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1890
Mittwoch de» 27. August
Nr. 198
Aints- und Anzeigedlatt ffir den Kreis Gieren.
bieten können, Sie denn beide sei Ihnen nicht bricht so leicht
einen muthigen Entschluß. Meine Geschichte umsonst erzählt. Sie sehen daraus, das Herz nicht daran."
Georg hoch aufgerichtet vor sie hin. Ein
Die Gießener
MsmttterrvtLtter »erden dem Anzeiger «tzchrntlich dreimal beigelegt.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den ttilgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.
Der
Mtßrner Anzeiger erscheint täglich, ■»kl Ausnahme deS MontagS.
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Fernsprecher 51.
Konstantinopel, 24. August. Der „Agence de Constan- tinvple" zufolge beantwortete Lord Salisbury die Note der Pforte bezüglich der Räumung Egyptens dahin, daß England die Berechtigung der Forderung der Türkei nicht verkenne und auch prineipiell zur Erfüllung derselben bereit sei. Indem England jedoch eonstatire, daß Egypten während der englischen Verwaltung bedeutende, von allen Seiten anerkannte Fortschritte gemacht habe, müsse es auch constatiren, daß die Fortschritte noch nicht derart stabilisirt seien, um England zu gestatten, die Fortführung des begonnenen Werkes jetzt schon anderen Händen zu überlassen. England müsse zuvörderst diesen Zeitpunkt für gekommen erachten, ehe es jene Forderung erfüllen könne.
Athen, 24. August. Der König wird am 29. d. M. seine Reise nach Dänemark antreten. — Wie es heißt, würde die Deputirtenkammer am 1. September aufgelöst werden. — Die Wälder des Penthelikon sind seit drei Tagen von einer Feuersbrunst heimgesucht.
Aste Annoncen-Buccaux deS In» und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Ausland.
Madrid, 24. August. In den Provinzen Alicante, Badajoz, Toledo und Valenzia sind gestern 139 Cholera- Erkrankungen und 56 Cholera-Todesfälle vorgekommen.
— Die amtliche „Gaceta" veröffentlicht die Ernennung des Grafen Benomar zum Botschafter am italienischen Hofe, des Grafen Bannelos zum Botschafter in Berlin und Ruatas zum Gesandten in Konstantinopel.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Äorrespondenz-Bureau.
Berlin, 25. August. Dr. Peters und Lieutenant Tiedemann sind in Begleitung der ihnen bis Jüterbog entgegengefahrenen Begrüßungsdeputation, an deren Spitze Staatsminister Hofmann, Professor Cuny und Abgeordneter Arendt standen, um 12V2 Uhr hier eingetroffen, wo sie von Mitgliedern des EmiN'Pascha-Comitvs und der Deutschostafrikanischen und der Colonial-Gesellschaft, darunter Drygalski Pascha, sowie von einem zahlreichen Publikum mit wiederholten Hochrufen bewillkommnet wurden. Ein Kranz mit Schleifen in den deutschen Farben und mit der Inschrift Tana-Baringo- Nil wurde überreicht.
Berlin, 25. August. Das Emin Pascha-Comitä beschloß in der heutigen Sitzung folgende Resolution: Das Comite dankt Dr. Peters für die treue Hingebung, die unermüdliche Ausdauer, den kühnen Muth und die große Umsicht, welche er bei der Leitung der deutschen Emin Pascha- Expedition bewiesen, es erkennt an, daß Dr. Peters die ihm als Leiter der Expedition gestellte Aufgabe, soviel an ihm lag, erfüllt und das in ihn gesetzte Vertrauen vollkommen gerechtfertigt habe.
Berlin, 25. August. An dem Diner zu Ehren Dr. Peters' im Kaiserhofsaale nahmen Peters, Tiedemann, Borchert, Staatsminister Hofmann, Schweinfurth, Lieutenant Sulzer, Cuny, Livonius, Drygalski Pascha und zahlreiche andere frühere Afrikareisende Theil. Staatsminister Hofmann
politisch- U-b-rsicht.
Gießen, 26. August.
„Glückliche Reise! Auf Wiedersehen!" Mit diesen Worten hat Kaiser Alexander seinem erlauchten Gaste, dem Kaiser Wilhelm, am Samstag Abend bei dessen Abreise von Peterhos das Geleite gegeben, nachdem zuvor die denkbar herzlichste Verabschiedung zwischen den beiden Monarchen stattgefunden hatte. Dieser Wunsch des Wiedersehens ist bei dem ernsten Charakter des russischen Herrschers gewiß nicht als eine bloße Höflichkeitsfloskel, sondern als eine aufrichtige Kundgebung der den Czaren dem deutschen Monarchen gegenüber beseelenden sreundschastlichen Gefühle zu betrachten und es zeigt sich somit auch der Ausgang der jüngsten Kaiserbegegnung nur im günstigsten Lichte? Ob dieses Wiedersehen zwischen beiden Kaisern vielleicht noch im Laufe des gegenwärtigen Jahres oder erst im nächsten Jahre erfolgt, ist zunächst wohl ziemlich gleichgültig, jedenfalls steht aber nunmehr fest, daß die Beziehungen herzlicher persönlicher Freundschaft zwischen Alexander III. und Wilhelm II. durch ihre soeben beendigte abermalige Zusammenkunft eine weitere Festigung erfahren haben und diese wird sicherlich nicht ohne Rückwirkung auf das gegenseitige Verhältniß ihrer Reiche bleiben. Letztere Erwartung erfährt durch die wiederholten Conferenzen zwischen den Herren v. Caprivi und v. Giers, sowie auch durch die einstündige Audienz, welche Kaiser Alexander dem deutschen Reichskanzler in Peterhof gewährte, eine besondere Verstärkung und somit hat die vielerörterte Begegnung Kaffer Wilhelms mit dem Czaren in harmonischster Weise ihren Abschluß gefunden. Natürlich fehlt es auch nicht an den üblichen beiderseitigen Ordensauszeichnungen, von denen die bemerkenswert este die Herrn v. Caprivi durch Verleihung des russischen St. Andreasordens erster Classe zu Theil geworden ist.
Die am vorigen Freitag beendigte diesjährige Conferenz der preußischen Bischöfe zu Fulda soll sich u. A. auch mit der Stellung der katholischen Kirche zur soeialistischen Bewegung beschäftigt haben. Da bis auf Weiteres Geheimhaltung der Fuldaer Beschlüsse proelamirt worden ist, so wird man auch die Ergebnisse einfach abzuwarten haben, zu welchen die preußischen Bischöfe bei ihren Erörterungen über die Stellungnahme der katholischen Kirche zu den Bestrebungen der Social- demokratie etwa gelangt sind. Offenbar aber sieht man auch in Centrumskreisen das Anwachsen der Socialdemokratie, wie es sich ziffernmäßig erst wieder bei den allgemeinen Reichstagswahlen von diesem Jahre so auffallend gezeigt hat, all- mälich mit Besorgniß an und diese Besorgniß ist in der That nicht ungerechtfertigt. Bricht doch die Socialdemokratie jetzt
trostlosen Bericht vernommen. Sie sagen, das Herz bricht nicht daran, Sie müssen es ja wissen- aber ich möchte Sie fragen: haben Sie seit der Trennung von Ihrem Jugend- geliebten, in Ihrer langen, vornehmen Ehe je eine glückliche Stunde, eine einzige, wie in jener Frühlingszeit, gehabt?"
„Ich habe andere Freuden kennen gelernt und in Frieden mit meinem Gemahl gelebt. Die Rolle, die ich in der großen Welt spiele, sagt mir zu, und da diese hier, meine Toni, so ganz besonders dazu beanlagt scheint, Vorzüge mitbringt, die ein gütiges Geschick nur Auserwählten verleiht, so meine ich, daß auch sie Entschädigung für den Verlust des kurzen Jugendtraumes finden wird."
„Niemals, Tante!" rief Antonie mit warmer Ueber- zeugung, „nie! Was ist mir die große Welt? Ein Künstlerleben reizt mich unendlich mehr, höher als alles aber gilt mir seine Liebe!" und vor den Augen der Tante lehnte sie sich an Georgs Brust.
„Du weißt es nicht anders, liebes Kind. Lerne erst die Beschränkung kennen, den täglichen Kamps um daß Auskommen und vor Allem die Misere, die eine verschobene Position im Leben mit sich bringt."
„Das braucht sie nicht," sagte Georg sür beide - „auch in der Beschränkung, im häuslichen Stillleben erblühen Freuden, von denen Sie in Ihrem Ueberfluß nichts wissen. Ich denke zurück nach Ungarn, meinem Heimathland, an das abgelegene Comitat, wo ich mit Vater und Mutter, mit lieben, früh geschiedenen Geschwistern ein ärmliches und doch so reiches Leben führte. Der Vater, ein genialer Musiker, hatte sich die Mutter aus einem Wiener Palais geholt, wo sic unter den Augen einer Fürstin zu deren Stütze und Gesellschafterin herangebildet war. Sie sehnte sich nie in die großen Verhältnisse zurück, nie zu den Gespenstern des Zwanges, der Vorurtheile, der tödtlichen Langeweile, von denen sie nnö so lustig zu erzählen wußte. Eine seinsühlige Natur, ging sie jeden Morgen unerschrocken an ihre Tagesaufgabe, und wenn sie erlahmen wollte, fand sie Trost und Muth in deS Gatten
stelle am Lyceum. Er meinte, damit wieder erscheinen und um mich werben zu dürfen und that es. Zu derfelben Zeit hatte Dein Onkel mich kennen gelernt und mit einem Anträge beehrt. Es war wohl nur natürlich, daß der Graf Gallas den Unterlehrer Knotenhauer besiegte."
„Wie? Wen? Knotenhauer?" rief Toni, und ihr feiner Mund verzog sich wegwerfend. „Wie konnte er auch Knotenhauer heißen? Und wie war sein Aeußeres, plump und roh wie der Name? — Verzeih, Du hättest ihn dann nicht geliebt."
„Beruhige Dich, er war schön und ritterlich," sagte die Gräfin, indem sie die kindische Entrüstung ihrer Nichte belächeln mußte.
Auch Georg war die aristokratische Anwandlung Antoniens nicht entgangen.
„Warum?" spottete er, „ließ sich der arme Verschmähte nicht lieber Alexander nennen? Damit wäre der gordische Knoten doch einfach genug durchhauen und das ästhetische Gefühl gerettet worden?"
Als er dann aber sich zu ihr niederbeugte und leise fragte: „Und würdest Du mir nicht jeden Namen verziehen haben?" erwiderte sie darauf mit dem vollen Aufblick zärt-
Jetzt trat w , _
tieftrauriger, beinahe drohender Ernst beschattete seine etirn.
„Nein, nicht umsonst, Frau Gräfin, haben wir den
licher Liebe:
„Dir? jeden. Aber ich freue mich, daß der Deine, den ich tragen soll, einen schönen Klang hat, und daß er schon mit Auszeichnung genannt wird."
„Hören Sie, wie ruhmbegierig die Kleine ist, Georg," sagte die Gräfin, die ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte. „Ihr Ehrgeiz kennt keine Grenzen, und das, was Sie ihr wird auf die Länge nicht genügen. Fassen
ießmer Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
Feuilleton.
Die verlorene perle.
Novelle von I. Dedekind, Vers, der „Achten-Lini".
(Fortsetzung.)
Die Gräfin seufzte und sprach wie im Traume:
„Ja, ich liebte den Informator meiner jungen Brüder, liebte ihn sehr. Wir wohnten damals auf dem Lande, dem Familiengute meiner Eltern, in bescheidenen Verhältnissen, zurückgezogen. So sahen wir uns täglich, stündlich, wir beide, und tauschten, wie ihr es thatet, unsere jungen, unerfahrenen Herzen gegeneinander aus."
„Ihr liebtet Euch wirklich, und war er Deiner Liebe werth?" fragte Toni blöde und liebevoll.
„Wohl war er das, Kind. Ein reichbegabter Mann, ein Herz wie Gold, viel Wissen und Geist, eine blühende Phantasie, eine Dichterseele."
„(5in Dichter?" fragte Toni, immer wärmer werdend, „liebe Tante, da besang er Dich wohl gar viel, Deine Schönheit, Eure Liebe? Gewiß hast Du diese Andenken wie Rc- liquen treu bewahrt, und Du zeigst sie mir, butte!"
Die Gräfin schüttelte müde den Kops.
„Ich glaube kaum- vielleicht findet sich hier und da noch ein vergilbtes Blättchen."
„Vielleicht!" rief Toni erstaunt, „und da Ihr Euch liebtet und er Deiner werth war, wie konntet Ihr auseinander kommen?" Da die Antwort ausblieb, fuhr sie leise fort: ,/Jsi er vielleicht jung gestorben?"
Die Gräfin raffte sich auf: „Nicht, daß ich wußte- er lebt wohl noch heute, für mich ist er freilich lange tobt. — Was kann ich weiter hierüber noch sagen? Als die Eltern von unserer Verlobung erfuhren, schickten sie ihn, den Namen-, den Mittellosen fort. Er war noch sehr jung- (eine Gedichte gefielen, aber eine gesicherte Zukunst boten sie uns nicht. Er machte dn aller Eile sein Examen und bekam eine Unterlehrer-
auch in die sichersten Wahlkreise des Centrums ein, wie sie dies schon längst bei dem parlamentarischen Besitzstand der übrigen bürgerlichen Parteien gethan hat, selbst Köln, die alte, ehrenfeste Bischossstadt, vermag vom Centrum nur dadurch noch bei den Reichstagswahlen behauptet zu werden, daß in den jedesmaligen Stichwahlen zwischen dem clericalen und dem liberalen Candidaten die — socialdemokratischen (Stimmen den Ausschlag zu Gunsten des Centrums geben! Es erscheint daher das Gerücht begreiflich, es seien aus der Fuldaer Bischofsconferenz Vereinbarungen über einen gemeinsam zu erlassenden Hirtenbries gegen die Socialdemokratie getroffen worden. ,
Am Sonntag fand in Straßburg i. E. die feierliche Eröffnung des 10. deutschen Congreffes für erziehliche Knaben- Handarbeit unter zahlreicher Betheiligung von Nah und Fern statt. An den Kaiser sandte die Versammlung für die allerhöchste Förderung der Bestrebungen genannten Congreffes ein Danktelegramm ab.
Nach Meldungen von „Reuters Bureau" ist in den englischen Colonialbesitz in Sudost-Afrika, nach Durban, von Indien aus die Cholera eingeschleppt worden, und zwar durch ein Auswandererschiff. Schon während der Fahrt desselben starben mehrere der Passagiere und Mannschaften an „Diarrhoe" und in Durban selbst wurden sechs von derselben Krankheit befallene Passagiere gelandet, von denen einer alsbald starb. Die Untersuchungscommission conftatirte osficiell, daß die Krankheit die Cholera sei und wurden daher die gelandeten Einwanderer isolirt. — Durban (Port Natal) ist bekanntlich die Hauptstadt der ehemals holländischen und jetzt englischen Colonie Natal.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 28. August. Se. König!. Hoheit der Grobherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 25. Juli der Anna Maria Schum aus Mommart, z. Z. in Lengfeld, die silberne Medaille des Ludewigsordens zu verleihen.


