Ausgabe 
28.3.1890
 
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1890

Freitag den 28. März

Nr. 74

Gießener A nzeiger

Generat-Mnzeiger.

Aints- und Anzeigeblatt für den 'Kreis Giefzen

Gratisbeilage: Gießener Jamilienökätter.

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Kernsprecher 51.

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Die Gießener MomittenSkLIler »erden dem Anzeiger »Lchentlich dreimal beigelrgl.

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Alle Annoncm-Bureaux deS In» und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Anrtlicher Theil.

Bekanntmachung,

die Abhaltung von öffentlichen Faselschauen betreffend.

Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß in Verbindung mit dem am 2. April L I. zu Gieße« stattfindenden Viehmarkt Vormittag- 11 Upr eine öffentliche Faselschau durch die Körcommission abgehalten werden wird. Die Schau findet nur zum Zweck der Ankörung statt- Die Commission wird vorzugsweise Fasel der reinen Vogelsberger und Berner, speciell Simmenthaler, Raffe berücksichtigen, andere nur dann, wenn fie ganz besonders schön sind. Es werden nur solche Bullen angekört, welche sprungsähig entweder schon sind oder bies wenigstens in kurzer Zeit werden. Den Besitzern guter Fasel können, soweit die Mittel reichen, Prämienbeträge bezw. Wegegelder vorbehaltlich näherer Bestimmung in Aussicht gzestellt werden.

Gießen, den 26. März 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen- v. Gagern.

Die Dienststunden Großh. Ort-gericht- Gießen ß.nd von heute ab auf

täglich von 912 Uhr Vormittags »ngesetzt.

Gießen, den 27. März 1890.

Grobherzogliches Ortsgericht Gießen.

F Gros-

pditifdbt Uebersieyt.

Gießen, 26. Mürz.

Die tiefbewegten Dankesworte, welche Kaiser Wilhelm toi Genehmigung des Abschiedsgesuches des Fürsten Bismarck in den scheidenden Staatsmann richtete, ließen bereits hin­länglich erkennen, wie überaus schmerzlich der jugendliche Monarch die Trennung von seinem bisherigen ersten Berather empfindet. Nunmehr hat der Kaiser auch in einer ander­weitigen Kundgebung diesen seinen Gefühlen bezeichnenden Ausdruck verliehen, indem er in einem, derWenn. Ztg." zur Veröffentlichung zugestcllten Telegramm an eine ihm sehr ergebene Persönlichkeit sich dahin geäußert hat, eS sei ihm so weh ums Herz, als ob er nochmals seinen Großvater ver­loren hätte. Auch diese Aeußerung beweist wiederum, wie schwer unferm Kaiser die Tennung vom Fürsten Bismarck geworden ist und hiernach läßt sich der Werth der Gerüchte beurtheilen, welche wissen wollen, Wilhelm II. habe den großen Kanzler leichten Herzens fallen lassen. Uebrigens zeugt das erwähnte Telegramm des Kaisers von der Entschlossenheit tos hoben Herrn, trotz aller ihn bewegenden persönlichen Empfindungen fest und klar die Durchführung seiner Herrscher­ausgaben im Auge zu behalten, denn es heißt da weiter: Das Amt des wachthabenden Offiziers aus dem Staatsschiff ist Mir zugefallen. Der Kurs bleibt der alte, und nunvoll Dampf voraus"! Die ernste Entschlossenheit und vertrauens­volle Zuversicht, welche aus diesen Worten des Kaisers sprechen, werden im deutschen Volke gewiß auf volles Verständniß treffen und überall freudiges Echo wecken.

Unter den zahlreichen Kundgebungen, die dem Fürsten BiSmarck anläßlich seines Scheidens aus dem Reichs- und Staatsdienste von erlauchten und sonst hochgestellten Persön­lichkeiten zugegangen sind, nimmt ein Handschreiben des Prinz- Regenten von Bayern durch seine besondere Herzlichkeit eine hervorragende Stellung ein. Der Prinz-Regent spricht in dem Schreiben sein Bedauern über den Rücktritt des Fürsten und seine unumwundene Anerkennung der großen Verdienste desselben um Deutschland und Bayern, gleichzeitig auch seine Glückwünsche zu den dem Kanzler bei seinem Scheiden zu Theil gewordenen Ehren aus. Fürst Bismarck war, wie aus seiner Umgebung berichtet wird, über die ihm von dem Prinz- Regenten dergestalt erwiesene Auszeichnung tief gerührt und erfreut und hat dem Prinz-Regenten sofort seinen wärmsten Dank übermittelt.

Die Meldungen über angebliche ernste Meinungsver­schiedenheiten zwischen dem Kaiser und dem Generalstabsches Grasen Waldersee werden jetzt als völlig unbegründet be- Zeichnet. Es kann demnach auch keine Rede mehr von einem Wechsel im Posten des Generalstabschefs sein, andernfalls würde doch sicherlich bei den soeben veröffentlichten Neu­ernennungen in den höheren Commandostellen der Armee auch ein neuer Generalstabschef ernannt worden sein.

In Berlin haben die Verhandlungen wegen Errichtung dm neuen Reichspostdampserlinie nach Ostasrika mit den Lommiffarien der Reichsämter begonnen. Die Verhandlungen

nehmen einen so günstigen Verlaus, daß die Hoffnung berech­tigt erscheint, es könnten schon in einigen Monaten die ersten Fahrten auf der neuen Linie ausgesührt werden.

In der französischen Abgeordnetenkammer ist von so- cialistischer Seite ein Abrüstungsantrag eingebracht worden, welcher die Einsetzung einer internationalen Commission zur Regelung der Arbeiterfrage und zur Herbeiführung einer gleich­mäßig fortschreitenden Abrüstung vorschlägt. Angesichts der bestehenden thatsächlichen Verhältnisse wird auch dieser neueste Abrüstungsvorschlag nur ein schöner Wahn bleiben müssen.

In Rom fand am Dienstag der Proceß gegen die be­schäftigungslosen Arbeiter, die sich an den Unruhen am 8. Februar 1889 betheiligt hatten, seinen Abschluß. Der Gerichtshof ließ offenbar die größtmöglichste Milde walten, denn es wurden nur zwei der Angeklagten, Guochetti und Constantine, die als die eigentlichen Rädelsführer bei den damaligen Arbeiterkramallen in Rom zu betrachten sind, ver- urtheilt, alle übrigen Angeklagten sprach das Gericht da­gegen frei.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 26. März. Zu Ehren des scheidenden Di- visionseommandeurs General der Infanterie von Wißmann, Exc., fand gestern Nachmittag im Militär-Casino ein Festmahl statt, das durch die Theilnahme Sr. Königl. Hoheit des Erb- großherzoges, J.J. G.G. H.H. der Prinzen Heinrich und Wilhelm ausgezeichnet war und dem die Herren Staatsminister Finger Exc., Provinzialdirector von Marquard, der preußische Gesandte Legationsrath von Thielmann, sowie eine ansehnliche Zahl von Offizieren der Division, auch aus auswärtigen Garnisonen, beiwohnten. Herr duh Wißmann hat stch in unserem engeren Vaterlandc in allen Kreisen, Militär und Civil, und bei allen, die mit ihm verkehrt und unter ihm gedient haben, eine wahre Anhänglichkeit und Sympathie er­worben und so begleiten ihn die besten Segenswünsche auch für sein ferneres Leben, das die Vorsehung glücklich gestalten möge.

Darmstadt, 25. März. Militärdienstnachrichten. v. Kaminietz, Major vom 116. Jnf.-Regt., als Bataillons- Commandeur in das 129. Jnf.-Regt. versetzt. Seitz, Prem.-Lieutenant vom 116. Jnf.-Regt., zum Hauptmann befördert.

v. Bülow, General-Major von der Armee, unter Beförderung zum Generallieutenant und unter Entbindung von seinem Dienstverhältniß bei dem Chef des Generalstabes der Armee, zum Commandeur der 25. (Großh. Hess.) Division ernannt. v. Obernitz, Oberst und Commandeur des 1. Thüring. Jnf.-Regts. Nr. 31, unter Beförderung zum Generalmajor, zum Commandeur der 49. Jnf.-Brig. (1. Großh. Hess.) ernannt, v. Schlemmer, Prem.-Lieut. vom Jnf.- Regt. von Wittich Nr. 83, unter Beförderung zum Hauptmann und Comp.-Chef, in das 2. Großh. Hess. Jnf.-Regt. Nr. 116 versetzt. Kreut er II., Sec.-Lt. vom Jnf.-Regt. Nr. 116, commandirt bei der Unterosfizierschule in Biebrich, zum Prem.-Lt. befördert. Hauß, Major, aggregirt dem Jnf.- Regt. Nr. 116, unter Stellung zur Disposition mit der gesetzlichen Pension, zum Bezirksoffizier bei dem Landw.-Bez. I. Cassel ernannt. Werner, Hauptmann ä la suite des Cadetten Corps und Militärlehrer bei der Haupt-Cadetten- anstalt, als Comp.-Chef in das 116. Jnf.-Regt. zum 1. April d. I. versetzt. Frhr. v. Esebeck, Hauptmann ä la suite des 116. Jnf.-Regts., unter Entbindung von dem Commando als Adjutant bei der 55. Jnf.-Brigade, als Comp.-Chef in das 2. Garde-Regt. zu Fuß versetzt.

Bei der Cadettenvertheilung wurde versetzt in das Jns.-Regt. Nr. 116 Cadet Stisft, als charact. Port.- Fähnrich.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 26. März. Der Kaiser empfing heute Vor­mittag um 11 Uhr den Fürsten Bismarck. Die Audienz währte 3/4 Stunden.

Berlin, 26. März. Dem Fürsten Bismarck wurde auf der Fahrt zum Schlosse, besonders aber auf dem Schloß­platze, seitens einer großen Menschenmenge eine großartige Ovation dargebracht, welche sich wiederholte, als Fürst Bis­marck nach der kaiserlichen Audienz zum Großherzog von Baden fuhr.

Berlin, 26. .März. Bezüglich der Wiederbesetzung des durch den Rücktritt des Grasen Bismarck frei ge­wordenen Postens sind definitive Entschließungen noch nicht getroffen. Alles bisher Gesagte beruht auf Vermuthung und dürfte voraussichtlich nicht zutreffen.

Berlin, 26. März. DerReichsanzeiger" veröffentlicht den Briefwechsel des Kaisers und des Papstes an­läßlich der Arbeiterschutzconfercnz. Der Kaiser übersendet, anknüpsend an die Fürsorge des Papstes für die Armen und Verlassenen,' das Conserenzprogramm und theilt die Berufung des Fürstbischofs von Breslau als kaiserlichen Delegirten mit, den er von den Ideen des Papstes durchdrungen wisse, welcher seinerseits den Erfolg des Humanitären Werkes erfolgreich unterstützen könne. Der Papst dankt und beglückwünscht den Kaiser zur Inangriffnahme der ernsten und erstrebenswürdigen Sache, welche seinen innigsten Wünschen begegne. Unter Hinweis aus seine die sociale Frage betreffende Encyklika, erkennt der Papst den hohen Werth der internationalen Be- rathung, sowie des Versuchs einer Regelung der Angelegen­heiten unter den Mächten und der Erkenntniß des Kaisers von der hohen Wirksamkeit der Religion und Kirche bei der Lösung der socialen Frage an und spricht die Hoffnung aus, daß die Diener der Kirche demnächst von den Behörden in der Ausübung ihrer Wirksamkeit auf socialem Gebiete unter­stützt wurden. Unter dem Ausdruck der heißesten Wünsche für den Erfolg der Conferenz spricht der Papst endlich die Genugthuung für die Berufung Kopps aus, der das Ver­trauen des Kaisers ehren werde. Er schließt mit den auf­richtigsten Wünschen für das Wohlergehen des Kaisers und der kaiserlichen Familie.

Berlin, 26. März. Reichskanzler Caprivi hat dem Bundesrathe am 22. ds. seine Ernennung zum Reichs­kanzler und preußischen Ministerpräsidenten mit dem Be­merken mitgetheilt, daß er an demselben Tage die betreffenden Geschäfte übernommen habe.

- Unter dem Vorsitz Caprivis fand heute Nachmittag eine Sitzung des preußischen Staatsministeriums statt, in welcher, wie verlautet, die Vereidigung des Minister­präsidenten erfolgt ist.

Gelsenkirchen, 26. März. In Schacht Nr. 1, Zeche Consolidation, sind zur Morgenschicht 127 Bergleute ange- gesahren. Die übrigen Bergleute, etwa 200, verweigerten die Anfahrt, da seitens der Verwaltung der Deputirte ent­lassen wurde. In Schacht Nr. 2 sind etwa 40 Bergleute, in Schacht Nr. 3 die ganze Belegschaft angefahren.

Köln, 26. März. DieKöln. Volksztg." erfährt aus Zanzibar, daß die Araberherrschast in Uganda und am Victoriasee gestürzt worden sei. Die Araber erlitten am 4. October eine schwere Niederlage und zogen sich aus die frühere Missionsstation Rubaga zurück, die am folgenden Tage erstürmt wurde. Die meisten Araber sind gefallen. Der Gegenkönig Karema floh nach Ungoro, wo ihn der Häuptling nicht dulden will. Am 11. dess. Monats zog Mwaga in Rubaga wieder ein.

Halle, 26. März. Die Verhandlungen der deutschen Abtheilung der internationalen criminalistisch en Ver­einigung begann heute unter dem Vorsitze des Reichs­gerichtsraths Stellmacher. Nach verschiedenen Begrüßungs­reden berichtete Geheimerath Wirth über die bedingte Verurtheilung, für deren Einführung er eintrat, ebenso der (Korreferent Staatsanwalt Blume und die übrigen Redner. Dagegen sprach nur Professor Kirchenheim (Heidelberg).

Wie», 26. März. Hierher berichtete Aeußerungen der Kaisers Wilhelm constatiren, daß in den vertrauten, innig freundschaftlichen Verhältnissen Deutschlands und Oesterreich- Ungarns durch den Kanzlerwechsel nichts geändert werde- das innige Verhältniß zu Oesterreich bilde nach wie vor die Grundlage der deutschen Politik, die an den Bündnissen selbst­verständlich festhalte.

Triest, 26. März. Heute Abend 9 Uhr 20 Minuten wurde hier ein heftiger Erdstoß verspürt.

Paris, 26. März. Der Ackerbauminister Develle em­pfing eine Abordnung der Schlächter und Gerber und theilte derselben die Erwägungen des Ministerraths über die Vieh­einfuhrfrage mit. Der Minister besprach mit der Abordnung weitere Maßregeln, ohne irgend eine Verpflichtung zu über­nehmen. Es herrschen Besorgnisse wegen einer Arbeitsein­stellung in diesen Gewerbszweigen, sowie wegen des eintreten­den Mangels an frischem Fleisch.

London, 26. März. Somerall (conservativ) ist mit 130 Stimmen Mehrheit gegen Rouledge (Gladstonianer) für Ays gewählt worden. Der frühere Abgeordnete war Glad­stonianer, so daß die Conservativen einen Sitz gewinnen.

Rom, 26. März. DieTribuna" meldet: Gras Launay berichtet aus Berlin, Kaiser Wilhelm sprach an­läßlich des Empfanges in den letzten Tagen die Versicherung aus, die italienisch-deutschen Beziehungen blieben wie bisher die herzlichsten und sympathischsten. Der Wechsel der Per­son des Reichskanzlers bedinge keine Veränderung der Grund-