Nr. 119.
Samstag den 24. Mai
1890
Der tU|e*er Arr-tzer erscheint täglich, ■it Lu-nahme deS Montags.
Die Gießener M«»rrie«stätter »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal deigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Unzeiger.
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Kchutstraße Ar.r. Fernsprecher 61.
Amts- rmd Anzeigeblatt für den Nreis Gieren.
Krati-Keikage: Hießmer Jamikienkkätter.
Amtlicher TNeil.
Gießen, am 19. Mai 1890. Betr.: Die Anwendung von Torf als Streumittel.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Wir erinnern Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, an Erledigung unserer Verfügung vom 28. April d. I. — Anzeiger Nr. 102 — mit Frist von 8 Tagen.
v. Gagern.
Gießen, am 20. Mai 1890. Betr.: Die regelmäßigen Feuervisitationen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreise-.
Wir erinnern Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, an Erledigung unserer Versügung vom 5. Mai l. I». — Anzeiger Nr. 105 — mit Frist von 5 Tagen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh. Beigeordneter Georg Schmandt II. von Hausen als Stellvertreter des Standesbeamten des Standesamtsbezirks Hausen ernannt und verpflichtet worden ist.
Gießen, am 16. Mai 1890.
Großherzogliches Amtsgericht. Fresenius.
Bekanntmachung.
Am 1. Juni wird die im Landbestellbezirke des Postamts Hungen belegens Posthülfstelle in Bill in gen in eine Post» ageolur umgewandelt. Die Verwaltung dieser Postagentur ist dem bisherigen Posthülsstelleninhaber, Gemeinde-Einnehmer Philipp Koch daselbst übertragen worden.
Der Postverkehr der neuen Postagentur wird durch das Postpersonal in den aus der neuen Eisenbahnstrecke Hungen— Laubach (Hessen) verkehrenden Zügen Nr. 37, 39, 41, 36 und 40 vermittelt.
Die Dienststunden für den Verkehr mit dem Publikum werden, wie folgt, festgesetzte
a) an Wochentagen: von 9—12 Vorm. und
„ 3—6 Nachm.
b) an Sonntagen und gesetzlichen Feiertagen: von 9—10 Vorm. und
„ 5—6 Nachm.
Die Bestellung der Postsendungen in Villingen (Heffen) wird wochentäglich dreimal um 915 Vorm., 310 Nachm. und 645 Nachm., an Sonntagen einmal um 9^ Vorm. stattfinden.
Darmstadt, am 17. Mai 1890.
Der Kaiserliche Ober-Postdirector.
Clavel.
Deutfches Reich.
Darmstadt, 21. Mai. Wegen des Ablebens Ihrer Königlichen Hoheit der verwittweten Erbprinzessin von Thum und Taxis, geborenen Herzogin in Bayern, ist ans Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer vom Heutigen bis zum 28. lausenden Monats einschließlich verordnet worden.
nn. Darmstadt, 22. Mai. Verhandlungen der zweiten Kammer der Land stände. Das Haus tritt heute in die Berathung der Vorlage Großh. Ministeriums der Finanzen betr. Erbauung eines Handels- und Sicherheitshafens und eines Floßhases zu Worms und der Vorlage Großh. Ministeriums der Finanzen betr. Unterstützung der Stadt Offenbach bei dem von ihr vorzunehmenden Mainuferbau.
Beide Vorlagen stehen gleichzeitig zur Discussion.
Der Ausschuß beantragt hierzu für die Stadt Worms den Betrag von 502,000 Mk. als Leistung des Staates zu dem von der Stadt Worms auszusührenden und von ihr zu unterhaltenden Uferausbau längs der Stadt unb unterhalb derselben, sowie zur unentgeltlichen Ueberlassukrg" des durch den Userausbau gewonnenen Stromgeländes ah die Stadt Worms unter Befreiung von Stempel und sonstigen Gebühren.
Hinsichtlich des zu gewährenden 3procentigen Darlehens von 1,698,000 Mk. beantragt die Mehrheit des Ausschusses (Jöckel, Möllinger, Osann, Schade und Schröder) Ablehnung. Die Minderheit (Theobald und Wolfskehl) beantragt, dieses Darlehen zu genehmigen.
Für die Stadt Offenbach beantragt der Gesammt- Ausschuß, den Betrag von 153,000 Mk. für Uferausbauten zu genehmigen.
Hinsichtlich der Gewährung eines 3procentigen Darlehens von 1,347,000 Mk. für genannten Uferausbau beantragt die Ausschußmehrheit, die Zustimmung nicht zu ertheilen. Die Minderheit beantragt Genehmigung.
Abg. Reinhardt beleuchtet in eingehender Weise die Verkehrsverhältnisse von Worms und das Emporblühen der dortigen Industrie, so daß er es als einen bedeutenden Fehler betrachten würde, wenn man im Haus nicht das Verständniß haben sollte, durch Gewährung des Darlehens einer strebsamen Industriestadt einen Dienst zu erweisen.
Abg. Weber führt aus, daß in Offenbach die Verhältnisse in ähnlicher Weise liegen wie in Worms. Auch in Offenbach sei die Industrie im Emporblühen begriffen. Die
Verkehrsverhältnisse gegenüber anderen Städten seien keine günstigen. Sehe man nach anderen Ländern, so werde für den Ausbau der Wasserstraßen weit mehr bewilligt, als in Hessen, trotzdem der Verkehr auf den schiffbaren Flüssen bedeutend zugenommen habe. hoffe und erwarte, daß die Kammer nicht einen Beschluß fasse, der im Lande nicht angenehm berühren würde.
Abg. Haas fragt, wv die'Gegner der Vorlagen seien. Er hoffe nicht, daß die Parole gegeben sei, einfach stillschweigend gegen die Vorlagen zu stimmen. Er wünsche die Gegenansichten der Gegner zu hören. Er für sein Theil werde für die Vorlage stimmen, weil er es sirr die Aus-gabe des Staates halte, daß derselbe die Anlage selbst äusführen müsse. Die beiden Städte Worms und Offenbach entlasteten aber den Staat durch die beabsichtigten Bauten. Die Finanzen im Lande seien wohlgeordnete, so daß man getrost die Summen bewilligen könne. Andere Nachbarländer, z. B. Baden, habe viele Millionen für die Hafenbauten in Mannheim bewilligt und heute habe dieselbe Regierung wieder eine Million für den gleichen Zweck bewilligt. Er bittet das Haus, den Minoritätsantrag anzunehmen.
Abg. Vogt erklärt, daß die Ansicht der Ausschußmehrheit die richtige sei und er werde dafür stimmen. Es sei eine traurige Thatsache, daß Alles nach den großen Städten hinströme, während das Hinterland nach wie vor den Kampf um's Dasein zu führen habe. Wollten die beiden Städte Hafenanlagen bauen, so möchten sie auch die Kosten tragen.
Finanzminister Weber präcisirt den Standpunkt der Großh. Regierung dahin, daß es zunächst wirthschastliche Gründe gewesen seien, welche dieselbe Zur Vorlage veranlaßt haben. Die Regierung sei Erdings der Ansicht, daß es Pflicht des Staates sei, für gute Wasserstraßen Sorge zu tragen, gerade, wie er für gute Eisenbahnen und andere Ver- LHrswege sorgen müsse. Die Regierung sei ferner der Meinung, daß, wenn sich die Städte Worms und Offenbach früher bereit erklärt hätten, die Kosten der Hasenlanlagen zu tragen, so müsse man das dankbar anerkennen; es sei aber auch jetzt die Pflicht der Regierung, hier weiter zu helfen, zumal man im Hause für Nebenbahnen doch auch ' bedeutende Summen bewilligt habe. Ueberhaupt habe die Regierung die Absicht, noch mehr für Handel und Industrie in Hessen zu thun.
Für die Bewilligung der Vorlage sprechen noch die Abg. Jöst, Wolfskehl u. A., gegen diese die Abg. Schröder, Jöckel, Kredel und Metz.
Nach erfolgter Abstimmung wird die Vorlage Großh. Regierung, wie sie gestellt ist, mit 25 gegen 15 Stimmen angenommen.
Bezüglich der Vorlage Großh. Regierung, betr. Verwendung von 59,000 Mk. für Beendigung der begonnenen
Feuilleton.
Zu spät.
Scizze von Erich zu Schirseld.
(Nachdruck verboten.) (Schluß.)
Der Vorhang theilt sich vor dem kurzsichtigen Mick des Menschenkindes- aus der trostlos öden Finsterniß leuchtete das eine Wort, wie mit blutigen Thränen geschrieben, hervor, und dieses eine Wort heißt: „Zu spät!" Doch, was hilft es, daß ich Ihm dies alles sage! Des Herzens Stimme mahnt ihn, dem Rufe des Sterbenden zu folgen, und die Furcht vor einem Auftritt mit feiner Frau hält ihn zurück. So schwankt er zaghaft hin und her, ein guter Mensch vielleicht, aber kein Character. Endlich scheint das bessere Gefühl zu siegen. Er hebt den Kops und rasche Entschlossenheit spricht sich in seinen Zügen aus.
„Wohlan," ruft er, „wir gehen."
Seine Hand griff nach dem Hute, der auf dem Kleiderschrank lag. In diesem Augenblicke trat seine Frau ins Zimmer. Sie blickte entsetzt auf ihren Mann und fragte mit zornbebender Stimme: „Wohin, Wilhelm?"
„Zum Vater," entgegnete er halb trotzig, halb verlegen.
„So!" brauste sie auf, „hab ich mirs doch gedacht. Das Haus voller Gäste, alles in schönster Gemüthlichkeit und dann geht der Herr mir nichts dir nichts seiner Wege. Ein schönes Familienfest, ein schöner Ehemann! Die Freunde, die eigene Frau, alles wird zurückgesetzt, blos um den alten . . ."
„Weib," unterbrach sie Wilhelm, und seine Stimme klang heiser, „Weib, mach ein Ende mit Deiner Giftzunge. Ich habe mich neulich ausnahmsweise an Dir vergriffen, — Du willst, daß das zur Regel werde!"
Er stürzte auf sie los, sie aber griff zu einem probaten Mittel und siel mit einem grellen Aufschrei in Ohnmacht. Wilhelm stand da, als habe ihn der Blitz getroffen, die Gäste sprangen auf,. die harmonisch gestimmten Saiten waren mit mißtönigem Klang zersprungen — das Fest war gestört. — Eine häßliche, widerliche Familienseene, und ich hatte sie heraufbeschworen. Das Gefühl der Widerwärtigkeit trieb mich fort aus diesem Hause. Wilhelm sah mich rathlos an, ich zuckte die Achseln. Hier war nicht viel zu machen.
Mit einer schnellen Bewegung warf Wilhelm feinen Hut wieder auf den Schrank und rief verzweiflungsvoll:
„Mein Gott, mein Gott, gibt es denn keinen Ausweg? Das Weib bringt mich um den Verstand! Aber ehe ich mein Familienglück zerstöre, lieber — na, ich muß doch nun einmal mit ihr auskommen und das Leben ist so lang. Ei,
der alte Mann wird auch noch nicht gleich sterben. Morgen werde ich ihn besuchen, ganz gewiß, ich schwöre es!"
Ja, morgen, morgen! Wie Mancher ist durch dieses „Morgen" um seinen Seelenfrieden gekommen.
Am folgenden Tage suchte ich den Patienten wieder auf und fand ihn still, schlafend — schlafend für immer. Die Stirn, hinter welcher so mancher originelle Gedanke entstand, war bleich und kalt, die einst so klugen und treuen Augen lagen tief verschlossen in ihren Höhlen und der Mund schwieg für alle Ewigkeit. — Zu Ende, alles zu Ende! Wie eine verwelkte Blume sinkt h^r Körper dahin, ein Raub der Vernichtung. Was ist das Leben? Was ist der Geist, der hoch- gepriefcnc Menschengeist, der noch gestern, noch heute war, der Großes dachte und Großes vollbrachte, wo bleibt der Geist? Der Lebende fragt es hinab in den dunklen Grund und hinaus in den leuchtenden Himmel mit den ewigen Sternen, er fragt, fragt, und Niemand gibt ihm Antwort auf feine bangen Fragen. Aber die Zeit, die ruhelos wandernde, nimmt
ihn bei der Hand und führt ihn seinem Ziele entgegen, hinab in das Reich der Schatten, wo es keine Fragen und keine Zweifel mehr gibt. — Requiescat! — In dem großen Lehnstuhle sitzend, in welchem er seine letzten Tage verbrachte, war er sanft hinübergeschlummert, mutterseelenallein mit sich und seiner Sehnsucht nach dem Sohne, der nicht kommen wollte. Nun hatten sie ihn auf sein schmales Bett gelegt. Die Strahlen der Abendsonne fielen auf sein bleiches Gesicht und belebten es mit rosigem Schimmer. Nur seine Pflegerin und ich waren im Zimmer, die wenigen letzten Anordnungen zu treffen. Da klopfte es leise und herein trat Wilhelm. Ja, er kam wirklich, jedenfalls ohne Wissen seiner Frau. Beim Anblick des Todten blieb ihm der Gruß in der Kehle stecken. Scheu blickte er von Einem zum Andern und zaghaft trat er heran an das Todtenlager seines Vaters. Da stand er lange, wortlos, wie verstimmt. Sein Athem ging schwer und durch den ganzen Körper lief ein leises Zittern. Langsam sank er auf die Kniee und drückte seine Stirn auf des Todten kalte Hand. — Was mochte in diesem Augenblicke in ihm gehen! — Ach, es war ja sein Vater, der da so stumm und kalt vor ihm lag! Die Tage längst vergangener Zeiten zogen vor seinem Geiste vorüber und er erinnerte sich aller Güte und Liebe, die er von ihm empfangen hatte. Und er? — „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich nicht gespeist, ich bin krank gewesen und ihr habt mich nicht besucht!" — Ach, es dröhnte ihm ins Gewissen, unaufhörlich, unaufhörlich, des Schmerzes scharfer Zahn grub sich ihm ins Herz und glühend brannten die Tropfen der bitteren Reue in feiner Seele. Zu spät! Zu spät! Vergehen auch Welten um Welten, rollen auch die Jahrtausende vorüber wie Perlen an einer endlosen Schnur, — deine Schuld, du armes Menschenherz, nimmt keins, keins mit hinweg!--Tiefe
Stille herrschte im kleinen Gemach, selbst die alte Wanduhr


