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Nr. 171.

Samstag den 26. Juli

1890

Der -tetzener Anzeiger rrscheinl täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießetier Mnmttieuvtäiler merben dem Anzeiger »Schentlich dreimal beigelegt.

Meßmer Anzeig er

Kenerat-Mnzeiger.

Vierteljähriger AOonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, ExpediNo» und Druckerei:

Kchntstraße Mr.1t.

Fernsprecher 51.

Amts- unb 2lnzei«sbl«tt filr beit Ureis Giejzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmlttags für den T f0Y F Ännoncen-Bureauk des In- und Auslandes nehmen

folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr. J.............. qU*UKHmiUU** ......Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgehn.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Bei Gelegenheit der am 28. l. Ms. dahier stattfindenden Festlichkeiten werden im Interesse der Aufrechthaltung der öffentlichen Ordnung nachfolgende Anordnungen getroffen:

1) In der Zeit von 11 bis 12 Uhr Vormittags ist der Verkehr von Reitern und Fuhrwerken jeder Art durch die Mäusburg bezw. über den Marktplatz gänzlich gesperrt. Der Verkehr geht in genannter Zeit durch die Schloßgaffe, über den Canzleiberg durch die Sonnenstraße und umgekehrt.

2) In der Zeit von 11 Uhr Vormittags bis nach Be­endigung der Festlichkeit in der Ostanlage ist der Verkehr von Reitern und Fuhrwerken jeder Art durch die Ostanlage gesperrt. Die Wagen der Festtheünehmer nehmen ihren Weg von dem Reuenwegerthor nach dem Festplatze. Die leeren Wagen stellen sich alsdann auf dem Straßenkreuz Ostanlage-Wiesenstraße auf und haben die Leiter dieser Wagen den Anordnungen der anwesenden Polizeiorgane Folge zu leisten.

Gießen, am 24. Juli 1890.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 24. Juli. Am 25. Juli sind 2U Jahre verflossen seit dem Tage, an dem sich die Hess. Division, in Folge des am 16. Juli 1870 eingetroffenen Befehls zur Mobilmachung gegen Frankreich in Marsch gegen den Rhein setzte. An jenem unvergeßlichen Morgen, früh 6 Uhr, stand die hiesige Garnison 3. und 4. Infanterie-Regiment (jetzt 117. und 118.), das 2. Reiter-Regiment (jetzt Dragoner- Regiment Nr. 24), die gesummte Feld-Artillerie nebst der Pionier-Compagnie, die am 25. October 1871 in Anerken­nung ihrer vorzüglichen Leistungen in Krieg und Frieden seit ihres 50 jährigen Bestehens als 9. Compagnie den Stamm des neu zu errichtenden Füsilier-Bataillons des Regiments Nr. 117 bildete auf dem Cxercirplatz zur Jnspicirung vor Sr. Königl. Hoh. dem Höchstseligen Großherzog Lud­wig III. bereit. Auch die übrigen hohen Mitglieder des Hess. Fürstenhauses hatten sich eingefunden, um den ins Feld

ziehenden Truppen Lebewohl zu sagen. Die Sorge um die scheidenden Krieger, die heißen Segenswünsche für das Gedeihen der gerechten Sache hatten Fürsten und Volk in erhebender Weise zu dem Abschied vereint. Tausende von Angehörigen begleiteten die nach dem Vorbeimärsche vor dem Großherzog abrückenden Truppentheile. Unauslöschlich wird allen Denen, welche beiwohnten, jener Tag im Gedächtniß sein, an dem unsere Hess. Division zu dem Kampfe auszog, in dem sie freilich mit schweren Opfern ihren alther­gebrachten Ruhm durch neu erworbene Lorbeeren glänzend- bewährte.

Berlin, 24. Juli. In die innere deutsche und preußische Politik ist allmälich vollständige sommerliche Stille eingezogen und es wäre mehr als kühn, von irgend­welchenEreignissen" aus diesem Gebiete sprechen zu wollen. Angesichts des Mangels an wichtigeren Vorgängen in den innern politischen Angelegenheiten erscheint es wohl begreiflich, wenn die Unterredungen des Für st en Bismarck mit aus- und inländischen Preßvertretern den Zeitungen noch fort­gesetzt willkommenen Stoff zu allerlei Betrachtungen bieten. Es läßt sich allerdings nicht verkennen, daß diese Betracht­ungen durch die Organe selber, welche als mit dem Schloßherrn von Friedrichsruh in Verbindung stehend, gelten, immer wieder angeregt werden und brachten z. B. dieHamb. Nachr." neben andernBismarck-Artikeln" erst in den letzten Tagen einen großen Aufsatz überDie Gespräche des Fürsten Bismarck" d. h. über die Friedrichsruher Unterredungen mit verschiedenen Journalisten. Der Artikel vertheidigt nochmals den Fürsten gegen die mannigfachen Angriffe und Vorwürfe, die ihm wegen seines Eingehens auf diese journalistischen Interviews gemacht worden sind, und legt die Beweggründe dar, die ihn hierbei leiteten; der betreffende Aussatz wird vielfach aus den Fürsten Bismarck selbst zurückgesührt. Er­wähnenswerth ist noch eine fernere Auslassung derHamb. Nachr.", die sich auf den vielerörterten russenfreundlichen Artikel des genannten Blattes bezieht. Dasselbe erklärt, Fürst Bismarck stehe dem erwähnten Artikel vollständig fern, welcher sich also als eine reine freilich sehr fragwürdige Privat­leistung des Hamburger Blattes kennzeichnet. Es war auch schwer anzunehmen, daß der ehemalige Kanzler mit dem be­treffenden Artikel, der seine Spitze so offen gegen Oesterreich- Ungarn richtete, auch nur das Geringste zu thun haben sollte. Uebrigens erklärte dieNat.-Ztg.", sie sei aus bester Quelle in die Lage gesetzt, zu versichern, daß die in dem Artikel derHamb. Nachr." sich kundgebende Tendenz jedenfalls im

schroffen Widerspruche mit der in den maßgebenden Kreisen Deutschlands herrschenden Auffassung der Tripelallianz stehe.

Das Erscheinen der Denkschrift des Reichs­kanzlers v. Caprivi über den deutsch-englischen Vertrag soll nach der endgültigen parlamentarischen Erledigung der An­gelegenheit in England erfolgen. Da nun das englische Unterhaus am Donnerstag in die zweite Lesung der Helgo­landbill eingetreten ist, so steht deren vollständige Erledigung durch das englische Parlament innerhalb der nächsten Wochen zu erwarten und dann wird man also auch der Caprivi'schen Denkschrift entgegensehen dürfen.

Ein neuer nicht unwichtiger Schritt in der Weiter­entwickelung der deutschen Colonialpolitik ist in dieser Woche mit der Eröffnung der deutsch-o st afrikanischen Dampserlinie gethan worden. Als erstes Schiff dieser vom Reiche subventionirten neuen Postdampferlinie verließ der DampferReichstag" am Nachmittag des 23. Juli Hamburg, mit voller Ladung und vielen Passagieren. Wie bekannt, geht diese neue Linie bis zur Delagoabai an der südöstlichen Küste Afrikas und bilden die Orte Rotterdam, Lissabon, Neapel, Port Said, Suez, Aden, Zanzibar, Dar- es-Salaam, Lindi und Mozambique die Anlausshäsen. Ohne Zweifel wird die neue Dampferlinie, welche eine Sirecte unb schnelle Verbindung zwischen Deutschland und seinen ostafrika­nischen Schutzgebieten herstellt, sehr bald ein mächtiger Factor zur Hebung und Entwickelung derselben werden und sicherlich in volle Entfaltung treten, spbald erst einmal die Neu­organisation unserer Colonien in Ostafrika durchgeführt sein wird.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 24. Juli. DieNordd. Allg. Ztg." bestätigt ausdrücklich die gestrige Meldung derNationalzeitung", daß der von denHamburger Nachrichten" gebrachte Artikel über die auswärtige Lage mit der in den maßgebenden Kreisen Deutschlands herrschenden Auffassung der Tripelallianz jeden­falls in schroffem Widerspruch stehe.

Bonn, 24. Juli. Der Cultusminister besichtigte mit dem Oberbürgermeister das alte Sternthor und gab die Erlaubniß zur Beseitigung desselben. Abends Serenade des Männergesangvereins.

Frauenfeld, 24. Juli. Dem heutigen officiellen Schießen wohnten der Bundesrath, das Diplomaten-Corps und die

Fernlletoir.

Die Sparsame.

Scizze von Gust. Dahms.

Frau Käthe, im ehelichen Gekose auchKätzing" ge­nannt, schlich ganz leise auf den Fußspitzen nach dem Zimmer ihresHerrn und Gebieters", der im Hinblick aus den morgen bevorstehenden Geburtstag seiner kleinen jungen Frau die Acten aus dem Bureau hatte nach Hause kommen lassen und hier die Arbeiten für morgen mit geradezu erstaunlicher Geschwindigkeit erledigte.

Kätzing" trat so leise und vorsichtig aus, daß nicht ein­mal der Fußboden knarrte, nicht einmal das Ausklappen des niedlichen Pantöffelchens zu hören war. Nur das leise Knittern ihres weißen, mit Stickereien, Krausen, Spitzen und allerlei Frisuren besetzten Negliges, das wohl speciell für die Flitterwochen so niedlich geschaffen war, ließ sich ab und zu vernehmen. Hell leuchteten Käthchens blaue Augen, ihr Ge­sicht war geröthet und ein verführerisches Lächeln spielte um den kleinen Mund sie glich in diesem Augenblicke einem wirklichen Kätzchen, das, seiner Beute sicher, zum Sprunge bereit ist.

Der Herr Gemahl überhörte das leise Rauschen des Kleides, diesesLied ohne Worte", das bekanntlich ebenso viele Variationen hat, wie es verschiedene Arten des Gar- nirens, Raffens, Tollens u. s. w. gibt. Er war eben bis über die Ohren in die Acten vertieft.

Johannes!" ließ sich ein leises Flüstern hinter ihm vernehmen, wie das Summen einer kleinen Fliege.

Was gibts? Wie kommst Du hierher?" fragte der Mann, von der Arbeit ausblickend.

Lieber Hans," wiederholte Käthe, unb in bem Schmelz, mit welchem sie biese beiden Worte hinhauchte, lag noch mehr Zärtlichkeit unb Liebe als vorher.

Nun, was solls, mein Kätzing?" fragte der Gatte, sich umwendend. Er legte die Feder fort und ergriff beide Hände feiner Frau.

Liebstes Hänschen, ach, wenn Du wüßtest, wie kindisch | ich war! Es ist schrecklich, ich scheue mich, es Dir zu gestehen."

Während dieses unerwarteten Bekenntnisses setzte sie sich plötzlich auf den Schooß des nichtsahnenden Gatten und be­deckte ihr Gesicht verschämt mit beiden Händen.

Unsinn! So rede doch! Sprich Dich ganz offen aus."

Siehst Du, lieber Hans, ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, woher wir das Geld nehmen; ich hatte ja keine Ahnung davon, wie schwer es Dir wird, das Geld für unseren Hausstand zu erwerben. Ich hatte nie gedacht, daß Du so ungeheuer viel zu thun habest, mein armer, armer Junge!"

Bei diesen Worten blickte Käthe ihrem Manne zärtlich in die Augen. Hans lächelte zufrieden; die Anerkennung seiner kleinen Frau that ihm ersichtlich wohl.

Siehst Du," fuhr diese zögernd fort,ich glaubte, Du bezögest Dein Gehalt und säßest nur pro forma Deine Stunden im Bureau ab, weil es die Stellung so erfordere. Aber jetzt sehe ich, wie fleißig Du bist, liebes Männchen, wie angestrengt Du zu arbeiten hast! Wie thöricht ich doch war! Freilich . . . was würde aus uns werden, wenn Du nicht für alles sorgtest, wenn Du nicht . . . Nicht wahr, ich war doch recht kindisch."

Dabei lachte Käthchen laut auf wie ein übermüthiges Kind und küßte ihren Mann auf die Stirn.

Aber höre, lieber Mann!" rief sie plötzlich energisch, als ob sie eben ihren Entschluß gefaßt hätte,Du mußt mir nun auch einen Gefallen thun! Ja, willst Du?"

Um was handelts sich denn, mein Schatz?"

Nein, erst mußt Du versprechen, mir den Gefallen zu thun."

Aber ..."

Nein, bitte, bitte, kein Aber!"

Nun ja, ich will Dir den Gefallen thun."

So versprich mir, daß Du mir zum Geburtstage nichts und nichts kaufst. Wir müssen sparsam fein! Jetzt weiß ich, wie schwer Dir das Gelderwerben wird, und ich will

nicht, daß Du die Nächte aufbleibst, um das sauer verdiente Geld für unnütze Dinge auszugeben."

Aber liebes, gutes Kind," erwiderte Hans, seine Frau entzückt betrachtend,es macht mir doch die größte Freude"

Kein Wort weiter," unterbrach ihn Käthe, seinen Mund mit ihrer kleinen Hand bedeckend.Wenn Du mich nur ein wenig lieb hast, so versprichst Du mir, nichts zu kaufen! Ich will absolut nichts. Nun, willst Du mir das versprechen?"

Ja, ich verspreche es." Und zärtlich küßte Hans die rosa Fingerspitzen, die seinen Mund bedeckten.

Wir haben ja ohnehin schon so viele Ausgaben," fuhr Käthe nach einer Weile kläglich fort.Du mußt so viel arbeiten, schonst Deine Gesundheit so wenig, und doch will das Bezahlen der Rechnungen kein Ende nehmen. Da ist z. B. noch die Rechnung bei der Modistin zu bezahlen"

Was für eine Rechnung?" fragte Hans ganz verblüfft.

Nun, die mir gestern zugeschickt wurde," antwortete Käthe ganz ruhig und ließ ein zusammengeknifftes Stück Papier nachlässig auf den Tisch fallen. Dann umschlang sie wieder den Hals ihres Mannes und schmiegte sich zärtlich an ihn, wie ein schutzsuchendes Vögelchen.

Langsam streckte Hans die Hand aus, faltete das rätsel­hafte Stück Papier auseinander und las:

Ein Sommermantel, Plüsch Marron Mk. 80.

Ein Gesellschaftskleid, graue Seide, 190.

zusammen Mk. 270.

Wa was ist das?" fragte Hans.

Nun ja, mein Schatz, wozu unnütze Ausgaben machen? Es ist doch genug, wenn man das Allernöthigste an- fchafft!" sagte Käthe in eindringlichem überzeugendem Tone.

Natürlich, ganz natürlich," erwiderte Hans, las die Rechnung durch, legte sie bei Seite, las sie nach einer Weile noch einmal, legte sie wieder bei Seite, las sie zum dritten Male und setzte sich dann kopfschüttelnd an die unterbrochene Arbeit.