1890
Samstag den 19. IM
Rr. 165
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger
Amts- uttb Anzrigeblatt für den Nveis Gieren.
chratisöeitage: Gießener Kamikienötätter
Amtlicher Theil.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den 'olgenden Tag erscheinenden Nummer bis Sonn. 10 Uhr.
Die Gießener
IsmitienblLlter wetbm dem Anzeiger »Lchentlich dreimal beigelegt.
Der
Lietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
— Fürst Bismarck gedenkt sich kurz nach dem 20. d. M. von Friedrichsruhe zunächst nach seinem Stammgute Schönhausen zu begeben, welches er längere Zeit nicht mehr gesehen hat. Ueber die ferneren Reisedispositionen des Fürsten Bismarck ist noch nichts Näheres bekannt.
— Die Krankheit des Reichscommissars v. Wißmann macht es immer unwahrscheinlicher, daß derselbe innerhalb einer gewissen Zeit nach Ostasrika zurückkehrt und wird daher, sicherem Vernehmen nach, Premierlieutenant v. Gravenreuth, der ja schon bislang die rechte Hand Herrn v. Wißmanns war, die Stellvertretung desselben übernehmen. Herr v. Gravenreuth beabsichtigt, schon in nächster Zeit die Rückreise nach Ostafrika anzutreten. Die bekannte sreimüthige Kritik, welche Herr v. Gravenreuth an dem deutsch-englischen Vertrage ausübte, scheint also seiner dienstlichen Stellung durchaus nichts geschadet zu haben.
— Ueber eine angeblich im August oder September bevorstehende Zusammenkunft des Reichskanzlers v. Caprivi mit dem Leiter der auswärtigen Politik Oesterreich-Ungarns, dem Grasen Kalnoky laufen die wiedersprechendsten Nachrichten um. Alle diese Meldungen sind daher mit Vorsicht auszunehmen, obwohl ja ein Zusammentreffen zwischen Herrn v. Caprivi und dem Grasen Kalnoky sehr wahrscheinlich ist.
Alle Annoncm-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Derstsctzes Reicy.
nn. Darmstadt, 17. Juli. Se. Königl. Hoheit der Großherzog.traf gestern Vormittag von Schloß Wolfsgarten dahier ein und übernachtete im Großherzoglichen Schlosse. Heute Morgen früh begab sich derselbe zu Pferde auf den Griesheimer Schießplatz, um dem vor dem commandirenden General des XI. Armee-Corps stattfindenden Versuchsschießen mit neuen Granaten beizuwohnen.
Berlin, 17. Juli. Mehr und mehr macht sich der Einfluß der sommerlichen Ruhepause in der innern Politik geltend und immer geringer wird darum auch die Ausbeute 'an nur einigermaßen wichtigeren Nachrichten aus diesem Gebiete. Begreiflich erscheint es daher, wenn in einer solchen Zeit politischer Ebbe manchen Vorgängen ein größeres Interesse entgegengebracht wird, als dies vielleicht unter andern Verhältnissen der Fall wäre. Dies gilt besonders von der im Wahlkreise Kaiserslautern - Kirchheimbolanden bevorstehenden Reichstagsersatzwahl, zu welcher sich die verschiedenen Parteien aus allen Kräften rüsten, um das durch die Ernennung des Herrn Dr. Miquel zum preußischen Finanzminister sreige- wordene Mandat zu erringen. Die Wahlbewegung nimmt, was die Aufstellung der Candidaturen anbelangt, den vorauszusehenden Gang, denn die Demokraten des genannten Wahlkreises candidiren wieder ihren alten Führer, Herrn Grohe- Hambach, für den auch die Freisinnigen gleich im ersten Wahlgange stimmen wollen, während die Socialdemokraten wiederum mit eigenem Candidaten vorgehen. Die Centrumspartei scheint noch nicht schlüssig zu sein, ob sie sich den Luxus einer eigenen Candidatur gestatten oder gleich für Grohö stimmen soll und die Conservativen endlich haben Wahlenthaltung beschlossen. Höchst wahrscheinlich wird es zu einer engeren Entscheidung zwischen dem nationalliberalen Candidaten, Herrn Brunck, und dem demokratischen Candidaten kommen, bei welcher die Aussichten des letzteren offenbar die günstigeren sind.
Netteste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Aachen, 17. Juli. Dem Vernehmen nach hat die Mehrzahl der Arbeiter an der neuen Eisenbahn Herzogenrath-Nordstern wegen niedriger Löhne die Arbeit eingestellt.
Zürich, 17. Juli. Die Todtenfeier Kellers, der bekanntlich die Verbrennung seiner Leiche angeordnet hat, erfolgt auf Kosten der Stadt Zürich. Zur Theitnahme an der Feier sind zahlreiche Abordnungen aller Cantone eingetroffen ; der Bundesrath ordnete den Bundeskanzler Ringier ab. Dem Vernehmen nach hinterläßt Keller mehrere unvollendete Werke, sein Vermögen hat er dem Winkelriedfond zu Gunsten der Hinterlassenen verunglückter Soldaten vermacht.
Wien, 17. Juli. Einen Artikel des montenegrinischen Blattes „Glas Crnagorza" über die Zurückweisung serbischer Schweine und Getreides an der ungarischen Grenze sowie über das Verhalten der österreichisch-ungarischen Regierung
keinen Antheil habe- ich werde zu ihm zurückkehren, müßte ich mir auch in dem fremden Lande das Geld für die Fahrt mit meiner Hände Arbeit verdienen."
„Wenn Du wieder zu Deinem Vater willst, so kann ich Dir das freilich nicht verwehren," erwiderte er mit großem Gleichmurhe, „nur möchte ich Dir bemerken, daß es für ein einzelnes Mädchen keine so leichte Sache ist, das Geld für die Reise zusammenzubringen. Du wirst also besser daran thun, wenn Du Dich mit mir zu halten suchst, denn Du weißt, daß ich Dich ganz gut leiden kann, Kleine, und wenn Du nur einigermaßen verständig bist, sollst Du es nicht schlecht bei mir haben. Aber geht denn die Geschichte noch immer nicht voran?" sagte er mit einem Male heftig, ohne sich an das vor Empörung leichenblaß gewordene Gesicht seiner Begleiterin im Mindesten zu kehren. „Das wird ja ganz infam spät, bis wir abreisen. Es wird doch wohl nichts Besonderes geschehen sein!"
„Sie allein sind die Ursache, daß die Abreise noch nicht stattgesunden hat, Herr Emil Müller!" sagte in diesem Augenblicke eine tiefe Stimme zu dem ersteren, während eine Hand sich schwer aus seine Schulter legte.
Emil fuhr bei dieser Anrede zusammen und drehte sich rasch um und auch Sophie hatte unwillkürlich dasselbe ge- than. Vor sich erblickte sie drei ernste Männer, darunter einen stattlichen Herrn von etwa fünfzig Jahren, der sie mit unbeschreiblichem, schmerzlichem und dabei doch unendlich zärtlichem Ausdruck betrachtete. Einen leisen Schrei stieß sie bei diesem Anblicke aus, und sie wäre unfehlbar zusammengebrochen, wenn nicht der alte Herr rasch herbeigeeilt wäre und sie in seinen Armen ausgefangen hätte.
Während er zwischen den ehrerbietig zurückweichenden Passagieren hindurch seine Last von dem Schiffe weg und nach dem festen Lande trug, beschäftigten sich die beiden anderen Männer mit Emil, der keinen Blutstropfen mehr im Gesichte hatte und an allen Gliedern bebte.
„Sie heißen Emil Müller?" srug ihn der eine, der ihn am Handgelenk gepackt hatte und dasselbe mit eiserner Kraft umschlungen hielt. .
Gießen, am 15. Juli 1890.
Betr.: Die allgemeine Bauordnung für das Großherzogthum Hessen, II. Theil, bearbeitet von F. Pfaff, Rechtsanwalt in Darmstadt.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an Großh. Polizeiamt Gießen und die Großh» Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß in dem Verlage von I. Diem er in Mainz ein 2. Th eil des Werkes: Die allgemeine Bauordnung für das Großherzogthum Hessen, bearbeitet von F. Pfaff in Darmstadt, erschienen ist. Dieser Theil enthält die Gesetzes- und Verordnungs-Novellen, Mini- sterialausschreiben, die hauptsächlichsten neueren Local-Baustatuten und -Polizeireglements nebst einer tabellarischen Ueber- ficht und einem ausführlichen Sachregister. Laut Mittheilung der Verlagsbuchhandlung beträgt der Preis pro Exemplar bis zum 1. Januar 1891: 3 «X 50 von da an 4
Wir empfehlen Ihnen die Anschaffung dieses Werkes mit dem An fügen, daß wir bereit sind, bis zum 1. August d. I. einlausende Bestellungen zu vermitteln.
v. Gagern.
Der Verbrecher vermochte als Antwort nur mit dem Kopse zu nicken.
„In diesem Falle verhaften wir Sie," fuhr der erstere fort, „wir sind Beamte der geheimen Polizei."
Ein unheimliches Knacken ließ sich hören und gleich darauf schritt Emil Müller mit zu Boden gesenkten Augen und schlotternden Knieen zwischen den beiden Polizisten dem Ufer zu.
Kaum hatten sie das Ufer betreten, als abermals die Dampfpseife sich hören ließ. In einem Nu waren die Taue gelöst, ein Rauschen und Wühlen im Wasser begann am Hintertheile des Schiffes und stolz und majestätisch fuhr der „Westerland" der Mitte des Stromes zu, während die Auswanderer aus ihm ein lautes und fröhliches Hurrah ausstießen.
Zwei Tage später saßen in einem Coupe 1. Klasse des von Antwerpen nach Deutschland fahrenden Schnellzugs ein älterer Herr und ein junges Mädchen allein zusammen. Das letztere sah sehr blaß und angegriffen aus uud mit zärtlicher Besorgniß ließ der erstere häufig seine Blicke auf dem feinen bleichen Gesichte ruhen.
Aber seine Gefährtin schien diese Blicke überhaupt nicht zu bemerken. Theilnahmlos starrte sie hinaus aus das im Fluge an ihr vorüberziehende landschaftliche Bild, wobei ihre Miene einen immer schmerzlicheren, zuletzt saft verzweifelten Ausdruck annahm.
„Kind, was ist Dir nur ?" frug er mit wirklicher Angst, indem er seinen Arm um sie schlang. „Kannst Du denn wirklich jenen unglückseligen Menschen noch immer nicht vergessen, kannst Du nach dem Vorgefallenen denselben in der That Aoch lieben?"
Statt aller Antwort warf sie sich stürmisch an seine Brust und verbarg schluchzend ihr Haupt an derselben.
„O, guter, bester Vater," stammelte sie endlich, „Du bist noch immer so unendlich gütig gegen mich, aber gerade der Gedanke, daß ich diese Güte nicht verdient habe, der drückt mich mit fürchterlicher Gewalt zu Boden. Jenen Menschen verachte und verabscheue ich heute, nur mit tiefstem Entsetzen
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Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Großh. Bürgermeister Friedrich Klinkel von Ruttershausen zum OrtsgerichtSvorfteher und Stande sbeawteu ernannt und diesen Eigenschaften verpflichtet worden ist.
Gießen, den 16. Juli 1890.
Grobherzogliches Amtsgericht.
Fresenius.
Gießen, am 15. Juli 1890.
Betr.: Verminderung der rabenartigen Vögel und der Eichhörnchen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
au die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Soweit Sie unseren Verfügungen vom 23. und vom 30. April l. I. — Kreisblätter Nr. 95 und 101 — noch nicht nachgekommen sind, erinnern wir Sie an Erledigung binnen 8 Tagen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Zu Ebsdorf, Kreis Marburg, ist in zwei Gehöften Maul- und Klauenseuche ausgebrochen.
Gießen, den 16. Juli 1890. >
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Feuilleton.
Eine einfache Geschichte.
Von G. Slruder.
(Schluß.)
„Gott sei Dank, endlich geht die Reise vor sich," ries Emil aus, in dessen Augen es lriumphirend aufleuchtete und dessen Brust wie von einer schweren Last befreit sich hob, „endlich sind wir aus jeder Gefahr und können sorglos mit dem Gelde Deines guten Vaters ein munteres Leben führen. Komm, gib mir einen Kuß, mein Schatz, und dann gehen wir in die Cajüte und trinken ein Glas guten Wein aus die Gesundheit des Herrn Steiner, dessen Schätze uns diese fröhliche Reise ermöglichten."
„Emil, was sollen diese Worte bedeuten?" frug Sophie entsetzt, indem sie ihn mit weit ausgerissenen Augen anstarrte. „Du sagtest mir doch, daß Du so viel erspart hättest, um uns drüben eine Existenz begründen zu können."
„Erspart habe ich freilich einiges Geld," lautete die von einem lauten, höhnischen Lachen begleitete Antwort, „aber da man mit sünszigtausend Mark schon eher sich eine Existenz gründen kann, als mit fünfhundert, so war ich so frei, den fehlenden Betrag aus der Kasse Deines Vaters zu entnehmen. Mache Dir hierüber weiter keine Sorgen, mein Engel, denn Dein Vater kann das Geld leichter verschmerzen als wir, und außerdem warst Du mir ja auch zur Erlangung jener Summe insofern behilflich, als Du mir den Schlüssel zu der Kasse zu verschaffen wußtest, in der ich etwas Wichtiges nachzusehen hatte, wie ich Dir damals mit sehr schönen und wohlerdachten Gründen begreiflich machte."
„So bist Du also ein Dieb, ein Verbrecher!" brachte das junge Mädchen kaum hörbar hervor. „O, Gott, und erst in dieser Stunde kommt mir diese Erkenntniß, wo ich nicht mehr von dem Schiffe fortkommen kann! Aber jetzt kann ich nicht mehr bei Dir bleiben, ich muß zurück zu meinem Vater, um seine Verzeihung mir aus den Knieen zu erflehen und ihm wenigstens zu sagen, daß ich an jenem Verbrechen
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Der F-Hyrek für eine J Pfg.
Der Vorstand.
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"Kommando.
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Stttitt mit dem Piston- iS btt NlseHm Kllpck, Dtrtn E Krauste.
Sbaüitt (3hiboW Nch- jj Pfg. sMS
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