Ausgabe 
30.5.1890
 
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Nr. 122.

Freitag den 30. Mai

1890

Der

Hieß en er Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montags.

Die Gießener

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Hießener Anzeiger

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Aiirts- und Anzrigeblatt für den Kreis Gieren.

LL.-rr'LL-L-.'LrrrL ! Hrati-k-ikage- Hi-ß-n-r Kamiti-nMtt-r.

AtnUichep Thril.

Bekanntmachung,

betreffend Verbot des Auftreibens von Vieh zu Gießen am

3. Juni l. I.

Es ist zur Kenntniß der unterzeichneten Behörde gelangt, daß jüdische Handelsleute unter Umgehung der für Viehmärkte bestehenden veterinärpolizeilichen Controlvorfchriften beabsich­tigen, am 3. Juni l. I. Rindvieh in größerer Zahl in Gießen einzuführen und zum Verkauf zu bringen. Da der umfang­reiche Verkauf des Viehes den Character eines Marktes haben würde, ein Markt an diesem Tage für Gießen aber nicht genehmigt ist, da weiter die veterinärpolizeiliche Ueberwachung des Austriebs von Vieh in der Art, wie dasselbe beabsichtigt ist, nicht durchführbar, dieselbe jedoch besonders mit Rücksicht auf die im Umkreis herrschende Maul- und Klauenseuche im höchsten Grade geboten ist, so wird hierdurch aus Grund des Z 28 des Reichsviehseuchengesetzes der öffentliche Verkauf von Rindvieh am 3. Juni l. I. in Gießen und das Eintreiben von solchem an diesem und den vorhergehenden Tagen zum Zweck des öffentlichen Verkaufs in hiesiger Stadt unter dem Änfügen untersagt, daß die Polizeiorgane angewiesen worden sind, das Eintreiben von Rindvieh durch Zurückweisung desselben an den Eingängen der Stadt zu verhindern und daß Zuwider­handlungen gegen die vorstehenden Anordnungen auf Grund des § 66 des Reichsviehseuchengesetzes zur gerichtlichen Anzeige kommen werden.

Gießen, am 29. Mai 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 23. Mai. Das heute ausgegebeue Großh. Regierungsblatt (Beilage Nr. 12) enthält u. A. :

Ermächtigungen zur Annahme und zum Tragen fremder -Orden.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht: Am 1. April dem Director der orientalischen Eisenbahnen Adolf Grosholz zu Konstantinopel die Erlaubniß zur Annahme und zum Tragen des ihm von Sr. Majestät dem türkischen Sultan verliehenen Osmame-Ordens zweiter Klasse, am 8. Mai dem Kaiserl. Geh. Postrath Kobelt zu Berlin die Erlaubniß zur Annahme und zum Tragen des ihm von Sr. Majestät dem König von Preußen verliehenen Rothen Adlerordens 4. Kl. zu ertheilen.

Dienstnachrichten. \

Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- Anädigst geruht: Am 7. Mai der Ernennung des Gg. Heuer

aus Grosdors zum Maschinenmeister bei der Hessischen Lud­wigs-Eisenbahn-Gesellschaft die landesherrliche Bestätigung zu ertheilen.

Am 8. Mai wurde dem Schulamtsaspiranten Adam Heinrich Rinner aus Unter-Wegfurth eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Lauterbach übertragen, am 13. Mai wurde dem Schulverwalter Carl Boxler zu Ober-Mörlen die 2. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Mosbach, an demselben Tage wurde dem Schullehrer Peter Kalt zu Hirsch­horn eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Viernheim übertragen.

Sterbefälle.

Gestorben sind: Am 16. Januar der Forstwart i. P. Leonhard Rauch in Ober-Klingen- am 10. April der Schul­lehrer Franz Kanz zu Mainz- am 15. April der Forstwart i. P. Jacob Prätorius zu Worms - am 25. April der Amts­gerichtsdiener i. P. Martin Bonarius zu Darmstadt- am 27. April der reformirte Pfarrer i. P., Kirchenrath Justus Fabricius zu Groß-Umstadt- am 29. April der Schullehrer Philipp Götz zu Alsbach.

Berlin, 24. Mai. Die dem Reichstage vorgelegte, vom kaiserlichen Statistischen Amt ausgearbeitete Zusammen­stellung des Ergebnisses der Reichstagswahlen im Jahre 1890 ist jetzt im Druck erschienen. Die Schluß- und Hauptzahlen lauten folgendermaßen, wobei wir zur Ver­gleichung die Zahlen der Wahl von 1887 in Klammern bei­fügen: Die Zahl der wahlberechtigten Wähler betrug 10145277 (9 769 802). Es wurden abgegeben bei den ersten Wahlen 7 228 542 (7 540 938) gültige und 33117 (29 772) ungültige Stimmen, im ganzen 71,6 (77,5) Procent. Davon fielen bei den ersten Wahlen auf die Deutschconservativen 895 103 (1 147200), auf die Reichspartei 482314 (736 389), auf die Nationalliberalen 1 177 807 (1 677 979), auf die Deutsch­sreisinnigen 1 159 915 (973 104), auf das Centrum 1 342 113 (1516 222), auf die Polen 246 773 (219 973), auf die Socialdemokraten 1427 298 (763128), auf die Volkspartei 147 570 (88818), auf die Welfen 112675 (112827), auf die Dänen 13672 (12 360), auf die Elsässer (die keiner der bestehenden Parteien beigetreten sind) 101 156 (233 685), aus die Antisemiten 47 536, unbestimmt 59 740 (50 427), zersplittert 14870 (8826). Es haben sonach die Social­demokraten 19,7, das Centrum 18,6, die Nationalliberalen 16,3, die Deutschsreisinnigen 16, die Deutschconservativen 12,4, die Reichspartei 6,7, die Polen 3,4, die Volkspartei 2, die Welfen 1,6, die Elsässer 1,4, die Antisemiten 0,7, die Dänen 0,2 Procent Stimmen erhalten.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 28. Mai. DerReichsanzeiger" meldet: Die Besserung des verstauchten Fußes des Kaisers nimmt einen durchaus normalen, günstigen Verlaus. Der Kaiser empfing heute den Chef des Civilcabinets und conferirte mit dem Staatssecretär Marschall.

Berlin, 28. Mai. Der Lehrertag berieth in seiner heutigen zweiten Hauptversammlung: über die Thesen Klaus- nitzers (Berlin) über die Aufgabe der Volksschule gegenüber der socialen Frage und einigte sich schließlich in einer Reso­lution, wonach die sociale Mitarbeit der Volksschule auf die Erziehung der charactervollen Jugend zu beschränken sei. Die Resolution, die niederen Küsterdienste den Lehrern fernerhin nicht mehr zu übertragen, wurde angenommen. Ein Tele­gramm des Cultusministers v. Goßler wurde hierauf ver­lesen, worin derselbe für das gestrige Begrüßungstelegramm seinen Dank ausspricht, reichen Segen für die Arbeit wünscht und den Lehrern zuruft:Unermüdlich vorwärts für die deutsche Volksschule, den Eckstein des Vaterlandes."

Der Lehrertag nahm nach einem Vortrag Greßlers (Barmen) Thesen über Einrichtung von Schulsynoden an. Diese Synoden sollen zusammengesetzt sein aus freigewählten Vertretern der Familie, der Kirche und der Lehrerschaft, so­wie aus Beauftragten der staatlichen und communalen Schul­behörden. Schubert (Augsburg) schloß den Lehrertag mit einem Hoch auf den Kaiser und die verbündeten Fürsten.

Berlin, 28. Mai. Das hiesige Emin-Pascha- I Comite empfing nachfolgendes Telegramm aus Zanzibar: Hansing empfingen Brief von Peters aus Rubabga in Uganda vom 2. März. Tritt Rückreise an durch Usekuma, Ugogo, Bagamoyo. Rubabga ist die Hauptstadt von Uganda und drei Stunden entfernt von der Murchison-Bay am Nordufer des Victoria-Sees.

Königsberg i. P., 28. Mai. Die hiesigen Schmiede­gesellen haben seit gestern die Arbeit eingestellt- dieselben verlangen die Abschaffung der Sonntagsarbeit und einen Minimal - Wochenlohn von 15 Mk. Für den kommenden Monat steht ein Ausstand der Töpfer in Aussicht.

Stuttgart, 28. Mai. In der heutigen Sitzung des Neuphilologentags wurde beschlossen, die nächste Ver­sammlung in zwei Jahren in Berlin abzuhalten.

Straßburg, 28. Mai. Der Componist Victor Neßler ist heute Morgen 6 Uhr nach schwerem Leiden gestorben.

DerStr. Post" zufolge beauftragte der Kais er­den Statthalter von Elsaß-Lothringen telegraphisch, der Wittwe Neßlers die Theilnahme des Kaisers auszusprechen.

Prag, 28. Mai. Die Ausgleichs-Commission hat das Schulaussichtsgesetz unverändert angenommen. Schmey-

Feuilletsn.

Eine Verlobung mit Hindernissen.

Humoreske von Alexander von Degen.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Aus Taille, Assessorchen, schneidig, wie immer!" kräht in diesem Augenblicke der Dragonerlieutenant v. Rittner in das Zimmer. Sein geröthetes Gesicht und der etwas schwankende Gang gaben Kunde, daß er die Vortrefflichkeit der Hochzeitstafel voll und ganz gewürdigt hatte.

Lassen Sie sich umarmen, Assessorchen, Sie Engel!" rief der Lieutenant, der in der rechten Hand bedrohlich ein volles Seidel schwang. Er erhob beide Arme.

Entsetzt wich Bach einen Schritt zurück. Zu spät. Im Aebermaß seiner Freude hatte der Lieutenant den Bierkrug vergessen, dieser schwappte nach vorn und ergoß sein kostbares Löwenbräu auf den Frack und die tadellose weiße Weste des Assessors.

Aber, Herr von Rittner!" rief dieser entsetzt.

O, Pardon!" entschuldigte sich dieser, schleuderte das leere Bierseidel aus den linken Lackstiefel Bachs, so daß der unglückliche Assessor mit einemo potztausend!" in die Höhe sprang, und riß hieraus sein Taschentuch hervor und wollte das Naß von dem Frack Bachs entfernen.

Doch dieser war bereits in die Garderobe gestürmt.

Schnell meinen Ueberzieher und Hut! Ich muß nach Hause, ein entsetzliches Unglück!" rief er der alten Gar­derobiere zu. Erschrocken blickte diese den aufgeregten Herrn an.

Welche Nummer?"

Nummer, Nummer, ich weiß wirklich nicht!" schrie Bach, mit beiden Händen in allen Taschen wühlend,dort der helle ist es, über welchem der Chlinder hängt."

Schnell schlüpfte er in den grauen Ueberzieher, bedeckte sein Haupt mit dem Hute und eilte auf die Straße. Keine Droschke war zu sehen. Eine halbe Stunde lag seine Wohnung entfernt. Er setzte sich in kurzen Dauerlauf, so daß die Passanten verwundert stehen blieben und einige hinter­her riesen:

Der kommt von der Hundheim'schen Hochzeit!"

Endlich rasselte eine Droschke vorüber. Bach ries die­selbe an, sie hielt. In der Aufregung achtete er es uicht, daß seine schönen neuen Lackstiefel auf dem Fahrdamm arg bespritzt wurden. Er hatte dem Kutscher ein gutes Trink­geld versprochen und dieser fuhr, !was das Riemenzeug halten wollte, während der Assessor überlegte, was nun werden sollte.

Einen zweiten Frack besaß er nicht, er hatte nämlich seinen alten in der Freude des Herzens über den tadellosen neuen Schraps geschenkt. Ein Gedanke fuhr ihm durch den Kopf. Er sprang aus, so daß der Chlinder mit einem bedenk­lichen Krach gegen die Wagendecke stieß, riß das Fenster herunter und rief:Kutscher, fahren Sie mich zuerst noch in das Frackverleihinstitut, es muß hier in der Nähe sein."

Nach wenigen Minuten bog die Droschke in eine stille Seitenstraße ein und hielt bald darauf vor einem großen Hause, über dessen Thür im Schein der Gaslaterne zu lesen war:

Kauf- und Rückkausgeschäst, Saisongarderobe nur von Cavalieren einmal getragen, Ein- und Verkauf von Hadern, Lumpen und Knochen, Frackverleihinftitut, das größte am Platze, von Isidor Jerusalem."

Bevor der Assessor die Wagenthür öffnen konnte, wurde dieselbe von einem kleinen schwarzen Männchen aufgerissen, der unter allerlei höflichen Redensarten denHerrn Grafen" einlud, näherzutreten.

Fast wäre Bach zurückgetaumelt, als er den Laden be­trat, in dem eine undefinirbare Atmosphäre herrschte.

An großen Kleiderriegeln hingen Anzüge der verschie­densten Art, zwischen welchen ein schwarzgelockter Jüngling sich zu schaffen machte.

Womit kann ich dienen, Herr Gras?" ries Isidor Jerusalem und berührte vertraulich den Arm Bachs,gewiß wollen Se kaufen e feinen, e noblen, e modernen, e echten, e exquisiten Anzug? Nu, hab' ich nicht recht? Hab' ich doch gesagt heute Abend noch, heute noch wird kommen e Graf, e nobler, e seiner Graf, szu machen e nobles, e reelles Ge­schäft mit dem Isidor Jerusalem."

Er schien etwas enttäuscht, als Bach sagte:Sie haben Fracks zu verleihen, ich wünschte schnell einen solchen."

Fracks szu verleihen? Gewiß de feinsten, de besten, de nobelsten, de modernsten Fracks! Memmelchen!" rief er dem Jüngling hinter der Ladentafel zu,bring mal her e Fräckchen von de beste Sorte, weißt Du, wie so de Herrn Offiziere tragen szu de Maskenbälle von de feine Sorte, unten links, Memmelchen, weißt Du, ganz links, kannst de nicht finden, Memmelchen?" rief er, als der Jüngling hin und her lief.Gott, szu was hab ich Dir im Geschäft, wenn Du Dich nicht auskennst? Bei Gott, ser das hohe Salär, hab Erbarmen!"

Endlich brachte Memmelchen das Gewünschte.

Seufzend suchte Bach den besten heraus, er paßte so leidlich, wenn auch die Aermel etwas zu kurz waren. Er wollte seinen Rock mitnehmen, nachdem er den Miethpreis in Höhe von 5 Mk. erlegt.