1890
Dienstag den 25. März
Kr. 71
Amts- unfc Jlnjdgeblatt für den Mreis Giefzen
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entgegen.
v. Gagern-
Feuilleton
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sehen, in die Zeit,
wir ihn
Besuch Kaiser Wilhelms am englischen Hose erwidert; Prmz Georg von Wales, der zweite Sohn des englischen Thronfolgers, hat seinen Vater auf der Reife nach Berlin begleitet.
Am Freitag fand im Berliner Residenzschlosse großes Galadiner zu Ehren der erlauchten englischen Gäste statt, wobei der Kaiser englische Admiralsuniform und den Hosenbandorden trug. Er brachte einen Toast allf die Königin Victoria und auf die deutsch-englische Freundschaft aus und betonte hierbei, wie stolz ihn die Würde eines englischen Admirals mache. Weiter erinnerte der Kaiser an die deutschenglische Waffenbrüderschaft in den Befreiungskriegen und schloß er mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß die englische Flotte mit Deutschlands Heer und Flotte auch ferner für die Erhaltung des europäischen Friedens einstehen würde. Der Prinz von Wales dankte in deutscher Sprache für die herzlichen Worte des Kaisers und den ihm bereiteten schönen Empfang und erinnerte daraü, daß nunmehr 32 Jahre seit seinem erstmaligen Besuche in Berlin verflossen seien. Er hoffe, er werde noch oft Gelegenheit haben, nach Berlin zu kommen und ebenso hoffe er, daß Kaiser Wilhelm bald wieder nach England kommen werde. Zum Schluffe trank der Prmz von Wales auf das Wohl des Kaisers und des deutschen Reiches.
Die Verhandlungen der Berliner Arbeiterschutz-Conferenz nehmen einen recht befriedigenden Verlauf und verlautet bestimmt, daß in den Fragen der Regelung der Sonntagsund der Kinderarbeit eine Verständigung erzielt werden wird.
In beiden Häusern des preußischen Landtages gelangte am Freitag das Schreiben des Viceprästdenten des preußischen Staatsministeriums v. Bötticher zur Verlesung, in welchem Herr v. Bötticher die amtliche Mittheilung von der Genehmigung des Rücktrittsgesuches des Fürsten Bismarck und der Ernennung v. Caprivis zu seinem Nachfolger macht.
Die Stellung des französischen Botschasters ut Berlin, Sorbette, soll nach Pariser unterrichteten Meldungen erschüttert sein. ES werden Herrn Herbette verschiedene Vorwürfe gemacht, namentlich aber derjenige, daß er es nicht verstanden habe, die zwischen den Delegirten Frankreichs auf der Berliner Arbeiterschutz-Conferenz ausgebrochenen Differenzen, welche zur Demission des Arbeitervertreters Delahaye führten, zu schlichten, so daß hierdurch die französische Regierung gewissermaßen compromittirt worden sei. Da indessen Herr Herbette aus seinem Berliner Posten zur Zeit nur schwer zu ersetzen sein dürfte, so wird er schließlich doch wohl bleiben.
In der italicnischcn Dcputirlcnkammci gelangte am Freitag die dreitägige hitzige Debatte über die Genehmigung der Kammer zur Verhaftung des gemeiner Vergehen angeklagten socialistischen Deputirten Costa zum endlichen Abschluß. Die Kammer lehnte die sämmtlichen Anträge gegen die Ver- I Haftung Costas mit 181 gegen 104 Stimmen ab und ge
nehmigte dafür den Commissionsantrag, die Verhaftung Costas zu gestatten, mit großer Mehrheit. Nach Lage der Sache bedeutet dieser Ausgang der Debatte zugleich ein Vertrauensvotum der Kammermehrheit für Ministerpräsident Crispi, der sich mit aller Entschiedenheit zu Gunsten der Verhaftung der genannten Deputirten ausgesprochen hatte.
Vierteljähriger
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Wien, 22. März. Nach einer Meldung der „Polit. Corr." aus Rom soll das Schreiben Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm über die Ernennung des Fürstbischofs Kopp zum Delegirten bei der Arbeiterconferenz dem Papste lebhafte Genugthuung bereitet haben. Der Papst soll den Wortlaut des kaiserlichen Schreibens den Cardinälen vertraulich mitgetheilt haben.
Wien, 22. März. Das „Fremdenblatt" kommt aus die hier und da geäußerte Besorgniß zurück, als könnte der Rücktritt des Fürsten Bismarck eine Erschütterung des Dreibundes oder gar des Deutschen Reiches nach sich ziehen, und bezeichnet solche als abenteuerlich. Der Bestand des Deutschen Reiches sei nicht von einem einzelnen Sterblichen abhängig, ebenso ruhe der Dreibund aus der Erkennt- niß einer so tief reichenden Interessengemeinschaft, daß das Zurücktreten eines noch so bedeutenden Ministers die Friedensliga nicht zu berühren vermöge. Erfüllt von bundesfreundlichen Wünschen für das benachbarte Reich, betrachte Oesterreich-Ungarn mit aufrichüger Genugthuung jene Zuversicht, die dem von dem Kaiser erwählten, in manchem wichtigen Amte bewährten Nachfolger des Fürsten Bismarck in Deutschland entgegengebracht werde.
druck hat von all diesen Neigungen der ersten Periode auf Schulze wohl nur eine gemacht und zwar die zu dem „Brockenmädchen". Aus einer Wanderung in den Harz im Jahre 1809 hatte er Adelheid, die schöne Pflegetochter eines Försters, kennen gelernt und als er im Juli des folgenden Jahres wieder in die Gegend kam, beeilte er sich, das einsame Forsthaus am Brocken auszusuchen. Aus diesem schreibt er unterm 7. Juli an Bergmann bei Erwähnung Adelheids: „Ihr Anblick im vorigen Jahre hatte einen Eindruck auf mich gemacht, der in der ganzen Zeit nicht vertilgt werden konnte." Nachdem er einige wundervolle Tage im Hause des Försters verlebt, riß er sich los und wanderte nach Göttingen zurück. Am letzten Abend seines Aufenthalts im Forsthause schreibt er an obengenannten Freund: „Ich muß fort, morgen ganz früh. Warum kann ich in diesem Paradiese nicht verweilen?" Und vierzehn Tage später berichtet er demselben von Göttingen aus: „Diese letzte romantische und sentimentale Episode in meinem Leben wird mir gewiß ewig theuer bleiben, denn ich weiß, daß ich besser durch sie geworden bin." Wirklich sind auch einige seiner schönsten Gedichte das Resultat dieser Episode.
Obgleich Schulzes Heiterkeit, wie er selbst sagt, das Andenken an die schöne Adelheid nicht geschadet hat, so machte sich doch mit der Zeit eine gewisse Leere in seinem Herzen, ein innerliches Unbesrieöigtsein geltend, das nach und nach seinen warmen Humor und seinen treffenden Witz in bitteren Sarkasmus verwandelte. Die Frauen hielt er, obwohl er stets flüchtige Liebesverhäitnisse unterhielt, fast ausnahmslos für kokett und eitel- einmal meint er sogar, es sei ihm leichter, den Chimborasso zum Frühstück zu verzehren, als eine Satire aus alle weiblichen Untugenden zu schreiben. (Fortsetzung folgt.)
Ernst I ch u l i e.*)
(Fortsetzung.)
Mit frohen Aussichten trat Schulze, wie das studentische Leben ein und es begann für von der er selbst später sagt:
Deutsches Reich.
Berlin, 22. März. Wie verlautet, wurde der Abgeordnete Huene vom Papste zum Geheimkämmerer und Com- mandeur des Piusordens ernannt, ferner dem Abgeordneten Hitze vom Kaiser ein Orden verliehen.
Köln, 22. März. Der gestern in Düsseldorf vereinigte Verband der S ei s e n sabrikant en beschloß, wie die „Köln. Volksztg." meldet, wegen der im Preise gestiegenen Rohstoffe und Kohlen, sowie der erhöhten Arbeitslöhne, die Preise für Seifen erheblich zu steigern.
Barmen, 22. März. 800 Bandwirker einigten sich in einer gestern Abend stattgefundenen Versammlung dahin,, die zehnstündige Arbeitszeit, einen Mindestlohu von 21 Mk. wöchentlich und die Beseitigung der Frauen - und Kinderarbeit anzustreben. Der Ausstand wurde abgelehnt und die Gründung eines Fachvereins in Aussicht genommen.
m der Behandlung des Versmaßes.
Während dieser Periode bestand die Lieblingvlecture 2-chulzes in den Werken der griechischen und lateinischen
) Nachdruck verboten.
) Elegie I. fämmtl. poet. Werke. . Bd. HI.
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Der
Lietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des
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politische Ueversicht.
Gießen, 24. März.
General v. Caprivi, der neue Reichskanzler und preußische Mnisterpräsident, hat nunmehr seine neuen Aemter übernommen. Er stattete am Freitag dem Fürsten Bismarck im Reichskanzlerpalais einen Besuch ab, der längere Zeit währte und jedenfalls als Zeichen für das freundschaftliche Einvernehmen zwischen dem alten und dem neuen Kanzler gelten darf.
Es bestätigt sich, daß gleichzeitig mit dem EntlaffungS- gesuche des Fürsten Bismarck auch die übrigen preußischen Ressortminister Dem Kaiser ihre Portefeuilles zur Verfügung stellten, doch drückte der Monarch den Wunsch aus. daß der Krone die Kräfte der bisherigen Minister auch ferner erhalten bleiben möchten. ES sind demnach die umlaufenden Gerüchte über fernere Veränderungen im preußischen Ministeriuni zunächst als noch unbegründet zu betrachten und nur Die Meldungen über die demnächstige Abgabe der Leitung des Auswärtigen Amtes seitens des Staatssecretärs Grafen Herbert Bismarck dürsten ernst zu nehmen sein. Es heißt, Gras Bismarck werde einen der Botschafterposten übernehmen, doch scheint die Frage seines Nachfolgers im Staatssecretanat des Auswärtigen noch nicht entschieden zu sein.
Am Berliner Hofe fand am Samstag, als dem 96. Geburtstage weiland Kaiser Wilhelms I., ein Capitel vom Orden des schwarzen Adlers statt, dem sich am Sonntag das übliche Ordensfest anschloß und nahm dasselbe einen glanzenden Verlauf. An der Spitze der auswärtigen fürstlichen Theilnehmer an den Ordensfestlichkeiten stand der Prinz von Wales, der durch seine gegenwärtige Anwesenheit in Berlin den vorjährigen
Klassiker, von Denen er am meisten den Homer liebte. Daneben arbeitete er fleißig au feiner Dissertation und verfolgte mit großer Aufmerksamkeit Die gleichzeitige Literatur, wie wir aus feinen Briesen an seinen Freund, Den späteren Obermedicinalrath Dr. Bergmann in Hildesheim ersehen können. Diesem gibt er in einem Schreiben vom 22. Januar 1810 eine Aufzählung der Dinge, mit Denen er sich beschäftigt. Es heißt Darin: „Ich melde Dir, daß ich mich bei ganz gutem Geistes- und Körperzustande befinde, nach meiner Art faul und fleißig bin, alle Sonntage tanze, alle Woche zweimal in verschiedene Thees gehe, Die griechische Grammatik mit vielem Widerwillen und vieler Gründlichkeit studire, alle Abend eine französische Comödie statt des Schnupftabaks zur Aufheiterung der Geisteskräfte lese und an der lateinischen Literaturgeschichte, an dem romantischen Heldengedicht, an einem orientalischen Heldengedicht, an einer poetischen Reise nach dem Brocken, an einer Comedie larmoyante von zwei Personen und an einer Sammlung von Elegien arbeite." Letztere sollten einer Dame gewidmet werden, ein Umstand, der uns zur Betrachtung von Schulzes Verhältniß zu den Frauen führt.
Man hat unseren Dichter öfters einen modernen Minnesänger genannt und u. E. mit vollem Recht, denn der Grundzug seiner sämmtlichen Dichtungen ist die Verherrlichung der Liebe. So hat er denn auch in Den ersten vier Jahren semes Göttinger Aufenthalts eine ganze Anzahl kleiner harmloser Liebesverhältnisse angeknüpst, Die freilich alle sehr bald wieder gelöst wurden. Seiner feurigen Seele war es ein unumgängliches Bedürfnis stets einen Gegenstand der Verehrung zu haben, der sie immer wieder zu neuen Schöpfungen begeisterte ) daß dieser Gegenstand die Frauen waren, ist leicht begreiflich, besonders wenn man erwägt, daß er vielfach pon den Damen geradezu verhätschelt wurde. Dauernden Ein-
iehener Anzeiger
Kenerat-Unzeiger.
Wahrlich, ich hab-gelebt! Nicht reut mich di- fröhlich-Wildheit! Fest an die feurige Brust drückt ich das blühende Sein, Küßte die scheidende Lust und der nahenden lacht ich entgegen, Und zur geliebtcsten Braut ward die Minute mir stets! )
Trotzdem vernachlässigte er keineswegs die Wissenschaften; et hatte sich vorgenommen, „da er von der Dichterei allem nicht leben könne", wie er selber meint, die philosophische Doctorwürde zu erwerben und sich der Docentenlaufbahn zu widmen. An der Ausführung dieses Planes arbeitete er mit Ottern Fleiße, ohne daneben das Dichten zu vergessen, Zahl- rerche Gedichte entstammen dieser ersten Zeit semer Studien- fahre, sowie auch seine erste größere Arbeit „Psych^ em griechisches Märchen in sieben Buchern . Ganz im Style Melands gehalten, zeigt dieses Märchen, das die reizende Sage von Amor und Psyche behandelt, den fast allzu großen Einfluß, den der Dichter des Oberon auf Schulze gehabt hat. Die Sprache ist leicht und flüssig und zeigt eine für diese Jahre -- das Gedicht wurde 1807 begonnen, der Lichter zählte mithin 18 Jahre — erstaunliche Gewandtheit
Amtlicher Theil.
Gießen, am 22. März 1890.
Betr.: Die Ablieferung der Vacanzüberfchüffe erledigter Schulstellen an den Provinzialschulfonds.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreise-.
Sofern Schulstellen in Ihren Gemeinden während des nunmehr ablaufenden Rechnungsjahres 1889/90 vacant waren, sehen wir unter Hinweis auf unser Ausjchreiben vom 24. Januar 1878 (Amtsblatt Nr. 1) der Vorlage der von Ihnen mit beit Schulvorständen gemeinschaftlich aufzustellenden Berechnungen der an den Provinzialschulfonds abzuliefernden Vacanz- überschüffe in doppelter Ausfertigung dis zum 15. k. M.


