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23.2.1890 Erstes Blatt
 
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Nr. 46. Erstes Blatt. Sonntag den 23. Februar 1890

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener InmirtenökLiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Keneral-Unzeiger.

Vierteljähriger AöonnementspreiAL 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn^ Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

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Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren.

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Amtlicher Theil.

Gefunden: 1 Pinsel, 1 Halstuch, 1 Halsbinde, 1 Schlittschuh 1 Ohrring, 1 Pferdeteppich, 1 Spazierstock, 1 Filzhut, 2 Servietten, 1 Paar Glacehandschuhe, 1 Zwicker, 1 Scheere, mehrere Schlüssel.

Gießen, am 22 Februar 1890.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

politische Neve^sicht.

Gießen, 22. Februar.

Noch fehlen die abschließenden Meldungen über die Ge- ffammtergebnific der Reichstagswahlen vom 20. Februar, aber­och on steht das Eine fest, 0aß die Socialdemokratie einen Erfolg davongetragen hat, der die hierüber gehegten Besürch- «ungen vollständig rechtfertigt. Speciell im Königreich Sachsen, DDO die Socialisten bei den Septennatswahlen des Jahres 1887 ihre sämmtlichen Sitze einbüßten, hat die Socialdemokratie Lurch Rückeroberung derselben, nämlich der Wahlkreise Leipzig- Lcmd, Glauchau-Meerane, Zwickau, Chemnitz, Frankenberg- Mitlweida und Schneeberg-Stollberg, einen unbestreitbaren Sieg errungen, zumal hier ihre Candidaten außerdem in vier coder fünf Wahlkreisen zur Stichwahl stehen. Aber auch im übrigen Reiche kann die socialdemokratische Partei große Wahlerfolge verzeichnen, denn Berlin IV. und VI., Elberfeld, München II., Magdeburg, Solingen, Hamburg I., II. und III. und Nürnberg sind ihr im ersten Wahlgange zugefallen, in fielen Wahlkreisen stehen die svcialdemokratischen Candidaten zur Stichwahl unter meistens für sie günstigen Aussichten. Wenn in den betreffenden engeren Wahlen nicht alle bürgerlichen Parteien festgeschlossen gegen die socialistischen Candidaten Zusammenhalten, wird sich die Zahl der socialdemokratischen Vertreter im Reichstage bislang 11 mindestens ver­dreifachen und dies so kurz nach den socialpolitischen Erlässen Kaiser Wilhelms? Die Ursachen dieses Weiteranschwellens hier Socialdemokratie in Deutschland liegen nahe genug, doch wollen wir sie für heute unerörtert lassen und dafür die Ergebnisse des Wahlkampfes für die übrigen Parteien noch einer Betrachtung, unterziehen, soweit dies eben nach den bis jietzr vorliegenden Meldungen möglich ist. Da ergiebt sich kenn bezüglich des Centrums die Thatsache, daß dasselbe {einen bisherigen parlamentarischen Besitzstand, der ja von sicher nur schwer zu erschüttern war, fast allenthalben be­hauptet hat, immerhin muß es einige Mandate, wie Köln-

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Stadt, Düsseldorf, Würzburg, Mainz, in der engern Wahl vertheidigen. Die Polen und die Welsen scheinen ihren Besitzstand ebenfalls behauptet zu haben, ja, die Welsen dürften sogar durch die Stichwahlen noch gewinnen. Was die bisherigen sogenannten Cartellparteien anbelangt, so haben von ihnen die Nationalliberalen eine namhafte Einbuße erlitten, auch die Reichspartei muß den Verlust einer Anzahl von Mandaten i verzeichnen und nur die Conservativen scheinen nicht viel ein­gebüßt zu haben. Die Freisinnigen haben im ersten Wahl­gange nur hie und da einen Abgeordneten durchzubringen vermocht, im Uebrigen müssen sie säst ihre sämmtlichen bis­herigen Mandate in der Stichwahl vertheidigen^ über die Demokraten und Elsässer liegen noch keine weiteren Nachrichten vor. Jedenfalls werden erst die Stichwahlen, deren Anzahl z. Z. noch nicht feststeht, die aber augenscheinlich sehr beträcht­lich ist, einen vollständigen Ueberblick über das Wahlbild des 20. Februar gestatten. Die sofort aufgetauchten Gerüchte über die Auflösung des neuen Reichstages seien hier nur registrirt, offenbar hat die Reichsregierung gegenüber dem Wahlausfall noch keine bestimmte Stellung genommen.

Die Nachrichten über den bevorstehenden Rücktritt des Fürsten Bismarck vom preußischen Ministerpräfidium erhalten sich hartnäckig nnd es scheint wirklich, als ob man ernstlich mit diesem Vorhaben des Reichskanzlers rechnen müßte. DasBerl. Tagebl." bemerkt zu der Frage des Rücktrittes Bismarcks von bet Leitung der inneren Angelegenheiten, in weiten .Kreisen des Volkes, tn denen man feiner auswärtigen Politik begeistert zustimme, während man seiner Innern Politik mit getheilten Empfindungen gegenüberstehe, werde diese längst ersehnte Lösung mit lebhafter Befriedigung begrüßt werden.

Ein in Kairo aus Zanzibar eingegangenes Telegramm besagt, daß Emin Pascha nunmehr von den Folgen seines Unfalles gänzlich genesen sei, daß er sich aber noch immer nicht entschließen könne, Bagamoyo zu verlassen. Offenbar ist sich Emin Pascha über die weitere Wendung seines Geschicks noch nicht recht klar, sollte denn aber die deutsche Regierung für diesen Mann, der die ostafrikanischen Verhältnisse so genau kennt, wirklich keine Verwendung in Ostafrika haben?

Reichstagswahl.

Zur Stichwahl erhalten wir nachstehende Zuschrift! In wenigen Tagen haben die Wähler unseres Wahlkreises zu entscheiden, ob derselbe für die nächsten fünf Jahre ver­treten sein soll durch den Antisemiten Böckel oder nicht. Mit Befriedigung haben wir wahrgenommen, daß im ersten Wahl­gang nur 128 Angehörige unserer Stadt sich entschließen

konnten, ihre Stimme einem Bewerber zu geben, der die planmäßige Verhetzung der Angehörigen verschiedener Glau­bensrichtungen gegen einander sich zur Aufgabe gemacht, den die Scham über die eigenen Fehler nicht abgehalten hat, sich zum Richter über die Mißbräuche Anderer zu machen, solche zu verallgemeinern und der Gesammtheit einer Glaubens­gemeinschaft aufzubürden.

Die Wähler der Stadt Gießen in ihrer Gesammtheit haben ein besonderes Interesse daran, zu verhüten, daß un­serer Stadt der Ruf der Toleranz in religiösen Dingen ver­loren gehe, daß der gute Name von Stadt und Wahlkreis Gießen für fünf Jahre des öffentlichen Lebens verknüpft werde mit dem Namen eines Hetzers von zweifelhaftem Rufe.

Mag der Einzelne unter uns bei der Hauptwahl ge­stimmt haben, für wen er wolle, mag er in der Stichwahl abstimmen oder sich enthalten, nur Eines bitten wir ihn zu beherzigen: Nicht süv Böckel! Gn.

Deutsches Reich.

Nach den Mittheilungen des Wolfs'schen Büreaus find bis Freitag Abend 88 Reichstagswahlen als definitiv zu be­trachten und 72 Stichwahlen zu vollziehen.

Von den definitiv Gewählten sind 40 Centrumsange­hörige, 15 Socialdemokraten, die überdies an 33 Stichwahlen betheiligt sind, 9 Konservative, 4 Nationalliberale, 4 Reichs­partei, 6 Freisinnige 2 Polen, 6 Elsässer, 1 Demokrat. (Siehe Privatdepesche).

Berlin, 20. Februar. Die Kaiserin Friedrich empfing gestern Nachmittag den Reichskanzler Fürsten Bis­marck und dessen Gemahlin.

Dillenburg, 22. Februar. Im hiesigen (5. nassauischen) Wahlkreise wurde Rechtsanwalt Kauffmann (dfr.) gegen Land­rath Fromme (Cart.) gewählt.

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Neueste Nachrichten.

Wolsss telegraphisches Correspondcnz-Bureau.

Stuttgart, 21. Februar. Das Befinden des Königs ist weniger gut. Er gebraucht eine Jnhalationscur gegen die katarrhalischen Beschwerden.

Pest, 21. Februar. Die Botschafter Fürst Re, Sir Aug. Paget und Baron Nigra sind zur Beerdigung Andraffys hier eingetroffen.

Prag, 21. Februar. DieNarodni Listy" wurde wegen Veröffentlichung der Kundgebung, die in der gestrigen jung-

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Feuilleton.

Aus btt provinMchauptstabt.

Gießen, 22. Februar.

Wem die nun so weit hinter uns liegende B a l l s a i f o n von jeher nicht besonders behagt hat, fei es als Ballvater Ballmütter sind ausdauernder oder Hausvater, dem hat mit feiner wohlthätigen BeschränkungSklausel der Ascher­mittwoch einen vortrefflichen Vorwand gegeben, feinen Geld­schrank vorläufig in einen gewissen Ruhestand zu versetzen, ohne daß auch nur der leiseste Verdacht rege würde, daß ihm feine Mittel dies nicht mehr so recht erlaubten. Daß nur aus diesem Grunde die Alles abschließende Fastnacht herbei­gesehnt wurde, ist wohl nicht durchgehends zu behaupten, es sind auch andere Gründe und andere Menschen, welch letztere auch nicht unbedingt Besitzer vonfeuerfesten" unddiebes- ! sicheren" sein müssen, denen das Herannahen der Fastnacht noch begehrenswerth erscheint. Zu diesen, zu den Menschen nämlich, gehören hauptsächlich solche, die sich entweder einmal gründlich austoben oder auch möglichst unerkannt andere ärgern wollen. Beides ist menschlich, das Aergern wie das Aus­toben, nur kostet das Austoben gewöhnlich Geld, während iwan heutzutage das Aergern noch gratis haben kann. Am Fastnachtsdienstag sich gegen diesen Quälgeist seiner Nieren I schützen, sollte die vornehmste Aufgabe eines jeden es ehrlich irnit sich meinenden Menschen sein, selbst wenn unsere Land- würthschaft im kommenden Jahre ausschließlich dem Anbau Don Erbsen, die am Fastnachtsdienstage besondersanzogen", sich widmen wollte. Besonders neu ist diese Art der Begrüßung, d.. h. sich gegenseitig mit Erbsen zu bewerfen, nicht mehr, sie lärmte aber aufgefrischt oder wenigstensaufgewärmt" werden, wenn man vorher die Erbsen hübsch kochte, in Pureeform 'würden die Erbsen einen wundervollen Effect in den Gesichtern bei" von ihnenBetroffenen" Hervorrufen, wobei nicht be- jtiitten werden soll, daß dieser Effect noch erhöht werden

würde, wenn jeder Hand voll Erbsenmus ein hübsches Höschen" folgte.*) Dünner gesäet wie die Erbsen waren am Fastnachtsdienstag die Masken, wenn man die abenteuerlichen Verkleidungen so nennen darf. Ihre Träger, all die Ritter und Edelfräulein, die zahmen Engländer wie die Hessen- mädercher,' die Bauern und Soldaten, so sich auf Masken­bällen oder auf den Straßen bewegten, sind hoffentlich inzwischen, wenn auch nicht ganz munter, so doch gesund an ihre Schraubstöcke, Hobelbänke oder ihre Pulte, resp. an ihre Kochherde, Spülsteine oder Nähmaschinen zurückgekehrt. Die­jenigen aber, die sozusagen einen vernünftigenherunter- geriffen" und vermöge ihrer Mittel den Nachweis geliefert haben, daß jegliche über die Erlaubniß zum Wirthschasts- betrieb auftauchende Bedürfnißfrage unbedingt zu bejahen ist, werden gefunden haben, daß selbst zur Fastnachtszeit ein Kater sich da einstellt, wo Katzenmusik am wenigsten angenehm ist. Wie Mancher mag am Aschermittwoch sich in Betrach­tungen über die Wahrheit des Versleins ergangen haben:

Raum ist in der kleinsten Kammer Für den größten Katz njanirmr!"

Die Waffen ruh'n, des Krieges Stürme schweigen" könnten wir Wähler des ersten hessischen Reichs­tagswahlkreises rufen, wenn mit der Wahl auch die Qual vorüber wäre, die Qual, der jeder Wähler ausgesetzt ist, der seiner Stimme ein besonderes Gewicht zu geben versteht. Aber mit der herbeigesehnren Ruhe ist es nichts, noch einmal werden wir an die Urne gerufen, um zu entscheiden, wer uns in Berlin am würdigsten vertreten soll. Eine Stichwahl ist ja für uns Gießener etwas Neues und so mag der Reiz der Neuheit uns für die Mühe nochmaliger Abstimmung ent­schädigen. Der Wähler darf nicht murren, wenn er mehr wie einmal an die Urne gerufen wird, dieser Fall tritt ja so oft im deutschen Vaterlande ein; es ist der schlimmste Fall noch lange nicht im Vergleich zu den Fällen, mit denen

*) Warum nicht auch etwas Sauerkraut? Anm. des Setzer­lehrlings.

ein Reichstags-Candidat zu rechnen hat. Ein richtiger Reichs- tagswählet muß sich an solche Fälle ebenso gut gewöhnen können, wie ein Reichstags-Candidat an An-, Zu-, Aus-, Ab- und Durchfälle. Es sind der Candidaten viele (weit über 1000) im Deutschen Reiche, die zur vollen und ganzen Vertretung ihres Wahlkreises berufen sind, aber ihrer wenige (knapp 400) sind auserwählt. Beneidenswerth habe ich eigent­lich einen Reichstags-Candidaten, trotz ich deren viele von mehreren Seiten betrachtete, noch nicht gefunden. Vom Tage seiner Aufstellung an ist es mit seiner Ruhe vorbei, es müssen Reden einstudirt werden, von denen das Wohl und Wehe seiner Wähler abhängt, und hat er den Text seiner Rede fertig, so liegt ihm wieder die Pflicht ob, zunächst seinen Gegnern, die natürlich alles besser wissen wollen, den Text gehörig zu lesen. Er muß sich an den Berathungen seiner Parteifreunde, an dem Entwerfen des Feldzugsplanes be­theiligen, muß sichten und sondiren, um ja nicht bei seinen Freunden, und Denen, die es werden wollen, anzustoßen, er muß darauf gefaßt fein, daß, nachdem er vor Hunderten von Wählern unter rauschendem Beifall gesprochen, 10 Stimmen für ihn a b fallen, daß er von feinen Gegnern heftig ange­griffen, resp. an gefallen wird, daß Zufälligkeiten aller Art für ihn einen erheblichen Aus fall an Stimmen herbeiführen, ja, er muß es sich gefallen lassen, wenn er schließlich durch­fällt. Fällt er nicht durch, um so besser für ihn; feine Wähler selbst werden ihn nun nicht mehr hören, aber die Morgenblätter werden, nachdem das Dampfroß den neuen Neichsboten in die Reichsresidenz entführt, es verkünden, wie er es Denen in Berlingesteckt" hat, wie er die Zierde der Fraction geworden ist. Seinen unterlegenen Gegnern in der Heimath aber, die noch immer nicht begreifen können, daß man in den Kreisen der Wähler so wenig Vertrauen in ihre Politik gesetzt, wird cs Niemand verübeln, wenn sie ihren Unmuth über das Resultat der Wahl in die Worte kleiden: Nach Berlin gehen wir nicht!"