Ausgabe 
27.7.1890 Zweites Blatt
 
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1890

Sonntag den 27. Juli

Zweites Blatt

Nr. 172

Amts- und Anzeigeblatt für den KwU Gieren.

chratisöeitage: Gießener Kamilienötätter

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Anrtlichev Theil.

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ter Börse.

Courn vom 19./VII. 26./VII,

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.

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Die Gießener

UnmittenölLtter werden dem Anzeiger vsöchentlich dreimal beigelegt.

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Der

Lietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Naturgeschichte des Itrohwittwers.

Zur Zeit der Bade- und Erholungsreisen müssen be­kanntlich die armen, zu Hause verlassen sitzenden Ehehälften den nach Stoff haschenden Feuilletonisten herhalten. So schreibt eben ein solcher Spottvogel in derBerl. Ztg.":

Der Strohwittwer (homo bummelii L.) gehört zu der Gattung jener leichten Vögel, welche aus der ganzen Erde anzutreffen sind. Namentlich in den Hochsommer- Monaten, wo sein Weibchen das Nest verläßt und ausfliegt, tritt diese Art von lockeren Zeisigen in Schaaren auf. Man erkennt sie dann leicht an dem glänzenden Gefieder und dem

Schachteln und Gouvernanten als Vogelscheuchen auf; das sind die Leimruthen, wenn er auf den Leim gehen soll.

Man unterscheidet zwei Arten dieser losen Vögel: den gemeinen Strohwittwer (homo bummelii ruppicus) und den goldgelben Strohwittwer (homo bummelii

Akle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Nr. 23 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 23. d. M., enthält:

(Nr. 1911.) Gesetz, betreffend die Consulargerichtsbarkeit in Samoa und die Uebernahme einer Bürgschaft seitens des Reichs für Sie durch Einrichtung einer anderweiten Rechtspflege dortselbst erwachsenden anthellmäßigen Kosten. Vom 6. Juli 1890.

(Nr. 1912.) Gesetz, betreffend die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres. Vom 15. Juli 1890.

Gießen, den 25. Juli 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

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lutiavlethen diejenigen, welche wiener und Ungarn, Spanier, raus eine schwer zu erklärende chcks wegen der amerikanischen velches amerikanischen Schiffen Bäoce haben in den letzten Mg über die Zuwendung be- iu haben scheinen. Türkische Gelsenkirchener in Folge eines

Vierteljähriger KöonnementsprelO» 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redactton, Expeditton und Druckerei:

Schutstraße Ar.7i.

Fernsprecher 51.

* Die Erhaltung polierter und gebeizter Möbel. Nur selten findet sich in einem Haushalt soviel Zeit, die Möbel bei dem täglichen Abstäuben wirklich gründlich zu reiben und dies ist der Grund zu der Klage, daß dieselben trotz aller sonstigen Schonung so bald ihr neues Aussehen verlieren. Durch feuchte Luft im Zimmer und die Ausdünstung der Be­wohner findet täglich ein fast unmerklicher, feuchter Nieder­schlag auf dem Mobiliar statt, mit welchem sich der feine Staub, der auch in einem sorgfältig gereinigten Zimmer doch immer wieder im Laufe des Tages entsteht, verbindet und in dieser Vereinigung einen leichten, aber festen Belag auf dem Holze bildet. Dadurch wird der Glanz der Politur

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Gießen, 26. Juli.

Enthüllung des Liebig Denkm-ls. Nach dem eben versandten Programm ist für die Theilnehmer an der Ent­hüllung des Liebig-Denkmals Folgendes bestimmt: Die Sänger finden sich spätestens um 111/2Uhr aus der Sänger­bühne ein (Zugang von der Ostseite rothe Karten). Die Vertreter der Studentenschaft sammeln sich um 11*/2 Uhr aus dem Platze um das Denkmal (Zugang von der Süd- und Westseite rothe Karten). Die auf die Festtribüne Geladenen erscheinen spätestens ll3/4ttEjr (Zugang von der Ost- und Westseite weiße Karten). Gesang, unmittelbar nach Ankunft Sr. König l. Hoheit des Großherzogs (Die Ehre Gottes aus der Natur" von Beethoven). Während der Schlußstrophe des Gesanges fällt die Hülle des Denkmals. Nach Beendigung des Ge­sanges: Festrede des Vorsitzenden der Execuüv-Commission, Herrn Geh. Regierungsrath Prof. A. W. v. H 0 sm ann. Uebernahme des Denkmals durch den Bürger­meister. Schlußgesang (Festgesang an die Künstler" von Mendelssohn-B rtholdy). Während des Schlußgesanges werden die von Corporationen gewidmeten Kränze an dem Denkmal niedergelegt.

cf Rohrbach, 25. Juli. Was heutzutage die Schweine­zucht einbringt, das hat ein hiesiger Landwirth mit einigen Zuchtschweinen bewiesen, denn er erzielte aus diesen binnen Jahresfrist den stattlichen Betrag von nahe 1600 M. So etwas wirft weder die Pferde- noch die Rindviehzucht ab. Die unheimliche Person, von welcher kürzlich in Ihrer Zeitung berichtet wurde, hat auch in hiesiger Gegend ihr Wesen ge­trieben. Verschiedene hiesige Handelsleute gingen nicht mehr durch den Wald nach Stockheim ohne Bedeckung; sie machten lieber den Umweg über Bleichenbach. Gleich nach der Corre- spondenz in Ihrer Zeitung wurde ein Streifzug unternommen, worauf die Person verschwand und bei Altenstadt 'gesehen

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spendabilis). Letzterer, der seltener vorkommt, wird im Volksmunde auchSchautilus" genannt.

DerSchautilus" wird von Damen oft zu ihrer Unter­haltung angeschafft, er ist ein Stubenvogel, der viel Spaß macht; nur darf man ihn nicht reizen. Er wird mit der Zeit ganz zahm und frißt aus der Hand. Auch wird er schnell aus beiden Augen blind und sieht nicht mehr, was um ihn vorgeht. Dann wird er einem Gimpel sehr ähnlich und auch allgemein dafür gehalten.. Manche Damen reißen ihm die goldenen Federn aus und lassen ihn dann hinausfliegen! Dann kehrt der gerupfte Schautilus in das Nest zu seinem Weibchen zurück und wartet, bis ihm die Flügel wieder ge­wachsen sind. Es ist ein sehr dummer Vogel, derselbe Vogel­steller kann ihn z. B. zweimal hintereinander fangen, ohne daß er es merkt. Dieser Strohwittwer wird oft aus­gestopft!

Der homo bummelii ruppicus ist, wie schon sein Name sagt, ruppig und immer in der Mauser. Er ist ein Raub­vogel und stellt namentlich jungen Tauben und Gänsen nach. Er hat einen größeren Schnabel als der Schautilus; auf dem Kopfe fehlen ihm jedoch gewöhnlich die Federn. Den Ring, den er am Vorderfuß trägt, sucht er unter dem Gefieder zu verstecken. Er ist frech und raubgierig und sucht seine Beute überall, auf Straßen, Promenaden, Casäs u. s. w. Hat er ein Täubchen oder Gänschen erobert, so kann er wie ein Täuber girren und wie ein Gänserich schnattern. Er ist je­doch nicht so beliebt bei den Damen, wie der goldgelbe Schautilus, das beweisen schon die Namen, welche er im Volksmunde führt: Ehekrüppel, Glatzenkater oder auch Patent- schlemihl. Nur Dienstmädchen und Köchinnen füttern ihn mit­unter mit Abfällen. Kommen mehrere Strohwittwer zu­sammen, so singt trotzdem jeder aus einer feineren Tonart, man nennt dasrenommiren". Die Spottdrosseln stellen

Gießen, am 24. Juli 1890.

Betr.: Ermittelung der landwirthschaftlichen Bodenbenutzung und des Ernteertrags im Jahr 1890.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien deS Kreise-»

Sie erhalten mit nächster Post die zu rubricirtem Zweck erforderlichen Formularien, um die nöthigen Vorbereitungen zur Aufnahme des Ernteertrags zu treffen.

Mit diesen Ermittelungen ist wiederum eine Erhebung über den Umfang der Hagelwetter und die durch Hagelschlag hervorgerufenen Ernteschäden, von Anfang des laufenden Jahres an, verbunden.

Zu diesem Zwecke ist dem Formular für die Ermittelung der landwirthschaftlichen Bodenbenutzung und des Ernteertrags auch für das laufende Jahr als Anlage ein weiteres Formu­lar beigegeben, auf welchem bei eintretendem Hagelwetter die erforderlichen Angaben jedesmal zu vermerken sind. Zur Er- läutemng und Beachtung bei Eintragung dieser Angaben fügen wir das Folgende an: Für die seit Anfang dieses Jahres verflossene Zeit sind die Angaben noch nachträglich zu machen. Es sind alle Hagelwetter, also auch solche zu notiren, die einen nachweisbaren Ernteschaden nicht verursacht haben; im letzteren Falle sind jedoch in die Spalten 712, sowie 15 und 16 des Formulars Querstriche () zu setzen. In Spalte 10 ist derjenige Werthbetrag aufzunehmen, um wel­chen der Ertrag durch den Eintritt des Hagelschlags thatsäch- lich gemindert ist. Es ist also hierbei der Ausfall nicht gegen­über einer Normalernte oder gegenüber dem etwa versicherten Ertrage, sondern gegenüber dem bei dem vorhandenen Frucht- bestande zu erwartenden Ertrage zu schätzen und ist bei den nicht totalen Schäden die spätere Entwickelung der verhagel­ten Fläche stets mit zu berücksichtigen.

Zur Durchführung dieser dem Interesse der Landwirth- schaft dienenden Erhebungen ist eine aus selb- und sachkundi­gen Personen bestehende Commission zu bilden und empfiehlt es sich, möglichst wieder dieselben Personen in die Commission zu nehmen, welche bereits früher bei Aufnahme des Ernte­ertrags thätig waren.

Indem wir Ihnen schließlich die genaue Beachtung der in früheren Jahren ergangenen Verfügungem empfehlen, sehen wir der Vorlage der Übersichten bis spätestens 1. November L Js. entgegen.

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wurde, wo sie einen Bauer fragte, welches der Weg nach Erfurt sei.Als grade aus", antwortete ängstlich der Ge­fragte und zeigte in die Richtung nach Windecken, wo die Person noch einmal gesehen wurde.

=h= Mittel-Gründau, 25. Juli. Dieser Tage ist hier ein Monstreproceß um eine Lappalie zum Austrag gekommen. Zwei hiesige Einwohner streiten sich seit etlichen Jahren um ein Läppchen Land. Jeder nahm sich einen Rechts­anwalt, jeder benannte eine stattliche Anzahl von Zeugen, so daß schließlich wohl 40 Zeugen abgehört und wahrscheinlich ebenso viele Eide geleistet wurden. Termine an Ort und Stelle fanden wiederholt statt. Jeder kostete einige hundert Mark. Die Kosten, welche nach und nach aufwuchsen, werden, von beiden Seiten zusammengerechnet, auf 2000 Mark ge­schätzt. Und das Läppchen Land, ein sogenannter Schlüssel an einem Acker, um den die Parteien jahrelang processirt haben, wurde von der Ortsbehörde auf man höre und staune auf 4 Mark, sage und schreibe vier Mark taxirt. Diese vier Mark haben also ein kleines Vermögen verschlungen. Das vorliegende Beispiel zeigt, daß der Ober­hesse, wenn er sich einmal in eine Sache festgebissen hat, nicht nachläßt und wenn die Haut daran hängen bleibt. Das Endresultat ist aber sür den vorliegenden Fall ganz besonders interessant. Der Besiegte muß die Kosten tragen. Durch die seitherigen Ausgaben hat er seinen Grundbesitz verhypothe- cirt, an das Mobiliar ist nicht wohl zu kommen. Darnach wird für den Sieger nichts Anderes übrig bleiben, als daß er den größten Theil der Zeche bezahlen muß und mit vollem Rechte kann er ausrufen:Au weh! gewonnen!" Ein magerer Vergleich ist besser als ein fetter Proceß! Um für dieses Sprichwort ein recht warnendes, eindringliches Beispiel vorzuführen, habe ich Ihnen diesen Bericht erstattet. Beide Parteien haben verloren und die vielen Gänge, Lause- reien, Aufregungen und Unannehmlichkeiten hat Jeder extra umsonst.

großen Schnabel. Im Neste jedoch, wenn das Weibchen da­heim ist, verhält er sich ruhig, man hört ihn dort nur selten piepen, während das Weibchen sehr laut zwitschert. Ueber- haupt ist er im Neste sehr furchtsam und fliegt nur in Be- tv,. | gleitung des Weibchens aus. In den Hochsommer-Monaten, izo.sb foenn er allein ist, wird er zutraulicher und flieht nicht die ' Gesellschaft der Menschen. An schönen Tagen kann man unter den Linden große Schaaren von Strohwittwern beob- ! achten, was mitunter sehr komisch aussieht. Sie sind sehr zutraulich und begleiten besonders junge Damen unter ver­liebtem Gezwitscher große Strecken sogar bis in den Thier­garten. Jedoch ist diese Gattung von Ringvögeln bei den Damen oft nicht beliebt und werden dieselben auch häufig von Vätern und Vettern verjagt. Auch stellt man alte

Gießener Anzeiger

Keneral-Anzeiger.

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ihm deßhalb sehr nach; auch dieser Strohwittwer wird viel ausgestopft.

Ein Vogelbauer, in welchem sich viele Strohwittwer zusammenfinden, nennt manCafe Bauer". Von dort gehen sie auf Raub aus, so lange die goldene Freiheit dauert. Kehrt das Weibchen wieder, so kehrt auch der homo bummelii wieder in das Nest zurück. In der Gefangenschaft vermehrt er sich schnell und kann ein hohes Alter erreichen, wenn er gut gefüttert wird.

* * *

* Fette Enten. In einer mexikanischen Zeitung ist zu lesen, daß Deutschland begonnen habe, große Quantitäten von Cigarren zu exportiren, welche aus altem Papier angefertigt worden sind. Die betreffende Zeitung gibt auch an, wie altes Papier in Tabaksblätter verwandelt wird. In die Abkochung besonders nicotinreicher, also gering- werthiger Tabaksblätter wird altes Papier gelegt. Dasselbe geht daraus zwischen Cylindern hindurch, welche ihm die Adern und Nippen der echten Blätter einpressen. Darauf wird das Papier zerschnitten, gerollt und geraucht. Der­artigen Unsinn, welcher geeignet ist, Deutschland zu dis- creditiren, verbreiten jene Zeitungen. Sv lasen wir vor Monaten in demStar and Herald", daß in den Oel- districten Pennsylvaniens die Unsitte des Petroleum- Trinkens mehr und mehr um sich griffe. Dieselbe sei durch deutsche Arbeiter und Arbeiterinnen eingeführt, und es sei in einigen Gegenden Deutschlands gewöhnlich, daß die niederen Klaffen Petroleum statt Branntwein tränken. Solche in­teressante Nachrichten werden stets von kleineren Zeitungen Süd-Amerikas nachgedruckt und dienen zur Information der bedauernswerthen Leser.

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