatspolizei als auch die osficiöse Presse nach wesentlich anderen Grundsätzen ge­handhabt werden, als früher, und weil ferner die Verwaltung des Capitals durch den leitenden Minister ihm eine Last ge­worden sei, die er von sich abwälzen wolle. Die weitere Regelung der ganzen Angelegenheit wird, dem Vernehmen nach, der preußische Finanzminister übernehmen, dem auch nunmehr die Verwaltung unterstellt werden wird.

Dem Eintreffen des Asrikareisenden Dr. Peters sieht man in Berlin für Mitte August entgegen und dann dürfte sich auch die Frage entscheiden, welche Thätigkeit Dr. Peters nunmehr ergreifen wird. Wie man weiß, stand Dr. Peters bislang mit der Reichsregierung in keinerlei Ver­bindung und ist ihm auch auf seinem kühnen Zuge zur Auf­suchung Emin Paschas nicht die geringste Unterstützung seitens der deutschen Regierung zu Theil geworden. Die erstaunliche Energie und Thatkraft, die Dr. Peters bei seinem Unternehmen entfaltete, scheinen indessen die Vorurtheile, die man in den Berliner leitenden Kreisen offenbar gegen Peters hegte, be­seitigt zu haben, denn es wird versichert, man wolle ihm Verwendung im colonialen Dienste des Reiches anbieten und sicherlich würde die deutsche Regierung mit Uebernahme des verdienstvollen Afrikasorschers in den colonialen Dienst keinen schlechten Griff machen.

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Bekanntmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche zu Lich.

Nachdem die in den Gehöften des Heinrich Walz IV., Hermann Philipp Keck und Heinrich Zimmer zu Lich ausgebrochen gewesene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, heben wir die über die verseuchten Gehöfte verfügte Sperre sowie die über die Gemarkung Lich und die angrenzenden Ge- inarkungen Birklar, Albacher Hof und Colnhäuser Hof ver- chängten Maßregeln wieder aus.

Gießen, den 26. Juli 1890.

Großherzogliches Kreisamr Gießen.

v. Gagern.

aus der Tchaftveide bet ZViSmar

Freitag den 1« August l. I.,

von Nachmittags 2 Uhr bis gegen 11 Uhr Nachts -ein gefechtsmäßiges Einzelschießen abhalten wird.

Die Schußlinie läuft vom Bogen der Lahn her in nord­westlicher Richtung gegen die Teufelsberge. Es wird daher gewarnt, das Feld und den Wald 4000 Meter nordwestlich der Schafweide am 1. k. M. von 2 Uhr Nachmittags an, sowie die von Wismar nach Crumbach, Kirchvers, Salzböden führenden Waldwege, sowie die über die Teufelsberge führen- den Feldwege zu betreten. Sodann wird das Betreten der Straße Ruttershausen-Wismar untersagt.

Gießen, den 29. Juli 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Wl®-

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 28. Juli. DerReichsanzeiger" tritt den in der Presse an den Besuch des CultusMinisters in zwei Kölner und einem Bonner humanistischen Gymnasium geknüpften Betrachtungen über die Stellung des Ministers zu den Real-Anstalten entgegen. Die Ausführungen wären vielleicht mehr eingeschränkt worden, wenn beachtet worden wäre, daß der Minister in Coblenz das Realgymnasium länger besucht hat, das humanistische Gymnasium nur flüchtig. DerReichsanzeiger" vernimmt, daß im preußischen Justizministerium das bürgerliche Gesetzbuch unter dem Vorsitze des Ministers und unter Mitwirkung praktischer Juristen berathen wurde. Der allgemeine Theil, das Schuld- verhältnißrecht, das Sachenrecht und das Familienrecht wurden erledigt. Im September beginnen die Berathungen des Erb­rechtes.

Wilhelmshaven, 28. Juli. Bei Ankunft des Kaisers auf der Rhede wurde er von den Salutschüssen des gesummten Marine-Geschwaders und der Salutbatterie begrüßt. Hierauf dampfte die DachtHohenzollern" in den Hasen ein. Der Kaiser unterhielt sich lebhaft mit dem Vize-Admiral Dein- hard und empfing sodann die eingelaufene Post an Bord der Yacht.

Wilhelmshaven, 28. Juli. Die Torpedoboot- Flotille ist Nachmittags wohlbehalten in den hiesigen Hafen eingelausen.

Wilhelmshaven, 28. Juli. Der Kaiser blieb den Tag über an Bord desHohenzollern" und erledigte Regierungs­geschäfte.

München, 28. Juli. Der Prinzregent empfing die Glückwunschdepeschen der Bundesfürsten und nahestehender aus­ländischer Fürsten, den Besuch des Diplomatencorps und der Staatsbehörden. Der Prinzregent hat eine unbedeutende Hautabschürfung an der rechten Hand. Er ordnete die Straf­losigkeit des betheiligten Hofkutschers und des Trambahn- sührers an. Der Erzbischof ordnete einen Dankgottes­dienst an.

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Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß bas 3. Bataillon des Großh. Infanterie-Regiments Nr.

Lauterberg i. H., 28. Juli. Die Genesung W i ß m a n n s schreitet langsam fort. Der Patient war wegen des günstigen Wetters gestern Mittag eine Stunde außer dem Bette. Aus diesem Anlaß brachte die zufällig hier anwesende Capelle der Braunschweiger Husaren ihm ein Ständchen.

Paris, 28. Juli. Der Deputirte Brisson gedenkt, wie verschiedene Blätter melden, seine Interpellation wegen des deutsch-englischen Abkommens in Betreff Zanzibars vor Schluß der Session zu erneuern. Die Deputirten des Departements Alpes Maritimes beabsichtigen, die Haltung des NizzaerPensiero" in der Nizzaer Flag g en aff air e in der Kammer zur Sprache zu bringen.

Paris, 28. Juli. Der Kriegsminister bestimmte vier Militärärzte und der Marineminister vier Marineärzte, welche dem Berliner medicinischen Congreß beiwohnen sollen.

Paris, 28. Juli. Aus Buenos Ayres wird ge­meldet, daß heute 10 Uhr früh die Regierungstruppen beträchtliche Verstärkungen erhalten hätten. Der Präsident Celmann ist zurückgekehrt. Die Börse und die Banken sind noch immer geschloffen. Der Waffenstillstand ist bis 2 Uhr verlängert.

London, 28. Juli. In der heutigen Sitzung des Unter­hauses verlas Ferguffon ein Telegramm aus Buenos Ayres vom 27. Juli, 63/4 Uhr, welches besagt, daß die Revolution sortdauere, daß schweres Geschützfeuer vor längerer Zeit hörbar gewesen sei. Vier Kriegsschiffe hätten sich für die Insurgenten erklärt und bombardirten die Stellung der Regierungstruppen. Der Präsident sei zurückgeblieben. Waffenruhe sei bis heute 10 Uhr früh vereinbart. Im Haferr befänden sich zwei britische Kriegsschiffe. Die Stadt wäre augenblicklich ruhig.

London, 28. Juli. Eine Anzahl Arbeiter der Tilbury- Docks hat die Arbeit eingestellt, weil sie die Beding­ungen für die Contractarbeit als fernerhin unannehmbar betrachten. Eine Ausdehnung des Strikes wird befürchtet.

London, 28. Juli. DemBureau Reuter" wird aus Buenos Aires gemeldet, daß die Straßentämpfe gestern Nachmittag fortgesetzt und die Regierungstruppen zurückge­schlagen wurden. Ein 24 stündiger Waffensüllstand beendete den Kampf.

London, 28. Juli. Nach einer Meldung desBureau Reuter" verloren die Truppen von Guatemala in der Schlacht bei Chingo 600 Mann und die Truppen von Salvator 2 Offiziere und 87 Mann todt und verwundet.

Loudon, 28. Juli. Meldung desBureau Reuter". Nachrichten aus Buenos Aires zufolge bemächtigten sich die Aufständischen unter den Generalen Campos und Arre- dontio des Arsenals und der Kasernen des Platzes Lavalle. Die Aufständischen bestehen aus 5 Bataillonen Truppen, 2 Bataillonen Bürgerwehr und einem Corps Cadetten. Die Regierung hat über 7 Bataillone. Bei dem Zusammenstöße am Samsrag wurden viele Gebäude zerstört. Die Marine ist neutral. Der Vicepräsident Dr. C. Pellegrini übernimmt die Präsidentschaft.

Dover, 28. Juli. Die Heizer und Beamten der Dampfer der London-Chatham-Dover Eisenbahngesellschast, welche gestern strikten, sind durch Beamte aus Calais ersetzt.

Cardiff, 28.Juli. Alle Dockarbeiter begannen gestern zu striken und sie wollen die Arbeit erst aufnehmen, wenn die Zahlungstermine geregelt sind.

Girgeuti, 29. Juli. Die Kaiserin Friedrich ist heute Vormittag von Porto Empedocle eingetroffen. Vier englische Schiffe gaben Salutschüsse. Die Kaiserin besichtigte Alterthümer.

Capetown, 28. Juli. Meldung desBureau Reuter". Der neue Premierminister Rhodes brachte im Repräsentanten­hause eine Resolution ein, des Inhalts, daß das Haus es bedauere, daß die Regierung Caplands über den englisch­deutschen Vertrag, soweit er das Gebiet südlich des Zambesi betreffe, nicht um Rath befragt worden sei. Die Regierung sollte bei jedem künftigen Uebereinkommen betreffs dieses Gebiets gehört werden.

Rom, 28. Juli. DemDiritto" zufolge reichte der Unterstaatssecretär des Aeußeren, Damiani, seine De­mission ein.

Rom, 28. Juli.Capitan Fracassa" dementirt aufs Bestimmteste die Nachricht von der Demission des Unter- staatssecretärs Damiani.

Madrid, 28. Juli. Der spanische Gesandte in Tanger telegraphirte, die Regierung von Marokko habe ihr Bedauern über die jüngsten Angriffe aus die spanischen Truppen bei Melilla ausgedrückt und scheine geneigt zu sein, der Beschwerde Spaniens, welche dem Sultan unterbreitet: worden sei, Beachtung zu schenken.

reßener Anzeiger

Kemral-Unzeiger.

Deutsche- Reich.

Darmstadt, 28. Juli. Seine Königl. Hoheit der Groß­herzog haben Allergnädigst geruht:

Am 28. Juli dem Oberbaurath Victor von Weltzien -die Krone zum Ritterkreuz erster Klaffe des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen,

an demselben Tage dem ordentlichen Professor und Rector der Landes-Universität Dr. Adolf Philippi das Ritterkreuz erster Klasse des Verdienstordens Philipps des 'Großmüthigen zu verleihen;

an demselben Tage dem ordentlichen Professor in der medicinischen Facultät der Landes-Universität Dr. Franz Riegel den Character alsGeheimer Medicinalrath" zu verleihen;

an demselben Tage dem Bürgermeister der Provinzial­hauptstadt Gießen Feodor Gnauth den Character als .Oberbürgermeister" zu verleihen.

Darmstadt, 26. Juli. Das heute ausgegebene Groß­herzogliche Regierungsblatt Nr. 27 enthält:

1. Gesetz, die Gehalte der Volksschullehrer betreffend.

2. Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, die Organisaüon der Hebestellen für Reichssteuern, hier die Aushebung der Ortseinnehmereien Lorsch und Fürth betreffend.

3. Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, die Organisation der Hebestellen für Reichs- steuern, hier die Aufhebung des Steueramts Pfungstadt betreffend.

Berlin, 27. Juli. In Ost en de sind zum Empfange des deutschenKaisers umfassende Vorbereitungen getroffen worden. Die gesammte Garnison wird ausgestellt sein, ein reich beflaggier belgischer Postdampfer holt Kaiser Wilhelm !von derHohenzollern" ab, da dieselbe wegen ihres großen Tiefganges nicht in den Ostender Hasen einlaufen kann, sondern aus der Rhede vor Anker gehen muß. Am Abend des Ankunftstages giebt König Leopold zu Ehren seines kaiser­lichen Gastes ein Fest im Casino-Saale. Alle in Belgien wohnenden Deutschen wollen nach Ostende kommen, um den Kaiser zu begrüßen. Falls die Meldung, Kaiser Wilhelm beabsichtige von Ostende aus in Begleitung des Prinzen Balduin von Flandern, ältesten Sohnes des belgischen Tbron- jolgers, einige der hervorragendsten Städte des Landes zu besuchen, sich bestätigen sollte, so würde sich natürlich die Weiterreise des Monarchen nach England verzögern.

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