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Samstag den 22. März

Mr. 69.

Meßmer Anzeig er

Kenerat-Mnzeiger.

Die Gießener

Zimllienvtätter Hitbm dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

'ferner Anzeiger

-rsheint täglich, vit Ausnahme des

Montags.

1890

Vierteljähriger AöonnemeutLpreirr 2 Mark 20 Pfg. mU Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Kchntstraße Sr.1« Fernsprecher 51.

Amts- und Anzergeblatt für den ICreis Gieren.

| Gratisbeilage: Gießener Aamitienötätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den f selz enden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

2lmtlid?er Theil.

Gießen, am 20. März 1890.

Bel r.: Das Unterstützungswohnsitzgesetz.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

a« die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Soweit Sie mit der Berichterstattung auf unsere Ver­fügung vom 17. v. Mts. Amtsblatt ohne Nr. noch im Mstande sich befinden, erinnern wir Sie wiederholt an vivgrhendr Erledigung.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Bei der am 20. l. Mts. vorgenommenen Wahl ist Herr Meyer Homberger zum Mitglied des Vorstandes der Israel. Religionsgemeinde dahier wiedergewählt worden.

Es wird dies mit dem Ansügen öffentlich bekannt gemacht, fraß während drei Tagen, nämlich am 24., 25. und 26. l. Mts. tarä Wahlprotokoll mit allen Anlagen auf dem Bureau des L.Vorstehers, Herrn Meier Homberger dahier, offen Stiegt sein wird, und daß während der unerstrecklichen Frist ' fritier drei Tage die Stimmberechtigten, sowie der Gewählte M dem Wahlprotokoll und dessen Anlagen Einsicht nehmen : mb Einwendungen gegen die Wahl oder gegen den Gewählten, hejn). auch eine Ablehnung der Wahl, bet Vermeidung des * LilsjchluffeS bei Großh. Kreisamt Gießen vorbringen können.

Gießen, den 21. März 1890. .

Der Wahlcommissär: Steinberger, Regierungsaccessist.

M osfiMe Abschied des Fürsten Sismarck.

Berlin, 20. Mürz.

Das Handschreiben des Kaisers, durch welches dieser >s-i! L«mission des Fürsten Bismarck annimmt, ist demselben I freute Mittag übergeben worden. Ein heute Abend ausge- i pckiie'S Extrablatt desReichsanzeigers" veröffentlicht bereits N-en Wortlaut des kaiserlichen Schreibens, wie folgt:

Mein lieber Fürst!

Mit tiefer Bewegung habe ich aus Ihrem Gesuche vom Mb. M. ersehen, daß Sie entschlossen sind, von den Aemtern zMz.utreten, welche Sie seit langen Jahren mit unvergleich. mi.tjeni Erfolge geführt haben. Ich hatte gehofft, dem Ge- ijlanftiL, mich von Ihnen zu trennen, bei unseren Lebzeiten utit näher treten zu müssen. Wenn ich gleichwohl im vollen ShmBtfein der folgenschweren Tragweite Ihres Rücktritts jstch genöthigt bin, mich mit diesem Gedanken vertraut zu intern, so thue ich dies zwar betrübten Herzens, aber in tiei feinen Zuversicht, daß tue Gewährung Ihres Gesuches dazu Betragen werde, Ihr für das Vaterland unersetzliches Leben rnnd Ihre Kräfte so lange wie möglich zu schonen und zu e traten.

Die von Ihnen für Ihren Entschluß angeführten Gründe nwuigen mich, daß weitere Versuche, Sie zur Zurücknahme Antrags zu bestimmen, keine Aussicht auf Erfolg haben.

entspreche daher Ihrem Wunsche, indem ich Ihnen hier- mckit den erbetenen Abschied aus Ihren Aemtern als Reichs- kiichler, Präsident meines Staats-Ministeriums und Minister ÄitnAuswärtigen Angelegenheiten in Gnaden und in der Zu- Hislkht ertheile, daß Ihr Rath und Ihre Thatkraft, Ihre Mme und Hingebung auch in Zukunft mir und dem Vater- koiimbe nicht fehlen werden.

Ich habe es als eine der gnädigsten Fügungen m meinem Än betrachtet, daß ich Sie bei meinem Regierungsantritt ate meinen ersten Berather zur Seite halte. Was Sie für Mmligtu und Deutschland gewirkt und erreicht haben, was G-« meinem Hause, meinen Vorfahren und mir gewesen sind, Aitd mir und dem deutschen Volke in dankbarer, unvergeß- Mc Erinnerung bleiben. Äber auch im Auslande wird weisen und thatkrästigen Friedenspolitik, die ich auch toijtig aus voller Ueberzeugung zur Richtschnur meines Han- d» ,)U machen entschlossen bin, allezeit mit ruhmvoller An- eistinnumg gedacht werden.

Mre Verdienste vollwerthig zu belohnen, steht nicht in rMMr- Macht. Ich muß mir daran genügen lassen, Sie mi« und des Vaterlandes unauslöschlichen Dankes zu ver- sWm- Als ein Zeichen dieses Dankes verleihe ich Ihnen die Wurde eines Herzogs von Lauenburg. Auch werde rch»$inen mein lebensgroßes Bildniß zugehen lassen.

Gott segne Sie, mein lieber Fürst, und schenke Ihnen ninh viele Jahre eines ungetrübten und durch das Bewußt- fe|n tr*tu erfüllter Pflicht verklärten Alters. In diesen Ge­

sinnungen bleibe ich Ihr Ihnen auch in Zukunft treu ver­bundener, dankbarer Kaiser und König.

Berlin, den 20. März 1890.

Wilhelm I. R.

An den Fürsten von Bismarck.

Auch als oberster Kriegsherr sandte der Kaiser an­schließend an das Vorstehende ein besonderes Schriftstück, welches lautReichsanzeiger" nachfolgenden Inhalt hat:

Ich kann Sie nicht aus der Stellung scheiden sehen, in der Sie so lange Jahre hindurch für mein Haus, wie für die Größe und Wohlfahrt des Vaterlandes gewirkt, ohne auch als Kriegsherr in inniger Dankbarkeit der unauslöschlichen Verdienste zu gedenken, die Sie sich um meine Armee er­worben haben.

Mit weitblickender Umsicht und eiserner Festigkeit haben Sie meinem in Gott ruhenden Großvater zur Seite gestanden, als es galt, in schweren Zeiten die für nöthig erkannte Reor­ganisation unserer Streitkräfte zur Durchführung zu bringen. Sie haben die Wege bahnen helfen, auf welchen die Armee, mit Gottes Hülfe, von Sieg zu Sieg geführt werden konnte. Heldenmüthigen Sinnes haben Sie in den großen Kriegen Ihre Schuldigkeit als Soldat gethan und seitdem, bis auf diesen Tag, sind Sie mit Nie rastender Sorgfalt und Auf­opferung bereit gewesen, einzutreten, um unserem Volke die von den Vätern ererbte Wehrhaftigkeit zu bewahren und damit eine Gewähr für die Erhaltung der Wohlthaten des Friedens zu schaffen.

Ich weiß mich eins mit meiner Armee, wenn ich den Wunsch hege, den Mann, der so Großes geleistet, auch ferner­hin in der höchsten Rangstellung ihr erhalten zu sehen. Ich ernenne Sie daher zum General-Obersten der Ca­valieri e mit dem Range eines General-Feld mar- schalls und hoffe zu Gott, daß Sie mir noch viele Jahre in dieser Ehrenstellung erhalten bleiben mögen.

Berlin, den 20. März ld90. *

Wilhelm R.

An den General der Cavallerie Fürsten von Bismarck ä la suite des Kürassier - Regiments von Seydlitz (Magde- burgisches) Nr. 7 und des 2. Garde-Landwehr-Negiments."

Sodann veröffentlicht diese Extraausgabe desReichs­anzeigers" folgende kaiserlichen Erlasse:

Deutsches Reich.

Se. Majestät der Kaiser haben Allergnädigst geruht: den Reichskanzler Fürsten von Bismarck auf seinen Antrag von dem Amte als Reichskanzler zu entbinden und den com- mandirenden General des 10. Armeecorps, General der In­fanterie von Caprivi zum Reichskanzler zu er­nennen.

Königreich Preußen.

Se. Majestät der König haben allergnädigst geruht: den Präsidenten des Staats-Ministeriums und Minister der auswärtigen Angelegenheiten Fürsten von Bismarck auf seinen Antrag von den Aemtern als Präsident des Staatsministeriums und Minister der auswärtigen Angelegenheiten zu entbinden und den commandirenden General des 10. Armeecorps, General der Infanterie von Caprivi zum Pr äsidenten des Staats-Ministeriums zu ernennen, sowie den Staatsminister, Staatssecretär des Auswärtigen Amts Grafen von Bismarck-Schönhausen mit der Leitung des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheit einstweilen zu beauftragen.

Reichskanzler v. Caprivi.

(Aus derKöln. Ztg.)

General b. Caprivi, welcher, wie wir bereits gestern mittheilten, vom Kaiser zum Reichskanzler ernannt worden ist, gilt allgemein für einen unserer tüchtigsten und gebildetsten Offiziere. Er hat auf der Universität studirt, aber die nach militärischer Dienstberechnung eingebüßte Zeit durch rasches Aussteigen bis zum Hauptmann eingeholt. Er machte eine ausgezeichnete Schule im Generalftab und im preußischen Kriegsministerium durch und zeichnete in den beiden letzten Feldzügen sich in Generalstabsstellungen hervorragend aus. Der gegen große Uebermacht am 28. November 1870 haupt­sächlich von Truppen des 10. Armeecorps erfochtene Sieg bei Beaune-la-Rolande bildet ein schönes Ruhmesblatt in der Geschichte dieses Corps und Caprivis Name nimmt aus diesem Blatte eine hervorragende Stellung ein. Caprivi war im December 1882 kaum zum Commandeur der 30. Infanterie- Division in Metz ernannt, als er dort wie man sich erzählt gerade beim Kriegsspiel schon im März des folgenden Jahres seine Berusung zum Nachfolger des Ministers I v. Stosch als Chef der Admiralität erhielt. Diese Berusung I wird damals Herrn v. Caprivi vielleicht noch schwerwiegender

vorgekommen sein als die jetzige. Er stand der Marine völlig sremd gegenüber, er hatte nie Gelegenheit gehabt, parlamentarische Erfahrungen zu sammeln, er wußte, daß ein Infanterist an der Spitze des Seewesens zum Spielball der berechtigten und unberechtigten Kritik wird. Aber der Befehl und das Vertrauen des allerhöchsten Kriegsherrn war für den echten Soldaten maßgebend. Er übernahm die ihm ohne sein Zuthun anvertraute verantwortungsreiche Aufgabe, und während der fünf Jahre, die er Chef der Admiralität war, hatte er volle Gelegenheit, zu beweisen, daß er der richtige Mann an der richtigen Stelle war, daß die Wahl, die auf ihn gefallen, nicht besser hätte getroffen werden können. Mit zäher Ausdauer drang er rasch bis in die technischen Einzel­heiten der Flotte, ihre Bedürfnisse und Mängel ein; er legte das Hauptgewicht seiner Bestrebungen aus die Hebung der Vertheidigungskraft unserer Marine; sein höchstes Verdienst ist die Ausbildung des Torpedowesens, für das er gleich im Jahre 1884 eine außerordentliche Bewilligung von etwa sechs Millionen beim Reichstage durchzusetzen vermochte, sowie die Entwicklung des Personals und der Bemannung. Seine beiden großen Denkschriften über ixe Entwicklung der Marine aus den Jahren 1884 und 1888 verfocht er mit großem Erfolge im Reichstag und erwies sich hier als ein sehr ge­schickter Redner; er sprach immer nur kurz und knapp, mit vollster Sachlichkeit und vornehmster Ruhe; selbst dem Thersites Richter wußte er zu imponiren und das will gewiß viel sagen. Die Anzapfungen Rickerts, der ihn schließlich noch mit dem Reichskanzler zu verhetzen suchte, wies er mit überaus vor­nehmer und deshalb um so wirksamerer Gelassenheit zurück. Die Gründe seines Rücktritts von der Leitung der Admiralität am 30. Juni 1888 sind bekannt. Das Bestreben, unsere Marine auch für die Offensive stärker zu machen, wurde in den Fachkreisen mit immer größerem Nachdruck ver­fochten und sand auch die Unterstützung unseres Kaisers, der sich in diesen, sowie in den Marine-Organisations- fragen eine besondere Sachkenntniß zutrauen durfte. Aber wenn auch der Kaiser ihn aus der Stellung als Chef der Admiralität entließ, so entzog er ihm damit doch nicht sein großes Vertrauen. Schon am 12. Juli 1888 ernannte er ihn zum commandirenden General und erwies ihm die Auszeichnung, daß er ihm dasjenige Corps übertrug, dessen Generalstabschef Herr v. Caprivi während des franzö­sischen Feldzuges gewesen. Im letzten Sommer wohnte der Kaiser dem Manöver des 10. Corps bei und bei dieser Gelegenheit ernannte er den General zum Zeichen seiner besonderen Zufriedenheit über die Führung seiner Truppen zum Chef des Infanterie-Regiments Herzog Friedrich Wil­helm von Braunschweig (ostfriesisches) Nr. 78. Jetzt steht General v. Caprivi vor einer neuen, der größten Aufgabe, einer Aufgabe, die um so schwieriger ist, weil sein Vorgänger kein geringerer, als der größte deutsche Staatsmann war. Für das Zutrauen, das der General genießt, ist es bezeich­nend, daß von vielen Seiten er gleich beim Auftauchen der Nachricht vorn Rücktritt des Fürsten Bismarck als der vor­aussichtliche Nachfolger übereinstimmend genannt wurde. Er erfreut sich somit nicht nur des Vertrauens seines Kaisers und Königs; vielseitig kommt man ihm mit reichen Er­wartungen entgegen, und auch Fürst Bismarck, der ihn in schwerer Zeit als treu und zuverlässig, als einen Mann von Herz und Gemüth, von Gradheit und Entschlossenheit erprobt hat, wird ihm gern aus der Stille seines Landlebens und seiner Abgeschlossenheit heraus, so oft er wünscht, Rath und Unterstützung leihen. Herr v. Caprivi steht noch in rüstigem Mannesalter er hat vor Kurzem sein 59. Lebensjahr vollendet. Er ist Junggeselle. Eine stattliche militärische Erscheinung, mit weißem Haar und weißem Schnurrbart, zeigt er äußerlich manche Ähnlichkeit mit dem Fürsten Bis­marck, und wenn er alle Nachmittage gegen 3 Uhr von der Admiralität aus seine Schritte nach dem Thiergarten lenkt, um dort, einsam spazieren gehend, sich von der Last der Arbeit zu erholen und zu neuer Arbeit zu sammeln, so ver­wechselten häufig Fremde ihn mit dem Fürsten und meldeten stolz in der Heimath, daß sie den großen Staatsmann, den so wenige Berliner zu sehen Gelegenheit hätten, in Voller- Bequemlichkeit hätten sehen und bewundern können. Wer seine Rathgeber in den Reichsämtern und seine Collegen im preußischen Ministerium sein werden, läßt sich noch nicht über­setzen; bisher hat, wie wir salschen Nachrichten anderer Blätter gegenüber betonen, weder das Gesammtminist erium noch ein einzelner Staatsminister seine Entlassung einger eicht, der Uebergang in die neue Zeit wird sich eben ganz ruhig und sachgemäß vollziehen; Vermuthungen über Personal­veränderungen haben daher augenblicklich wenig Werth. Nur so viel scheint sestzustehen, daß Minister v. Bötticher in seinen Aemtern als Staatssecretär des Reichsamts des Innern