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Nr. 244. Zweites Blatt. Sonntag den 19. October
1890
Gießener Anzeiger
Heneral-Mnzeiger
Amts- «nd Anzeigeblatt für den' Ureis Gieren.
chraiisöeilage: Gießener JamilienKfäiter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« Anzciqen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schulstraße Ar.V.
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Vierteljähriger Aöouuementspreiar 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.
Die Gießener
AamitieuStLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Der
Hteßeuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.
Lheil.
Gießen, am 16. October 1890.
Betr: Die Ausführung der allgemeinen Bauordnung; hier die Rauhbaurevisionen.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürg,rwriftereien der Landgemeinden deS KretseS.
Nach Artikel 77 der allgemeinen Bauordnung vom 30. April 1881 sind die Bauenden verpflichtet, Ihnen von der Beendigung des Rohbaues genehmigter Bauten und Feuerungsanlagen vor dem Beginn der Verputzarbeiten Anzeige zu machen, damit zur Prüfung der plan- und vor- schristsgemäßen Ausführung des Bauwesens eine Besichtigung desselben durch den Bezirksbauaufseher vorgenommen und je nach dem Ergebniß weitere Verfügung getroffen werden kann.
Da dieser Bestimmung seitens der Bauenden vielfach nicht entsprochen wird, woraus denselben mannichfache Nachtheile erwachsen, so weisen wir Sie an, alsbald diese Verpflichtung durch ortsübliche Bekanntmachung in Erinnerung zu bringen, sowie etwa säumige Anzeigepflichtige noch besonders auf dieselbe aufmerksam zu machen.
Gleichzeitig erwarten wir von Ihnen, daß sie unverzüglich nach empfangener Anzeige dem zuständigen Bezirksbauaus- seher um Vornahme der Revision ersuchen.
v. Gagern.
Eine Entschädigung für unsere Industrie.
Die „Deutsche volkswirthschastliche Correspondenz" hat schon wiederholt darauf hingewiesen, daß an unsere Industriellen durch die socialpolitischen Gesetze Anforderungen herangetreten sind, wie sie bisher keinem anderen Erwerbszweige im gesummten Lande auch nur annähernd zugemuthet wurden. Unsere Großindustrie hat alle diese Opfer gern getragen und nicht ein einziges Mal etwaigen Unmulh laut werden lassen; dagegen wurde von sachverständiger Seite allerdings daraus hingewiesen, daß das Tragen dieser enormen Neubelastung unserer Industrie jetzt ja vielleicht möglich sei, allein was solle daraus werden, wenn einmal wieder schlechte Zeiten einträten, wie in den siebziger Jahren, wo viele Werke nur producirten, um ihre Arbeiter zu erhalten und oftmals sogar noch zusctzen mußten?
Diese Frage blieb offen. Wenn wir ihr heute wieder näher treten, so geschieht es, weil neuerdings in den öffentlichen Blättern mehrfach von Compensationen für die Großindustrie die Rede war wegen der großen Lasten, die ihr in Folge der socialpolitischen Gesetzgebung aufgebürdet seien und zwar sollte kein geringerer die Initiative in dieser Sache I
ergriffen haben, als unser Kaiser Wilhelm selbst. Würde dieser Vorgang ganz der überaus liebevollen Fürsorge entsprechen, von welcher unser Kaiser stets für das Gedeihen aller Zweige der öffentlichen Thätigkeit der Nation erfüllt ist, so würde Kaiser Wilhelm gleichzeitig auch einen erneuten Beweis seines hohen Gerechtigkeitssinnes dadurch geben.
Es sind vornehmlich zwei Wege, welche zur Entschädigung unserer Industrie für die Mehrbelastung durch die socialpolitischen Gesetze zu Gebote stehen: einmal die Erhöhung der bestehenden Einfuhrzölle, andererseits eine Ermäßigung der Frachtsätze für Rohmaterialien und Fabrikate. Was zunächst die Erhöhung der Einfuhrzölle anlangt, so wäre es unseres Erachtens in der gegenwärtigen kritischen Zeit, wo das Abläufen einer größeren Zahl von Handelsverträgen vor der Thür steht, wohl nicht am Platze, gerade jetzt einseitig mit Zollveränderungen vorzugehen. Fassen wir dagegen die Ermäßigung der Eisenbahnfrachtsätze näher ins Auge, so haben wir ein Gebiet vor uns, aus dem noch sehr viel Nützliches geleistet werden kann.
Während vor der Verstaatlichung des Eisenbahnwesens in Preußen die -Concurrenz der Privat- und Staatsbahnen unter einander in die Bewegung der Gütertarife regulirend eingriff, und obwohl diese Concurrenz keine absolute war, da die Privatbahnen ihren Localverkehr vielfach monopolartig beherrschten, dieselbe sich im durchgehenden Verkehr oft in recht wohlthuender Weise geltend machte und manche Gewerbszweige diesem Wettstreit die große Ausdehnung ihres Absatzes zu verdanken gehabt haben, ist mit der Uebernahme der Eisenbahnen auf den Staat die Wettbewerbung der einzelnen Bahnlinien um den Erhalt von Transporten fortgefallen und das absolute Staatsmonopol in seine Herrschaft getreten. Der Staat, im Besitz aller Hauptverkehrslinien, kann heute die Eisenbahnfrachten also nach seinem Gutdünken regulären und erreicht damit einen hohen Einfluß auf die Verkehrsund Absatzverhältnisse aller Industrien, ja seine Frachtpolitik ist für die letzteren jetzt oft wichtiger und von einschneidenderer Bedeutung als die Zollpolitik, deren Wirken durch die Frachtpolitik sogar unter Umständen ganz illusorisch gemacht werden kann.
Neben den geschilderten Erfolgen hatte aber die Concurrenz der Privatbahnen große Mißstände für die heimische Production herbeigesührt. Es fehlte vollständig an einer einheitlichen Tarispolitik,- einerseits waren gewisse Gegenden und Industriezweige vor anderen in hohem Maße begünstigt, andererseits wurden durch Differentialtarife und andere Maßnahmen ausländische Transporte auf eine künstliche Weise ins Land gezogen. Diese Anomalien zu beseitigen war also eine der ersten Aufgaben der Staatsverwaltung. Neben dieser ausgleichenden Thätigkeit besteht aber eine nicht minder
wichtige Aufgabe der Eisenbahnfrachtpolitik darin, die heimische Industrie durch billige Frachten in ihren Productionsbedingungen zu begünstigen, soweit dies mit den finanziellen Anforderungen der Staatsverwaltung irgend vereinbar ist. Handelt es sich hierbei einmal um die billige Zufuhr von Rohstoffen und Materialien zur Verarbeitung, so ist andererseits der billige Transport der Fabrikate nach allen Punkten und nach den Grenzen des Landes, speciell nach den Seehäfen, ein dringendes Erforderniß. Daß in letzterer Beziehung bei uns noch weit mehr geschehen kann und muß, ist längst allgemein anerkannt und täglich aus den Klagen ersichtlich, welche unsere Industrie über die theuren Transportpreise und die dadurch herbeigeführte Erschwerung der Concurrenz mit dem Auslande führt. Leider hat die preußische Staatsbahnverwaltung den betreffenden Wünschen unserer Industrie noch erst wenig Gehör geschenkt- möchte man in Hinblick aus die große Mehrbelastung, welche den Industriellen nach und nach durch die socialpolitische Gesetzgebung erwachsen ist, jetzt endlich den berechtigten Klagen derselben willfahren, und für Rohproducte, wie Brennmaterialien und Fabrikate ermäßigte Tarife einführcn- ein finanzieller Ausfall der Staatskasse wäre dadurch wohl kaum zu befürchten, da die Thätigkeit der Industrie neu belebt, die Transporte vermehrt und die Ausfuhrverhältnisse erheblich gebessert werden würden.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 17. October. Seine Königliche Hoheit der Großherzog wohnten heute Vormittag einer Felddienstübung des 1. Großherzogl. Jnfanterie(Leibgarde)Regiments Nr. 115 bei und sahen bei dieser Gelegenheit den größten Theil der gegenwärtig beim Regiment eingezogenen Reservisten und Ersatzreservisten.
Darmstadt, 15. October.. (Gründung eines Pen- sionssonds für die evangelischen Geistlichen.) Die Abgeordneten Dr. Weiffenbach, Dr. Ree und Schäfer haben bei der Landessynode den Antrag eingebracht: „Großh. Oberconsistorium zu ersuchen, dasselbe möge bald thunlichst die Maßregeln ergreifen, welche zur Gründung eines eigenen Pensionsfonds für die evangelischen Geistlichen der hessischen Landeskirche erforderlich erscheinen." In der Begründung ist als unerläßliche Vorbedingung des so nothwendigen Pensionsgesetzes die Schaffung eines Pensionssondes hervorgehoben, welcher zur Zeit nicht besteht. Für die Art, wie ein solcher Fonds zu schaffen sei, werden gewisse Andeutungen gegeben. Abgesehen von den Erträgen aus dem Verkaufe der biblischen Geschichte und des Gesangbuches, komme die staatliche Beihilfe in Betracht. Was in anderen Ländern und Landeskirchen in dieser Hinsicht möglich gewesen, das dürfte bei
FersMeton.
Moderne Piraten.
Nautische Sctzze con Fr tedi ich Meister.
(Fortsetzung.)
Zwei Tage später gingen wir unterhalb der Stadt Kertsch zu Anker. Nach einer Stunde kam der Agent an Bord, ein mit alberner Eleganz gekleideter Grieche von widerlich schmeichelnden Manieren.
„Sie brauchen das Schiff nicht viel zu erleichtern, Capitän," sagte derselbe, „der Canal ist ausgcbaggert worden, so daß Sie sich bequem hindurchschleppen lassen können. Ich bleibe an Bord, bis wir binnen sind."
Wir warteten auf die Leichtersahrzeuge. Es wurde dunkel. Der Agent und der Schiffer waren in die Cajüte gegangen. Das Skylight (Oberlichtsenster) stand offen. Ich ging mir nackten Füßen dicht heran.
,/Jch sage Ihnen, daß ich nicht an Deck bleibe, wenn es geschieht," hörte ich Hammer mit unterdrückter Heftigkeit rufen. „Das brächte mich um. Ich will die Arbeit am Lande übernehmen und den Bericht ans Consulat schreiben.
„Ah bah, Capitän, Sie haben ein viel zu zartes Gewissen. Thun Sie aber, was Sie wollen. Moro wird die Sache schon besorgen. Aber lassen Sie uns im Karten- Häuschen weiterreden, hier könnte einer Ihrer Offiziere uns belauschen."
Ich schlüpfte eiligst nach vorn, ries den Bootsmann und hieß ihn ein Segel über mich decken, während ich mich auf dem Dach des Kartenhäuschens ausstreckte.
Der Capitän und der Levantiner kamen langsam heran,
um in der dumpfigen, kleinen Bude ihr Gespräch fort- zusetzen.
//Und wie viel beansprucht Leonidas?" fragte Hammer.
„Sie zahlen ihm achttausend Pfund Sterling, dann sorgt er auch noch dafür, daß Ihr Bericht gehörig beglaubigt wird. Sie ziehen einen Wechsel aus Hamburg, die Bank von Kertsch djscontirt denselben^ dann bezahlen Sie Leonidas und er und Ihr Freund Hippel finden sich mit der Ver- sicherungsgesellschast ab. Sie selber erhalten von mir fünfhundert Pfund Sterling und dann haben Sie mit der Sache nichts weiter zu thun."
Hieraus und aus den nachfolgenden Reden ersah ich, daß der Besitzer der Bark, der rechtschaffene Hippel, der Spießgeselle einer Bande von Spitzbuben war, die der ehemaligen Korsarengilde an Verschmitztheit und Gemeingefährlichkeit noch ein ganzes Theil überlegen waren. Dieselben arbeiten nach folgendem Plan: Die Schiffe werden durch die erkauften Lootsen auf den Strand gefahren, der Capitän fürchtet sein Fahrzeug zu verlieren und zahlt eine enorme Summe an ein organisirtes Rettungscorps, welches die Ladung theil- weise löscht und das erleichterte Schiff wieder abbringt. Diese Unkosten haben die Versicherungsgesellschaften zu tragen und die Spitzbuben theilen sich in den Raub. Hippel stand mit den Piraten unter einer Decke und sein Capitän hatte sich einverstanden erklärt, die Bark den Händen der Räuber zu überlasten, deren Ches wiederum den Rheder gut dasür bezahlte, daß derselbe ihm das Plünderungsrecht gewährte. Auf diese Weise kam außer den Versicherungsgesellschaften Niemand zu Schaden und alles ging dem Anscheine nach ganz rechtmäßig und natürlich zu.
Nachdem ich die Sache durchschaut hatte, suchte ich den Bootsmann in seiner Kammer auf und verabredete mit ihm unseren Actionsplan.
Der Lootse kam an Bord und wir machten am Schleppdampfer fest. Der Kerl war unbewaffnet. Ich wich keinen Schritt von seiner Seite. Nach einer Weile erschienen an der Steuerbordseite eine Anzahl Leichterfahrzeuge und ein zweiter Schleppdampfer.
Ich sah den Capitän erbleichen.
„Ich gehe einen Augenblick in die Cajüte," sagte er zu dem Lootsen. „Sie finden den Weg ja wohl auch ohne mich."
Der Grieche nickte lächelnd.
Das Fahrzeug hielt nach Steuerbord ab.
„Bootsmann!" rief ich. Das war das verabredete Zeichen.
Der Bootsmann rannte die Treppe hinunter, schloß den Capitän in die Cajüte ein und stellte sich mit einer Handspake als Wachtposten davor.
Der zweite Steuermann, den wir in letzter Stunde ins Vertrauen gezogen hatten, schnitt die Fangleine deS Lootsenbootes ab und ich sprang auf den Lootsen selber zu, packte ihn an der Kehle und hielt ihm den Revolver vors Gesicht.
„Sowie die Bark den Grund berührt, schieße ich Dich todt, Du Hund!" sagte ich. „Ich weiß, was Ihr vorhabt, also richte Dich danach."
(Schluß folgt.)
* Schusterjunge im Krämcrladen: „Jeben Se mich 'ne vejetar'sche Wurscht!" — Krämer: „Was willst Du haben? Drücke Dich doch gefälligst deutlicher aus." — Schusterjunge: „Na, ja doch, 'ne vejetar'sche Wurscht will ick- waS man so vor jewöhnlich 'ne — saure Jurke nennt!"


