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1890

Donnerstag den 20. November

Mr. 271.

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

Die Gießener

^P««ttie»vtLlter werden dem Anzeiger ^ächeutlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Biertelsähriger Avonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mtt Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

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Kchnlstraße Ar.R. Fernsprecher 51.

Amts- und Anzergeblatt suv den Kreis Sieben.

chratisöeilage: Gießener Jamitienßtatter

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den falzenden Tag erscheinenden Nummer bis Sonn. 10 Uhr.

Alle AnnonceN'Bureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher TheU.

Bekanntmachung,

Schafräude zu Trais-Horloff betreffend.

Unter der Schafheerde zu Trais-Horloff ist der Ausbruch -er Räude festgestellt worden. Wir verfügen daher die Sperre Über die Gemarkung Trais-Horloff. Gestattet ist die Aus­führung nur zum Zwecke sofortiger Abschlachtung und nur mit unserer jedesmal einzuholenden besonderen Erlaubniß.

Zuwiderhandlungen unterliegen der gesetzlichen Strafe. Gießen, den 18. November 1890.

- Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Politische ttebevficht.

Gießen, 19. November.

Ein überaus glänzender Kreis von Fürstlichkeiten ist in diesen Tagen anläßlich der Vermahlung der Prinzessin Victoria von Preußen mit dem Prinzen Adolf von Schaum- burg-Lippe am Berliner Hose versammelt. Neben den in Berlin weilenden Mitgliedern des preußischen Königshauses und seinen von auswärts herbei gekommenen Mitgliedern nehmen an den Berliner Vermählungsseierlichkeiren die schleswig-holsteinischen Verwandten des preußischen Königs­hauses, ferner die gesammte fürstlich Lippesche Familie, der Großherzog und der Erbgroßherzog von Hessen, der Fürst von Waldeck, der Fürst von Reuß ä. L... der Erbgroßherzog von Oldenburg, der Fürst von Hohenzollern, das griechische kron- prinzliche Paar, der Herzog und die Herzogin von Connaught, der Herzog von Clarence, die Herzogin von Edinburg mit Töchtern und der Thronfolger von Rumänien Theil. Dre Hochzeitsfestlichkeiten wurden durch die am Montag Abend beim Kaiserpaare stattgesundeue Galatafel eingeleitet, woran sich die Festvorstellung desOberon" im königlichen Opern- haufe anschloß.

Zum dritten Male seit dem Rücktritte des Fürsten Bis­marck ist mit dem Freiherr« v. Lucius, dem bisherigen Minister für Landwirthschaft, ein Mitglied aus dem Verbände des preußischen Staatsministeriums geschieden. Herr v. Lucius hat über 11 Jahre sein wichtiges Amt verwaltet und auch seine politischen Gegner müssen zugebeu, daß er in seinem ausgedehnten Ressort große Sachkenntniß und Begabung ent­faltete und sich um die Förderung der deutschen Landwirth- schast hervorragende Verdienste erworben hat. Wenn trotz­dem nunmehr Herr v. Lucius gegangen ist, so lag dies daran, daß er ungeachtet seiner großen Begabung den mächtigen Zug berneuen Aera" in Preußen und im Reiche nicht richtig zu

erfassen wußte, daß er namentlich an seinem extrem-schutzzöll- nexischen Standpunkte, den er unter dem dominirenden Ein­flüsse des Fürsten Bismarck vom Beginne seiner Minister- thätigkeit an einnahm, festhielt. Hiermit gerieth er aber in Zwiespalt mit der von einflußreichen Factoren getragenen Richtung, die auf möglichste Milderung der noch aus der ver­gangenen Epoche stammenden zoll- und handelspolitischen Ab­sperrmaßregeln in Deutschland zielt und schließlich zog es Herr v. Lucius vor, seine Entlassung zu nehmen, die ihm von seinem königlichen Souverän ohne Weiteres, indessen mit einer hohen Ordensauszeichnung verbunden, gewährt wurde. Zum Nachfolger des Herrn v. Lucius hat der Monarch den seit­herigen Regierungspräsidenten des Bezirkes Frankfurt a. O., v. Heyden, berufen und wurde der neue Minister bereits am Montag vom Kaiser empfangen. Herr v. Heyden hat im Allgemeinen die gewöhnliche Laufbahn eines höheren preußi­schen Verwaltungsbeamten zurückgelegt und gehört Politisch der deutsch-conservativen Partei an, doch ist er politisch bis­lang noch wenig hervorgetreten. Wie sich Herr v. Heyden als Minister für Landwirthschaft zu den landwirthschaftlichen Zollfragen und namentlich zu der angeregten Herabsetzung der Vieh- und Getreidezölle stellen wird, dürfte ja bald zu ersehen sein; da aber Herr v. Lucius wegen seines starren Festhaltens an einer unbedingten Schutzzoll-Politik gehen mußte, so wird sein Nachfolger sicherlich nicht dieselben Bahnen einschlagen. Uebrigens hat die Ernennung Herrn v. Heydens selbst in unterrichteten Kreisen einigermaßen überrascht, da ganz andere Persönlichkeiten als zum Nachfolger des Freiherrn v. Lucius bestimmt galten. Es scheinen demnach in dieser Angelegen­heit gewisse, noch nicht aufgeklärte Vorgänge hinter den politi­schen Coulissen gespielt zu haben.

Die Personalveränderungen in den höheren Commando- stellen der wnrttembergischen Armee scheinen noch immer nicht zum Abschluß gelaugt zu sein. So sind jetzt die bislang nach Preußen commandirt gewesenen württembergischen Generäle v. Grävenitz, v. Sarvey und v. Matter pensionirt worden.

Der schweizerische Bundesrath plagt sich immer wieder mit Vermittelungsversuchen zwischen den Tessiner Liberalen und Clericalen alsehrlicher Makler" ab. In einem länge­ren Schreiben redet der Bundesrath den tessinischen Mitgliedern der in Bern stattgefundenen Versöhnungsconferenzen nochmals ernstlich in's Gewissen und macht zugleich eine Reihe von Vorschlägen für die angestrebte Verständigung. Die Herren aus dem Tcssin sollen die Ergebnisse ihrer Beratungen un­gesäumt dem eidgenössischen Bundescommissar Künzli mitthei- len, welcher hierüber dann an den Bundesrath berichten wird. Was weiter werden soll, wenn auch dieser neuerliche Versuch, die feindlichen Brüder im Tessin zu versöhnen, fehlschlägt, darüber scheint man in den Berner Bundesrathskreisen noch ziemlich im Unklaren zu sein.

In London hat es einen großenFinanzkrach" gegeben und seine Wirkungen lassen sich noch nicht genau übersehen. Die Weltbankfirma Gebrüder Baring hatte sich in beträcht­lichen südamerikanischen Werthen so verspeculirt, daß der Sturz dieses altberühmten Londoner Bankhauses ganz sicher erfolgt wäre, wenn sich nicht ein Consortium erster Londoner Geldinstitute, unter ihnen auch di? Bank von England, zu Gunsten der bedrohten Firma in's Mittel gelegt und ihr Summen, wie es heißt, im Betrage von 15 Mill. Pfund Sterl. zur Verfügung gestellt hätte. Man glaubt, daß Gebr. Baring infolgedessen ihren Verbindlichkeiten werden nachkom­men können, doch soll die Situation aus dem Londoner Geld­märkte noch immer etwas gespannt sein. Die Londoner Vor­gänge wirkten auch aus die Börse von Buenos Ayres sehr bedenklich ein und auch in Montevideo ist die Börse hierdurch stark beeinflußt worden, so daß an beiden Plätzen bedeutende Erregung herrscht.

Deutsche» Reich.

Darmstadt, 18. November. Der Großherzog wird die feierliche Eröffnung des Landtags am 26. November in Person vornehmen und ist daher die vorläufige Constituirung der beiden Kammern für den 25. d. M. in Aussicht genommen.

Darmstadt, 18. November. Dem Bundesrath ist die Berechnung der für 1891/92 auszubringenden Matricular- beiträge zugegangen. Darnach belaufen sich die Matricular- umlagen auf rund 324 Millionen Mk. und hat das Groß- herzogthum Hessen davon 6 404 000 Mk. aufzubringen. Die Ueberweisungen an die Bundesstaaten sind aus 331 353 000 Mk. veranschlagt, wovon 6 765140 Mk. auf Hessen entfallen.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Lorcespondenz-Burcau.

Berlin, 18. November. DerReichsanzeiger" veröffent­licht den bekannten königlichen Schulerlaß vom 1. Mai 1889, die hierauf erfolgten Vorschläge des Ministe­riums vom 27. Juli 1889 und die Verlautbarung der kgl. Provinzial-Schulcollegien. Letztere ist wie folgt eingeleitet: Dem höheren Schulwesen fällt die Aufgabe zu, in noch wirk­samerer Verfolgung der bisherigen Ziele diejenigen Gesell- schastsklassen, welche zu maßgebendem Einflüsse auf das Volks­leben berufen sind, nicht nur mit dem nöthigen Wissen aus­zurüsten, sondern ihnen eine durch auf dem Christemhum und deutschen Volksgeist beruhende Erziehung dauernde Willens­richtung und Characterrichtung zu geben. Wenn als Ergeb- niß des Unterrichts nicht bloß eine höher gebildete, sondern auch geistig gesammelte und sittlich gefestigte Persönlichkeit erstrebt wird, so wird auch alle wissenschaftliche Arbeit in den

Feuilleton.

Das Laiareth auf der Straße.

Von Dr. M. Dyrenfurth.

Wie vortrefflich auf diesem Erdenrund Andere nennen .es ein Jammerthal alles eingerichtet ist, zeigt sich auch darin, daß jegliches Menschenkind sein besonderes Steckenpferd reitet. Wenn alle Welt, gleich der jetzt saft verschollenen Gräfin Melanienur für Natur" schwärmte, wer ginge da noch in die Kunstausstellung? Wenn Jedermann sich aus das Sammeln von Briefmarken, Münzen oder Cigarrenspitzen legte, sa wären längst keine alten Marken, Münzen oder Spitzen mehr aufzutreiben. Wäre alles auf den Schachsport versessen, so blieben die Scattische und die Säle von Monaco leer. Es ist also ein wahres Glück, daß das Princip der Arbeitstheilung sogar auch im Capitel des Zeitvertreibs zur Geltung kommt. Der Eine sucht seine Zerstreuung nach des Tages Last und Hitze in der Kneipe, beim Bier oder poli­tischer Kannegießerei, der Andere im Schooße der Familie- dieser beim Wettrennen, aus der Hasenjagd oder an der Angel­ruthe, Jener als andächtiger Stammgast wie wunderbar! bei allen Land- und Reichstagsverhandlungen. Gewisse Specialitäten, wie z. B. die Lust am Kartenspiel, zerfallen selbst noch in Unterarten: während A. für Scat, B. nur für Whist lebt, umfaßt C.'s Leidenschaft einzig die beiden .Tanten".

Gestehe ich es nur offen, auch ich habe mein Privat­vergnügen. Führt mich mein Geschäft oder die freie Zett aus belebte Straßen, so kann ich nicht anders, ich muß die Gesichter studiren, die mir da ansstoßen. Oft gelingt es mir, aus denselben in einem Secundenbilde Stimmung und Temperament, Leidenschaft und Character ihrer Eigenthümer

zu erhaschen. Als Jünger des Aesculaps Pflege ich aber dabei noch die besondere Liebhaberei, den Vorübergehenden ein Bild ihrer Gebrechen oder Krankheitsanlagen, so weit dieselben sich äußerlich kundthun, abzufangen. Wenn Diogenes auf den Märkten nach Menschen ausguckte, so ist mein Stecken­pferd, nach Kranken zu spähen, und leider habe ich aus meinen Entdeckungsreisen mehr Glück, als mein ebenso sonderbarer Vorgänger- ich brauche dazu nicht einmal das Licht einer Laterne und bin doch stets sicher, auf diesen pathologischen Spaziergängen für meine, ich gebe es zu, höchst kornische Grille die reichste Nahrung, ein wohlgefülltes, mit den in­teressantesten Fällen aus allen Fächern der Medicin ver­sehenes Lazareth, eine wandernde Charite zu finden. Müssen denn die Patienten immer zu Bette liegen? Oft treibt ja gerade Diejenigen, die es am meisten sind, sei es die eiserne Noth oder des Arztes Befehl, sei es ein innerer Drang, aus die Straße. Ein Senator, Gerhardt oder Leyden könnte da eine riesige ambulante Klinik abhalten, Diagnosen aus den Aermeln schütteln, Heilpläne im Nu ausstellen und den Kranken auf den ersten Blick Eisen, Leberthran, Rhabarber, Jod oder allerlei Brunnen- oder Badecuren verordnen, ohne einen Fehl­griff zu thun. Auch ein Billroth oder Bergmann käme da­bei nicht zu kurz. Wie viel krankhafte Geschwülste, gebrochene und verrenkte, in Binden gehüllte Arme und Beine, be­pflasterte Gesichter und verwundete Nasen treiben sich auf der Straße herum!

Meine Haupternte hatte ich in den Mittagsstunden, zu­mal im Frühjahr. In Gestalt von Börsenmännern, Kauf­leuten, Beamten, Schülern, Studenten eilen, spazieren ober schleichen meine ahnungslosen Kunden in das Garn, das ich Arglistiger ihnen ausgespannt halte.

Es hat Zwölf geschlagen. Carawanen fertiger oder an­gehender Backfische kommen, Mappen in der Hand, plaudernd

aus der Schule aber auch aus der Schule plaudernd. Indem ich aus dem einen Plappermündchen die Verheuerung erlausche, der neue Doctor, der heute seine erste Stunde ge­geben, sei doch zu reizend, höre ich aus dem andern dasselbe Prädikat von einem Streich, den Emma Vorlautdem Fräu­lein" durch Verstecken ihrer Brille gespielt. Wie jammer­schade, daß an den meisten dieser verheißenden Menschen- blüthen nur der Mund die künftige Rose verräth! Warum ist ihrem Antlitz schon so frühe des Gedankens Blässe an­gekränkelt? DasBlut und Eisen", von dem unser Zeit­alter strotzt, warum fehlt es unseren Töchtern? Diehöhere Bildung" mit ihren verbes, themes und dictes, mit ihrem Französisch und Englisch, ihrer Musik, Physik, Metrik, Botanik und Literatur verlangt es oder bringt es doch mit sich, daß bei ihnen die Wange ihr Blut, das Auge die Sehkraft, das Rückgrat sein Ebenmaß einbüßt. Betrachten wir nur das Kleeblatt reizender Damen, das uns jetzt in den Wurf kommt, das so eifrig über wichtigeStaatsangelegenheiten" und Stoffe" von höchsterTragweite" debattirt. Wie schön und lieblich sie sind! Ja, holde Frauen und Mädchen zieren nicht nur das Haus, sie machen auch die Straße zum Garten. Aber das Blumenseld müßte nicht so viele Lilien enthalten! Dann hätten freilich alle diese Nervenschwächlinge und Bleich­suchtsengel niemals unterdie höheren Töchter" gehen dürfen. Wie Noth thäte es, ganze Sanitätszüge derselben nach Cu- dowa, Pyrmont, Schlangenbad oder an die Nordsee, das- Institut derhöheren Institute", aber in die letztere zir. befördern!

Die Rosen, die wir bei diesem Theil unserer Patienten vermissen, wir finden sie ach, nur zu reichlich! bei der Jammergestalt, der wir jetzt begegnen. Armer Freund mit dem schmalen Gesicht und den grellen, rothen Flammen daraus und dem Lungenschützer vor den Lippen, du machst..