1890
Freitag den 23. Mai
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Nr. 118
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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.
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Deutscher Bdd?.
Darmstadt, 19. Mai. Das gestern ausgegebene Großh. Regierungsblatt (Beilage Nr. 11) enthält: u. A.
Bekanntmachung Großh. Kreisamts Heppenheim, die Vergütung der Brandschäden in Affolterbach, Hammelbach und Mörlenbach betreffend.
Aus Veranlassung der häufigen, in neuerer Zeit in Affolterbach, Hammelbach und Mörlenbach zum Ausbruch gekommenen Brände, und in Berücksichtigung der dieselben begleitenden Umstände, welche die Vermuthung rechtfertigen, daß in diesen Orten entweder vorsätzliche Brandstiftungen in der Absicht, durch die für den Brandschaden nach gesetzlicher Be- sümmung aus der Brandversichernngskasse zu zahlende Entschädigung Vortheile zu ziehen, stattfinden, oder doch, daß daselbst eine mit den Interessen der Brandversicherungs-Anstalt unverträgliche Fahrlässigkeit inbezug aus Feuersgefahr obwalte, hat Großh. Ministerium des Innern und der Justiz angeordnet, daß die durch Bekanntmachung vom 29. November 1884 verhängten Maßregeln, wonach die vom Augenblicke dieser Bekanntmachung an in Affolterbach, Hammelbach und Mörlenbach entstehenden Brandschäden nur nach Verhältniß des wahren Werthes der betroffenen Gebäude unmittelbar vor dem Brande vergütet und bei den jährlichen Ausschlägen fünf Jahre lang die Versicherungscapitalien der obenbezeichneten Gemeinden in einem um ein Fünftheil erhöhten Betrag in Rechnung gebracht worden sollen, auf weitere 5 Jahre, von 1889 ab beginnend, sortzudauern haben.
Uebersicht der von Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz für das Jahr 1890 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Bedürfnisse der israelitischen Religionsgemeinden des Kreises Alsfeld.
Zulassungen zur Rechtsanwaltschaft.
Am 5. Mai wurde dem Gerichtsassessor Dr. Ludwig Jung zu Gießen die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft bei dem Landgerichte der Provinz Oberhessen, am 10. Mai wurde dem Gerichtsaccessisten August Wagner in Schotten die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft bei dem Amtsgerichte Lauterbach ertheilt.
Dienstnachrichten.
Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht: Am W. April dem Pfarrer und Decan Wilhelm Wahl zu Trais-Horloff die evangelische Pfarrstelle zu Nieder-Florstadt, am 24. April dem Pfarrer Carl Strack zu Leeheim die evangelische Psarrstelle zu Leihgestern zu übertragen.
Am 22. April wurden dem Schullehrer Julius Hartmann zu Oppenheim und dem Schulverwalter Carl Leib zu hießen Lehrerstellen an der Volksschule zu Gießen übertragen.
Ruhestandsversetzungen.
Am 19. April wurde der Schullehrer an der Gemeindeschule zu Nidda Daniel Lorz auf sein Nachsuchen-, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste, mit Wirkung vom 1. Mai an, in den Ruhestand versetzt.
Concurrenzeröffnungen.
Erledigt sind: Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Neuhausen mit einem Gehalte von 900 Mk. Eine mit einem kathol. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Gundheim mit einem Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Uellers- hausen mit einem Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle ist Organistendienst verbnnden. Dem Herrn Grafen von Schlitz, genannt von Görtz, steht das Präsentationsrecht zu derselben zu. Die mit einem evangel. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Hemmen mit einem Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Dem Herrn Grafen von Schlitz, gen. von Görtz, steht das Präsentationsrecht zu derselben zu.
nn. Darmstadt, 21. Mai. Verhandlungen der zweiten'Kammer der Land stände. Das Haus setzt nach Bekanntgabe einiger neuer Einläufe die Berathungen fort über den Antrag Arnold, die volkswirthschaftliche Lage im Odenwald, insbesondere die Erträgnisse aus Lohrinden betr.
Der Antragsteller führt aus,, daß seit einer Reihe von Jahren ein Niedergang in den Erträgnissen der Waldungen des Odenwaldes zu verzeichnen sei, so daß von einer Rente nicht mehr die Rede sein könne. Hauptsächlich in der Loh- rindenproduction, welche ein Haupterwerbszweig der Bevölkerung des Odenwaldes sei, habe sich diese Calamität am meisten fühlbar gemacht, so daß kaum die Productionskosten erreicht würden.
Als Grund dieses Rückgangs sei einerseits der Mangel an Concurrenz der Käufer, anderseits der Umstand zu verzeichnen, daß der deutsche Markt durch außerdeutsche Lohrinde und Surrogate überfluthet werde. Er beantragt auf die Einführung eines höheren Eingangszolles aus fremde Lohrinde und Surrogate hinzuwirken.
Abg. Reinhardt zweifelt nicht an den guten Absichten, welche dem Antrag Arnold zu Grunde liegen, weist aber auch darauf hin, daß man auch die Hess. Lederindustrie berücksichtigen müsse, welche durch eine solche Maßregel schwer geschädigt werde.
Auch der Abg. Hechler spricht sich gegen den Antrag aus. Die Abg. v. Rabenau und Breimer befürworten denselben.
Großh. Regierung sowohl, wie der Ausschuß, können sich nicht mit den Ansichten des Antragstellers einverstanden
erklären. Der Ausschuß beantragt daher, dem Antrag Arnold auf Erhöhung des Eingangszolles für Lohrinde keine Folge zu geben, Großh. Regierung zu ersuchen, den wirth- schaftlichen und Verkehrs-Verhältnissen des Odenwaldes ihre wohlwollende Aufmerksamkeit zu schenken und die Eingaben der Handelskammern zu Mainz, Worms, Offenbach, Gießen und Bingen für erledigt zu erklären. Gegen 4 «Stimmen beschließt die Kammer dementsprechend.
Bezüglich der Vorstellung einer Anzahl Revisions-, Buch- Haltungs- und Calculatur-Beamten der Oberrechnungskammer und anderer Ressorts um Erhöhung ihrer Gehalte beschließt das Haus, da die Regierung für die kommende Finanzperiode eine Ausbesserung der Beamten- Gehälter in Aussicht genommen hat, die Vorstellung für erledigt zu erklären.
Ein Antrag des Abg. Frank aus Bewilligung eines weiteren Staatszuschusses zur Ausbesserung der Minimal- Gehalte der kathol. Geistlichen wird ebenfalls ohne Debatte für erledigt erklärt, nachdem sich Großh. Regierung dahin geäußert hat, daß dieselbe jetzt in der Lage und geneigt sei, eine Ausbesserung der kath. Geistlichen bei Ausstellung des nächsten Staatsvoranschlags in Erwägung zu ziehen.
Dem Gesuch des Heinrich Becker IV. und Genossen zu Alsbach wegen Beseitigung gesetzwidriger und gesundheitsschädlicher Anlage von Gräbern wird seitens der Kammer keine Folge gegeben, da sich nach den stattgehabten Untersuchungen Keinerlei Jndicien für das Vorhandensein der behaupteten rechts- bezw. ordnungswidrigen Zustände auf dem Friedhöfe zu Alsbach ergeben haben
Die Vorlage Großh. Ministeriums des Innern auf Erbauung einer psychiatrischen Klinik bei der Landes-Universität Gießen, sowie die dazu angeforderten Mittel im Betrage von 735,000 Mk. wird debattelos genehmigt.
Bei der Vorlage der Großh. Regierung aus Errichtung eines besonderen Gebäudes für das physikalische und electo- technische Institut der technischen Hochschule zu Darmstadt im Betrage von 315,000 Mk., entspinnt sich eine lebhafte Debatte. Die Ausschußmajorität beantragt Genehmigung der angesorderten Snmme. Die Ausschußminorität (Abgeordneter Jöckel-Friedberg) beantragt Ablehnung, resp. die Erklärung, daß die Stadt Darmstadt alle für die Hochschule erforderlichen Gebäude zu stellen habe.
Geh. Staatsrath Knorr befürwortet in warmen Worten die Vorlage, indem er hervorhebt, in welch trefflicher Weise sich die Anstalt von Jahr zu Jahr hebe und welche vorzügliche Kräfte für das Land an derselben herangebildet würden.
In gleicher Weise befürwortet Staatsminister Finger die Vorlage, indem er ebenfalls die Verdienste der Schule um Handel und Industrie in Hessen hervorhebt. Er em-
Feuilleton.
Zu spät.
Scizze von Erich zu Schirfeld.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Der Gatte nannte ihr meinen Namen und sagte: „Vater ist sehr krank und wird wohl sterben, wie der Herr meint."
Seine Stimme zitterte leise, doch die Frau zuckte die Achseln und erwiderte gleichgiltig:
„Sterben müssen wir alle! — Nun ja, er hätte ja wohl noch eine Weile leben können. Aber es wird wohl so am besten sein, er ist sich und andern zur Last und bei dem Lebenswandel ist es auch gar kein Wunder, wenn er vor der Zeit sort muß."
Bei dem Lebenswandel? — Ich sah den Mann überrascht an. Ihm stieg das Blut in die Stirn, aber er hielt an sich und fragte gelassen:
„Was soll das heißen?"
„Je nun," rief sie, „Du weißt doch so gut wie ich, daß .ihn der Branntwein ruinirt hat."
Wilhelm biß sich aus die Lippen.
„Frau", begann er dann mit unterdrückter Erregung, .„ich habe Dir oft genug gesagt, daß ich das nicht hören will- es ist eine infame Lüge. Er hat seinen Schnaps zum Frühstück getrunken, so gut wie ich und wir alle, mehr nicht einen Tropfen. Nun komm mir noch einmal damit."
Sie lächelte boshaft und schwieg.
„Ich werde Sie begleiten," wendete sich Wilhelm wieder zu mir, und machte Miene, sich einen anderen Rock an- .zuziehen.
„So," keifte da die Frau, „wirklich? — Daß er mich,
Deine Frau, beleidigt hat, das ist Dir also ganz egal. Freilich, bei Dir hat man ja nie Schutz!"
Sie fing an zu weinen.
„Liebe Frau," wollte ich sie beruhigen, „angesichts des Todes . . ." Weiter kam ich nicht.
„Ah!" fuhr sie auf mich los. „Was wollen Sie denn? Mit Ihnen habe ich gar nichts abzumachen. O, ich merke schon, Sie sind auch einer von Denen, die blos Unfrieden stiften. Da kommen Sie aber bei uns an die Unrechten. Unsere Ehe ist bis jetzt glücklich gewesen, und wenn Einer kommt, der sich dazwischen stellen will, mit dem machen wir gar keine Umstände, sondern zeigen ihm, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat."
Das war deutlich genug. Der Mann wußte sich vor Verlegenheit nicht zu helfen und ging aufgeregt im Zimmer aus und ab. Die Flamme des Aergers und der Scham lohte ihm über das Gesicht, aber zu einem Entschlüsse kam er nicht. Unter diesen Umständen blieb mir nichts weiter übrig, als mich zu empfehlen. Wilhelm gab mir das Geleite zur Treppe und sagte flüsternd:
„Ich komme. Bitte, sagen Sie das dem alten Manne, er kann sich daraus verlassen. Heute aber muß ich nachgeben, meine Frau bekommt den Schreikrampf, sobald sie sich ärgert."
Er drückte mir warm die Hand und ich ging. Während ich über den Hof schritt, klang von oben dumpfer Lärm herab, übertönt von einer gellenden Frauenstimme.
„Jetzt hat Frau Bredow ihren Schreikrampf", dachte ich, und lief eilend davon.
Die Krankheit des alten Bredow nahm einen sichtbar schnellen Verlauf und der Kranke wurde täglich hinfälliger. In dem Maße, wie seine Kräfte abnahmen, wuchs seine
Sehnsucht nach dem Sohne, aber ein Tag nach dem andern verging — und der Ersehnte kam nicht. Da blieb mir nichts weiter übrig, als die Leutchen noch einmal auszusuchen, so schwer es mir auch wurde. — Es war Abend, als ich den Weg zur B.-Straße antrat. Die meisten Leute hatten ihr Tagewerk gethan und ihr Abendessen verzehrt. Nun gingen sie ein wenig ins Freie und standen rauchend und plaudernd vor den Hausthüren. In der B.-Straße machten die Kinder, mit denen diese Straße besonders reich bedacht ist, bei ihren Spielen einen Heidenlärm, und ein Leierkasten spielte „die neuesten Sachen". Als ich den bewußten Hos betrat, überraschten mich weitere musikalische Kunstleistungen: Irgend Jemand that der „kleinen Fischerin" Gewalt an und bemühte sich, die Waldmann'sche Operettenmelodie mittelst einer fehlerhaften Ziehharmonika so gut wie möglich hu verhunzen. Dazwischen lautes Reden, mißglückte Singversuche und rauhes, unschönes Gelächter. Der Lärm kam aus der Bredow'schen Wohnung und brach mit einem vielstimmigen „Herein!", welches mich auf mein Klopfen zum Nähertreten einlud, plötzlich ab. Das war eine lustige Gesellschaft. Mehrere Frauen labten sich an duftender Chocolade, die Männer tranken Bier und dick und schwer zog der Qualm zweifelhafter Cigarren zum weit geöffneten Fenster hinaus.
„Ich möchte einige Worte mit Ihnen reden," wandte ich mich an Wilhelm, der soeben unter dem geöffneten Hahn eines aufgelegten Bierfasses die Krüge mit srischem Stoff füllte. Er erhob sich aus seiner gebückten Stellung und öffnete den Mund, seine „bessere Hülste" kam ihm aber zuvor und rief:
„Bitte, geniren Sie sich gefälligst gar nicht! Wir sind hier ganz unter uns und haben keine Geheimnisse voreinander."
„Liebe Frau," erwiderte ich gelaffen, „was ich zu sagen habe, geht Ihren Mann an, nicht Sie!"


