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Rr. 296.
Freitag den 19. December
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Hü-ttrer A«zeiger erscheint täglich, eit Ausnahme deS Montag».
Di« Gießener »«MittenßtSti», Werden dem Anzeiger WAcherttlich dreimal deigelegt.
Gießener Anzeiger
Kmerat-Mnzeiger.
1890.
SterWljLhriger JtowÄttnt*UfttSBS 2 SD?art 20 Pfg. trö Bringerlohn. Durch die Post bez»g«v 2 »art 60 Pfg.
Redaction, Lxpedttt«? nnb Druckerei:
Fernsprecher 51.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Nreis Giefzen.
»«nahm« los Anzeigen zu der Nachmittag, für den £ At>itftM» Elle Annoncen-Bureaux de. In- und Auslandes n^M
falgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. ^gplimSiWll4l|jC» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgege«.
Amtlicher Lheil.
Gießen, den 16. December 1890. Betr.: Die Jnvaliditäts- und Altersversicherung.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Zu einer Besprechung über die AusMrung des rubr- Gesetzes laden wir hierdurch
1) die Großh. Bürgermeister des Kreises aus den Amtsgerichtsbezirken Hu n gen. Nidda und Laubach auf Gam-tag den 27. Deren der 1890, Nachmittags 2 Uhr, in den „Solmser Hof" zu Hungen, Referent: Regierungürath Jost;
2) die Großh. Bürgermeister des Kreises aus den Amts- gerichtsbezirken Grünberg und Homberg auf Samstag den 27. December 1890, Nachmittags 2Uhr, in den „Englischen Hof" (Wagner) zu Grünberg , Referent: Regierungs - Assessor Schliephake;
3) die Großh. Bürgermeister aus dem Amtsgerichtsbezirk Gießen auf Montag den 29. Dc- eember 1890, Nachmittage 3 Uhr, in das RegierungSgebLude auf dem Brand, Referent: Regierungsrath Jost;
4) die Großh. Bürgermeister aus dem Amtsgerichtsbezirk L i ch und Butzbach auf Montag den 29. December 1890, Nachmittags 2 Uhr, in die H e i l a n dssche Wirthschaft zu Lich, Referent: Regierungs-Assessor Schliephake
ein.
Zugleich wollen Sie zu dem Termin die Vorstände der Krankenkassen, sowie der örtlichen Jnvaliditäts- und Mers- versicherungsstellen einladen und bekannt machen lassen, daß zu den Verhandlungen Jedermann, soweit der Raum reicht, der Zutritt gestattet ist.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 17. December. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Major und Bataillonscommandeur Emmerich vom 2. Großh. Infanterieregiment (Großherzog) Nr. 116, den Major Werner von demselben Regiment, den Kreisbaumeister Neuling aus Gießen.
Darmstadt, 17. December. Se. Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: am IO. December de» Oberconsistorialrath Dr. Karl Sell auf sein Nachsuchen, mit Wirkung vom 1. April 1891 an, aus dem Dienste zu entlassen.
Feuilleton.
Die verlorene Puppe.
Weihnachtserzählung von Fritz Eusebtu?.
(Nachdruck verboten.)
„Bitte sofort einzusteigen! Schnett!" sagte der Schaffner, die Coupethür noch ein letztesmal öffnend, „der Zug wird gleich abgehen!"
Die junge Dame, welcher diese Weisung galt, hatte sich verspätet und mußte sehr zufrieden sein, überhaupt noch einen Platz zu erhalten. Mit leichter Grazie schwang sie sich auf biy Trittbrett und stand im Innern des Wagens. Der begleitende Gepäckträger reichte noch schnell die ansehnliche Zahl ter Weihnachtspackete hinein.
„Dar—rf ich den gr—roßen Vorzug genießen, dem gnädigen Fräulein behilflich zu sein?" schnarrte ein gegenüber sitzender, blutjunger Lieutenant, indem er die aufkeimenden, aber bereits sehr wohlerzogenen Bartenden, welche er zärtlich gelicbkost hatte, eilig fahren ließ, und die zierliche Reisetasche sehr diensteifrig ergriff. Denn der Lieutenant v. Ferten hatte der Schönheit gegenüber jederzeit ein besonders menschenfreundliches Herz und war im Erkennen weiblichen Liebreizes schon als Portepesähnrich von schnellster Iu-ssassung gewesen trotz des so vermaledeiten sonstigen sG-amcnpechS".
Die junge Dame dankte indessen ziemlich kurz und ord- Mk die mancherlei Gepäckgegenstände eigenhändig mit so viel Geschicklichkeit und Sorgfalt, daß weder die Mitreisenden noch sie selbst besonders davon belästigt wurden. Jetzt nahm sie Pie letzte Schachtel, um sie gewandt unterzubringen.
Darmstadt, 17. December. Seine Königliche Hoheit der Groß Herzog haben Allergnädigst geruht, am IO. December den Professor an dem Predigerseminar zu Friedberg Dr. Heinrich Adolf Köstlin zum geistlichen Mitglied und Rath bei dem Oberconsistorium, mit Wirkung vom 1. April 1891 an, zu ernennen.
Darmstadt, 16. December. Das heute ausgegebene Großh. Regierungsblatt Nr. 49 enthält: Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, die Ausführung des Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes, hier die Versicherung unständiger Arbeiterinnen, die Befreiung vorübergehend Beschäftigter von der Versicherungspflicht, sowie die Entwerthung und Vernichtung von Marken betreffend.
Berlin, 16. December. Die Einkommen st euer- ComMission nahm den von ihrer Subcommission vorgeschlagenen Steuertarif an, nach welchem die Steuer bei 30 500 Mark Einkommen 3°/0 beträgt und von da an derartig steigt, daß sie bei 100000 Mk. Einkommen 4°/0 erreicht. Bei 36 000 Mk. erreicht der Procentsatz der Steuer S1/^ bei 56 OOO Mk. 31/., und bei 84OOO Mk. 3^. Die Paragraphen 18—19 (Ermäßigung der Steuersätze) wurden mit Anträgen des Abg. Christophersen ebenfalls angenommen. Nach denselben soll bei Vorhandensein von drei oder mehr Familiengliedern unter 14 Jahren jedenfalls eine Ermäßigung um eine Stufe stattfinden, und bei Einkommen von nicht über 9500 Mk. überhaupt eine Ermäßigung der Steuersätze um höchstens drei Stufen gewährt werden. — Die Commission vertagte sich hieraus bis nach Weihnachten.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Torrespondenz-Bureau.
Berlin, 17. December. Dem Reichsanzeiger zufolge wohnte der Kaiser der heutigen Schlußsitzung der Schulfragen- Co nferenz bei- in derselben wurde folgendes beschlossen: 1. Das Reisezeugniß eines Gymnasiums berechtigt zu sämmt- lichen Facultätsstndien einschließlich jener des medicinischen Berufs, sowie zu höheren technischen Fachstudien; letzternfalls ist das Reisezeugniß des Gymnasiums durch den Nachweis der Fertigkeit im Zeichnen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften zu ergänzen. 2. Das Reisezeugniß der neunstufigen realistischen Schule berechtigt zu Universitätsstudien in der Mathematik, den Naturwissenschaften (einschließlich des höheren Bergsachs) und dem Bausache- das Zeug- uiß ist ergänzbar durch den Nachweis der Bildung in den alten Sprachen, wodurch die Berechtigung zu Facultäts- studien erlangt wird. 3. Das Reisezeugniß der höheren sechs- klassigen Schule berechtigt zum Eintritt in den gesummten Subalterndienst und zum Dienst als Einjährig-Freiwilliger-
für letzteren ist auch das Reisezeugniß für die Obersecunda der neunklassigcn höheren Schule genügend. 4. Dem Inhaber eines Reifezeugnisses von irgend einer nennklassigen höheren Schule soll es möglich sein, durch ein während der Studien abzulegendes Fachexamen auch die Zulässigkeit zu Staatsprüfungen zu ~ erlangen. — Der Kaiser dankte der Conserenz für die ausgewandte Arbeit und Mühe und betonte die Bedeutung des Religionsunterrichts. Der Ches des Civilcabinets des Kaisers, Wirklicher Geheimer Rath Dr. Lucanus verlas hierauf eine Cabinetsordre, in welcher die Bildung eine«? Ausschusses zur Prüfung des Materials und zur practischen Ergänzung desselben durch die Besichtigung besonders guter Schulanstalten gefordert wird. — Die Einführung des neuen Lehrplans ist für Ostern 1892 in Aussicht gestellt. Eine Neuregelung der Rang- und Gehaltsverhältnisse der Lehrerschaft wurde für unerläßlich bezeichnet. — Fürstbischof Dr. Kopp dankte zum Schluffe dem Kaiser für die von ihm ergriffene Initiative. An dem daraus folgenden Frühstücke nahm der Kaiser theil, sich mit den Anwesenden lebhaft unterhaltend.
Berlin, 17. December. Der Mittags im Bürgersaale des Rathhauses zur Stellungnahme gegenüber dem Volksschulgesetzentwurf zusammengetretene brandenburgische Städtetag nahm den von Oberbürgermeister Fritsche (Charlottenburg) empfohlenen Antrag an, das Haus der Abgeordneten um Ablehnung des Gesetzentwurfs zu bitten, da derselbe die bürgerlichen Gemeinden unverhältniß- mäßig belaste und ihnen zugleich jeden Einfluß auf das Schulwesen vollständig entziehe.
Berlin, 17. December. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des Ministerialdirectors Schultz im Arbeitsministerium zum Wirklichen Geheimen Rath mit dem Prädikat Excellenz.
Wien, 17. December. Die „Presse" meldet: Bei den ö st erreich isch-deutschenVertragsver Handlungen muß der Text des bisherigen österreichisch-ungarischen Handelsvertrages einer Revision unterzogen werden. Zu diesem Zweck tritt demnächst die österreichisch-ungarische Zollconserenz, bestehend aus Vertretern des Eisenbahnwesens der beiderseitigen Handelsministerien, zusammen, um die auf den deutsch- österreichischen Handelsvertrag bezüglichen Fragen des österreichisch-ungarischen Eisenbahnverkehrs zu erörtern und die erforderlichen Instructionen für die österreichisch-ungarischen Unterhändler festzustellen.
— Morgen Mittag wird der Kaiser die hier eintreffende niederländische Mission behufs Entgegennahme der Notificirung des niederländischen Thronwechsels empfangen.
Wien, 17. December. An dem heutigen Hofdiner zu Ehren des Erbgroßherzogs von Luxemburg nahmen
„Welch seltenes Glück, wieder einmal weibliche Jugend und Schönheit als Reisegenossinnen zu haben!" ließ sich der galante Sohn des Mars entzückt und hochaufathmend wieder vernehmen. „Seit Einführung der Damencoupes paffiert0 unsereinem solch Vergnügen nicht mehr . .
„Die Damencoupss kommen anerkanntermaßen einem wirklichen Bedürfniß entgegen," ließ sich plötzlich ein zweiter Herr hören, der in der anderen Ecke saß, einem kleinen, fünfjährigen Mädchen gegenüber.
Fräulein Gertrud wandt den Blick nach 'der Ecke und bemerkte einen feingekleideten Herrn, Mitte der Dreißig, dessen hübschgeschnittenes Gesicht ein brauner Vollbart wunderbar harmonisch umgab. Sie warf unwillkürlich einen zustimmenden Blick hinüber, in welchem deutlich zu lesen stand: Sie haben Recht, mein Herr, ich weiß auch nicht, wie ich in dies Rauchcabinet gekommen bin.
Der Herr schien sie zu verstehen und warf die Cigarre zum Fenster hinaus. Der Lieutenant aber bemerkte: „Habe gar nichts dagegen, wirklich gar—r nichts, mag reifen darin, wer will. Wenn es aber der Zufall einmal gnädig mit unsereinem meint —"
,/Dars ich das Fenster schließen?" unterbrach die junge Dame die Ansicht etwas absichtlich.
„Was hast Du denn in Deinen vielen Packeten, Tante? Hat sie Dir der Weihnachtsmann für Deine Kinder gegeben?" ließ sich plötzlich das dunkle Lockenköpfchen aus seiner Ecke vernehmen, indem es die braunen Aurikelaugen sehr neugierig auf Fräulein Gertruds Einkäufe richtete und wie ein zutrauliches Vögelchen näher herankam.
„Freilich hat sie mir der Weihnachtsmann gegeben! Möchtest Du sie sehen?"
„O gern!"
Fräulein Gertrud öffnete ein paar Packete und ließ die Kleine einen Blick in die kunterbunte Weihnachtsherrlichkeit hineinthun.
„Wie schön! Aber das große Packet, Tante, dort! Was ist darin?"
Fräulein Gertrud zog den Bindfaden auf und schlug die verschiedenen Papierhüllen sehr sorgsam auseinander. Aus der letzten, sehr sauberen Hülle von Seidenpapier kam eine reizende Puppe, wie ein glänzender Schmetterling, zum Vorschein.
„Ein Puppenkind! O, wie schön!" rief Klein-Martha entzückt. „Sieh doch, Papa!"
Der stattliche Herr in Civil warf einen freundlichen Blick auf sein Töchterchen, das ihm wie aus den Augen geschnitten war, und sagte lächelnd: „Solch schöne Puppe gibts in der ganzen Welt nicht weiter, Marthakind, die hat der Weihnachtsmann ganz allein für die Tante aufgehoben."
„Ich will aber keine andere, nein! Auch feine Balldame und wenn sie auch ein Blumenbouquet und einen Facher hat. £),- nur ein Puppenkind!" erklärte Klein-Martha mit aller Bestimmtheit eines einzigen, verzogenen Töchterchens, indem die Kleine die sehr chic, aber kindlich gekleidete Puppe reichlich mit Küssen bedeckte, die sogar nicht ganz ohne Sputen blieben. Das Weiß und Roth schien nicht echter als daß rouge einer Ballschönheit.
//Du wirst das Puppenkind verderben und Tante sehr- böse machen," versuchte der wohlerzogene Papa tadelnd zu strafen, indem er gleichzeitig besorgt, aber ziemlich ungeschickt seine Reisedecke zur Erwärmung über die Knie des Töchterchens breitete. Klein-Martha machte indessen ihre Füßchen alsbald strampelnd wieder frei und blickte prüfend in Fräulein Gertruds Augen. Aber sie sah in ein Antlitz, so hold, freundlich und lieb, daß die augenblickliche Furcht wieder


