Nr. 142 Erstes Blatt Sonntag den 22. Juni l«90
Der
Gkßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener AsLmitienvtätter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Unzeiger.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Nreis Gieren
chratisöeitage: Gießener IamikienMtter.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.
Gefunden: 1 Stuhl, 1 Fingerhut, 1 Handschuh, 1 Wecksack, 2 Haarpfelle, 1 Griffelbüchse, 1 Stück seihene Spitzen, 1 Sielscheid, 1 Kinderstrümpfchen, 1 Körbchen mit Nähzeug, 1 Notizbuch, 1 Vorstecknadel, mehrere Schlüffel nnd Hundeblechmarken.
Augeflogen: 1 Kanarienvogel.
Gießen, am 21. Juni 1890.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen- Fresenius.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondenz.Bureau.
Berlin, 20. Juni. In dem an den Bundesrath gelangten dritten Nachtrags et at werden 37,600,000 Mk., darunter 65,200,000 Mk. einmalige und 8,400,000 Mk. dauernde Ausgaben, gefordert. Von den einmaligen Ausgaben kommen 42 Millionen aus militärische. Zwecke, darunter 15 für Artillerie, 10 für neue Gewehre, 12 für Uebungen der Reserve, 5 für Garnisonsbauten in Elsaß-Lothringen. Der Bau strategischer Bahnen erheischt 10,300,000 Mk.
Berlin, 20. Juni. Morgen früh findet in der Cadetten- anstalt Lichterfelde die feierliche Nagelung und Weihe der dem zweiten Bataillon verliehenen Fahne in Gegenwart des kaiserlichen Paares, sämmtlicher Prinzen regierender Häuser, der Generalität des Garde-Corps re. statt.
Esten, 20. Juni. Der Kaiser traf um 9 Uhr hier ein, besichtigte unter Führung Krupps die Fabrik, die Schule und die Consumanstalten, empfing dann die ihm von Krupp vorgestellte Deputation von 700 dell verschiedenen Werkstätten angehörigen Arbeitern und erwiderte deren Hoch mit der
lichsten amtiren Wollust und Trunksucht, besonders diese. Die heillose Trunksucht meistens des Vaters ist in so empörend vielen Fällen, wohl bei 40 bis 50 Procent, die directe Quelle der gräßlichsten Armennoth, daß man die Geduld der durch solche Familien belästigten Gemeinden und der menschlichen Gesellschaft überhaupt bewundern muß. Gewiß, aus die Gefahr hin, mißverstanden zu werden, längst Gehörtes wieder zu sagen und altmodisch zu erscheinen, spreche ich es mit Schmerzen aus: die Sünde ist die größte, fruchtbarste Ursache der Armuth. Dekan Schönholzer.
Die Ursache des Elends. In einer Heilanstalt für Schwachsinnige werden die Patienten von Zeit zu Zeit geprüft, ob sie im Stande sind, außerhalb des Asyls zu leben. Man führte sie an einen großen Trog voll Wasser, der durch ein kleines, stets laufendes Rohr gespeist und gefüllt wird. Dann gibt man ihnen einen Schöpflöffel in die Hand und weist sie an, den Trog zu leeren. W^r noch nicht hinreichend vernünftig geworden ist, löffelt nun drauf los, während das Wasser aus dem Rohr ebenso stark zuläust, als sie es auslöffeln. Wer aber kein Idiot ist, der verstopft zuerst und vor Allem das Zulaufrohr. Sir Wilfried Lawson.
Die wirksamsten Heilmittel liegen in der Gesinnung des Armen. Wie man die Armuth erträgt, darauf kommt am Ende alles an, dadurch wird sie selber sehr oft fast ganz aufgehoben. Was nützen alle noch so sein ausgedachten wirth- schaftlichen Systeme und Gesetzgebungen, was die geschulteste Intelligenz, die kunstfertigste Hand, die bestausgerüsteten und wohlvollendsten Hilfsvereine und Versicherungsvereine, wenn der Mensch, dem geholfen werden soll, verkehrten Sinnes bleibt! Arbeitslust, Erwerbseifer, Rechtlichkeit, Ordnung, Sparsamkeit, Mäßigkeit, Sinn für edlere Freuden — möchten wir diese Tugenden unserem Geschlechte einzuprägen im Stande. sein! Decan Schönhock zer.
Alle Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
Betr.: die Gefahr der Verbreitung der Hühner-Cholera durch italienische Hühner.
Indem wir auf die Gefahr der Einschleppung der Hühner- Cholera, welche im südlichen Theil der Provinz Malland in sehr heftiger Form aufgetreten ist, aufmerksam machen, ersuchen wir etwaige Ausbrüche dieser Krankheit in unserem Kreis baldigst zu unserer Kenntniß bringen zu «ollen.
Gießen, den 18. Juni 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. G-agern.
Versicherung, daß der zum Wohle der Arbeiter eingehaltene Weg, da er sich bewährt, weiter verfolgt werden solle. Der Kaiser schloß mit einem Hoch auf die Firma Krupp- der Kaiser fuhr dann nach der Villa Hügel, wo das Mittagsmahl eingenommen wurde.
Hamburg, 20. Juni. Die Polizeibehörde stellte gestern der Lohncommission der Ewer führ er die während des Strikes beschlagnahmten Gelder und Bücher zu. Der während des Strikes verhaftete Ewersührer Timmann wurde entlassen, in Haft sind noch 16 Ewersührer.
Wien, 20. Juni. Die Besserung im Befinden Kal- nokys schreitet langsam vor- er wird noch einige Tage das Bett hüten müssen.
Budapest, 20. Juni. Die beim „Pester Lloyd" am Vormittag eingelausenen Telegramme besagen, daß heute neuerdings ein serbischer Schweinetransport aus veterinärpolizeilichen Gründen zurückgewiesen wurde. Ebenso erging es einer größeren Sendung Hornvieh, wobei das Auftreten der Maul- und Klauenseuche in bedrohlicher Weise constatirt wurde. Der „Lloyd" erwartet, daß die Grenzorgane die weitergehende Controle üben werden.
Triest, 20. Juni. Die Seebehörde ordnete an, daß die Provenienzen sämmtlicher spanischen Häfen vom 16. Juni ab der ärztlichen Untersuchung unterliegen.
Rom, 20. Juni. In der vorigen Nacht entgleiste der zwischen Sondrio und Chiavenna verkehrende Eisenbahnzug. Der Heizer wurde getödtet, vier Bahnbedienstete verletzt.
Valencia, 20. Juni. Gestern sind in Nugat nur zwei Todesfälle und zwei verdächtige Erkrankungen vorgekommen. Die Commission des Gesundheitsraths von Madrid ist in Beniganim angekommen- dieselbe erklärte, es handle sich um Cholera, sie sei aber localisirt.
Petersburg, 20. Juni. Die bereits am 29. Mai an- gekündigte Erhöhung des Einfuhrzolles auf Baum- wollengarn für die englischen Nummern von 1 bis 50 wurde heute veröffentlicht und tritt sofort in Kraft; ein weiteres Geseß setzt den Accisenachlaß für Spiritus, welcher nach dem 1./13. Juli exportirt wird, auf 4V2 pCt., für den vor dieser Mist sabricirten, wenn er auch später ausgeführt, aus 5 pCt. herab.
Belgrad, 20. Juni. Das Amtsblatt veröffentlicht einen Ukas, welcher die Wahlen zur Skupschtina aus den 14. September und den Zusammentritt der Skupschtina auf den 1. November anberaumt.
Bukarest, 20. Juni. Im Senat erklärte der Minister des Aeußeren in Betreff der Erhöhung des französischen Maiszolles, die Regierung könne die allen Staaten bewilligte Meistbegünstigungsclausel Frankreich nicht versagen- der Nachtheil sei nicht so erheblich, da Mais nur 13 Millionen von 86 Millionen Einfuhr nach Frankreich betrage.
„Ist es etwas Schlechtes, nach dem Evangelinm den Nackten zu kleiden, den Hungrigen zu speisen?" — Das ist es nicht, was ihr thut! Du gehst spazieren, ein Mensch bittet Dich um zwanzig Kopeken. Du gibst sie ihm. Ist das etwa Mildthätigkeit? Spende ihm geistliche Mildthätigkeit, unterweise ihn! Was aber hast Du ihm gegeben? Weiter mchts als „Laß mich in Ruh!" Graf L. Tolstoi.
Es ist meine feste Ueberzeugung, daß man nicht nur mit Geld der Noch nicht abhilft, sondern daß man, je mehr Geld man auf die bisherige Weise in die Armennoth hineinwirft, die Noch nur um so mehr vergrößert, gefährlich macht.
Jeremias Gotthelf.
Es ist selbst bei einer leidenschaftlichen Zuneigung zu der Welt der Armen und gerade bei einer solchen in allerhöchstem Grade bemühend, im hintersten Hintergrund einer vorhandenen Wunde fast immer, wenigstens in 70—90 von 100 Fällen, eine moralische Eiterung zu finden. Freilich bedarf es dazu längerer Beobachtung und genauerer Untersuchung. Oft kann man sich jahrelang mit einer Familie Herumschleppen und plagen. Man möchte, wie der Arzt, eine richtige Diagnose stellen, d. h. den Grund erforschen, um den ganzen Baum wieder zum Blühen und Früchtetragen zu bringen. Regelmäßige Arbeit, die man verschafft, noch so mannigfaltige Nachhilfe schlagen nicht an. Immer und immer gebrichts wieder an hundert Orten. Nach Jahren erst kommt man auf den im Verborgenen arbeitenden Lotterieteufel oder auf die durch einen schon vor Jahren begangenen, sehr com- promittirenden Fehltritt begründete Monstreschuld, die man nie abtragen kann, oder auf die ganz unqualificirbare „Un- ankehrigkeit und Unordnung der Mutter", auf die Vereinsseligkeit des Vaters, auf die Naschhaftigkeit, welche gegen die Brodkarte der Hilssgesellschast Weißbrod verlangt und demgemäß in Speise und Kleidern zu Hause hantirt. Am deut-
Das Gr. Steuer-Commiffariat Gießen I
an die
Großh. Bürgermeistereien deS Landbezirk-.
Unter Bezugnahme aus die Ausschreiben in Nr. 124, 130 und 136 des Gießener Anzeigers ersuchen wir Sie, unter Mitwirkung der örtlichen Einschätzungs-Commissionen, diejenigen zu ermitteln, welche bisher Kapitalrentensteuer noch nicht bezahlt haben, zur Zeit jedoch hierzu verpflichtet erscheinen, oder die einen um 100 Mark gegen das Vorjahr höheren Zinsenbetrag muthmaßlich beziehen dürsten, aber, nichtsdestoweniger eine Kapllalrentensteuer-Erklärung freiwillig nicht abgegeben haben. Das aufgestellte Verzeichniß, event. Negativ-Anzeige, wollen Sie mit den, etwa bis jetzt eingelausenen Erklärungen bis zum 8. Juli ohnfehlbar hierher einsenden.
Gießen, den 21. Juni 1890.
Großh. Steuer-Commiffariat Gießen.
Süffert.
Feuilleton.
Sociale Betrachtungen.
Lefefrüchte eines Armenfreundes.
Die Commissionen, welche den Kampf gegen die Armuth Lurch Rath und That führen, sehen oft aus, wie ein römischer Senat, vorwiegend ältere, ergraute Männer. Muß man denn Erst alt werden, um an das Werk der Liebe zu gehen? Äü sen einem die Genüsse der Welt erst bis auf einen gewissen Grad verleidet sein, bevor man sich m den Landsturm oeaen den Feind der Armuth einreihen läßt? Ueberall Gelegenheit ’ Ihr Jungen, herbei! Zwar nimmt der Herr noch zur -wöl'sten Stunde Arbeiter in den Weinberg, aber schöner tst et man stelle sich schon zur ersten Stunde. Viel Arbeit, ja, aber auch viel Lohn und Freude!
Decan Schonholzer.
Am meisten rührt mich das Beispiel derjenigen Männer und Frauen, und deren sind Dutzende, welche, einem anstrengenden Broderwerb enthoben, ihre freie Zelt als sehr fleißige Arbeiter im persönlichen Dienste der Armenpflege fast aanz den bestehenden Liebeswerken widmen und doch dafür oft so wenig Dank ernten. So will ich ihnen hier aus liefern Herzen danken im Namen der Gemeinde und der bedienten Armen. Gott segne sie!
Decan Schonholzer.
Ein Haufen Bettelnder umlagerte mich. Ich empfand, daß jeder von ihnen mir Unwahres sagte oder nicht die ganze Wahrheit, und daß er in mir nichts anderes erblickte als einen Sack, aus dem man Geld herausziehen könne. Und sehr oft erschien es mir, daß gerade das Geld, das Jemand von mir erpresse, seine Lage nicht verbessere, sondern verschlimmere. Graf L. Tolstot.
Bekanntmachung,
die Maul- und Klauenseuche zu Nonnenroth betr.
Nachdem der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in den Stallungen von Gastwirth Heinrich Metzger III., Land- wirth Daniel Koch III. und Gastwirth Heinrich Wilh. Koch zu Nonnenroth amtlich sestgestellt worden ist, wird neben der Sperre der Gehöfte der Genannten die Sperre der Gemarkung Nonnenroth hierdurch verfügt.
Gießen, den 21. Juni 1890.
Großherzogliches Kreisamt Greßen.
______v. Gagern._____________
Bekanntmachung,
Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche betr.
Da die Maul- und Klauenseuche erfahrungsgemäß von den Viehmärkten der Umgegend in bisher seuchefreie Orte durch Schweine eingeschleppt wird und da zur Seit die Ge- fahr der Verschleppung in hohem Grad wiederbesteht, faaen wir hiermit bis aus Weiteres den Auftrieb von Schweinen aus die im Krei- Gießen statlßndenden Biebmärkte. Diese Anordnung gilt schon sur den auf und 2S. l. MtS. angesetzten Viehmarkt zu Gießen. Gießen, am 21. Juni 1890.
Grotzherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagerm__
Betreffend: Wie oben. Gießen, am 21. Juni 1890. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an Vie Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie sofort und nochmals am nächsten Dienstag in Ihren Gemeinden ver- kündigen lasten und dieselbe im Publicationskasten aufhängen. Die Schweinehändler wollen Sie befonders auf die getroffene Anordnung Hinweisen.
v. Gagern.__


