Ausgabe 
29.5.1890
 
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1890

Donnerstag den 29. Mai

Nr. 121

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

Gratisbeilage: Hießener Jamitienökätter

Amtlichem Theil

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

unternommen wurde. Ganz ohne Folgen ist der Unfall leider nicht geblieben. Der Kaiser hat eine Verstauchung des rechten Fußes erlitten, der auf einer acht bis neun Zentimeter breiten Fläche blutunterlaufen ist. Dr. Leuthold hat strenge Schonung des Fußes angeordnet und der Kaiser wird demzufolge etwa acht bis vierzehn Tage lang den größten Theil des Tages liegend zubringen müssen. Er wird deßhalb auch morgen nicht zur Besichtigung der Königin-Kürassiere nach Pasewalk fahren können- auch die Kaiserin wird nicht nach Pa^walk fahren, sondern bei ihrem Gemahl bleiben. Im Uebrigen aber ist das körperliche Befinden des Monarchen sehr gut. Er hat im Laufe des heutigen Tages eine Anzahl Vorträge, u. a. auch die des Reichskanzlers, entgegengenommen, auch für die nächsten Tage eine Anzahl hoher Beamten und Offiziere zum Vortrage bestellt. Hier hatte der Unfall begreifliche Aufregung hervorgerufen und auch in Berlin war man äußerst besorgt, bis das Nähere bekannt wurde.

Potsdam, 26. Mai. Das Stiftungsfest des Lehr-Jn- santerie-Bataillons wurde heute in der herkömmlichen Weise abgehalten. Se. Majestät der Kaiser ließ sich durch Se. Königliche Hoheit den Prinzen Friedrich Leopold vertreten.

Käsen, 25. Mai. Die Enthüllung des aus der Rudels­burg von den deutschen Corpsstudenten dem Andenken Kaisers Wilhelms I. gewidmeten Denkmals hat heute Vormittag daselbst unter großer Betheiligung junger und alter Corps­studenten und eines zahlreichen Publikums stattgesunden. An Se. Majestät den Kaiser wurde ein Huldigungstelegramm der Festtheilnehmer abgesandt. Gestern Abend war hier ein Festeommers abgehalten worden, bei welchem ein Salamander auf den Fürsten Bismarck gerieben worden war. Von dem Fürsten, welcher hiervon telegraphisch benachrichtigt wurde, traf heute Morgen ein Danktelegramm ein.

Oberammergau, 26. Mai. Die heutige erste Aufführung des Passionsspiels war von dem herrlichsten Wetter begünstigt. Das völlig neu hergerichtete Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Zuschauer, deren Zahl sich auf mehr als 4000 belief, waren von der Darstellung sicht­lich tief ergriffen.

soll vom Staat unterstützt werden- die bedeutendsten griechi­schen Banken werden sich daran betheiligen. Man hofft durch diese Gesellschaft den griechischen Handel zu heben.

Zanzibar, 26. Mai. Der Reichseommissar Major W i fi­rn an n ist heute, begleitet von Suleiman bin Nassur, dem ehemaligen Gouverneur von Bagamoyo, nach Europa abgereift. Aus demselben Schiffe ist auch Mackenzie, der Gouverneur der Britisch-ostafrikanischen Gesellschaft, nach England abgereist.

Chicago, 24. Mai. Die Polizei entdeckte heute ein Attentat, durch welches beabsichtigt wurde, das Denkmal int Haymarket zu zerstören, welches zur Erinnerung an die während der anarchistischen Unruhen umgekommenen Polizisten und Bürger errichtet wurde. Glücklicherweise war die Ex­plosion nicht erfolgt, da der Regen die Zündschnur der mit 50 procentigem Nitroglycerin gefüllten Büchse verlöscht hatte.

Jtoslanö.

Moskau, 26. Mai. Der Kronprinz von Italien ist gestern Abend hier eingetroffen und auf dem Bahnhose vom Gouverneur Fürst Golizyn, der Generalität und anderen Würdenträgern, sowie dem italienischen Botschafter in Petersi- burg und dem hiesigen Consul empfangen worden.

Athen, 25. Mai. Der Ministerpräsident Tricupis brachte in der Kammer einen Gesetzentwurf ein, nach welchem eine neue hellenische Schiffsahrtsgesellschaft gegründet werden soll mit einem Capital von 35 Millionen. Die Gesellschaft

Vierteljähriger ASonnementspreis« 2 Mark 20 Pfg. mtt Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Nedaction, Expedttis» und Druckerei:

Kchutstraße Ar.H. Fernsprecher 51.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 27. Mai. DerReichsanzeiger" meldet: Der Kaiser empfing gestern Vormittag den Reichskanzler v. Cap­rivi zu längerem Vortrag, arbeitete darauf mit dem Ches des Civilcabinets und empfing am späteren Nachmittag den Botschafter Malet. Er hörte heute Vormittag die Vorträge des commandirend^tt^Admirals, des Staatssecretärs der Marine und des Chef?"" des Marinecabinets und arbeitete längere Zeit mit dem Vertreter des Militärcabinets Obersten Oidtmann. Die leichte Verrenkung des rechten Fußes, welche der Kaiser sich Sonntag Nachmittag gelegentlich der Ausfahrt zuzog, veranlaßte denselben, auf Wunsch der Aerzte sich einige Tage Schonung aufzuerlegen.

Berlin, 27. Mai. Unter der großen Zahl von Zu­stimmungs-Telegrammen, welche Moltke anläßlich seiner letzten Reichstags-Rede erhielt, befand sich auch ein solches des Erzherzogs Albrecht, batirt aus Wien vom 15. ds., worin es hieß:Empfangen Ew. Excellenz den Ausdruck meiner zustimmenden Bewunderung zur gestrigen Rede. Gott erhalte Sie noch recht lange Ihrem Monarchen und Ihrem Vaterlande !"

Berlin, 27. Mai. DerReichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung des Reichskanzlers, wonach eine erwei­terte Einlösung der Zinsscheine der Reichs an leihen außer bei der preußischen Staatsschuldentilgungskasse in Berlin auch bei der Reichsbankhauptkasse und sämmtlichen Reichsbankstellen, sowie denjenigen Oberpostkassen, an deren Sitz sich keine solche Bankstelle befindet, erfolgen soll.

Berlin, 27. Mai. DieNordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Blättermeldung, der Statthalter Fürst Hohenlohe werde sich nach Belfort gegeben, um Carnot zu begrüßen, für unbegründet. Seit der 1877 erfolgten Begrüßung Kaiser

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Mai. Seine Majestät der Kaiser sandte unterm 20. d. M. von Pröckelwitz aus dem Grafem Moltke anläßlich seiner letzten Reichstagsrede ein Telegramm, worin er demselben wärmsten Dank für die An und Weise aus­spricht, mit der derselbe für die Armee eingetreten, allezeit bereit, im Dienste für das Vaterland seine höchste Ehre zu finden, und ihn zu der Anerkennung beglückwünscht, welche er auch außerhalb Deutschlands gefunden.

DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des Vicepräsidenten des Reichsbank-Directoriums Koch zum Präsidenten.

Berlin, 24. Mai. DerNordd. Allgem. Ztg." zufolge greift die Meldung, der Reichskanzler werde Seine Majestät den Kaiser auf seiner Reise nach Petersburg be­gleiten, den Ereignissen weit voraus- nach zuverlässigen In­formationen ist eine Bestimmung darüber überhaupt noch nicht getroffen. ,

Potsdam, 26. Mai. Ueber einen dem Kaiser zuge- stoßenen Unfall berichtet dieKöln. Ztg.": Als der Kaiser sich mit dem Erbprinzen von Sachsen Meiningen gestern Nach­mittag in einem Einspänner von dem Neuen Palais nach der Dampferstation begab, scheute das Pferd, dessen Zügel Se. Majestät selbst führte, bei der Kreuzung der Marienstraße und der Jägerallee. Bei einem starken Anprall des Wagens gegen den Rinnsteinbord sprang der Kaiser heraus und fiel auf den rechten Arm- wenige Schritte weiter schlug der Wagen um, wobei auch der Erbprinz von Meiningen herausstürzte. Der Kaiser und der Erbprinz traten darauf in eine nahe ge­legene Villa, wohin sich auch die Kaiserin, welche in einem zweiten Wagen mit den Prinzen gefolgt war, begab, und warteten daselbst die Ankunft eines neuen Wagens ab. Mit diesem setzten dann das Kaiserpaar und der Erbprinz von Meiningen die Fahrt nach der Dampferstation fort, von wo mit der Alexandra eine Spazierfahrt nach, der Pfaueninfel

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Sonn. 10 Uhr.

Bekanntmachung.

ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß das Grobherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz dem Verwaltungsrath des Brandversicherungsvereins Preußi- scher Staatseifenbahnen die Erlaubniß zur Ausdehnung seines Geschäftsbetriebs auf das Großherzogthum Hessen unter Be­dingungen auf Widerruf ertheilt hat.

Gießen, den 24. Mai 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montags.

Die Gießener

D««ttienVtLtter werden dem Anzeiger ^«-chentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Feuilleton.

Aber, Herr Assessor,

//

//

alles wieder ausspringen und ritter zur Hochzeit kommen."

// voll,

anderes nehmen."

Einr Verlobung mit Hindernissen.

Humoreske von Alexander von Degen-

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

R. .atsch, Nummer 7^ mußte doch etwas zu eng gewesen fein. Aergerlich biß der Assessor die Lippen zusammen und zog ein neues Paar aus der Tasche hervor, das glücklich tadellos saß, als der Wagen vor dem Hundheim'schen Hause hielt.

Geflügelten Schrittes eilte der glückliche Brautführer die läuferbelegte Treppe empor - waren die neuen Lackstiefel daran schuld, daß er nicht so sicher auftrat, genug, auf der obersten Stufe stolperte er und wäre ohne Zweifel auf dem Vorfaal hingefallen, wenn nicht rechtzeitig der wohlgeschulte Diener hinzugesprungen wäre und ihn gehalten hätte. Nur der Chapeau-claque flog im weiten Bogen in eine Ecke, doch schnell hatte ihn der dienstbare Geist ergriffen, abgestäubt und feinem etwas athemlosen Besitzer wiedergegeben.

Einen Moment," meinte Bach, als der Diener sich an- schickte, die Salonthüre zu öffnen. Er griff in die Hintere Rocktasche, zwei kleine Bürsten mit Elfenbeinrücken kamen zum Vorschein, die blitzschnell über das tadellose Haupthaar fuhren. Dann zupfte er den Frack zurecht, warf sich in die Brust, noch einen Blick auf das Bouquet und stand nach wenigen Augenblicken der Angebeteten gegenüber, die ihn an der Seite der Mama erwartete.

Bach vermochte vor Bestürzung kaum die ersten Begrüfi- ungsworte hervorzubringen. Statt, wie ihm Hundheim mit- getheilt, ein blauweißes Kleid zu tragen, hatte Tessa ein bordeaurothes angelegt, sein Bouquet paßte also durch­aus nicht.

Die Mutter gewahrte den verlegenen Blick, den Bach auf fein wundervolles Bouquet warf.

Ach, Herr Assessor, Sie trifft keine Schuld. Wir hatten mit der blau und weißen Robe ein kleines Malheur, mußten also changiren."

Wie reizend, wie wundervoll ist das Bouquet!" meinte

Nur weiter, weiter, nicht so langweilig!" ries der Assessor, ungeduldig mit dem Fuße trommelnd,wie lange soll das Rasiren dauern?" da Schraps bedächtig das neue Messer auf dem Streichriemen hin und her bewegte. Nach

KVX.X., entgegnete Schraps vorwurfs-

das Messer ist frisch abgezogen, ich werde aber ein

einer Viertelstunde betrachtete Bach wohlgefällig sein glatt- rasirtes Gesicht im Spiegel, wirbelte den buschigen blonden Schnurrbart in die Höhe und ließ sich dann wieder in den Sessel fallen, damit Schraps mit kundiger Hand das volle Haupthaar ordne.

Drei-, viermal mußte der Scheitel anders gelegt werden, er war schief nach der Ansicht des Barons.

Nach Verlauf einer halben Stunde war der Anzug be­endet, es saß alles tadellos, wie Schraps wiederholt ver­sicherte.

Die Vorfaalklingel ertönte und gleich darauf trat der Gärtnergehilfe mit dem Bouquet, Marschall-Niel-Rosen und Veilchen, ein.

Entschuldigen Sie, Herr Baron, daß sich die Sen­dung etwas verzögerte, aber wir hatten alle Hände voll zu thun."

Da konnte ich natürlich warten, mußte sogar noch einen Dienstmann schicken- sagen Sie Ihrem Herrn, daß ich in kommenden Fällen meinen Bedarf wo anders decken würde. Was sehe ich," fuhr Bach entrüstet fort, indem er das Bou­quet betrachtete,die Manschette ist ja nicht einmal ordent­lich befestigt, hier an der Seite geht sie bereits los, nein, es ist nicht zu glauben."

Der Gärtnerbursche stellte mit einem kunstfertigen Griff den Schaden wieder her. Großmüthig verabschiedete ihn der Assessor mit einem Trinkgeld.

Aber vergessen Sie nicht, Ihrem Prinzipal meinen Auftrag auszurichten!"

Vorsichtig stieg Bach die Treppe herunter, noch vor­sichtiger über das Trottoir in den seiner harrenden Landauer, der ihn nach der Wohnung seiner Brautjungfer führen sollte. Während der Fahrt zog Bach die Handschuhe an- der linke saß tadellos, .jetzt kam der rechte an die Reihe, da, ein

Aber dann haben der Herr Assessor Niemand zum An­ziehen, Sie müssen sich noch rasiren, dann die Lackstiefel, werden auch Mühe machen"

Wahr, sehr wahr, eine verteufelte Geschichte, aber auf sich können wir die Sache mit dem Bouauet nicht ruhen lassen - so schicke einen Dienstmann."

Sehr wohl, Herr Assessor!"

Nach wenigen Minuten trat Schraps wieder em und .begann seinen Herrn, der unterdessen am Toilettentisch Platz genommen, nach allen Regeln der Kunst einzuseifen. Schraps war das Muster eines Kammerdieners, in allen Künsten er­fahren, deßhalb war er auch von dem reichen Baron Bach, der sich so etwas leisten konnte, engagirt worden.

Ich weiß gar nicht, was heute nur los ist!" rief Bach, als Schraps seine rechte Backe bearbeitete.Das Messer kratzt, als ob Du Holz damit gesägt hättest- es wird wohl ich wie ein zerschimdener Raub-