Ausgabe 
28.9.1890 Erstes Blatt
 
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1890

Sonntag den 28. September

Erstes Blatt

Nr. 226

Gießener Anzeig er

General-Anzeiger.

Amts- unb Anzeigeblatt fuv den Areir (5k&en

Gratisbeilage: Gießener Jamilienblätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In» und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Rcdactton, Expedition und Druckerei:

SchutstraßeM.lo

Fernsprecher 61.

Vierteljähriger <kSonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. Mil Bringcrlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener

MamikierrVtLiter «erden dem Anzeiger «Schentlich dreimal beigelegt.

Der

-tehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Abonnements - Einladung!

Zum Bezug desGietzener Anzeiger" -für das 4. Vierteljahr laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer objectiver Uebersicht zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nach­richten des Wolff'schen telegraphischen Correspondenz- Bureaus sowie zahlreiche Mittheilnngen aus dem engeren und Iveiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lau­fenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b e r h e s s en ansässige Berichterstatter, ist der Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur' Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch chie Beobachtungen uird Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe, undJndnstrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar­tikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die .Gießener Familienblätter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, mrd die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich iin Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. October den Anzeiger kostenfrei zu­gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Exemplare nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, .den Anzeiger weitersenden und den Abonnements­betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtcnd

Verlag desGießener Anzeiger"

Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).

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Amtlicher Theil.

Nr. 27 des Reichs-Gesetzblattes, ausgegeben den 19. d. M., enthält:

(Nr. 1916.) Bekanntmachung, betreffend die technische Einheit im Eisenbahnwesen. Vom 15. September 1890.

Gießen, am 26. September 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, 26. September 1890.

Betr.: Den Termin für die Einsendung der Kirchenrechnungen. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die evang Kirchenvorstände zu Beltershain, Ber-rod, Birklar, Dorf;Gill, Geilshausen, Har­bach, Hattenrod, HoUheim, Klein-Linden, Lang- Göns, Langsdorf, Linoenstruth, Londorf, Lumda, Muschenheim, Nonnenroth, Ober-Besfingen, Ddenhausen, Oppenrod, RüddingShausen, Wieseck, Winnerod, Beitsberg und Wirberg.

Wir erinnern Sie an die Erledigung des Schluß- fatzes unserer Verfügung vom 4. Juli l. I. Anzeiger Mr. 155 mit Frist von 8 Tagen.

v. Gagern.

Gefunden: 3 Messer, 1 Peitsche, 1 Cigarrenzünder, 1 Spazierstock, 1 Regenschirm, 1 Kinderschuh, 1 Häkelzeug, 3 Wagenkapseln, 71 Pfennig, 1 Hundeblechmarke und 1 Hunde­halsband.

Gießen, am 27. September 1890.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

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Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 26. September. DerReichsanzeiger" erklärt den Vorwurf eines Theils der Presse, daß zu den Erheb­ungen in Betreff der Gewerbeordnungsnovelle zwar Handels­kammern und Arbeitgeberverbände, nicht aber Arbeitervereine befragt worden seien, für unbegründet und verweist auf die Circularversügung vom 6. Juli, die es dem Ermessen der höheren Verwaltungsbehörde überläßt, außer den Gewerbe- räthen, Landräthen, Communalbehörden und Handelskammern auch die Vereine von Arbeitgebern und Arbeitern zu hören, wo eine nähere Kenntniß der Verhältnisse bei diesen voraus­zusetzen sei. Es folgt der Wortlaut der gedachten Verfügung.

Berlin, 26. September. DerReichsanzeiger" schreibt: Nach zuverlässiger Mittheilung soll der neue nord ameri­kanische Zolltarif, dessen Zustandekommen jnicht mehr bezweifelt wird, spätestens am 15. October, vermuthlich be­reits am 10. October in Kraft treten.

Kiel, 26. September. Die Manöverflotte wurde heute aufgelöst. Die Marine - Reservisten werden morgen entlassen.

Tangerhütte, 26. September. Bei den heutigen Schieß­versuchen des Grusonwerkes wurden mit zwanzig Kartätschenschüssen aus einer 5.7 Centimeter-Kanone auf Graben­ziel 60 pCt. Treffer erreicht. Nach Erklärung der 4.7Centimeter- Kassemattkanone begann das Feuern aus der 5.3 Centimeter- Kaffemattkanone in Schartenblendlasette. Hierauf wurde eine 5.7 Centimeter-Schnellseuerkanone in fahrbarer Panzer- lasette im Feuer vorgeführt und neun Schüsse aus 1500 Meter mit angespannten Pferden abgegeben, dann die Panzerlafette in provisorischer Stellung innerhalb 17 Minuten eingefahren und 15 Schüsse mit Ringgranaten gegen Schützenziel abge­geben. Die Treffresultate sind ausgezeichnet. Nach weiteren Versuchen mit der Schnellfeuerkanone wurde die Uebung ab­gebrochen. Morgen erfolgt der Schluß der Schießversuche.

Szittkehmen, 26..September. Der Kaiser jagte heute früh im hiesigen Revier und erlegte einen starken Sechzehn­ender. Nachmittags werden das Civil- und das Militär- cabinet zum Vortrage bei dem Kaiser erwartet.

Bern, 26. September. Zwei der zu der morgigen Ausgleichsconserenz eingeladenen Tessiner haben die Theilnahme abgelehnt. Der Bundesrath hat sie ersetzt. Die eingeladenen Conservativen haben gutem Vernehmen nach be­schlossen, in die Conferenz nur eine Deputation von 2 bis 3 Personen zu senden und die sofortige Wiedereinsetzung des Staatsrathes zu verlangen.

Paris, 26. September. DemEcho" zufolge beauftragte der Kriegsminister die technischen Commissionen mit der Prüfung der Vorschläge, betr. die Bronciruug der Dragoner­helme und der Säbelscheiden bei Offizieren und Mann­schaften, um bei der Verwendung des rauchfreien Pulvers deren allzu deutliche Sichtbarkeit zu vermeiden. Die Herbst­manöver hätten dagegen die Befürchtung nicht bestätigt, daß die rothen Uniformsstücke beim rauchlosen Pulver zu sicht­bar seien.

London, 26. September. Das Bureau Reuter erfährt, die englische Regierung habe gestern einem in Zanzibar stationirten Kriegsschiffe telegraphischen Befehl ertheilt, nach Witu abzugehen, damit der Sachverhalt in Betreff der Er­mordung Künzels und Genossen an Ort und Stelle fest­gestellt werde.

Chatham, 26. September. Der Abgeordnete Gorst hielt gestern vor seinen Wählern eine Ansprache, in welcher er die Bildung wohlorganisirter Gewerkvereine befürwortete, da die Arbeiter allein eine billige Behandlung sich zu sichern nicht vermöchten,- die beste Methode, Ausstände zn verhindern, sei eine ans Vereinbarung der Arbeiter und Arbeitgeber be­gründete Organisation.

Liffabon, 26. September. Nachrichten aus Goa zufolge herrscht dort vollständige Ruhe. Die von Loyola seinen Freunden gesandten Telegramme über im Lande herrschende Zwistigkeiten sind falsch. Die Munizipalwahlen verlausen vollkommen ruhig. Die Gegner Loyolas siegten bei denselben. Senhor Martens Ferrao trifft auf dem Landwege hier ein und wird an der Grenze nur einer einfachen ärzt­

lichen Untersuchung, keiner Quarantäne unterworfen. Er wird Samstag oder Sonntag hier erwartet und begibt sich sosort zum König. DerSeculo" meldet über die gestrigen Vor­gänge in Coimbra: Eine über 2000 Personen zählende Volksmenge erwartete den Journalisten Almei da, der seine Strafe wegen eines Zeitungsartikels verbüßt hatte, am Aus­gange des Gefängnisses und wollte denselben mit Musik nach Hause begleiten. Als aufrührerische Rufe ausgestoßen wurden, schritt die Polizei ein und gebrauchte die Waffe. Der Volks­haufen wurde zerstreut und hierbei sind zwei Personen von der Menge und ein Polizist verwundet. Heute früh herrschte vollständige Ruhe.

Petersburg, 26. September. Wie dieNowoje Wremja" erfährt, tritt im Ministerium des Innern demnächst eine Special-Conferenz zur Lösung der Judenfrage zusammen. Die Conferenz werde zusammengesetzt sein aus Vertretern der höheren Verwaltungsbehörden und den Gouverneuren der Provinzen, in denen die Juden ein Heimathsrecht besitzen. Die Conferenz soll das von der früheren Commission unter dem Vorsitz Pahlens ausgearbeitete Project prüfen, theils annehmen und verwerfen. Endlich werde die Conferenz über den Handel mit Spiritus beschließen, soweit derselbe von Juden in den südwestlichen Provinzen unter angenommenen Firmen-Namen ausgeübt werde.

Athen, 26. September. (Meldung des Bureau Reuter.) Wie verlautet, wird die Verlobung der Prinzessin Marie von Griechenland mit dem Zarewitsch höchstwahrscheinlich bei dem Besuch des Zarewitsch in Athen verkündet werden.

Algier, 26. September. Ein Cyclon in Philippeville richtete großen Schaden an.

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Generalversammlung des Vereins für Socialpolilik.

Frankfurt a. M., 26. Septencher»

Im Saale derPolytechnischen Gesellschaft" trat heute Vormittag 9 Uhr die diesjährige Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik zusammen. Nachdem Professor Schm oll er die Anwesenden begrüßt, gedenkt er des Hin­scheidens des früheren Vorsitzenden Prof. Erwin Nasse, zu dessen Ehren Herr Prof. Knapp eine Gedächtnißrede zu halten gedachte, die leider von der Tagesordnung gestrichen werden mußte, weil Prof. Knapp durch einen schweren Krankheitsfall in der Familie am Erscheinen verhindert worden ist. Se. Excellenz der Herr Staatsminister von Roggenbach werde, so kündigte der Vorsitzende an, des Heimgegangenen gedenken. Pros. Schmo ller warf alsdann einen Rückblick auf die Ent­wicklungsgeschichte des Vereins. Staatsminister v. Roggenbach widmete dem verstorbenen Pros. Erwin Nasse, dem seitherigen Vorsitzenden, warme Worte der Anerkennung. Nachdem die Wahlen zum Ausschuß vollzogen, die ausscheidenden Herren wieder- und an Stelle Nasses Geheimrath Gierke neugewählt worden, erhält das Wort zu seinem Vortrag über die Reform der Landgemeindeordnung Gutsbesitzer Sombart-Berlin. Es handle sich um eine Landgemeindeordnung für die sieben östlichen Provinzen des preußischen Staates, die seit dem Anfang dieses Jahrhunderts angestrebt worden. Redner wirft -nun -zunächst einen Rückblick auf den Entwicklungsgang der in Rede stehenden Provinzen und erklärt sich dann unter eingehender Begründung seiner Ansichten für Jncommunali- sirung der Gutsbezirke. An Beispielen aus seinen Ersahrungen sucht er nachzuweisen, wie ungerecht mitunter verfahren werde, wenn die Rittergüter außerhalb des Communalverbandes ständen. Sombart nannte einen Fall, in dem eine Domaine, welche ein Pachterträgniß von 2800 Thalern lieferte, 60 Thaler zu den Gemeindeausgaben steuerte. Auf seine Veranlassung sei die Domaine freiwillig dem Communal- verbande beigetreten und habe dann freiwillig 600 Thaler gezahlt. Er nennt es ein Unding, daß dort, wo der Groß­grundbesitz direct in die Gemarkung falle, derselbe einen eigenen Gutsbezirk bilde. Die Communalverwaltung soll die Landgemeinden ordnen, das Wahlsystem sollte geändert werden. Der Grundbesitz soll beim Stimmrecht berücksichtigt werden, aber auch die übrigen Bewohner sollen Stimmrecht besitzen. Die Wahl sollte geheim sein, denn es sei widernatürlich, wenn der Arbeiter öffentlich stimmen müsse in Gegenwart seines Brodherrn. Für daö Klassenwahlsystem sei er mehr als für ein anderes Wahlsystem, das er nicht nennen wolle, aber es müsse geheim gewählt werden, damit wenigstens eine Wahrheit zu Tage trete. Das Wahlrecht sollte erst mit dem 30. Jahre beginnen. Es sollte das Repräsentativsystem gelten, denn die Landge­meinden seien nicht im Stande einen Gegenstand parlamen­tarisch zu behandeln. Die Schulzen sollten direct gewählt, die Communal- und Polizeiverwaltung in eine Hand gelegt werden. Redner ist für größere Bezirke mit einem Amts»