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1890

Freitag den 21. März

Är. 68.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

| Hratisöeitage: chießmer AamitienbtätLer

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgmben Tag erscheinenden Nummer bis Borut. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Zchukstra^Ar.,.

Fernsprecher 51.

Die Gießener

Himittenötüiter »rdin dem Anzeiger tchrntlich dreimal beigelegt.

Vierteljähriger Aöonnementsprel» I 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Der

hteiener Anzeiger kricheint täglich, rit Ausnahme deS MontagS.

Amts- imb Anzeigebtatt für den Areis Gieren.

Abonnements - Einla-nng!

Zum Bezug desGietzener Anzeiger" für Las 2. Vierteljahr laden wir hiermit ergebenst ein. - Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" feie Tagesereignisse in kurzer objectiver Uebersicht zur Knmtniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nach- Ailhten des Wolff'schen telegraphischen Correspondenz- Mrcaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus Stadt imb Provinz wie auch des engeren und weiteren Vaterlandes halten den Leser stets über die Vorfälle in denselben auf dem Laufenden. DieGießener Zamlienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich Surntt beigelegt werden, bringen stets eüi gewähltes Ztuilleton als Unterhaltungsstoff, wie auch die gewerblichen, landwirthschaftlichen und Handelsnach- Mhtm, Courstabellen und -Notizen im Anzeiger mnchem der Leser stets willkommen sein dürften.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ehre 'Bestellung bei der Post batdgefl. aufgeben zu trollen. 9!euhinzutretende erhalten vom Tage der Testellung bis 1. April den Anzeiger kostenfrei zu- zeftelllt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Exemplare nach auswärts postfrei zu versenden. Den Cejeni in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger ' weiterseuden und den Abonnements- hetrat] durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus- dnickliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtend

Verlag desGießener Anzeiger"

Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).

2lmtiid?er Theil.

Bekanntmachung,

die Reichstag sw ah len betreffend.

In Berichtigung meiner Bekanntmachung vom 13. l. Mts. - Anzeiger Nr. 62 bringe ich zur öffentlichen Kenntniß, Uch dite Ermittelung des Wahlresultats

Bnwtag den 1. April L A, Vormittags 9Uhr^ indem Sitzungssaals des Regierungsgebäudes zu Gießen statt- j nien wird.

Gießen, den 19. März 1890.

Der Wahlcommiffär: v. Gagern.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß i Nchherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz der e'mgelischen Missionsgesellschast für Deutsch-Ostafrika behufs C Nmnnung von Mitteln zur Erbauung eines deutschen Kranken- k sauses in Sansibar die Erlaubniß ertheilt hat, die Loose einer d »machst zu veranstaltenden Verloosung von Gegenständen t»^ Kunst und des Kunstgewerbes innerhalb des Großherzog- zu vertreiben.

Hierbei bemerken wir, daß nach dem von der zuständigen d Wrde genehmigten Verloosungsplan 200,000 Loose ä 3 c ^gegeben werden dürfen und 300,000 Jl. zum Ankauf von (8'Minnsten verwendet werden müssen.

Gießen, am 18. März 1890.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß t Schherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz der , .ffieuischland, Lebensversicherung- - Gesellschaft zu Berlin, t ü Erlaubniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum unter tiffli hierfür vor geschriebenen Bedingungen aus Widerruf etijeilM hat.

Gießen, den 18. März 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

politische Ueversicht.

Gießen, 20. März.

Die unsere gesummte Tagespolitik ausschließlich beherr­schende Frage des Rücktrittes des Fürsten Bismarck von allen seinen Acmtern hat nunmehr ihren endgültigen Abschluß gefunden: Nach einem derKölnischen Ztg." zuge­gangenen Telegramm hat der Kaiser gestern Nach­mittag das Abschiedsgesuch des Fürsten Bismarck, welches in einem 20 Seiten langen Schreiben niedergelegt und begründet ist, angenommen. Wenn sich nunmehr die Gerüchte über die zu Nachfolgern Bismarcks auf dem Reichskanzlerposten, wie im Vorsitze des preußischen Ministerrathes angeblich schon ausersehenen Per­sönlichkeiten und weiter hinsichtlich der Umgestaltung in der Negierungsleitung Preußens und des Reiches überhaupt förm­lich überstürzen, wenn ferner von der Demission des preußischen Gesammtministeriums und allen Chefs der Reichsämter die Rede ist, so müssen diese Gerüchte vor der Hand noch mit Vorsicht ausgenommen und die darüber noch herrschende Ungewißheit mit der Rücksicht auf die noch nothwendigen Erwägungen in Betreff der in Betracht kommenden Persönlichkeiten in Verbindung gebracht werden. Jedenfalls stehen nunmehr Deutschland und Preußen, wie dieRat. Ztg." sehr richtig hervorhebt, an der Schwelle einer neuen Zeit. Die größte Periode unserer Geschichte, welche, nach den Vorbereitungs­jahren 1862 bis 1866, mit dem letztgenannten Jahre begann, ist zu Ende. Eine andere Zeitepoche beginnt und mit voller Zuversicht, die in dem Vertrauen des deutschen Volkes zu sich selbst und seinem Kaiser wurzelt, wird Preußen, wird All­deutschland in den neuen Zeitraum eintreten. Gewiß bedeutet der Rücktritt der Fürsten Bismarck von der gesummten Leitung der Reichs- und Staatsgeschäfte ein Hochernstes Ereigniß für unser Vaterland und noch lange wird es in den Herzen aller Zeitgenossen nachhallen, aber der Patriotismus aller Parteien, in schweren Gefahren schon erprobt, wird, dies steht zuver­sichtlich zu erhoffen, sich in diesen ernsten Stunden wiederum zum Heile des Ganzen bewähren und so darf man der Zu­versicht leben, daß auch diese neueste kritische Periode schließ­lich einen segensreichen Ausgang für unser Volk nehmen wird.

Die Kanzlercrisis machte sich auch in der Dienstags, sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses bemerklich, in welcher zwar die Specialberathung des wichtigen Cultusetats auf der Tagesordnung stand, in der aber die größte TageS- frage die Stimmung ersichtlich beherrschte. Derselben gab u. A. auch Abg. Dr. Windthorst dadurch Ausdruck, daß er im Verlause der Debatte erklärte, er verzichte angesichts der Crisis fürs Erste auf seine gehegte Absicht, sich eingehender über die kirchenpolitische Lage zu verbreiten. Der im Hause obwaltenden Stimmung war es auch zuzuschreiben, daß die Berathung, welche am genannten Tage lediglich Cap. 109 von Tit. 1 der dauernden Ausgaben des Cultusetats (Mimster- gehalt) zum äußerlichen Gegenstände hatte, trotz wiederholter kulturkämpserischer" Anläufe sich im Allgemeinen in recht sachlichen und ruhigen Geleisen bewegte, obschon es von Seiten des Centrums und der Polen nicht an verschiedenen Klagen und Beschwerden fehlte.

Die commandirenden deutschen Generäle sind vom Kaiser nach Berlin berufen worden und fand am Dienstag Abend eine Conferenz derselben unter Vorsitz des Kaisers im Pfeiler­saale des königlichen Residenzschlosses statt. Nach Annahme derNat. Ztg." hat es sich hierbei um die angekündigten Militärvorlagen für den Reichstag gehandelt, deren Begut­achtung durch die Führer der preußisch-deutschen Armeecorps der Kaiser vermuthlich wünscht.

Die Nachwahlen zum Reichstage haben nunmehr be­gonnen und mit ihnen findet erst die diesmalige Neichstags- wahlbewegung ihren endgültigen Abschluß. Im ersten mei- ningischen Reichstagswahlbezirke ist der Candidat der Frei- sinnigen, Amtsrichter Thomas, gegenüber dem von den Na­tionalliberalen wieder aufgestellten Brauereibesitzer Zeitz, mit etwa 1500 Stimmen Mehrheit gewählt worden, die Freisinnigen haben also den von ihnen in der Stichwahl eroberten Wahl­kreis behauptet. Außerdem liegt das Ergebniß der im Wahl­kreise Hamm-Soest vollzogenen Nachwahl vor und ist dem­selben zufolge hier eine engere Wahl zwischen dem national- liberalen Candidaten Dr. Schneider und dem Centrumscandi­daten, dem in Mainz unterlegenen Herrn Racke, erforderlich.

Deutsche» Reich.

Darmstadt, 19. März. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Forstinspector Block von Gießen.

Darmstadt, 19. März. An die Zweite Kammer der Stände richtet sich Seitens der Großh. Ministerien deS Innern und der Justiz und der Finanzen folgendes Ansinnen: In dem Hauptvoranschlag der Staats-Einnahmen und -Aus­gaben für die Finanzperiode 18881891 ist unter den außerordentlichen Ausgaben unter Capitel 132 Titel 2 der Bau einer psychiatrischen Klinik bei der Landes- Universität und einer Jrrenpsleganstalt in Ver­bindung damit mit einem Kostenaufwand von 600000 Mk. vorgesehen, die Mittheilung einer besonderen Proposition aber Vorbehalten worden. Nachdem die Verhandlungen über die Feststellung des Bauprojects und die Beschaffung eines geeig­neten Bauplatzes durch die Stadt Gießen zum Abschluß gekommen sind, ist die Großh. Regierung nunmehr in den Stand gesetzt, diese Vorlage an die Stände gelangen zu lassen. Die Nothwendigkeit einer psychiatrischen Klinik, einer Klinik für Geistes- und Nervenkranke bei der Landes-Universität, steht außer Zweifel. Man nimmt als ein in den Cultur- staaren allgemein feststehendes Verhältniß an, daß aus je 1000 Einwohner mindestens 2 Geisteskranke kommen, die ohne ärztliche Behandlung nicht sein können; es bilden sonach die Geisteskranken einen recht erheblichen Theil der Bevöl­kerung, und muß schon dieser Umstand dafür maßgebend sein, daß den Studirenden der Medicin an der Hochschule die Möglichkeit geboten werde, sich mit den Geisteskrankheiten vertraut zu machen. Ein ausschließlich theoretischer Unter­richt ist für die psychiatrische Ausbildung des Arztes aber nicht ausreichend, die Beobachtung, Erkennung und Behand­lung psychischer Krankheiten ist nur durch den näheren Umgang mit zahlreichen Kranken dieser Art zu erlernen, und gerade die vielfach wechselnden und mannichsachen Erscheinungen psychischer Erkrankungen fordern die engste Verbindung des theoretischen Unterrichts mit einem lediglich den Unterrichts­zwecken dienenden, aber in seinen Einrichtungen den Erforder­nissen der Gegenwart entsprechenden Klinikum und dies sogar in einem noch höheren Maße, als einige andere ärztliche practische Fächer, in welchem bereits seit Jahrhunderten in bevorzugter Weise dieser klinische Unterricht ertheilt wird. Die Nothwendigkeit eines klinischen psychiatrischen Unterrichts tritt umsomehr hervor, als nicht nur der beamtete und der Gerichtsarzt, sondern jeder practische Arzt häufig in die Lage kommt, ein Urtheil über die psychische Störung oder die Geistesgesundheit einer Person abzugeben.

Nachdem nunmehr an sämmtlichen deutschen Hochschulen, mit Ausnahme von Tübingen und Gießen, den Studirenden der Medicin Gelegenheit auch zu eingehendem Unterricht in der Psychiatrie geboten ist, kann Gießen hierin nicht zurück­bleiben. Von der Nothwendigkeit der Errichtung einer psychia­trischen Klinik überzeugt, hat die Großh. Regierung zunächst ein Bauprogramm aufstellen lassen und sind sodann auf Grund dieses Programms von dem technischen Referenten für Bauwesen zwei Projecte ausgearbeitet und des näheren erörtert worden. Nach eingehenden Verhandlungen mit be­währten Sachverständigen und nach den Ermittelungen, welche über die gleichen Einrichtungen an anderen Universitäten an­gestellt worden sind, glaubt die Großh. Regierung sich für die Ausführung desZweiten Projektes", welches einen Kostenaufwand von 735000 Mk. erfordert, als das für die Verhältnisse der Landes-Universität geeignetste aussprechen zu müssen. In den Erläuterungen ist des näheren dargelegt, wie dieses Project entstanden ist und der Plan im Ganzen und Einzelnen ausführlich erläutert und begründet und erlaubt man sich aus den Inhalt derselben Bezug zu nehmen.

Was nun die Stellung des Bauplatzes betrifft, so glaubt man bei den mit der Stadt Gießen hierüber geführten Ver­handlungen die Gelegenheit benutzen zu sollen, um für die bereits erbauten, in ihrem Terrain sehr beschränkten Kliniken noch weiteres Gelände, insbesondere das zwischen diesen und der psychiatrischen Klinik gelegene, zu erwerben, und hat nun­mehr die Stadt Gießen sich -bereit erklärt, das für die Er­weiterung der neu erbauten Kliniken und für den Bau der psychiatrischen Klinik erforderliche Gelände unter gewissen Bedingungen, welche in dem Vertragsentwurf, mit dem sich sowohl die Stadtverordneten-Versammlung, wie Großherzogl. Ministerium der Finanzen einverstanden erklärt haben, des Näheren dargelegt sind, unentgeltlich zu stellen. Nach diesem Vertragsentwurf würden für das an die Kliniken abzugebende Gelände der Stadt Gießen das Stallmeistergrundstück und das alte Hofgerichtsgebäude am Brandplatze, sowie Theile von dem Gelände des alten Marstallgebäudes, der Biblio­thek, der jetzigen Frauenklinik und des Gartens des Rent­amtsgebäudes, sodann auch noch Theile des Kasernengrund- stückes am Seltersweg zu überlassen sein. Kommt dieser Vertrag zum Abschluß, dann hat die Stadt Gießen für das ihr zu überlassende Landes- und Großh. Familieneigenthum