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(tfd^eint täglich, lit Ausnahme deS
Montags.
Die Gießmer
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•irtbm dem Anzeiger «Hentlich dreimal beigelegt.
Erstes Blatt. Sonntag den 23. März
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ießener Anzeiger
General-Mnzeiger.
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3lmtiid?er Tbeil.
Bekanntmachung,
betr. die Abhaltung von öffentlichen Faselschauen.
Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß in Verbindung mit dem am 27. März d. I. zu Grünberg stattfindenden Liehmarkt Vormittags 9 Uhr eine öffentliche Faselschau durch die L örcommission abgehalten werden wird. Die Commission wirb vorzugsweise Fasel der reinen Vogelsberger und Berner, Ipeciell Simmenthaler-Raffe berücksichtigen, andere mir dann, MM sie ganz besonders schön sind.
Ks werden nur solche Bullen angekört werden, welche jpruiUfähig entweder schon sind oder dies wenigstens in kurzer geit werden.
Gießen, am 21. März 1890.
Großherzogliches Kreis amt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betr. Prüfung im Husbeschlag.
Durch Bestehen der im Februar l. I. abgehaltenen HrüstlNg haben aus dem Kreis Gießen
Gberhard HaaS aus Steinbach und
Georg Koch aus Queckborn
üie Befähigurg erworben, gewerbsmäßig den Husbeschlag selb- auszuüben.
Gießen, am 21. März 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gefunden: 1 Handschuh, 1 Laterne, 1 Geldstück, Ü schwarze Schleife.
Gießen, am 22. März 1890.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
pottttsche Ueberfid?t-
Gießen, 22. März.
i Mit der Veröffentlichung der kaiserlichen Entschließung iier Las Abschiedsgesuch des Reichskanzlers Fürsten Bismarck «ud b»ie Ernennung seines Nachfolgers im Amte, des comman- d'Mben Generals des 10. Armeecorps v. Caprivi ist der Äschlluß der Kanzlercrisis, nachdem sie thatsächlich bereits i be endet betrachtet werden konnte, nun auch formell erfolgt. 'M Bismarck har seinen Platz an der Spitze des Reiches mnb Preußens, den er so lange in ruhmvollster Weise aus- t «t, endgültig verlassen, um den Abend seines thatenreichen : lLkbeius in ländlicher Ruhe und Zurückgezogenheit zu beschließen.
Feuilleton.
Aus der Reichshauptstadt.
Berlin, 19. März.
Es liegt etwas in der Luft! Und dieses „etwas" ist nicht - dm Rücktritt des Reichskanzlers, nicht die Schloßfreiheits- 11 [ootieräe, sondern der holde Götterknabe Lenz! Aber dieses , , Mtgebilde" zeigte am Sonntag recht greifbare Erscheinun- $ p. ' „Wer zählt die Völker", die auf der Landesenge der Üljaufjeen, ja selbst aus den Wasserwegen hinausgezogen waren, |in und zu Wagen, zu Roß, per Velociped und im Boot, lambcm dumpfen Häusermeer entrounen, dem Berliner Früh- 1 Ich die ersten Tribute an Staub, Gedränge und Durst dar- zMngen. Die speculativen Bierwirthe hatten bereits die C Sirte n mit Tischen und Stühlen bevölkert und an ihnen tarnen die Spreeathener mit einer Behaglichkeit Platz, nicht c als ob der Sommer in schönster Blüthe stände. Wer Ifct ,endlosen Züge der Stadbahn sah, die an den Thoren j sich stiauenden Wagenburgen beobachtete und die schier unab- j chmen Colonnen der Fußgänger ins Auge faßte, der mußte 1 kseglei sen, daß ganz Berlin außer dem Hause und „aus dem £ beäugen" war. Hierzu mögen heute einige noch mehr Ur- sacht haben, nachdem das Glücksrad in Schwung gekommen rmdsm nicht blos zum Thore, sondern aus der vielgenannten $ tatterie herausgekommen sind. Je näher die Entscheidung, dich lebhafter wurde das Interesse und die Bank- und hMriegeschäfte wurden am Montag bis zur Mittagsstunde r loch förmlich um Antheilscheine bestürmt. Vor dem Lotterie- cMÄe, der Dresdener Bant, sanden recht lebensgefährliche ishinein statt. Dort hatten sich einige Tausend Menschen ein -
Vekleidet mit den höchsten äußerlichen Ehren, die sein kaiserlicher Herr zu vergeben hatte, überschüttet mit den wärmsten Ausdrücken des kaiserlichen Dankes, tritt der Schöpfer des neuen deutschen Reiches in die Stille des Privatlebens zurück und die dankende Anerkennung des deutschen Volkes wie die Bewunderung der gesummten civilisirten Welt folgt dem „eisernen" Kanzler nach. Aber wenn er somit auch nicht mehr die Reichs- und Staatsgeschäfte führt, so wird doch hoffentlich die fernere Leitung derselben im Bismarck'schen Geiste erfolgen und ebenso steht zuversichtlich zu erwarten, daß die in den kaiserlichen Kundgebungen vom 20. März so bestimmt ausgedrückte Hoffnung, Fürst Bismarck werde auch als Privatmann mit seinem Rath für den Kaiser und das Vaterland nicht zurückhalten, in Erfüllung gehen wird.
Die vorläufige Theilnng der vom Fürsten Bismarck verwalteten Aemtcr, dahin gehend, daß der Reichskanzlerposten mit dem Vorsitz im preußischen Staatsministerium vereinigt bleibt, die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten dagegen abgetrennt worden ist, entspricht im Allgemeinen den hierüber gehegten Erwartungen. Daß Staatssecretär Graf Herbert Bismarck einstweilen in seinem Amte verbleibt, kann nur mit Befriedigung begrüßt werden, denn seit Jahren war ja schon Gras Bismarck in der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten die rechte Hand seines Vaters und wußte er die verschiedenen aufgetauchten mit Umsicht, Energie und Scharfblick zu behandeln; vielleicht, daß es gelingt, ihn noch ferner in seiner Stellung zu erhalten. Was über sonstige angebliche Veränderungen im preußischen Ministerium oder in den Reichsämtern verlautet, ist zur Zeit unbegründet und entbehren die betreffenden Gerüchte eines ernstlichen Hintergrundes.
Pariser Blätter hatten gemeldet, daß der Mechaniker Delahaye, einer der technischen Vertreter Frankreichs auf der Berliner Arbeiterschutz-Conferenz, keine Demission gegeben und Berlin verlassen habe. Von den chauvinistischen Organen wurde die Nachricht sofort ausgegriffen, mit dem nöthigen politischen Beiwerk versehen und zu einer kleinen Hetze gegen Deutschland verarbeitet, so daß sich sogar der am Donnerstag abgehaltene Ministerrath mit der Angelegenheit beschäftigte. Der Minister des auswärtigen, Ribot, erklärte indessen, keinerlei Nachrichten über die Affaire zu haben und ist jedenfalls der ganze Vorfall, bei dem es sich angeblich um Streitigkeiten zwischen Delahaye und den übrigen französischen Delegirten gehandelt haben und infolgedessen Delahaye auch dem Diner der Conferenzmitglieder beim Kaiser fern geblieben sein soll, von keiner politischen Bedeutung.
Der Strike der englischen Kohlengrnbenarbeiter ist be- endigt. In Westminster fand am Donnerstag eine Conferenz zwischen den Grubenbesitzern und den Vertrauensmännern der sinkenden Arbeiter statt, in welcher eine Einigung erzielt wurde, dahingehend, daß die Arbeiter von jetzt ab eine Lohnerhöhung um 5 Procent und eine gleiche Lohnerhöhung vom
gefunden, die für ihr Geld wenigstens „etwas sehen wollten", nämlich die Ziehung. Es entstand infolgedessen vor den verschlossen gehaltenen Thüren ein so heftiges Gedränge, daß Mancher froh war, wenn er, in des Wortes erschöpfendster Bedeutung, wieder „herauskam" und zwar mit gesunden Gliedern. Als nun endlich die Thore zum Tempel des Glücks sich öffneten, da faßte dieser nur 150 Personen, während etwa fünftausend Einlaß begehrten. Die unglückliche Majorität mußte also heimwärts ziehen und in stiller Klause abwarten, ob und was der Waisenknabe aus Fortunas Füllhorn ihm hervorgezaubert. Gar zu lange brauchte Niemand im Ungewissen zu sein. Denn mit anerkennenswerther Schnelligkeit brachten die Abendblätter bereits die Gewinn- resp. „Verlust"listen - es kommt eben ja auch hier wie bei allen Dingen lediglich auf die „Auffassung" an. Außerdem aber wurden die Listen als „Neuestes! Allerneuestes!" aus den Straßen ausgerufen und diese Extrablätter fanden zahlreiche Käufer.
Zu gleicher Zeit hätte noch ein anderes Extrablatt ausgerufen werden können, und zwar ein solches, das ein gar merkwürdiges Unglück bekannt gab. Ich meine die Explosion auf der Kaiser-Wilhelms-Brücke, von welchem Vorfall Sie Ihren Lesern schon Kunde gaben.
Wesentlich Neues ist über das sonderbare Ereigniß bisher nicht zu Tage gefördert worden, auch scheint es sich glücklicherweise zu bestätigen, daß die Explosion an Menschenleben keine weiteren Opfer gefordert, da das Gerücht, es seien zwei Personen über die Brücke und in das Wasser geschleudert worden, trotz eifrigster Nachforschungen bisher keine Bestätigung gesunden hat. Eine merkwürdige Ironie des Schicksals bleibt es immerhin, daß die electrisch beleuchtete Brücke
1. August d. I. ab erhalten sollen. Auf Grnnd dieser Verständigung dürften die feiernden Bergleute die Arbeit Überall wieder ausgenommen haben.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. März. Aus Grund des Gesetzes über die Jnvaliditäts- und Altersversicherung hat der Bundesrath in seiner Sitzung vom 8. dss. Mts. die Errichtung der nachstehenden Versicherungsanstalten genehmigt, und zwar je eine Anstalt 1. für den weiteren Communalverband der Provinz Ostpreußen, 2. Westpreußen, 3. Brandenburg, 4. Pommern, 5. Posen, 6. Schlesien, 7. Westfalen, 8. Stadtkreis Berlin, 9. für Schleswig - Holstein und Lübeck, 10. Rheinprovinz, Hohenzollern und für Birkenfeld, 11. Provinz Sachsen und für Anhalt, 12. Hannover, Pyrmont, Schaumburg-Lippe und Lippe, 13. Hessen-Nassau und Waldeck, 14. bis 21. je eine Anstalt für die acht baierischen Regierungsbezirke, 22. bis 25. je eine für Sachsen, Württemberg, Baden und Hessen, 26. beide Mecklenburg, 27. eine für die thüringischen Bundesstaaten, 28. Oldenburg, 29. Braunschweig, 30. Lübeck, Bremen und Hamburg, 31. Elsaß- Lothringen.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 21. März. Der Prinz von Wales traf mit seinem Sohne George um 10 Uhr Vormittags aus dem Lehrter Bahnhof ein, wo er von dem Kaiser und der Kaiserin Friedrich mit ihren Töchtern erwartet wurde. Der Prinz trug die preußische Generalsuniform mit dem Bande des Schwarzen Adlerordens. Die Begrüßung des Kaisers und des Prinzen war sehr- herzlich. Bei dem Eintreffen des Prinzen spielte die Capelle des auf dem Bahnhof aufgestellten 2. Garderegiments die englische Nationalymne. Bei der Fahrt vom Bahnhof nach dem Schlosse ritt eine halbe Schwadron Kürassiere voran,- dann folgte der Wagen mit dem Kaiser und dem Prinzen von Wales, dann die Prinzen Leopold und George. Hieraus folgte eine zweite halbe Schwadron Kürassiere und dann das englische Gefolge, dem sich auch Graf Herbert Bismarck angeschlossen hatte. Eine zahlreiche Menschenmenge begrüßte den Kaiser und den Prinzen durch lebhafte Zurufe.
Berlin, 21. März. Bei dem Galadiner zu Ehren der Anwesenheit des Prinzen von Wales trug der Kaiser englische Admiralsuniform mit dem Band des Hosenbandordens. Der Prinz von Wales hatte die Uniform der Blücher- Husaren und das Band des Schwarzen Adlerordens angelegt. In seinem Toast sagte der Kaiser ungefähr: Er danke herzlichst für den ihm im Vorjahre in England bereiteten Empfang. Der Kaiser sowie Armee und Marine empfänden
durch eine Gasexplosion beschädigt worden ist. Für die neue Beleuchtungsart ist es jedenfalls von Vortheil, daß nicht sie, sondern das im Verscheiden begriffene Gas das Unheil angerichtet und, mit größerem Rechte als je, werden, im Hinweis auf die Gefahren, die Berliner Electrieitätswerke die Trommel der Reclame rühren.
Was die erstere, also die Trommel, betrifft, so bilden seit einigen Jahren eine absonderliche Eigenthümlichkeit Berlins die Tambourvereine, zu welchen junge Leute in ihren Mußestunden sich zusammenthun, um ihrem musikalischen Be- dürfniß durch Trommeln Genüge zu leisten. Wie groß die Lust ist, zeigt die Thatsache, daß 25 solcher Vereine hier bestehen, mit folgenden mitunter gar hochtönenden Namen: Alsen, Bleib treu, Blücher, Concordia, Deutsche Treue, Echo, Eiche, Deutsche Eiche, Einigkeit macht stark, Felsenfest, Frisch auf, Froh und Frei, Germania, Gut Heil, Herzinnig, Herz und Hand, Hohenzollern, Reveille, Sedan, Vorwärts, Wanderlust, Wacht am Rhein, Wedding, Wiederhall, Zapfenstreich, also wohlgezählte 25, um welche der „Berliner Tambourbund" die gemeinsame Kette der Vereinigung schlingt. Nach den Ankündigungen scheiden sich die Zusammenkünfte der wackeren Trommler in gesellige Vergnügungen und Uebungs- stunden, welche letzteren den An- und Umwohnern gewiß hohe Freude bereiten.
Einen nicht geringen Theil an der Lust zum Trommeln trägt wohl der militärische Sinn und die Freude an Allem, was den Soldaten und sein Thun und Treiben betrifft. Wenn der Kaiser die Truppen allarmirt und diese dann mit Sang und Klang in die Stadt heimkehren, dann hat der strammste Socialdemokrat nur Acht, recht stramm mit- zumarschirennnd er reißt gleich dem überzeugungstreuesten Con-


