Ausgabe 
21.9.1890 Erstes Blatt
 
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Nr. 220. Erstes Blatt. Sonntag den 21. Leptemder

1800.

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener M»«itie«ßkLiter «erden dem Anzeiger «öchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

General-Mzeiger.

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Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Gefunden: 3 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Farb­reichen, 3 Taschenmesser, 1 Cigarrenspitze, 2 Taschentücher, 1 Gartenthor, 1 Regenschirm, 1 Leibriemen, 1 Gummiring, 1 Henkelkorb, 1 Kinderkragen, 1 Wagenkette, 1 Ringelchen von einer Uhr, 50 Pfennige und 1 Hundehalsband.

Zugelaufen: 1 junger Hahn.

Gießen, am 20. September 1890.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

politische Ueberficht.

Gießen, 20. September.

Kaiser Wilhelm begab sich mit dem Kaiser Franz Josef am Donnerstag früh von Schloß Rohnstock nach dem Manöver- -gelände, woselbst etwas später auch der König von Sachsen, von seinem Absteigequartier Schloß Börnchen kommend, eintraf. Auch Reichskanzler v. Caprivi und Minister Graf Kalnoky erschienen im weiteren Verlaus des Vormittags im Manöver­terrain, nachdem die beiden Staatsmänner zuvor auf Schloß Hausdorf eine längere Unterredung mit einander gehabt hatten. Die drei Monarchen, in deren Begleitung sich die Prinzen Georg von Sachsen, Ludwig von Bayern, sowie der Prinz- Regent von Braunschweig befanden, hatten ihren Standort aus dem Spitzberge bei Striegau genommen, welcher von dem 6. Armeeeorps gegen das 5. Armeecorps vertheidigt wurde. Schließlich ging ersteres zum Angriff über, welcher durch eine Befehlsertheilung Kaiser Wilhelms um 12 Uhr Mittags auf kurze Zeit unterbrochen wurde, woraus das 6. Armeecorps in seinen Angriffsbewegungen sortfuhr. Allmählich erfolgte der kriegsgemäße Abbruch des Gefechts und bezogen nunmehr die Truppen Bivouaks, während die Monarchen nach ihren Absteigequartieren zurückkehrten. Um 5 Uhr statteten die beiden Kaiser dem König von Sachsen einen Besuch aus Schloß Börnchen ab - um 8 Uhr Abends fand in Schloß Rohnstock Diner statt.

Die kaum verstummten Rücktrittsgerüchte bezüglich des Kriegsministers von Verdy tauchen aufs Neue aus. Die Schlesische Zeitung" erklärt, von durchaus unterrichteter Seite die Mittheilung erhalten zu haben, daß die Neubesetzung des preußischen Kriegsministeriums unmittelbar nach Beendig­ung der Manöver, jedenfalls aber noch vor Ablauf des Monats September, zu erwarten sei. Als Nachfolger des Herrn v. Verdy wird der Generallieutenant v. Kaltenborn-Stachau bezeichnet. Ob die Meldung über den angeblich bevorstehenden Rücktritt des jetzigen preußischen Kriegsministers begründeter ist, als es die früheren gleichen Nachrichten waren, wird sich ja nun baldigst zeigen.

Der Reichsgerichtspr'äfident v. Simson hat nunmehr sein Pensionirungsgesuch eingereicht, nachdem der greise Vorsitzende des obersten deutschen Gerichtshofes schon seit längerer Zeit leidend gewesen ist. Heber die Wiederbesetzung des Amtes wird der Bundesrath im October Beschluß fassen. Dem Ver­nehmen nach kommen hierbei der Präsident des Kammergerichts Drenkmann, der Staatssecretär im Reichsjustizamte v. Oehl- schläger und Oberlandesgerichtspräsident Staatsminister Falk in Betracht.

Die von englischen Blättern der Welt aufgetischte Fabel von der angeblichen Begünstigung des Sklavenhandels in Ost- Afrika durch die Deutschen ist durch die Mittheilungen im Reichsanzeiger" gründlich zerstört worden. Dieselben ent­halten neben dem Dementi dieser lügnerischen Nachricht eine klare Darlegung der Stellung der deutschen Regierung zur Sclavenfrage in Ostafrika und zum Erlaß des Sultans von Zanzibar über den Sclavenhandel die Versicherung, daß die deutsche Regierung auch fernerhin dem gewerbsmäßigen Sclaven­handel mit allen Mitteln energisch entgegentreten werde. Sonst aber behalte sie sich, in Uebereinstimmung mit den Beschlüssen -er Brüsseler Antisclaverei-Conferenz, das Recht vor, den Moment selbst zu wählen, der für eine weitere Beschränkung der Sclaverei geeignet sei und werde sie, sobald dieser Zeit­punkt eingetreten sei, die entsprechenden Maßregeln nicht nur anordnen, sondern auch für die stricte Durchführung derselben sorgen.

Die unter dem Befehle Emin Paschas zur näheren Er­forschung des Inneren Deutsch Ostafrikas abgesandte Expedition kann einen weiteren namhaften Erfolg verzeichnen. Derselbe besteht darin, daß Emin Pascha die wichtige Handelsstadt Tabora besetzte und daselbst die deutsche Flagge hißte, auch zwang Emin den dortigen Sultan Sikes, welchem er die Kanonen wegnahm, als Ersatz für entwendete Maaren eine beträchtliche Menge Elfenbein und 400 Rinder auszuliesern.

Von Tabora aus marschirte die Expedition weiter gegen Usukuma.

Die Wiedereinsetzung der früheren conservativen Cantons- regierung von Tessin stößt auf größere Schwierigkeiten, als zuerst zu erwarten stand. Wenigstens hat der eidgenössische Commissar in Bellinzona ein bezügliches an ihn gestelltes Begehren Respinis und der andern infolge des Putsches der Liberalen abgesetzten Tessiner Staatsräthe mit dem Bemerken ab^ewiesen, daß der Bundesrath hierüber Entscheidung treffen werde. Die Abgewiesenen sind mit der Abfassung einer Er­klärung beschäftigt. Jedenfalls sind die staatsrechtlichen Schwierigkeiten, welche sich der Wiederherstellung der frühe­ren Zustände im (Santon Tessin entgegenstellen, nicht ohne Weiteres zu beseitigen und darf man mit Interesse der weiteren Entwickelung der Vorgänge im Tessin entgegensetzen.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.

Berlin, 19. September. Das Amtsblatt des Reichs- Postamts enthält eine Verfügung des Staatssecretärs im Reichspostamt, wonach die Postverwaltung mit der Magdeburger Allgemeinen Versicherungsgesellschaft ein Abkommen geschlossen hat, wodurch den Angehörigen der Reichspostverwaltung eine Versicherung über Lebensrenten zu Gunsten ihrer un- verheiratheten Töchter unter erleichterten Bedingungen ermöglicht wird.

Berlin, 19. September. Heute früh 4 Uhr wurde in der ersten Etage eines herrschaftlichen Hauses in der Fried- richsstraße Feuer entdeckt. Ein Dienstmädchen und zwei Kinder des Hausbesitzers sind verbrannt, ein drittes Kind ist schwer verletzt.

Blankenburg a. H., 19. September. Zu den am 24. und 25. October stattfindenden Hosjagden werden außer dem Kaiser der König von Sachsen, der Prinzregent von Bayern und der Herzog von Sachsen-Altenburg erwartet.

Kiel, 19. September. Die Probefahrten des Panzer­schiffesKronprinz Rudolf" hatten befriedigende Ergeb­nisse. Wie nunmehr festgesetzt ist, verläßt das österreichische Geschwader den Kieler Hafen am 21. September. Auf der Rückfahrt werden Cherbourg, Lissabon und Palermo an­gelaufen.

Rohnstock, 19. September. Der Kaiser hat sich früh 31/2 Uhr nach dem Manövergelände begeben. Kaiser Franz Joseph und der König von Sachsen folgten später.

Rohnstock, 19. September. Morgen 'findet ein kurzes Schlußmanöver statt. Die Kaiser begeben sich von dem Manöverfelde nach Liegnitz, wo auf 1 Uhr das Dejeuner an- gesetzt ist. Um 23/4 Uhr reist der österreichische Kaiser nach Wien. Um 3 Uhr reift Kaiser Wilhelm ab.

Liegnitz, 19. September. Der Aufenthalt des Kaisers bei Gras Moltke in Kreisau am Samstag wird nur fünf Stunden dauern. Abends 10 Uhr wird er bei dem Grafen Solms-Klitschdorf zur Jagd auf zwei Tage eintreffen.

Liegnitz, 19. September. Im heutigen Manöver, wobei das sechste Armeecorps den Angriff des Feindes zum Stehen brachte und den Feind daraus zum Rückzug zwang, griff der Kais er mit zwei Divisionen den Feind an, um das Eingreifen der feindlicherfeits erwarteten Verstärkungen in den Kamps zu verhindern. Die Cavalleriedivision sicherte dabei die rechte Flanke. Die Uebung wird morgen fortgesetzt

Wien, 19. September. Ein kaiserliches Hand­schreiben an den Erzherzog Rainer belobt die Haltung und Ausbildung, sowie die Marschleistungen der österreichischen Landwehr, wie diese Eigenschaften sich bei den Manövern um Vöcklabruck und Teschen erwiesen haben.

Bern, 19. September. Trotzdem der Bundesrath dem eidgenössischen Commissar sämmtliche Regierungsgewalt im Tessin übertragen hat, vollzieht Casellas, ein Mitglied der suspendirten conservativen Regierung, Regierungs­acte und begeht dadurch eine Auflehnung gegen die Bundes­gewalt.

Rom, 19. September. Das Königspaar und der Kronprinz sind heute, von der Bevölkerung lebhaft begrüßt, in Florenz eingetroffen und werden morgen der Enthüllung des Victor Emanuel-Denkmals beiwohnen.

Rom, 19. September. Das Amtsblatt veröffentlicht die Enthebung des Finanzministers und die Betrauung Giolittis mit dem Posten, ferner eine Verordnung des Ministers des Innern, wonach aus Massauah kommende Schiffe im Lazarethe eine Quarantäne bestehen müssen.

Spezzia, 19. September. Die Herzogin von Genua ist aus München hier eingetroffen, um bei dem Stapellauf des PanzerschiffesSardegna" als Pathin zu fungiren.

Lissabon, 19. September. Eine Abtheilung P 0 l i z i st e n wurde aus dem Dom Pedro-Platze gestern Abend von einer Volksmenge verhöhnt. Bei dem Versuche, die Ruhestörer festzunehmen, erfolgte ein Zusammenstoß; 42 Personen wurden verhaftet. Die Polizisten erwiderten die Steinwürfe mit Revolverschüssen. Der Conflict wurde verschlimmert, als eine Truppe Municipalgarde den Polizisten zu Hilfe kam. Die Menge flüchtete in das (Safe Martino, wo ein zahlreiches Publikum sich befand. Die Soldaten verfolgten die Flüch­tigen und feuerten ins (Safe, wodurch mehrere Personen ver­wundet wurden.

Cocakf wn6 provinzielle»

Gießen, 20. September.

Verzeichniß der Sitzungen des Schwurgerichts der Provinz Oberhessen pro 3. Quartal 1890:

1. Montag den 22. September, Vormittags 9 Uhr: Anklage gegen Peter Küster von Ilbenstadt wegen Ver­brechen gegen die Sittlichkeit. Die Anklage vertritt Großh. Erster Staatsanwalt Jöckel. Vertheidiger: Rechtsanwalt Weidig.

2. Dienstag den 23. September, Vormittags 9 Uhr: Anklage gegen Hartmann Schüßler von Rendel wegen Meineids. Die Anklage vertritt Gerichts-Assessor Schilling- Trygophorus. Vertheidiger: Rechtsanwalt vr. Jung.

3. Mittwoch den 24. September, Vormittags 8i/2 Uhr: Anklage gegen Johannes Feller von Schneppenhauserr wegen Verbrechen gegen die Sittlichkeit. Die Anklage vertritt: Gerichts-Assessor Schilling-Trygophorus. Vertheidiger: Rechtsanwalt Dr. Schwarz.

4. Donnerstag den 25. September, Vormittags 8^/z Uhr: Anklage gegen Joseph Müller von Bönstadt wegen Ver­brechen gegen die Sittlichkeit. Die Anklage vertritt Gerichts- Assessor Schilling-Trygophorus. Vertheidiger: Rechts­anwalt 2Bin beeter.

lieber das achtzehnte LahnthalSängerfest liegt nun­mehr das finanzielle Ergebniß vor: Es stellt sich, nach den Aufstellungen in den einzelnen Ausschüssen wie folgt:

Einnahme Mk.

Ausgabe Mk.

Preßausschuß

277.74

1327.50

Bauausschuß

248.55

4774.61

Wirtschaftsausschuß

1045.

3.60

Wohnungsausschuß

1295.50

51.72

Finanzausschuß

7902.60

128.35

Vergnügungsausschuß

832.90

339.70

Musikausschuß

2011.30

Verschiedenes

146.10

Summa 11602.29 8782.98

Die vom Wohnungsausschuß als Einnahme verrechneten 1295.50 Mk/ sind das Ergebniß der vor dem Feste ver­anstalteten Sammlung. Der Gesammtüberschuß beziffert sich nach obiger Zusammenstellung auf 2819.31 Mk. Hiervon gehen die gesammelten 1295.50 Mk. ab, da voraus bestimmt war, daß diese Summe ,im Falle eines Ueberfchuffes wohl- thätigen Zwecken zugewendet werden solle- die sonach ver­bleibenden 1523.81 Mk. werden den festgebenden Vereinen, Bauer'scher Gesangverein" undHarmonie", überwiesen. Aus der Zahl der gelösten Sängerkarten ist ersichtlich, daß an dem Feste 341 fremde und 206 hiesige Sänger theil- nahmen.

Alle nicht übungspflichtigen Ersatzrefervisten, die im Jahre 1885 der Ersatz-Reserve überwiesen worden sind, treten am 1. October d. I. zum Landsturm zweiten Aufgebots über und haben zu diesem Zweck bis spätestens 25. September ihre Pässe an den Bezirksfeldwebel abzuliefern. Wer dies unterläßt, verbleibt in der Ersatz-Reserve. Es betrifft dies zumeist die im Jahr 1863 Geborenen.

Nidda, 18. September. Am vorigen Montag kamen hier 10 Stück Simmenthaler trächtige Kalbinnen zur Versteigerung unter den Bestellern - das schönste Exemplar wurde zu 1003 Mk. von Herrn Carl Schuch zu Hof Schleifeld er­standen. Auch für die anderen Kalbinnen wurden hohe Preise erzielt.

Bei der heute stattgehabten städtischen Obstversteige- rung wurden über 600 Mk. erlöst. Das Resultat kann als ein günstiges bezeichnet werden. (N. A.)

Altenstadt, 19. September. Die hier herrschende Maul- und Klauenseuche nimmt immer größere Dimensionen an, so daß zu befürchten ist, daß Gemarkungsfperre eintritt, was sowohl den Handelsleuten, als den Laudwirthen einem