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1890.

Mittwoch den 26. November

Mr. 276.

vierttltShri-er JHt*wmt*UrreU4 2 Mark 20 Pfg. taft vringerloya.

Durch dir Post be»ef* 2 Mack 60 W

Rebaction, LxpedMr* and Druckerei:

Fch»tstr«te Nr.Z. Kenchlrecher 61,

Die Gießener jSle*Uit*ICatt«t ««den dem Anzeiger ^'chentltch dreimal d eigelegt.

Der ANßeaer Anzei-er erscheint täglich, »it LuLnahme bei Montag».

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mzeiger.

Amts- unb Anzeigeblatt für bett Rests Gistzsn.

Gralisöeikage: Gießener Jamifienökätter.

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Amtlicher Shell

theilung des Präsidenten v. Köller soll der Generaldebatte über die Steuervorlagen nicht die erste Lesung des Volks­schulgesetzes, wie ursprünglich geplant war, folgen, sondern diejenige der Landgemeinde-Ordnungs das Volksschulgesetz würde demnach zuletzt an die Reihe kommen.

Die nach den letzten Meldungen über den Zustand König Wilhelms von Holland täglich zu gewärtigende Katastrophe im niederländischen Königshause hat sich nunmehr vollzogen: Am Sonntag in der sechsten Morgenstunde ist der greise Herrscher nach langem Siechthum ans Schloß Loo verschieden. Wohl war noch vor Kurzem ärztlicherseits die Meinung aus­gesprochen worden, König Wilhelm könne, wenngleich in dauernder geistiger Umnachtung, bei seiner zähen körperlichen Constitution noch Jahre lang leben, aber offenbar waren die Kräfte Wilhelms III. durch sein langes Krankenlager doch mehr erschöpft, als vielleicht die Aerzte selbst meinen mochten. Die letzten Krankheitsberichte über den König ließen denn auch das baldige Ende ahnen und am Sonntag ist er, nur wenige Tage nach Einsetzung der Regentschaft, von seinem Siechthum erlöst worden. Im holländischen Volke hat das Ableben König Wilhelms aufrichtige Trauer hervorgerusen, denn ohne eine glänzende Herrschergestalt gewesen zu sein, erwies sich doch der nun verewigte Monarch als ein wahr­haft gerechter und constitutioneller Fürst, der mit seinem Volke stets im Einvernehmen lebte. König Wilhelm III., geboren 19. Februar 1817, folgte seinem Vater Wilhelm II. in der Regierung der Niederlande und Luxemburgs am 17. März 1849 und kam der öffentlichen Meinung des Lan­des durch eine Reihe populärer Maßregeln entgegen. Später zog sich indessen der König mehr und mehr von der Leitung der Staatsgeschäfte zurück, sie dem jeweiligen Ministerium überlassend, und nur bei besonders wichtigen Anlässen, tote in der luxemburgischen Frage 1867, trat Wilhelm III. wie­der etwas selbständiger auf. 1874 feierte er unter großen Kundgebungen sein 25jähriges Regierungsjubiläum. Seit 1888 mußte sich der König wegen seines bedenklich erschütterten Gesundheitszustandes fast gänzlich den Regierungsgeschästen enthalten und im Frühjahr 1889 erkrankte er so schwer, daß in Luxemburg bereits die Regentschaft unter Herzog Adolf von Nassau proclamirt wurde; bekanntlich nahm aber damals dieses Interregnum infolge der Wiedergenesung des Königs ein rasches Ende. König Wilhelm war zweimal vermählt. Die erste Ehe schloß er mit der Prinzessin Sophie von Württemberg, aus welcher Verbindung Kronprinz Wilhelm und Prinz Alexander stammten, beide Prinzen starben in­dessen noch bei Lebzeiten ihres Vaters. Nach dem am 3. Juni 1877 erfolgten Tode der Königin Sophie ging Wil­helm III. eine abermalige Ehe mir der Prinzessin Emma von Waldeck, der nunmehrigen Königin-Regentin der Niederlande, ein, aus welcher Ehe die am 31. August 1880 geborene

Kronprinzessin Wilhelmine hervorging. Mit König Wil­helm III. ist der Mannesstamm des berühmten Herrscher­geschlechtes der Oranier erloschen und den erledigten Thron der Niederlande hat nunmehr seine Tochter Wilhelmine be­stiegen, da in Holland nach der Verfassung von 1848 beim Aussterben des Mannesstammes die weibliche Linie zur Re­gierung kommt. Dieselbe wird bis zur Großjährigkeits- Erklärung Wilhelminens für sie durch ihre Mutter, die Königin-Regentin Emma, geführt, gemäß den Bestimmungen des Regentschaftsgesetzes vom Jahre 1884. Dagegen hat mit dem Tode des Königs-Großherzogs Wilhelm die bis­herige Personal-Union zwischen Holland und Luxemburg aus­gehört und ist nunmehr der Herzog-Regent Adolf von Nassau Großherzog von Luxemburg geworden. Eine ministerielle Proclamation bringt dies den Luxemburgern zur Kenntniß und indem die Kundgebung dankbar der Verdienste des ver­ewigten König-Großherzogs um Luxemburg gedenkt, spricht sie in begeisterten Worten zugleich das Vertrauen des Landes zu seinem neuen Herrscher aus, unter dessen Regierung Luxemburg vertrauensvoll der Zukunft entgegensetze.

In der Schweiz scheint man aus dem Wählen gar nicht mehr herauszukommen. So sand am Sonntag im Canton Basel-Stadt die Wahl eines Mitgliedes des Ständerathes statt, bei welcher trotz großer Anstrengungen der Conserva- tiven der bisherige freisinnige Ständerath Göttisheim mit be­deutender Mehrheit wiedergewählt wurde. Außerdem wurde in der Volksabstimmung die vorgeschlagene Einführung des proportionalen Verfahrens bei den Wahlen zum Großen Rath abgelehnt. Am gleichen Tage erfolgte ferner in Zürich-Stadt eine engere Wahl zum Nationalrath, die den Sieg des Social­demokraten Vogelfänger ergab.

S«a«hmr von Aazei»ea zu bcr Nachmittag- für bee sllgenben log erscheinenben Nummer bi» vorm. 10 Uhr.

Steckbrief»

Der unten näher bezeichnete Rekrut Karl Schaum des Landwehrbezirks Gießen hat sich der Gestellung entzogen. Sämmtliche Civil- und Militärbehörden werden dienstergebenst ersucht, gefälligst aus denselben ein wachsames Auge zu haben, ihn im Ergreifungsfalle zu arretiren und an die nächste Militärbehörde abliesern zu laffen.

Signalement. 1) Name: Karl Schaum; 2) Geburts­ort: Leihgestern; 3) Kreis: Gießen; 4) Geboren: 16. De- cember 1870; 5) Größe: 1 V 62,5 cm; 6) Religion: Evan- gelisch; 7) Stand oder Gewerbe: Bergmann; 8) Besondere Kennzeichen: Keine.

Gießen, den 22. November 1890.

Caspary, Oberstlieutenant z. D. und Kommandeur des Landwehrbezirks Gießen.

politische Uebevsicht.

Gießen, 25. November.

Die parlamentarischen Dispositionen für die weitere Be­ratung der Reformvorlagen im preußischen Abgeordnetenhause haben eine kleine Veränderung erfahren. Nach einer Mit-

Alle Annoncen-Bureaux be» In- unb Äu»lanbei nehm« Anzeigen für benGießener Anzeiger" entgtges.

Deutscher Reich.

Darmstadt, 24. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben unter dem 8. November 1890 Aller- gnädigst zu genehmigen geruht, daß das gegenwärtige Haupt der gejammten älteren Linie des Stolbergischen Hauses, der Herr Graf Otto zuStolberg-Wer nigerode und seine Nachkommen erster Generation, den nach vorgeschriebener Ordnung weiter vererblichen Fürstlichen Titel und das Prädikat Durchlaucht" führen.

Darmstadt, 24. November. Wegen des Ablebens Seiner' Majestät des Königs Wilhelm in. der Niederlande ist auf Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer bis zum 7. December l. I. einschließlich angeordnet worden.

Berlin, 24. November. Seitens des Ministers für Landwirthschast, Domänen und Forsten ist die Einfuhr vonSchweinen ausJtalien in die öffentlichen Schlacht­anstalten der Städte Berlin, Spandau, Brandenburg, Magde-

Bekanntmachung.

Nachdem die unter der Schafheerde zu Harbach aus- gebrochene Räude als erloschen gilt, wird die über diese Heerde angeordnete Sperre hiermit aufgehoben.

Gießen, am 24. November 1890.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.__________________

Steckbrief.

Der unten näher bezeichnete Rekrut Eberhard Christian Julius Keßler des Landwehrbezirks Gießen hat sich der Gestellung entzogen. Sämmtliche Civil- und Mllitärbehörden werden dienstergebenst ersucht, gesälligst auf denselben ein wachsames Auge zu haben, ihn im Ergreifungsfalle zu arretiren und an die nächste Militärbehörde abliefern zu laffen.

Signalement. 1) Name: Eberhard Christian Julius Keßler; 2) Geburtsort: Wiefeck; 3) Kreis: Gießen; 4) Ge­boren : 31. März 1868; 5) Größe: 1 m 73,5 cm; 6) Reli­gion: Evangelisch; 7) Stand oder Gewerbe: Hufschmied; 8) Besondere Kennzeichen: Keine.

Gießen, den 22 November 1890.

Caspary,

Oberstlieutenant z D. und Kommandeur des Landwehrbezirks Gießen.

Feuilleton.

Der berühmte Cellospieler.

Humoreske von P. Berthold.

(Nachdruck verboten.)

Der Bürgermeister Schnauzler der kleinen Gebirgsstadt Rübenheim saß in seiner Amtsstube, mit der Durchsicht und Prüfung von städtischen Rechnungen beschäftigt, als er in dieser Arbeit durch ein energisches Klopfen gestört wurde. Aergerlich über die Störung, da der Herr Bürgermeister gern seine Beschäftigung zu Ende gebracht hätte, und nament­lich auch erbost über den ungewöhnlich energischen Ausdruck des Klopfens, ließ das Stadtoberhaupt von Rübenheim ein ziemlich bissigesHerein!" ertönen und drehte sich auf seinem Sitze herum, um den Frevler, der vermuthlich zu den An­gestellten der Rathscanzlei gehörte, die Macht der bürger- meisterlichen Stellung fühlen zu lassen. Aber zur Ausführung bieser Absicht sollte es nicht kommen, denn der Bürgermeister sah sich jetzt zu seinem größten Erstaunen einem ihm gänzlich .unbekannten jungen Manne gegenüber, der direct von einem Modejourkal für Herren in das Amtszimmer deS Stadt­oberhauptes von Rübenheim abgesandt zu sein schien, so ge­schniegelt und gebügelt sah der Fremde aus, der in der behandschuhten Rechten einen feinen Cylinderhut und ein ele­gantes Stöckchen trug. Ohne sich um das Erstaunen des Bürgermeisters zu kümmern, machte der Ankömmling dem Bürgermeister eine hochelegante Verbeugung und erkundigte sich, ob er die Ehre habe, den Herrn Bürgermeister von Rübenheim vor sich zu sehen.

Der bin ich allerdings," versetzte Herr Schnauzler, sich erhebend und dem Unbekannten einen Stuhl anbietend,bitte, mit wem habe ich wohl das Vergnügen?"

Ich bin der Kammermusikus und Cellovirtuos Kratzer aus M.," erwiderte der Besucher und nannte den Namen der sehr entfernt von Rübenheim gelegenen Provinzialhauptstadt. Ich kam soeben in Rubenheim an, um hier, in Ihrer köst­lichen Lust, ein paar Wochen zur Erholung zu verbringen. Ich gestatte mir zunächst, Ihnen meine Karte zu überreichen" der fremde Herr präsentirte dem Bürgermeister eine mar- morirte Visitenkarte, welche in gothischen Buchstaben die Auf­schrift trug:Leonhard Kratzer, königlicher Kammermusikus" und fügte hinzu:zugleich erlaube ich mir, zu meiner Legitimation meinen Paß vorzulegen, auf Grund dessen ich mich bei Ihnen anmelde, um den polizeilichen Anforderungen zu genügen."

Herr Schnauzler gab den Paß nach einer nur flüchtigen Durchsicht seinem Inhaber zurück und sagte:

O bitte, mit Ihrer Anmeldung hätte es gar keine solche Eile gehabt, wir nehmen es mit solchen Dingen hier nicht so streng, wie dies vielleicht in großen Städten an­gezeigt erscheinen mag. Im Uebrigen haben Sie wohl noch keine Privatwohnung, Herr Kratzer, und sind vielleicht vor­läufig imRothen Löwen" abgestiegen, wenn ich recht ver- muthen darf?"

Sie haben es getroffen, Herr Bürgermeister, und ich gedenke auch noch die nächsten Tage über in meinem einst­weiligen Quartier zu verweilen. Jetzt habe ich aber noch eine Bitte an Sie, mein verehrter Herr Bürgermeister"

Deren Erfüllung Sie im Voraus versichert sein können," unterbrach Schnauzler den Fremden, dessen verbindliches und sicheres Wesen auf den Bürgermeister den angenehmsten Ein­druck gemacht hatte.

Zu liebenswürdig, Herr Bürgermeister," fuhr Herr Kratzer mit einer nochmaligen Verbeugung gegen Schnauzler fort.Sie müssen also wissen, daß ich mich niemals aus

längere Zeit von meinem Cello trenne, weßhalb ich das In­strument auch auf meiner gegenwärtigen Erholungsreise mit mir führe, und um nicht ganz aus der Hebung zu kommen, möchte ich gern am nächsten Sonntag hier in Rübenheim ein Cello - Concert veranstalten, und wenn es nicht gan^ un­bescheiden erschiene, würde ich hinzufügen, daß ich als Cellist einen guten Ruf genieße und bereits mehrfach die Ehre ge­habt habe, vor hohen, höheren und allerhöchsten Herrschaften meine Kunst ausüben zu dürfen."

Selbstverständlich haben Sie die Erlaubniß zu dem geplanten Concert, Herr Kratzer," erwiderte der Bürgermeister eifrigst,und ich glaube bestimmt, daß Ihr geneigtes Auf­treten in unserer Stadt sich sogar zu einem Ereigniß gestalten wird, denn gerade herausgesagt, ein Cello-Concert hat meines Wissens bei uns noch niemals stattgefundeu und im Ver­trauen gesagt ich glaube auch, daß die wenigsten Rüben­heimer je ein Cello-Concert gehört haben, aber gerade deß- halb dürfen Sie auf starken Zuspruch aus unserer Stadt sowohl, tote auch aus der Umgegend rechnen, nur, hm . . . ich meine" der Bürgermeister stockte und rieb sich die Hände's ist nur wegen des Bezahlens, allzuviel werden die Leute hier doch nicht für ein Cello - Concert ansgebeir wollen."

Lächelnd nickte Herr Kratzer mit dem wohlfrisirten Haupte und äußerte:An diesen Punkt habe ich natürlich ebenfalls schon gedacht und brauche ich wohl kaum zu betonen, daß es mir bei meinem Concert durchaus nicht auf die Einnahme ankommt. In M. freilich, wo ich regelmäßig Cello-Vorträge veranstalte, bekommt man für drei Mark noch lange nicht einen ersten Platz zu meinen Concerts, aber ich bin doch nicht eigens nach Rübenheim gekommen, um hier ein Concert zu veranstalten, sondern nur um frische Lust zu schnappen, also ist's mir auch wahrhaftig nicht um eine besondere Honorirung.