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Nr. 273.

Samstag den 22. November

1890

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger

Aints- und Anzeigeblatt fth? den Aveis Gieren

chratisöeikage: Gießener Iamitienötätter

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Die Gießener

Wamltien vlätter werben dem Anzeiger W-chentlich dreimal beigelegt.

Der

Gietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

BiertelfShriger Avonnementspreisr 2 Mark 20 Psg. mtt Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Marl 50 Psg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Kchutfiraße Ar.T Fernsprecher 51.

Amtliche* Tlheil.

Bekanntmachung,

Volkszählung im Jahre 1890 betreffend.

Montag den 1. Deeember findet im ganzen Deutschen Reiche eine Volkszählung statt. Die Zählungs- Commissionen werden in den Tagen vom 28.-30. November jeder Haushaltung einen Zählbrief mit so viel Zählkarten zukommen lassen, als in der Nacht vom 30. November auf den 1. December voraussichtlich Personen in dem Haushalte sich aufhalten oder nur vorübergehend aus demselben abwesend sein werden. Bei der hohen Bedeutung, welche eine genaue Feststellung der Zu- und Abnahme der Bevölkerung in den einzelnen Staaten und Gemeinden hat, sowie bei der unmittel­bar practischen Bedeutung der Bevölkerungszahlen zur Berech­nung der Mitglieder der Gemeinde-, Kreis- und Provlnzial- verwaltung, zur Abgrenzung der Wahlbezirke und zur Ber- theilung der Schöffen und Geschworenen aus die einzelnen Gerichtsbezirke, wird an alle Haushaltungsvorstände das dringende Ersuchen gerichtet, sich mit der Anleitung zu einer richtigen Aussüllung von Zählbriesen und Zählkarten, welche dem Zählbrief aufgedruckt ist, alsbald vertraut zu machen und die Einträge in dieselbe mit der größten Gewissenhaftig­keit zu vollziehen. Im Zweiselsfalle sind die Mitglieder der Zählungscommission und die Zähler zur Auskunsterlheilung bereit.

Die Einsammlung von Brief und Karlen erfolgt am 1. December Nachmittags und am 2. December. Die Haus­haltungsvorstände werden ersucht, für richtige Zustellung an die einsammelnden Zähler Vorkehrung zu treffen.

Gießen, am 18. November 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 18. November 1890. Betr.: Wie vorherstehend.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an Großh. Polizeiamt Gießen und an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Nachdem Ihnen nunmehr die Formularien für die Volks­zählung zugegangen sind, empfehlen wir Ihnen, mit der Zählungscommission und den ausgewählten Zählern die Be- stimmungen und die Anweisung für die Zähler nochmals genau durchzugehen.

Die Zählungscommissionen werden mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der Volkszählung Alles so vorbereiten, daß mit dem Zählungsgeschäft pünktlich begonnen und dasselbe vor­schriftsmäßig durchgeführt werden kann und sodann die Arbeiten derart fördern, daß das gesammte Material in vorgeschriebener Ordnung biS zum 21. December I. I. längstens (§ 20 der Bestimmungen und Schlußsatz unseres Ausschreibens rwm 15. September l. I., Anzeiger Nr. 220) uns vorliegt.

v- Gagern.

Bekanntmachung,

Schasräude zu Reinhardshain betreffend.

Nachdem die Schasräude zu Reinhardshain erloschen ist, wird die angeordnete Gemarkungssperre wieder aufgehoben.

Gießen, den 18. November 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

nn. Darmstadt, 19. November. Vom Hofe. Am nächsten Sonntag wird Se. Königl. Hoheit der Großherzog sowie die gejammte Großherzogliche Familie nebst Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen von den Hochzeitsfeierlich- keiten aus Berlin zurückerwartet und steht in Aussicht, daß außerdem einige befreundete Fürstlichkeiten zum Besuch der Großherzoglichen Familie eintreffen werden. Am nächsten Dienstag Abend findet im Großherzoglichen Palais ein Thee dansant statt, zu welchem zahlreiche Einladungen ergangen sind. Am Mittwoch den 26. November findet aus Anlaß der Eröffnung des Hessischen Landtages im Großherzoglichen Residenzschlosse eine Hoftafel statt, zu welcher die Mitglieder der Ersten und Zweiten Kammer Einladungen erhalten haben. Voraussichtlich finden auch im Laufe der nächsten Woche einige Hofjagden im Kranichsteiner Wildpark statt.

Darmstadt, 20. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 15. November l. I. den Baumeister Heinrich Diehm aus Lauterbach zum Kreisbauassessor zu ernennen.

Darmstadt, 20. November. Das heute ausgegebene Großh. Regierungsblatt Nr. 46 enthält: Bekanntmachung, die für die Jnvaliditäts- und Altersversicherung zu verwendenden Beitrags- und Zusatzmarken betreffend.

Darmstadt, 19. November. Landesausschuß und Kammer- fraction der nationalliberalen Partei des Großher- zogthums haben eine Kundgebung erlassen, die als die Ziele des bevorstehenden Landtags bezeichnet: Fortbildung des directen Steuerwesens mit Declarationspflicht und gerechter Steuervertheilung; Aenderung der Gewerbesteuer behufs rich­tigerer Vertheilung der Steuerlast; Entlastung der Gemein­den,- Hebung des Handwerks und der Landwirthschast- Sorge für die im Staatsbetriebe stehenden Arbeiter- Erlaß eines ausgleichenden Beamtengesetzes; Hebung des Verkehrs durch Landesculturarbeiten unter Schonung der Leistungsfähigkeit der Gemeinden- Revision der Verwaltungsgesetze- Verstaat­lichung der Hessischen Ludwigsbahn.

Berlin, 20. November. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und der Erbgroßherzog Wohntengestern der Vermähtungsfeier und der Festtafel bei. Heute Vor­mittag 11 Uhr begaben sich Allerhöchstdieselben mit Seiner Majestät dem Kaiser zur Vereidigung der Rekruten in das Exercierhaus des 2. Garde-Regiments. D. Z.

Straßburg, 16. November. Die am 17. ds. zusammen- tretenden Vertretungen der Bezirke, die Bezirkstage (früheren conseils generaux) haben, da die dreijährigen Mandate der von diesen Körperschaften in den Landes­ausschuß gewählten Mitglieder ablaufen, Neuwahlen vor- zunehmen. Es sind in den drei Bezirken 34 Abgeordnete zu wählen. Die übrigen 24 Mitglieder des Landesausschusses sind aus den Kreisen gewählt und zwar 4 durch die Gemeinde- räthe der vier größten Städte, 20 durch die von den Ge- meinderäthen der Landkreise gewählten Wahlmänner.

Nerseste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Lorrespondenz-Burcau.

Berlin, 20. November. DiePolitischen Nachrichten" erfahren aus ärztlichen Kreisen, der Kaiser habe dem Pro­fessor Koch das Großkreuz des rothen Adlerordens verliehen.

Berlin, 20. November. Der Bundesrath stimmte heute den Ausschußberichten über die Gesetzentwürfe betreffend die Feststellung des Reichshaushalts-Etats pro 1891/92, be­treffend die Aufnahme einer Anleihe für das Reichsheer und die Marine, sowie den Ausschußberichten über die Verord­nung, betreffend die Inkraftsetzung des Jnvaliditäts- und Altersversicherungs-Gesetzes und über den Gesetzentwurf, be­treffend die Vereinigung Helgolands mit dem Deutschen Reiche zu.

Berlin, 20. November. Abgeordnetenhaus. Der Finanzminister Miquel bespricht die einzelnen Gesetzentwürfe und bemerkt, die Finanzlage Preußens sei günstig. Die Durchführung der Einkommensteuer werde allmählich die Objectsteuern verschwinden lassen. Die Erbschaftssteuer bilde die norhwendige Ergänzung der Einkommensteuer, ebenso wie die Gewerbesteuer, welche die Großbetriebe stärker heran­ziehe. Der Minister erklärt zum Schluß, die Regierung treibe keine einseitige Socialpolitik, weder zu Gunsten der Agrarier noch der Gegner derselben, sondern sei über den zunehmenden Wohlstand sämmtlicher Bevölkerungsklassen er­freut. Es handle sich bei der neuen Einkommensteuer um ein Werk ausgleichender Gerechtigkeit. Sobald aber die Gerechtigkeit angerufen werde, verschwinde in Preußen jeder Parteiunterschied. Reichensperger ist gegen die Vorlage. Er meint, die Declarationspflicht treffe nur das unfundirte Ein­kommen, während das persönliche Einkommen die Haupt­grundlage der Besteuerung bleiben müsse. Die Declarations­pflicht schädige die Volksmoral, er verlange ein Reichs­wahlsystem. Abgeordneter Rauchhaupt erklärt, die conservative Partei sei im Grundgedanken mit der Regierung einig. Einiges, wie zum Beispiel die Ernennung der Einschätz­ungs-Commission durch den Finanzminister, bemängelt er und verlangt ein Gesetz über fundirtes Vermögen. Als­dann könne seine Partei die Einkommensteuer ohne jede Clausel annehmen. Abgeordner Rickert spricht für Ermäßigung der Lebensmittelzölle und hält jede Steuererhöhung für unannehmbar. Die Regierung mache aber, schon Vorschläge über Verwendung der Ueberschüsse- das sei der Tod ihrer Finanzpolitik. Mit der Verschmelzung der Klasseusteuer mit

der Einkommensteuer erklärt er sich einverstanden, verlangt aber unter Anderm eine Einkommensteuerstatistik und eine Quottsirung der Einkommensteuer.

Berlin, 20. November. Die Arbeiterschutz-Com­mission setzte heute die Berathung des § 153, Coalitions- recht der Arbeiter betr., fort, lehnte die Aenderungsanträge der Socialisten und Freisinnigen ab, nahm event. den An­trag Hartmann (Herabsetzung des höchsten Strafmaßes auf drei Monate) an und lehnte sodann den Absatz 1 (mit Antrag Hartmann) ebenso wie Absatz 2 ab, so daß das bisherige Recht bezüglich des § 153 unverändert bleibt.

Berlin, 20. November. Die Deutsch-Ostafrika- nische Gesellschaft genehmigte heute in einer im Kaiser- Hos abgehaltenen Versammlung mit 2000 gegen 45 Stimmen den zwischen der Reichsregierung und dem Vorstand der Ge­sellschaft abgeschlossenen Vertrag, sowie die Ausnahme einer Anleihe von 10556 000 Mk. zur Hergabe von 4 Millionen behufs Entschädigung des Sultans von Zanzibar und Ver­wendung des Restes für wirthschaftliche Anlagen, Beleuchtung des Küstengebiets und Beförderung des Verkehrs. Die Reichs­regierung übernimmt die Verwaltung des Küstengebiets, er­hebt und vereinnahmt alle Zölle, Steuern und sonstigen Ge­fälle und zahlt dafür an die Gesellschaft jährlich 600000 Mk. Der Betrag ertheilt der Gesellschaft das Recht zur Errich­tung einer Bank mit dem Privilegium der Notenausgabe, garautirt ihr ferner das Recht der Prägung und Ausgabe von Kupfer- und Silbermünzen. Von der Anleihe sind einst­weilen Millionen Mark fest begeben. Der Versamm­lung wohnten auch Fürst Hohenlohe - Langenburg und Dr. Peters bei.

Berlin, 20. November. Die Stadtverordnetenversamm­lung nahm heute den Antrag auf Verleihung des Ehren­bürgerrechtes an Koch einstimmig an. Die Versamm­lung beschloß ferner, bis zur Fertigstellung einer staatlichen Klinik Koch die zur Förderung seiner Entdeckung nöthigen Räume einzuräumen. Der bezügliche Antrag war sofort von einem zehngliedrigen Ausschüsse berathen worden, der den ebenfalls angenommenen Zusatz beantragte, Koch die erforder­lichen Zimmer zu überlassen, um das Heilverfahren für die Bevölkerung möglichst auszunützen - die nöthigen Mittet wurden bewilligt. In der Berathung berichtete StMrath Straßmann, die Regierung habe die Angelegenheit bereits am 1. November in die Hand genommen. Nach der' Publication Kochs beschloß das Curatorium des Moabiter- Krankenhauses, Koch 150 Betten zur Verfügung zu stellen. Stadtverordneter Spinola betont, daß es sich dabei auch um die übrigen Jnfect io ns krankt) eiten handelte. Stadtverordneter Stryk wies daraus hin, Koch sei auch vorgeschlagen worden, als Sanatorium das Gut Malchow für Tuberkulose zur Verfügung zu stellen. (Beifall.)

Breslau, 20. November. DerSchlesischen Zeitung" zu­folge beschlossen die Stadtverordneten, den Magistrat zu ersuchen, aus städtische Kosten alle Maßnahmen zu treffen, welche im Interesse der Spitäler der Stadt und der Ein­wohnerschaft behufs Einführung des Koch'scheu Heilver­fahrens geeignet erscheinen.

Wien, 20. November. DiePresse" meldet: In An­gelegenheit des d e u t s ch - ö st e r r e i ch i s ch e n Handelsver­trags fand heute eine zweistündige Conferenz zwischen dem österreichischen und dem ungarischen Handelsminister statt, welcher auch Sectionßchef Szoegyenhi aus dem Ministerium des Aeußern anwohnte. Letzterer schlug vor, die Vorver­handlungen im December zu beginnen.

Haag, 20. November. Die Königin Emma leistete vor den Generalstaaten den Eid als Regentin- alle Würden­träger waren anwesend, die Logen und Tribünen überfüllt. Die Königin, welche sich auf einem prachtvollen Sessel neben dem Throne niedersetzte, wurde von dem Präsidenten will­kommen geheißen, welcher es als einen Lichtblick in der Finsterniß bezeichnete, daß die geliebte Gemahlin des Königs, die hingebende Mutter den König vertreten werde. Die Königin stand auf und verlas die ganze Eidesformel mit fester, bewegter Stimme, bei jedem Abschnitt die rechte Hand erhebend. Der Präsident dankte und erflehte den göttlichen Segen über das königliche Haus, die Regentin und das Vaterland.

Paris, 20. November. Bei der Untersuchung des Leich­nams des Generals Seliwerstow ergab sich, daß der General hinter dem Ohr durch eine Kugel getroffen war, die aus einer Entfernung von 15 bis 20 Zentimetern abge­feuert worden ist. Das Leichenbegängniß findet voraussicht­lich morgen in der russischen Kirche Rue Daru statt. Freycinet meldete formell seine Candidatur für den durch Augiers Tod erledigten Sitz der Akademie an.