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Nr. 219.
Samstag den 20. September
1890
Der HKtzever jhqeigtt rrfcheim möglich, »it Ausnahme des NontagS.
Vie Gießener A««ikieuörütier »erden dem Anzeiger wöchentlich dreimal ^eigelegt.
Kießener Anzeiger
Keneral'-Mnzeiger.
Vierteljähriger AfronnemeutspreksL 2 Mark 20 Pfg. m8 Bringerlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Kedaction, Expedttiok und Druckerei:
KchstSratze Ar Fernfprecher 51.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den legenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.
chratisöeikage: Gießener JamikieuökäLLer.
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Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Gießen, den 17. September 1890.
Betr-: Die Berichtigung der Forst- und Feldstrafen von der IV. Periode 1890/91.
Das Großherzogliche KrcisamL Gießen
an die Grotzh. BürgerMeiftereien ve- Kreise-.
Wir beauftragen Sie. al-bald und jedenfalls noch vor Ende dieses Monats in Ihren Gemeinden in ortsüblicher Weife bekannt machen zu lassen, daß die Berichtigung der im Monat September 1890 gerichtlich erkannten Forst- und Feldstrafen in den ersten 25 Tagen des Monats October 1890 und zwar mit Ausschluß des 12., 13. und 14., an die betreffenden Districtseinnehmereien stattzufinden hat und daß nach fruchtlosem Ablauf dieser Frist gegen die säumigen Schuldner das für sie mit Kosten verbundene Beitreibungsverfahren eingeleitet wird.
__________________v. Gagern.__________________
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß den 29. d. M. ein Vieh- und Krämermarkt zu Aich abgehalten werden wird.
Gießen, den 17. September 1890.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
____________________v. Gagern.___________________
Bekanntmachung,
die Veranstaltung von Geldlotterien innerhalb des Groß- herzogthums betreffend
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Vorstand des Stadtkirchenbauvereins zu Friedberg beabsichtigt, zum Zwecke der Gewinnung von Mitteln für die Wiederherstellung der Stadtkirche in Friedberg eine Geldlotterie im Laufe des Jahres 1891 zu veranstalten.
Seine Königliche Hoheit der Grobherzog haben mit Allerhöchster Entschließung vom 31. August d. I. die nachgesuchte Erlaubniß hierzu Allergnädigst zu ertheilen geruht.
Bei der Verloosung ist der vorgelegte, von Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz genehmigte Plan genau einzuhalten, insbesondere dürfen nicht mehr wie 300.000 Loose zu 2 das Stück ausgegeben werden und müffen mindestens 41V2 Procent des Bruttoerlöses aus dem Ve: kaufe der Loose (bei Absatz sämmtlicher Loose 250,000) als Geldpreise zur Verwendung kommen.
Der Vertrieb der Loose im Grohherzogthum ist gestattet. Gießen, den 17. September 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Der landwirthschaftliche Bezirksverein des Kreises Gießen wird
Montag den 22. September 1890 in jungen auf dem Viehmarktsplatze eine Ausstellung von Zuchtvieh, verbunden mit einer Viehpreisoerthellung veranstalten.
An derselben können sich alle im Kreise Gießen wohnenden Viehzüchter mit ihren Zuchtthieren mit Ausnahme der Viehhändler betheiligen.
Prämien werden nur für Zuchtthiere der Vogelsberger Raffe (Reinzucht) und der Simmenthaler Rasse (Reinzucht und Kreuzung) erthellt.
An Geldpreisen hat der landwirthschaftliche Provinzial- verein zur Prämiirung von Simmenthaler Vieh 300 JC. und der landwirthschaftliche Bezirksverein zur Prämiirung von Simmenthaler und Vogelsberger Vieh 500 zur Disposition gestellt. Die Stadt Hungen hat noch weitere 200 zur Verfügung gestellt. Dieser Betrag kann auch zur Prämiirung von außerhalb des Kreises Gießen gezüchtetem Vieh verwendet werden.
Preise werden bewilligt:
1) für Bullen im Alter von einem Jahre und darüber,
2) für Rinder im Alter von einem Jahre ab und für Kühe jeden Alters.
Rur preiswürdiges Vieh wird prämiirt. Sämmtliche auszustellende Thiere müffen bis Morgens 9 Uhr auf dem Marktplatz zu Hungen aufgetrieben sein. Bullen im Alter von 1 Vz und mehr Jahren müffen an einem Nasenring geführt und an demselben auf dem Ausstellungsplatz; angebunden werden.
Gelegentlich der Thierschau kann die Ankörung sprungfähiger Bullen durch die Körcommission statrfinden. Es finden daher Gemeinden und Bullenhalter daselbst günstige Gelegenheit zum Ankauf von Gemeindebullen.
Gießen, den 6. September 1890.
Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen. Jost, Regierungsrath.
Lehrer-Konferenz
des Conferenz-Bezirks Gießen: Mittwoch den 24. Septbr-, Vormittags 10 Uhr, in Gießen. — Lieder 130. 216.
Gießen, den 19 September 1890.
Büchner, Schulrath
Netteste Nachrichten.
Wolffs telcgraphilchcS Eorrefpondenz-Bureau.
Berlin, 18. September. Der „Reichsanzeiger" meldet: Die Besserung im Befinden des an Zellengewebsentzündung j erkrankten Ministers Maybach schreitet stetig, wenn auch 1
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langsam, fort. Der Verlaus war bis jetzt ein normaler. Immerhin wird bis zur gänzlichen Wiederherstellung des Patienten noch einige Zeit vergehen.
Berlin, 18. September. In der heutigen Stadtverordnetensitzung wurde der Antrag Vogtherr verhandelt, der verlangte, die Versammlung solle, mit Rücksicht auf die jüngste Erschießung eines städtischen Einwohners durch einen Militär- Wachtposten, gemeinsam mit dem Magistrat die zuständigen Militärbehörden zu Vorkehrungen gegen derartige Vorkommnisse auffordern. Der Antrag wurde durch eine auf die Jncompetenz der Versammlung hinweisende unmotivirte Tagesordnung abgelehnt. Der Socialist Singer, welcher von Gefährdung des Lebens durch den Muthwillen blutjunger Soldaten sprach und die Aeußerung zurückzunehmen verweigerte, wurde zur Ordnung gerufen.
Dresden, 18. September. Die Handels- und Gewerbekammer äußerte sich zum Gesetzentwurf, betreffend die Abänderung der Bestimmungen der Gewerbeordnung über die Sonntagsarbeit, gutachtlich dahin: Sonn- und Festtagsarbeit möge für das gesummte Gewerke durch Reichsgesetz eine einheitliche Regelung erfahren. Die Kammer sprach sich ferner für das Verbot jeder gewerblichen Arbeit an Sonn- und Festtagen aus, welche ohne Schwierigkeit oder Nachtheil an den Werktagen erledigt werden kann oder nur zur Vermehrung der Waarenerzeugung dient.
Rohnstock, 18. September. Die Kaiser Franz Josef und Wilhelm begaben sich 7^ Uhr reitend in das Manövergelände. Der König van Sachsen ritt um 8 Uhr ab, Caprivi und Kalnoky verbleiben bis morgen in Hausdorf.
Hausdorf, 18. September. Caprivi und Kalnoky begaben sich Vormittags aus das Manövergelände.
Stuttgart, 18. September. Der „Staatsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung des Ministers des Inneren, wonach im Einverständniß mit dem Reichskanzler die Einfuhr lebendiger Schweine aus Bielitz nach den Schlachthäusern von Stuttgart und Ulm, sowie die Einfuhr italienischer Schweine nach Ulm und Stuttgart gestattet wird. Bedingung ist, daß der Transport per Eisenbahn und die Einfuhr über Friedrichshafen, woselbst die Untersuchung durch einen beamteten Thierarzt stattfindet, erfolgt. Weiterbeförderung nach den genannten Schlachthäusern muß unverzüglich erfolgen und die Abschlachtung daselbst findet unter polizeilicher Con- trole statt.
Mannheim, 18. September. Die Hauptversammlung des Gustav-Adolf-Vereins beschloß, die nächste Jahresversammlung in Görlitz abzuhalten.
Hamburg, 18. September. Die Hamburger Bürgerschaft genehmigte endgültig den Antrag des Senats, betreffend die Hafenbauten in Cuxhaven.
Feuilleton.
Eine Tt/eater-Dirtuosin.
Humoreske von Carl Görlitz.
(Nachdruck verboten.)
„Was soll in dieser theuren Zeit, wo das Publikum kein Geld für das Theater übrig hat, aus meinem Geschäfte werden?" seufzte kopfschüttelnd der Director eines bedeutenden Privattheaters in der Residenz, als er den Kassenbericht des vorigen Abends durchgesehen hatte, nach welchem die Einnahmen nicht die Tageskosten, noch viel weniger den Gagenetat gedeckt hatten. — „Geht das so fort, steht der Bankerott vor der Thür- wie ist dem vorzubeugen?"
Natürlich durch einen Agenten.
Das ist sowohl in der Theaterwelt wie in allen übrigen Ständen, wo Geschäfte gemacht werden, ein Stück von der socialen Frage.
Die Producierenden und die für eigene Rechnung Handelnden haben immer mehr oder weniger Sorgen, die Agenten stets den Vortheil- dafür find sie aber auch stets die Heiser in der Noth.
Die Agenten wissen alles, können alles und vor allen Dingen — haben alles zur Verfügung, was gebraucht wird.
Sie verstehen stets, einem in Verlegenheit gerathenen Thcaterdirector, sei demselben ein Liebhaber durchgegangen, eine Localsängerin schmollend heiser geworden oder eine große Novität durchgefallen, augenblicklich zu helfen.
Der Herr Director wirft sich in eine Droschke und fährt zu einem renommirten Agenten.
Er klagt diesem Herrn, dessen Physiognomie ebensoviel vom Fuchs wie vom Wolfe hat, seine Noth und erhält von demselben das zuversichtliche Versprechen augenblicklicher Hilfe,
d. h. einer Zugkraft ersten Ranges, eines Univerialmittels, das Publikum anzuziehen mit der sicheren Perspective, selbst in der Woche Sonntagseinnahmen zu machen.
Augenblicklich ist der Director beruhigt, sein Vertrauen aus den Agenten unerschütterlich.
Ich bitte zu bemerken, daß das Wort „augenblicklich" zwei Lesarten haben kann — es kann bedeuten: „rasch zu Helsen", das wäre sehr schön! Es kann aber auch „nur für den Augenblick helfen" — bedeuten, und das wäre sehr schlimm!
Am anderen Morgen wird dem Herrn Director, als er sich in seinem Bureau befindet, eine Dame gemeldet.
„Angenehm, eintreten lassen!" lautet die Antwort.
Eine sehr große, sehr schöne, sehr elegant und kostbar gekleidete Dame erscheint.
„Ich komme von dem Agenten, welchem Sie gestern kundgethan, daß Sie eine große Künstlerin gebrauchen!"
Der Director springt von seinem Sessel auf.
„Freut mich ungemein," erwidert er mit artigster Verbeugung, „haben Sie die Gewogenheit, Platz zu nehmen!"
„Unnöthig, das zu bemerken," lächelt die Dame hoch- müthig, „das hätte ich von selbst gethan."
Nachlässig wirft sie sich bei diesen Worten auf ein im Comptoir stehendes Sopha, klemmt das Pincenez aus die Nase und starrt den Bühnenchef musternd an.
Dieser, ein wenig außer Fassung gebracht, bezwingt sich im Interesse des Geschäfts, da das ganze Auftreten der schönen Dame, die kostbare Eleganz ihrer Toilette eine große berühmte Künstlerin vermuthen lassen.
„Mit wem habe ich die Ehre?"
Die Dame nennt hochmüthig einen dem Director völlig unbekannten Namen.
„Wollen Sie mich für ein längeres Gastspiel engagiren?"
fragt die Schöne weiter, „ich bemerke, daß ich kein festes Engagement annehme."
„Sie gehen sehr rasch zu Werke," antwortete der Director, „ich pflege mich vorher noch über manches zu informiren, namentlich bei Künstlern, deren Namen wie der Ihre mir noch ganz unbekannt ist."
„Unbekannt!?" zürnte sie, „sechs Monate war ich auf einer Gastspieltour, nachdem mein Onkel mich hier hat ausbilden lassen, ein Jahr hindurch wöchentlich drei Stunden, die Stunde zu sechs Mark. Nun rechnen Sie gefälligst zusammen, was ich dafür gelernt habe,- ich werde Ihnen Proben ablegen, muß mich aber besonders wundern, daß Sie nichts von mir gehört oder gelesen haben wollen, denn ich selbst habe mindestens ein Dutzend brillanter Referate über mich und meine Leistungen an hiesige Fachblätter gesandt und alle baar bezahlt und zwar aus jeder Stadt, in welcher ich einmal aufgetreten bin."
Die Dame nannte einige kleine Provinzialstädte und fuhr dann fort:
„Uebrigens seien Sie versichert, daß ich jede Concurrenz mit den berühmtesten Künstlerinnen — in der Toilette aufnehme, denn das ist am Ende die Hauptsache,- nicht allein das Ohr, auch das Auge des Zuschauers will beschäftigt werden."
„Belieben Sie mich nur gefälligst mit Ihren Talenten bekannt zu machen," fiel der Director der selbstbewußten Künstlerin in die Rede.
„Zahlen Sie mir nur eine gute Gage," entgegnete sie kurz, „und für das Uebrige lasten Sie mich sorgen."
Der Director wurde von diesem sicheren und anspruchsvollen Auftreten der Dame fast eingeschüchtert und sagte ganz kleinlaut:


