Ausgabe 
21.2.1890 Zweites Blatt
 
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1880

Freitag den 21. Februar

Nr. 44

Gießener Anzeiger

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Amtlicher Theil.

Nr. 9 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 17. d. M., enthält:

(Nr. 1891.) Verordnung wegen Abänderung beziehungs­weise Ergänzung der Verordnungen vom 16. August 1876 und 4. März 1879, betreffend die Cautionen der bei der Militär'- und der Marineverwaltung angestellten Beamten. Vom 10. Februar 1890

Gießen, am 19. Februar 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

politische Ncversicht.

Gießen, 20. Februar.

Kaiser Wilhelm hat soeben einen neuen Beweis seiner- besonderen Werthschätzung des Frankfurter Oberbürgermeisters Dr. Miquel, Mitglieds des bisherigen Reichstages, des preußi­schen Staatsrathes und Herrenhauses gegeben, indem er Herrn Dr. Miquel das erledigte Oberpräsidium der Rheim provinz angeboten hat. Wie indessen dieKöln. Ztg." ver­nimmt, soll Dr. Miquel gebeten haben, von dieser seiner Ernennung Abstand zu nehmen, vermuthlich deßhalb, weil er sich seine freie Stellung wahren will, in welcher er bis jetzt namentlich seinen Einfluß als der neben v. Bennigsen her­vorragendste Führer der nationalliberalen Partei ausüben konnte. Jedenfalls darf die Herrn Dr. Miquel seitens des Kaisers zugcdacht gewesene Auszeichnung als ein abermaliges Zeichen dafür gelten, daß der Monarch von der Bevorzugung einer extremen politischen Richtung in unserem Staatsleben mach wie vor nichts wissen will.

DieRat. Ztg." bezeichnet das Gerücht, der Eisenbahn- minister Herr v. Maybach habe seine Entlassung angeboten, dieselbe sei aber vom Kaiser nicht angenommen worden, als unbegründet. Anlaß zu dem erwähnten Gerüchte scheint der Umstand gegeben zu haben, daß sich Herr v. Maybach durch eine rheumatische Augenentzündung in Ausübung seiner amt­lichen Thätigkeit schon seit längerer Zeit empfindlich gehemmt sah. Jeüt ist indessen das Nebel glücklicherweise wieder so weit gehoben, daß der Minister wieder die Vorträge seiner Ressortchefs entgegennehmen kann.

Der Papst hat, wie römische Meldungen besagen, dem Kaiser Wilhelm wegen Annahme des Gesetzes über die Wehr­pflicht der (katholischen) Geistlichen durch den deutschen Reichs­tag brieflich seinen Dank ausgesprochen.

In allen Bevölkerungskreisen Oesterreich-Ungarns hat die -Nachricht von dem aus Schloß Volosea bei Fiume nach langem und qualvollem Leiden erfolgten Ableben des Grafen Julms Andrassy schmerzliche Bewegung hervorgerufen und auch im deutschen Reiche nimmt man aufrichtig Antheil an dem Hm-

scheiden dieses Staatsmannes, der stets ein treuer Freund Deutschlands gewesen. Der Verewigte war am 8. März 1823 zu Zemplin in Nordungarn geboren und spielte im ungarischen Aufstande eine hervorragende Rolle, weshalb er 1850 vom österreichischen Kriegsgericht zum Tode verurtheilt wurde, doch nur in contumaciam, denn es gelang Andrassy noch rechtzeitig, sich in's Ausland zu flüchten. 1860 begnadigt, kehrte er in seine ungarische Heimath zurück, wo er alsbald in den Reichstag gewählt wurde. Hier trat er in die Partei des Patrioten Deak ein und es gelang ihm, sich ein derartiges Ansehen zu erringen, daß er, als der hervorragendste Ver­treter des Deak'schen Ausgleichsprogramms, im Februar 1867 an die Spitze des ungarischen Ministeriums berufen wurde, um zusammen mit dem Grafen Beust, dem damaligen öster­reichischen Reichskanzler, den Ausgleich zwischen Ungarn und Oesterreich durchzusühren. Andrassy löste nicht nur diese Aufgabe glänzend, sondern er übte auch auf die gesammte zeitgemäße Entwickelung der Innern Verhältnisse Ungarns den weitgehendsten Einfluß aus, unter energischer Bekämpfung ,aller" epremen und chanvinistischen Elemente. Wohl aber- fein größtes Verdienst ist es, daß er die kriegerische Strömung am Wiener Hofe unter ihrem Hauptförderer Grasen Beust, welche sich bei Ausbruche des deutsch-französischen Krieges im Jahre 1870 zu Gunsten eines Zusammengehens Oester­reichs mit Frankreich geltend machte, ersolgreich zu bekämpfen wußte, dem hiermit bewahrte Gras Andrassy die habsbur­gische Monarchie vor einer Katastrophe, die für den öster­reichischen Käserstaat hätte unberechenbare Folgen haben können. Naturgemäß wurde er daher nach dem Sturze des Grafen Beust im Nwember 1871 dessen Nachfolger als leitender Staatsmann Oesterreichs und Minister des Auswärtigen für die gesammte Nonarchie. In dieser Stellung gelang es ihm, das erschütterte Ansehen Oesterreich'Ungarns in Europa wie­der herzustellen, besonders aber dessen Verhältniß zu Deutsch­land immer fremdschaftlicher zu gestalten, während aus das Anrathen Bisma'cks Graf Andrassy zugleich auch in die Aus­söhnung zwischen Oesterreich und Rußland und in das Drei- kaiserbündniß willgte. Die weitgehenden Forderungen Ruß­lands im Friedenstcrtrage von San Stefano mit der Türkei störten indessen diees Verhältniß und namentlich Andrassys Beitreiben ist der Zffamme-ttritt des Berliner Congresses im Jahre 1878 zuzusclxeiben, aus welchem er das europäische Mandat für Oester-eich-Ungarn zur Occupation Bosniens und der Herzegowina durchzusetzen wußte. Aber gerade dieses Unternehmen, welche Oesterreich anfangs so viele Opfer kostete, erschütterte Aidrassys Stellung und da er sich durch seine ganze Orientpoliik immer heftigere Anfeindungen zuzog, trat er am 22. S'eptmber 1879 von seinem Ministeramte zurück. Zuvor jedoch )atte Graf Andrassy noch das Schutz- und Trutzbündniß Oesticreich Ungarns mit Deutschland unter­

zeichnet, das zur festen Grundlage des europäischen Friedens geworden ist und mit diesem Acte gab er seiner ministeriellen Thätigkeit einen glänzenden Abschluß. Seitdem trat der Verewigte politisch nur noch als Oppositionsredner im unga­rischen Parlamente hervor, was aber nicht hinderte, daß er von Kaiser Franz Josef in schwierigen Fragen immer wieder­um Rath gefragt wurde.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Februar. Die beiden bereits in telegraphi­schem Auszug veröffentlichten kaiserlichen Cabinets- Ordres lauten wörtlich:

I. Betreffend die Organisation des Cadetten- Corps 2C.:

Ich erachte es für nothweudig, daß das Cadetten- Corps aus der Grundlage, welche Se. Majestät der Kaiser und König Wilhelm I., Mein in Gott ruhender Großvater, in nie rastender Fürsorge für die Wohlfahrt der Armee durch Einführung des Lehrplanes der Realgymnasien ihm gegeben hat, nach folgenden Gesichtspunkten noch eine weitere Ausgestaltung und Vertiefung seiner Lehrausgabe er­fahren soll:

1) Zweck und Ziel aller, namentlich aber der militärischen Erziehung ist die auf gleichmäßigem Zusammenwirken der körperlichen, wissenschaftlichen und religiös-sittlichen Schulung und Zucht beruhende Bildung des Eharacters. Keine Seite der Erziehung darf auf Kosten der anderen bevorzugt werden. Der wissenschaftliche Lehrplan des Cadetten-Corps stellt aber nach Meinen Wahrnehmungen gegenwärtig zu weitgehende Anforderungen an eine große Zahl von Zöglingen. Die Lehraufgabe muß durch Ausscheidung jeder entbehrlichen Einzelheit, insbesondere durch gründliche Sichtung des Memorirstoffes, durchweg vereinfacht werden, sodaß auch minder beanlagte Schüler bei entsprechendem Fleiße dem Unterricht ohne Ueberanstrengung folgen und den gesummten Lehrgang in der vorgeschriebenen Zeit zurücklegen können. Was der Unterricht hierdurch an Ausdehnung verliert, wird er an Gründlichkeit gewinnen. Nach diesem Gesichtspunkte werden die Lehrer in allen Fächern und aus allen Stufen ihre Methode fortan einzurichten haben.

2) Bei aller Vereinfachung muß der Unterricht indessen noch mehr dahin nutzbar gemacht werden, daß die Cadetten nicht allein die für den militärischen Berus unmittelbar er- sorderlichen Vorkenntnisse und Fertigkeiten gewinnen, sondern auch ein geistiges Rüstzeug erhalten, welches sie befähigt, selber dereinst in der Armee, der großen Schule der Nation, sittlich erziehend und belehrend zu wirken, oder falls sie später in einen anderen als den militärischen Beruf übertreten, auch dort ihren Platz auszusüllen.

FcurUetsn.

Kömgsßeschenke sonst und jetzt.

Vor Kurzem hat der Hauptmann und Cvmpagniechef der Leibcompagnie des 1. Garde-Regimentv zu Fuß, v. ^^kow, den Allerhöchsten Auftrag erhalten, dem Sultan ^4 Trommeln mit allem nöthigen Zubehör als Geschenk zu überbringen, bei welcher Gelegenheit Königsgeschenke, vor fast 200 Zähren ausgctauscht, der Erwähnung werth sein dürften. E- war August II./König von Polen und Kurf,,rst^von Sachse , welcher, wie aus dem Folgenden ersichtlich ist, r5riednch W- Helm L, König von Preußen, beschenkte. Friedrich Wilhelm !., König von Preußen, war bekanntlich em sehr grotzer Solda en- frennd und fand außerordentliches Vergnügen an Leuten von ganz besonderer Länge. Als ihn August II, Komg von Polen und Kurfürst von Sachsen, in Begleitung Friedrich I>. von Dänemark, der von Ftalicn über Dresden gereist kam, be ückste nmchte er es sich zur größten Freude, beiden Monarchen sein Garde-Regimentlanger Gnenadiere zu ,eiqen für welches die längsten Leute aus allen Regimentern aewäblt wurden. König August wandte alles Mögliche auf, um sich den Preußcnkönig für die nordische Allianz mit Ruß­land gcacn Schweden geneigt zu machen, benutzte dazu unter Anderem anch Friedrich Wilhelms Liebhaberei für lange Soldaten und versprach -hm zwölf Grenadiere von seltener Länge, welches Versprechen denn auch bestens angenommen ^"^Rach König Augusts Heimkehr aber, den damals Krieg rind Geldmangel bestürmten, kam die Sache wieder in Vcr- oe ff ent) eit. Erst bei einem Manöver ferner Grands-Mous- Auetairs beim auch August wandte alles Mögliche auf, militärische Cabinet-Exemplare zu besitzen fielen ihm die

nach Berlin verheißenen zwölf großen Grenadiere von seltener Länge wieder ein und j(fort ergingen an mehrere Stadträthe Rescripte folgenden Jnhilts:

Friedrich Au ust, König und Chursürst. Liebe Getreue! Wir haben an Unsere Generalität die Ordre gestellt, diß aus Unseren Landen einige Per­sonen von besoi) er er Länge ausgesuchet und an­geworben werden sollen, welche wir des Königs von Preußen Majestät, als Grenadiere zu schenken, aller- gnädigst entschloßa, als begehren wir rc.

Die verschiedenen Behrden boten nun alles auf, um den Wunsch des Königs zu erfüllen. Das Maß eines An­geworbenen mußte mindester« 3J/4 Ellen betragen, um zur Annahme derBerliner G.rde-Ehrenstellen" zu gelangen. Am besten wirkte das Handz.ld- dasselbe wurde je nach der Länge des Mannes gezahlt. Es wurden 20, 30, 40, 50 und 60 Thaler gezahlt. Eii'w erhielt sogar 68 Thaler und noch ein Anderer, Namens Martin Wobereu, 100 Thaler, dagegen ein gewisser Hans Ticken nur 7 Thaler, entweder weil er selbst Lust zum Solda-nstande oder etwaWerg am Rocken" hatte, das ihm das feuere Bleiben im Lande ver­leidete. Im Ganzen wurden ^.8 Thaler 16 Groschen Hand­geld ausgegebeu. Wo etwa bürgerliche, häusliche oder pecuniäre Schwierigkeiten zu beseitigen waren, trat die Generalität ins Mittel. So zeite zum Beispiel der General Wustromirsky von Nockitting uterin 4. October 1715 an, daß ein gewisser Martin Haubcd, der vordem schon beim Arnstädtischen Cürassier-Regimen gedient, zu Meißen als Maurerlehrling sich habe aufdingu lassen, und dessen Bruder wegen Innehaltung der Lehrzeit me Caution von 20 Thaler stellen müsse. Da nun der Man jung, schön und maß­gerecht war, auch Lust zeigte, sichauwerben zu lassen, wenn man seine Caution wieder erstatte das Maurergewerk und

der Zunftmeister sich bereit erklärt haben, wenn man es, dochohne Consequenz", zu Haubolds Lossprechung durch Rescripte anweise, so erging deßhalb den 11. October 1715 ein Rescript an den Stadtrath zu Meißen, in welchem gesagt wurde, besagte Caution zu zahlen.

Natürlich war ein Dutzend sächsischer Riesen nicht so­fort auszutreiben, denn nicht jeder lange Mann qualificirte sich amtlicher und häuslicher Verhältnisse wegen zumBer­liner Grand-Grenadier". Am 23. Juni 1716 endlich konnten doch schon zwei und am 15. August desselben Jahres drei Mann nach Berlin gesandt werden, welche unter Escorte eines Ober- und Unteroffiziers der Kriegsregimenter über Gräsenhainchen und Zossen, in letzterem Orte einer preußischen Bedeckung übergeben wurden. Jene fünf Mann kosteten an Handgeld und Löhnung, vom Tage der Anwerbung bis zi; dem der Absendung, 226 Thaler 8 Groschen 6 Pfennige, sämmtliche zwölf Mann aber, mit Einschluß der Montur und Armatur, 1267 Thaler 21 Groschen 6 Pfennige.

* Kasernenhof-Bliithen. Unteroffizier:Nun sage ich es aber zum letzten Male! In Reih und Glied hat Nie­mand sich umzusehen und wenn auch hinter Euch der Kaiser von China auf einer Wildsau über den Kasernenhos reiten würde!"

* Die merkwürdige Bouillon. Meister:Hier, Junge, hast ne recht kräftige Tasse Kalbsbrühe." Lehrjunge: Meester, Meester!" Meister:Was denn, Junge?" Lehrjunge:Die Bulljong ist woll von 'n neigeborenes Kalb?" Meister:Warum denn, Bengel?" Lehr- junge:Na, weil se jar keene Oogen hat."

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