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Verkehr,anö- nnö Volk»»r>irtys<haft.

Camille «nd Wermuth. Eines unserer segensreichsten Heilkräuter ist die Camille (Chamomilla officinalis); sie findet nicht nur im häuslichen Kreise vielseitrge Verwenbuna, als vorzügliches Hausmittel gegen Kolik, Krämpfe und rheumatische Schmerzen, zur Heilung von schlecht heilenden Geschwüren und Contusionen, bet Erkältungen als ausgiebig schweihtretbendes Mittel sondern man kann sie in der Viehhaltung ebenso gut benutzen. Tie Fälle, in denen man gezwungen ist, nach Camillenaufguß zu greifen, finden sich im Schweine-, Kälber- und Fohlenftall häufig genug bei Durch­fällen und sonstigen Verdauungsstörungen, als Blähungs- und Wasch­mittel bet Beulen und Verwundungen. Ein mittelgroßes Gut braucht schon eine ganze Menge von Camtllen, wenn allen Ansprüchen, die Hausgenossen, Hofgesinde und Dorfbewohner, sowie die verschiedenen Hausthiere stellen, entsprochen werden soll. Da die gute kleinblättrige und kleinblüthige Arzneicamille auf allen Feldern in ziemlich be­deutender Anzahl vorkommt, so handelt es sich nur darum, zur rechten Zeit, d. h. zur Zett der Blüthe, die ganzen Büsche abzu­pflücken, in nicht $u große Bündel binden und auf einem trockenen luftigen Boden aufhängen zu lassen. Leider fällt die Zett der Camillenernte so ziemlich mit der ersten Roggenernte zusammen und dann haben alle Hände mit der letzteren zu lhun, sodaß kein Mensch an Camtllensammeln denken kann wenigstens glauben das die

jeder Geistliche an allen diesen Bestrebungen unmittelbar betheiligt sein solle; das würde zu einer Vtelgeschästigkeit fuhren, welche dem in Gott gesammelten Sinn, der zur gesegneten Führung des geist­lichen Amts gehört, nur nachtheilig sein könnte. Auch wird an ver­schiedenen Orten bald dieser, bald jener Weg in den Vordergrund treten. In kleinen Gemeinden gestalten sich die Dinge vielfältig anders als in großen, und auf dem weiten Gebiet der Liebesthattg- keit eine Mannigfaltigkeit, welche dem gewissenhaften Ermessen des Einzelnen überlassen bleiben muß. Aber überall wird doch die Auf­gabe des Geistlichen sein, die vorhandenen Nothstände scharf ins Auge ,u fassen, Abhtts- für dieselben zu suchen, die th°U TH-U- nähme der kirchlichen Gemeindeorgane und der besitzenden Gemeinde- glieder daran zu erwecken und ihr die rechte Richtung zu geben. Durch ein solches Zusammenwirken geeigneter Kräfte wird es mit Gottes Hilfe gelingen, den Wühlereien und Verhetzungen zu begegnen, welche nur dazu dienen, die Selbstsucht zu steigern, die Leidenschaften zu entflammen, vaterlandslose Gesinnung zu "freiten und die Arbeiter auf Bahnen zu drangen, welche ihnen selbst zum Unheil aus schlagen^ nMe^ott, auch diese Rathschläge gereichen lasse zur Ehre Seines Namens, zur Mehrung Seines Reiches und zum Wohl unseres geliebten Vaterlandes!

Evangelischer Ober-Ktrchenrath.

Hermes.

Abschrift. Berlin, den 17. April 1890.

An die Geistlichen unserer evang. Landeskirche.

Die sozialistischen Bewegungen in den sog. arbeitenden Klassen, welche gegenwärtig eine so große Ausdehnung und einen für das aesammte Volkswohl so bedenklichen Character angenommen haben, sind schon längere Zeit Gegenstand unserer eingehenden Erwägungen gewesen Das Ergebniß glauben wir den Geistlichen unserer evan­gelischen Landeskirche nicht länger vor enthalten zu dürfen, zumal Seine Majestät der Kaiser und König öffentlich auch die Mithulfe der Kirche zur Förderung des Wohls der betreffenden Volksschichten und zur Bewahrung derselben vor grundstürzenden Jrrthümern in Anspruch genommen hat. Auch sind, wohl infolge davon, in der evangelischen Landeskirche in mannigfacher Weise und an verschie­denen Orten darauf gerichtete Bestrebungen bereits hervorgetreten. Wir freuen uns dieser Anregungen, wünschen ihnen thunlichste Er­weiterung und gesegneten Fortgang, möchten aber doch dazu bei­tragen daß jede Einseitigkeit und Zersplitterung dabei vermieden werde Denn nur, wenn die evangelische Kirche alle ihre lebendigen Kräfte zum Gebrauche der ihr zu Gebote stehenden Mittel zielbewußt rufammenfaßt, wird sie den ihr von Gott zugewiesenen Einfluß bei der Ueberwindung der socialen Gefahren in fruchtbarer Weise zu Üben ^rmogttn wtr hierbei nicht vergessen, daß unsere Kirche nicht berufen ist, die sociale Frage an sich zu lösen oder sich sur irgend welches in Vorschlag gebrachtes oder in der Uebung befind­liches wirtbschaftliches System zu entscheiden, sondern sie bat ledig­lich die Aufgabe, die religiös-sittlichen Voraussetzungen hervorzurufen, zu befestigen und zu vertheidigen, ohne welche kein Weg zum Ziele führt die vorhandenen Verirrungen nicht beseitigt und Ordnungen, welche Bestand versprechen, nicht geschaffen werden können.

Diese Aufgabe ist um so großer, als gerade die relrgrös-sitt- lichen Antriebe es sind, welche der jetzigen Bewegung völlig fehlen. Die Wortführer derselben legen es sogar darauf an, die letzten Reste davon aus den Herzen zu reißen. Selten oder nie ist die christliche Religion so gehaßt, verunglimpft und dem Spotte preisgegeben worden, als es in den betreffenden Kreisen geschieht. Und wie man die Religion nicht will, so auch die Religionsgemeinschaft nicht. Das socialdemokratische Zukunftsbild des öffentlichen Gemeinwesens hat keinen Raum für eine Kirche. Das Lebensgluck sucht man in mög­lichst vielen materiellen Gütern und Genüssen. Verbesserung der äußeren Lage, nicht des inneren Lebens tft's, was man erstrebt. An den Fundamenten eines christlichen Familienlebens wird gerüttelt Das Verhältniß zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern wird vergiftet- Mißtrauen wird gefäet, und Haß gegen die bestehende Ordnung wird geerntet. Die Pietät stirbt dahin. Der religiöse

* Heidelberg, 15. Juni. Ein trauriges Ereigniß, dem ein junges Mädchen aus unserer Stadt in dieser Woche zum Opfer fiel, wird bekannt. Ein Metzgerbursche, der seit etwa fünf Jahren hier in verschiedenen Stellen die Zufrieden­heit seiner Meister erworben hatte, unterhielt seit einiger Zeit ein Liebesverhältnis; mit einem braven hübschen Mäd­chen und beabsichtigte, dasselbe demnächst zu heirathen. Er hatte dem Mädchen und dessen Mutter (einer Wtttwe) die Verhältnisse seiner Eltern sehr günstig geschildert und bat seine zukünftige Schwiegermutter um die Erlaubniß, seine Braut nach seiner Heimath Witten in Westfalen zu bringen, um sie seinen Eltern vorzustellen. Nach einigem Wider­streben wurde ihm dies bewilligt und das junge Paar trat die Reise an. Vom Niederrhein gab das Pärchen gute Nach­richt. Andern Tages erhielt die hiesige Witrwe dreimal Nachricht von dem Bräutigam ihrer Tochter. Zuerst schrieb er, seine Braut sei in den Rhein gesprungen, er habe sie aber gerettet- sie läge jedoch zu Bett. Die zweite Nachricht lautete, die Braut sei wiederholt in den Rhein gesprungen. In der dritten Nachricht schrieb er, daß er seine Braut ins Wasser gestürzt habe, und zwar aus folgenden Gründen: Er habe gelogen, er habe keine wohlhabenden Eltern, son­dern nur eine arme, längst verwittwete Mutter, und da er befürchtet, wenn die Braut dies erführe, so würde ste ihm wegen seiner Armuth und wegen der Lüge den Laufpaß geben und etwa einen Andern heirathen. Das aber konnte er nicht . ertragen und so habe er sie, da er sie einem Anderen nicht gönnte, in den Rhein gestürzt und ertränkt. Er hat sich, nachdem er noch einige Tage umherirrte, der Behörde gestellt und wird wegen Mord proeessirt werden. Die Leiche ist nach bisher hier eingetroffenen Nachrichten noch nicht gefunden worden.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 16. Juni. Die Nr. 6 des Verordnungs- ! blctttes für die evangel. Kirche des Großherzogthums Hessen enthält das nachstehende AusschreHen Großh. Obereonsistonums, betreffend die soeialdemokratische Bewegung:

Schon in unserem Ausschreiben in Nr. 5 von 1890, betreffend die Feier des allgemeinen Buß- und Bettages, haben wir auf den Ernst der Zeit und das Umsichgreifen der sozialdemokratischen Idem hingewiesen Voraussichtlich wird sich beides noch erhebltflste gern, wenn sich mit Ablauf und Nichterneucrung des Socialistengefetzes der "olle Strom der focialdemottotifchm Agitation in Wort und Druck über das ganze Land und in bis letzt noch unberu^t ge­bliebene Gebiete verbreitet. Die Freunde der Kirche, des Staa s und der bestehenden Gesellschaftsordnung dürfen d-m nicht mutzig zufehen, fonbern haben sich zu rüsten, um mit allen .hnen u G-- bote stehenden Waffen des Geistes hiergegen zu färnpfem Di fe Er­wägungen haben dem Preußischen Ober-K rchenrath den Anlaß ge­geben, das hier unten abgedruckte Ausschreiben »u erlasstn, dem wir uns nur in jeder Beziehung anfchließen können. IndemI wir Ihnen seinen Inhalt zur Nachachtung empfehlen, fugen wir noch folgenoe Btmerkungen^an^ ^ts hat bezüglich seiner politischen Partei- tifteüung eine ganz besondere Vorsicht zu üben : die Ausübung der ihm in dieser Beziehung zustehenden all gern em en staatsbürgerlichen Rechte findet ihre Schranke in der Rücksicht darauf, daß er der Pfarrer aller seiner Gemeindeglieder ist und daß er sich keinen Theil hiervon durch unvorsichtige oder gar schroffe Parteistellung und Parteithatigkeit entfremden darf. Dies schließt eine ganz entschiedene Stellungnahme gegenüber der Socialdemokratie, d ^. gegenüber ihrem System und ihren Lehren, nicht aus, zumal es sich hierbei nickt blos um Bestehen und Umsturz der dermaligen Eigenthumsverhaltniffe handelt, sondern die Socialdemokratie theils direct ausgesprochen, theils stillschweigend, aber in notwendiger Folperichtigkett ihrer Grundprincipien den Staat, die Kirche, die Ehe, die Familie be­seitigen will. So wenig diesem System gegenüber ein Nachgeben denkbar ist, so wenig folgt aus der gegnerischen Stellung der Kirche zur Socialdemokratie eine feindliche Stellung des Geistlichen zu den einzelnen sog. Socialdemokraten seiner Gemeinde. Meist werden es, wenigstens in den ländlichen Gemeinden, gar keine eigentlichen Socialdemokraten sein, obgleich sie vielleicht sick selbst dafür hatten, so nennen und auch bei Wahlen socialdemokratisck stimmen; sie sind vielmehr nur Arbeiter, glauben in der Socialdemokratie (deren Wen Qieie ihnen klug verhüllt werden) und in dem socialdemokratischen Wahlcandidaten die stärkste Sicherung ihrer Interessen zu finden und handeln demgemäß. Vielfach halten sich solche sog. Socialdemo- kraten zur Kirche und es fällt ihnen gar nickt em, ihr und ihren Einrichtungen untreu zu werden. Es versteht sich von selbst, daß der Geistliche solchen Leuten nicht unfreundlich entgegen zu treten bat. Aber -auch nicht den weiter gehenden Socialdemokraten, die er als irre geleitet betrachten und eben so freundlich als entschieden wieder zurecht zu leiten suchen muß. Es bedarf da allerdings eines großen Tactes, die richtige Grenze zu finden, daß man nicht durch entschiedenes Bekämpfen des Systems die Leute zu treffen und daß man nicht durch mildes Benehmen gegen die Leute ungehörige Nach­sicht gegen das System zu üben scheint.

Was die Bekämpfung der focialdemokratischen Lehren betrifft, so muß die Regel bleiben, daß sie am wirksamsten erfolgt durch positive Förderung des Christenthums. Allein wie die Dinge sich allmählich gestattet haben, ist e9 damit allein nicht gethan. Der Geistliche muß so viel Kenntnisse der einschlagenden Fragen haben und dialectisch so gewandt sein, daß er bei sich bietender Gelegenheit, außerhalb der Kirche und Kanzel, im Stande ist, soctaldemvkratischen Aeußerungen und Reden von Gemeindegliedern und von Sendlingen siegreich entgegen zu treten. Es erübrigt ihm deshalb nur, diese Fragen in dem Umfange zu ftudiren, wie es zu solchem Zweck er­forderlich ist. Es wird ihm dies bet feiner allgemeinen Vorbildung außerordentlich viel leichter fallen, als den Durchschnittsagitatoren der Socialdemokratie. Es verlangt dies auch keine ihn von seinem nächsten Beruf abziehende Studien; denn es giebt literarische Hilfs­mittel genug, um sich über diese Frage genügend und doch ohne allzugroße Schwierigkeiten zu unterrichten. Solche Bucher empfehlen sich insbesondere (etwa in mehreren Exemplaren) zur Anschaffung für die Dccanatsbibliotheken. Zu Angabe geeigneter Werke sind die Superintendenten auf Anfragen bereit.

Gleichzeitig bemerken wir, daß die Stellung der Kirche zur Sozialdemokratie sowohl auf den Pastoralconferenzen, als in den Decanatssynoden in biefem Jahr zum Gegenstand der Verhandlung gemacht werden soll. In letzterer Beziehung wird noch besondere Verfügung ergehen. _ r. ---

Dr. Goldmann. Eckhardt.

Citeratur unfc Ihrnft

Katechismus de« Pädagogik. Von Lic. Dr. Friedrich Kirchner, Oberlehrer am Kgl. Realgymnasium zu Berlin. VI und 159 Seiten. In Original-Leinenband. Preis 2 Mk. Verlag von I. I. Weber in Leipzig.

Dieser soeben erschiencne Katechismus der Pädagogik befaßt sich nicht mit den Lehrzielen der Schule oder den verschiedenen Methoden des Unterrichts und der Vertheilung des Lehrstoffes auf die einzelnen Klassen, sondern nur mit den allgemeinen Gesetzen der Erziehung und des Unterrickts und ist jomit in erster Linie für die Eltern bestimmt. Wir finden in dem vortrefflichen Buche eine Darstellung der harmonischen Erziehung, welche die verschiedenen Thätigkeiten und Bedürfnisse nicht nur des Geistes, sondern auch des Leibes berücksichtigt, denn nur in einem gesunden kräftigen Körper kann der Geist Tüchtiges leisten, und neben dem Verstände bedürfen auch Gemüth und Character gründlicher Durchbildung. Der Verfasser hat in engem Rahmen die wichtigsten Fragen der Erziehung be­handelt und beherzigenswerthe practische Winke gegeben, sodaß der aufmerksame Leset reichen Stoff zum Nachdenken und Handeln findet. Das brauchbare Buch sollte in feiner Familie fehlen und kann nicht genug empfohlen werden. *

Im Verlage der Buchner'scheu Verlagsbuchhandlung in Bamberg ist soeben eine interessante Novität über »Cberammet* aa« «nd sein Pasfionsspiel" als 15. Bändchen der im gleichen Verlage herausgegedenenBayerischen Bibliothek" erschienen. Text von Dr. Karl Trautmann, illustrirt von Peter Halm. 110 Seiten stark mit 30 flotten Illustrationen. Preis 1 JL 40 Der äußerst billige Preis dürfte dieser vielversprechenden Novität, die unter der gelammten Oberammergauer Literatur, sei sie osficiell oder nicht osficiell, in jeder Beziehung durchaus concurrenzlos dasteht, in den weitesten Kreisen Eingang verschaffen. Bis jetzt ist bereits die "dritte Auflage nöthig geworden.

Autoritätsglaube ist aufgegeben, aber den Wortführern wird blind- I j Ungs Folge geleistet. Eine allgemeine Verhetzung der betreffenden Volksklassen ist im Gange.

Und dies alles hat eine Ausdehnung gewonnen, daß es sich j nickt mehr um die Verirrung einzelner, wenn auch zahlreicher Preise, sondern um eine von unten nach oben steigende Erkrankung der Volksseele handelt. Bereits sehen wir, wie davon auch solche Kreffe ergriffen, dem Chriftenthum entfremdet, der Frömmigkeit und ihren Hebungen entwöhnt, der Leugnung Gottes und der übersinnlichen Wett zugeführt werden, welche bis dahin von solchen Abwegen sich ferngebalten haben. Damit verbindet sich eine Zerbröckelung des Bürgerthums, dessen untere Schichten theilwerse bereits in das locial- demokratische Lager überzugehen beginnen und dm dortigen Ein­flüssen meisgegeben werden. Auch findet man die Bewegung mit allen ihren Folgen nicht blos in den Industrie- und Kohl-nbezirk-n nicht blos unter den Fabrik- oder Bergarbeitern, sondern auch das Handwerk ist davon bereits h-img-sucht, und aus dem platten Lande und in der dienenden Bevölkerung haben bie bezüglichen Irrlehren bereits eine beklagenswerthe Verbreitung gefunden. Bei den Aus­ständen und in den Volksversammlungen steht die erwachsene Jugend, welche nichts zu verlieren hat, in vorderster Reihe und zieht die Aelteren mit fort, trotzdem baß biefelben ihr unb ihrer Familim Elend vor Augen sehen. Unb dieses alles ist um so bedenklicher, als man geneigt ist, mit Gewalt zu erzwingen, was man aus anderem Wege nicht zu erreichen vermag, unb als man mahnt, baß man die Wfl^tÄUftebt bie evangelische Kirche gegenüber: sie kann unb barf nicht ruhig zusehen, baß ganze Volksschichten ihr unb bem Evan­gelium, 9bad sie verkünbet, entfrembet, ihre Sitten zersetzt und christenthumsseinbliche Strömungen zur Herrschaft gebracht werden Andererseits muß sie auch dahin wirken baß den berechtigten Bebürfnissen ber Arbeiter Befriedigung geschafft, der Ausbeutung ihrer Kraft unb berjenigen ber Ihrigen gewehrt, durch thunlichstes Entgegenkommen ber Besitzenden jede Erweiterung des Zwiespalt s zwischen ihnen und ben Besitzlosen verhinbert, unb bie Beseitigung ber vorhandenen Kluft wenigstens angestrebt werbe.

Auf wen soll unsere Kirche bei bieten schwierigen Ausgaben nächst ihrem himmlischen Haupte ihr Auge richten, wenn nicht aus ihre Diener? Wir verkennen nicht, baß bie Geistlicken unserer Lanbeskirche, jeber nach seinem Vermögen unb zum Theil unter schwierigen Verhältnissen, schon bisher bie Pflichten A^s Berufes zu erfüllen bemüht gewesen unb. Allein ie ernster bk Zeit, desto größer wirb auch bie Verpflichtung und die Verantwortlichkeit des geistlichen Amtes. Wir bebünen zu ihrer Erfüllung keiner neuen Mittel. Wort Gottes unb Sacramente bas Erstere, wenn es lauter unb rein verkünbigt wirb, bie Zweiten, wenn ste einsetzungs­gemäß verwaltet werben, haben von ihrer rettenben, bewahrenden, beseligenden Kraft noch nichts verlorm: die Liebe, die sich ausmacht, das Verlorene zu suchen ober bem Verirrten zurecht ju helfen, ift auch heute eifrig unb erfolgreich am Werke; bie Kunst, Gottes Wort recht zu theilen, Allen bas Eine unb Jebern das Seine zu geben, bringt nach wie vor ihre Früchte; bie öffentliche Predigt, die kate- chetischen Unterredungen, bie specielle Seelsorge lauter Bestand- theile ber geistlichen Amtsthätigkeit - üben noch immer, wenn recht gehanbhabt, ihre herzandringenbe, erweckenbe unb erbauende Kraft. Svllen aber bie Entfrernbeten wieber lernen, bie Kirche zu suchen, so muß zuvörberst bie Kirche bie Entfxembeten suchen, unb zwar in bem heiligen Mitleiben, welches frembe Noth, auch frembe Schulb mitfühlt, als ob es bie eigene wäre. Darum liegt heutzutage das Schwergewicht auf ber speciellen Seelsorge, und es kann nicht genug beklagt werden, daß im Laufe ber bisherigen Entwickelung unb an­gesichts ber zum Theil Übermäßigen Größe der Gemeinden, sowie bei dem Mangel an geistlichen Kräften gerade diese Thatigkeit nicht völlig zu ihrem Rechte gekommen ist. Je umfassender dies in Zu­kunft geschehen wird, desto leichter wird es fein, den Herzen nahe zu kommen. Zwei Losungen müssen sich badet begegnen. Wir suchen nicht bas Euere, fonbern euch bies bie Eine. Alles ist euer, rhr aber seid Christi bies bie Andere. Darum hat auch ber Geist­liche nicht blos bas Interesse ber kirchlichen Gemeinbeorgane für alle biefe Zwecke zu erwecken, fonbern auch sonst in ber Gemeinbe selbst lebendige Hilfskräfte aus beiden Geschlecktem zu suchen. Die Einrichtung ber Gemeinbepflege burch Diakonissen bebarf ber Er­weiterung; Frauenvereine sollen mit ihrer ergänzenben Thätigkeit berselben zur Sette gehen. Die so bebeutungsvolle Rückwirkung ber ' Kinbergottesbienfte (Sonntagsschulen) auf bie Familie ist zu pflegen unb zu sichern; bie kirchliche Armen- unb Krankenpflege, nicht im gesetzlichen, sonbern im evangelischen Geist geübt, hat zerrissene Banbe . wieder anzuknüpfen; bie Errichtung von Krippen, Kinberbewahran-

, statten vor und nach begonnenem Schulunterrichte ist geeignet, ben

> Eltern, insbesondre ben auf Arbeit abroefenben Müttern, viele Sorge ' abzunehmen; die Bilbung von Jünglings- unb Jungfrauen-Vereinen, von Strick- unb Nähschulen bies alles kann unter ber verstän­digen Leitung eines Geistlichen zum Mittel werben, nicht blos ihn selbst ben verschiebens Volksschichten, fonbern auch bie verschiebenen Stänbe untereinanber näher zu rücken. Die Verbreitung guter Schriften hat schon bisher einen großen Umfang angenommen unb ist von beträchtlichen Erfolgen begleitet, aber einer noch viel größeren Erweiterung bedürftig und fähig; namentlich gehört auch bie Für­sorge für Lectüre periobischer einschlagenber Blätter hierher (wie Arbeiterfreunb, Sonntagsblatt, Sonntagssreunb unb begleichen mehr). Nicht minder ift es von großer Wichtigkeit, die confirmirte unb be­reits in bie Arbeit mit eingetretene Jugenb zu angemessener unb an- regenber Geselligkeit zu sammeln, wie benn auch für Erwachsene bie in rascher Entwicklung begriffene Bilbung von Arbeitervereinen aufs Angelegentlichste empfohlen werben muß. Wo irgenb möglich, ist es auch in den Städten, wie auf bem Laube zu versuchen, baß ber Geistliche in freien Versammlungen, oerbunben mit Rebe unb Gegen- rebe, ben Arbeitern unter bie Augen tritt unb Vorurtheile zerstreut. Fehlt einem Geistlichen bie Gabe bazu, so finbet sich unter ben übrigen Geistlichen einer Diözese wohl einer ober ber anbere, ber für ihn eintreten kann. Nöthigenfalls mögen sich auch Geistliche unb Nichtgeistliche miteinanber oerbinben, um unter einhelligem Zusam­menwirken in Gottesbiensten, Conserenien unb sonstigen Versamm­lungen Aufklärung über bie einschlaaenben Fragen zu verbreiten unb die Gewissen zu schärfen. Unter allen Umftänben aber, namentlich auf bem Lanbe, erachten wir es als eine befonbere Pflicht ber Geist­lichen, in unb außer ben Conferenzen die Volksschullehrer vor ben In Rede stehenben Verirrungen zu behüten unb ihre Mitwirkung zur Bekämpfung berselben zu gewinnen.

Zu allebem hat, wie sich bas wohl von selbst versteht, bie kräftige Unterstützung aller Bestrebungen unb Vereine ber inneren Mission, biefer treuen Helferin ber Kirche, zu treten. Zugleich aber wollen wir nicht unterlassen, barauf hinzuweisen, baß ein evangelischer Geistlicher auch ben auf allgemein menschlichem Gebiete sich bewegen- ben Wohlfahrtsbestrebungen unserer Zeit, wie ben Vereinen zur Her­stellung gesunber Arbeiterwohnungen, ben Volksküchen, Siechen- unb Feierabenbhäusern unb bergleichen nicht kalt ober gleichgittig gegen­überstehen barf. Die Förberung ber materiellen Wohlfahrt ber Arbeiter unb ihrer Familien ift auch eine ber Voraussetzungen für bie Hebung ihres religiös-sittlichen Lebens.

Wir beuten nur an; aber auch aus biesen wenigen Andeu­tungen ergibt sich sckon, welche Fülle von Mitteln unb Wegen bem geistlichen Amte zu Gebote steht, um seinerseits mitzuhelfen, baß bie Kluft zwischen Besitzlosen unb Besitzenben geschlossen, ber unheimliche Geist ber Verbitterung übermunben, bas ungebulbige unb gewalt­same Drängen nach unklaren Zielen gezügelt unb so ben drohenben Gefahren für bie gesellschaftliche Orbnung unb bas gefammte Volks­leben vorgebeugt werbe. Es ist dabei nicht unsere Meinung, baß

Freitag den 20. Juni. (Siebener Anzeiger Beilage zu Rr. 140. - 1890