Nr. 139
Donnerstag den 19. Juni
1890
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Gießener Anzeiger
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Zu Allendorf im Kreis Wetzlar (Amtsgerichtsbezirk Braunfels) ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen.
Gießen, den 17. Juni 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
___v. Gagern.__
Bekanntmachung,
Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche betreffend.
Da die Maul- und Klauenseuche im Umkreis wieder eine weitere Verbreitung gefunden hat, wird hierdurch bezüglich des Marktverkehrs folgende Anordnung getroffen:
1) Jeder, der Rindvieh, Schafe, Ziegen und Schweine auf einen Biehmarkt im Kreise Gießen auftreibt oder von einem Viehmarkt wegbringt, hat die Seuchefreiheit der Thiere durch ein thierärzliche- Zeugniß nachzuweisen.
Hiernach sind im Marktverkehr nicht mir wie seither die Viehhändler, sondern auch alle Landwirthe und Metzger zum Besitz der Zeugnisse verpflichtet.
2) Die erwähnten Zeugnisse sind 5 Tage lang giltig und müssen enthalten: Ort und Datum der Ausstellung, den Namen der Besitzer, der zu transpor- ttrenden Thiere, jedes mitzuführende Stück Rindvieh nach Geschlecht, Alter, Farbe und Abzeichen, die Zahl der mitzusührenden Schafe, Schweine und Ziegen, die Bescheinigung, daß die fraglichen Thiere sich seit mindestens 7 Tagen in seuchefreiem Zustand am Ort der Untersuchung befunden haben. Die Zeugnisse müssen von dem Aussteller unterzeichnet und mit seinem Siegel versehen oder von der Ortspolizeibehörde beglaubigt sein.
3) Zuwiderhandlungen werden nach § 66 des Reichsgesetzes vom 23. Juni 1880 mit Geldstrafe bis zu 150 JL oder mit Haft bestraft. Im Wiederholungsfälle tritt Gefängnißstrafe ein.
Gießen, den 17. Juni 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
_________________v Gagern. ____________
Gießen, den 17. Juni 1890. Betr.: Wie vorstehend.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Sie wollen die vorstehende Bekanntmachung in ortsüblicher Weise verkündigen lassen und dieselbe im Publicationskasten aushängen.
v. Gagern.
Gießen, den 17. Juni 1890. Betr.: Wie vorstehend.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an das Großh. Polizeiamt Gießen and die Großh. Gendarmerie deS Kreises.
Wir beauftragen Sie, die Befolgung der in vorstehender Bekanntmachung angeordneten Maßregeln schärfstens zu überwachen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend die Unterhaltung des Kreisstraßen.
Wir bringen hierdurch den Fuhrwerksbesitzern zur Kenntniß, daß sich auf der Kreisflraße Gießen-Haufen von Donnerstag den 19. d. Mts. ab eine Dampsstraßenwalze in Thätigkeit befindet.
Gießen, den 18. Juni 1890.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend den Viehmarkt zu Ortenberg am 25. Juni 1890.
Die Nachforschungen nach der Ursache des Auftretens der Maul- und Klauenseuche in seither seuchenfreien Ortschaften haben stets das Ergebniß geliefert, daß die Seuche von Viehmärkten der Umgegend aus durch Schweine eingeschleppt worden ist. Wir untersagen deshalb den Austrieb der Schweine auf den am 25. Juni 1890 stattfindenden Viehmarkt zu Ortenberg. Die Seuchefreiheit aller anderen Klauenthiere, die aus diesen Viehmarkt ausgetrieben werden, muß nach Vorschrift thierärztlich bescheinigt sein.
Büdingen, den 11. Juni 1890.
Großherzogliches Kreisamt Büdingen.
Klietsch.
j)olrttsche Ueberficht.
Gießen, 18. Juni.
Ein freudiges Familienfest im Schooße unseres Kaiserhauses wird als unmittelbar bevorstehend angekündigt. Der „Nat. Ztg." zufolge wird in den allernächsten Tagen die Verlobung der Prinzessin Victoria von Preußen, Zweitältesten Tochter der Kaiserin Friedrich, mit dem 1859 geborenen Prinzen Adolf von Schaumburg-Lippe, jüngstem Sohne des regierenden Fürsten Adolf Georg, feierlichst begangen werden und ist der Prinz bereits zum Besuche am königlichen Hofe in Berlin eingetroffen. (Vergl. „Neueste Nachrichten"). Das deutsche Volk nimmt an diesem angekündigten frohen Familienfeste im erhabenen Hohenzollernhause aus naheliegenden Gründen besonders innigen Amheil und schon jetzt kann
sich die erlauchte Prinzessin, die Schwester unsers Kaisers, der herzlichsten Glück- und Segenswünsche seitens unseres Volkes zu ihrer Verlobung für versichert hatten.
Die Militärcommission des Reichstages, welche schon am vorigen Donnerstag § 2 der Heeresvorlage, welcher von der Bildung der neuen Cadres handelt, genehmigte, hat am Montag auch die übrigen Bestimmungen und alsdann die Vorlage im Ganzen angenommen, womit die Arbeiten der Commission beendigt sind. Der eigentlich grundlegende § 1 (Erhöhung der Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres auf 486 983 Mann bis zum 31. März 1894) wurde mit 17 gegen 11, die Vorlage im Ganzen mit 16 gegen 12 Stimmen angenommen; die Mehrheit bestand aus einem Theile der Centrumsmitglieder, ferner aus den Vertretern der beiden conservativen Fractionen und der Nationalliberalen. Gleichzeitig lehnte jedoch die Commission den Antrag des Abg. Richter auf Einführung der zweijährigen Dienstzeit mit 18 gegen 10 Stimmen ab, nahm aber die bekannte Resolution des Abg. Windthorst an, während sie den Antrag Rickert auf jährliche Festsetzung der Friedensstärke gegen 9 Stimmen wiederum ablehnte. Natürlich ist diese gesummte Entscheidung nur eine vorläufige, zumal die Centrumsmitglieder, wie die Vertreter der beiden conservativen Fractionen und der Nationalliberalen vor der Abstimmung ausdrücklich erklärten, daß ihre Stellungnahme nur eine eventuelle sei. Vermuthlich wird sich indessen die Parteiconstellation, wie sie sich in der Commission schließlich ergab, auch im Plenum des Reichstages gegenüber der Militärvorlage, nicht sonderlich ändern und es steht daher nicht zu bezweifeln, daß diese auch bei der letzten Entscheidung im Plenum mit den Stimmen des einen Theils des Centrums, der beiden conservativen Fractionen und der Nationalliberalen endgiltige Annahme finden wird. Zum Berichterstatter wurde der conservative Abgeordnete Graf zu Stollberg-Werningerode bestellt, welcher seinen Bericht inzwischen der Commission bereits vorgelegt haben dürfte, da die Verkeilung desselben im Plenum bereits am Donnerstag erfolgen sollte; die zweite Plenarberathung beginnt vermuthlich Anfang nächster Woche.
Die Arbeiterschntz-Gommission des Reichstages setzte am Montag die Berathung der Bestimmungen der Vorlage hinsichtlich der Kinderarbeit fort und lehnte hierbei den gesammten Abschnitt 4 (Fabrikbeschästigung von Kindern, welche über 13 Jahre alt und nicht mehr zum Besuche der Volksschule verpflichtet sind) des § 135 ab. Am Dienstag beschäftigte sich die Commission mit den Bestimmungen über die tägliche Arbeitszeit der Kinder (§ 136).
In Paris wurde am Montag die Session des höheren Handelsrathes mit einer Ansprache des Handelsministers eröffnet, in welcher derselbe auf die Wichtigkeit der dem Handelsrathe zur Begutachtung unterbreiteten Frage der I Kündigung oder Erneuerung der bestehenden Handelsverträge I hinwies. Nach der in genannter Körperschaft vorherrschenden
Fenilleton.
Am Feldlager von Parna.
(Schluß.) )
In meiner Noth hatte ich bereits ein Abkommen mit dem Wirth des „restaurant des officiers“, einer elenden Baracke, getroffen. Ich verpfändete ihm mein Pferd, dann Sattel und Zaumzeug und endlich auch meine Waffen, bis sich endlich Rath finden werde, aber ich verspeiste alles, ehe dieser kam- denn irrthümlich war, wie sich später ergab, das -Geld an die preußische Gesandtschaft in Konstantinopel gesandt worden. Willkommen war mir in der allgemeinen Unthätigkeit die Einladung des Commandanten des französischen Aviso „La Mouette", eine Recognoscirungssahrt im Schwarzen Meere mitzumachen.
Diese richtete sich schließlich nach Odessa, von dessen Strandbatterien wir einige Kugeln in die Takelung erhielten, als der Commandant sich unvorsichtig in Schußweite genaht. Die „Mouette" stieß von da zur Flotte von Baltschik. Ihre Recognoscirung hatte uns nur bewiesen, daß die Russen von Allem, was bei uns vorging, durch ihre Freunde, die Griechen und Bulgaren, genau unterrichtet waren, daß sie noch immer große Truppenmassen gegen Perekop dirigirten und Sebasto- pol schon aufs imposanteste armirt war, während die Gegner noch einige Wochen gebrauchten, um kriegssähig zu werden.
Inzwischen aber ward mir bei Baltschik von englischer Seite die Aufforderung, eine Expedition zu begleiten, welche von hier aus dem Schamyl, der, von den Westmächten mit Geld unterstützt, eben mit seinen kaukasischen Bergvölkern den Kamps gegen Rußland wieder ausgenommen, fünfzig Kanonen und dreißigtausend Musketen als Geschenk Ihrer britannischen
Majestät zuführen sollte. Die Einladung hierzu lautete: „H. M. Embassy in special mission to Circassia. The expedition will take place in 10 days with one of the fregats of Black-sea. Mr. W. ad latus.“ Als Landungsplatz hatte man Sudschuk- od^r Redut-Kales ins Auge gefaßt.
Das Unternehmen mochte durch den Tscherkessenfürsten selbst angeregt sein, denn ich lernte seinen ersten Lieutenant Emin Effendi kennen, den er an den Sultan gesandt, um diesem ein Bündniß gegen den gemeinsamen Feind anzutragen. Aber dasselbe scheiterte an seinen übertriebenen Ansprüchen, durch die er eine günstige Gelegenheit versäumte, den Kaukasus von der Fremdherrschaft zu befreien; er verlangte Garantien für die Vertragstreue des Sultans und beging damit eine Thorheit, die er mit seiner endlichen Unterwerfung bezahlte. Mir war diese Expedition hoch interessant- ich sollte den großen Kämpen sehen, für den ich schon als Knabe geschwärmt- aber sie scheiterte schon in ihrer Idee- man erkannte, wie die Sachen eben lagen, die Unmöglichkeit, zu ihm zu dringen.
Während ich wochenlang im Schwarzen Meere umherschwamm, sahs in Varna immer trauriger aus: Seuchen, die Tausende hinrafften, grassirten in den Lagern- die Offiziere waren muthlos trotz aller beruhigenden Proclamationen- die Straßen verödeten, Bulgaren und Griechen hielten ihre Häuser mit großen Riegeln verschlossen, denn die Soldaten waren in diese eingedrungen und hatten Gewaltthaten sogar an den in den Kellern versteckten Weibern und Töchtern verübt- die von Afrika herübergekommenen französischen Truppen, unter diesen viele Eingeborene, hatten das griechische Laster mit herüber gebracht, das ja auch in der türkischen Armee längst geübt wurde, und trieben es ungescheut in den Lagern -
Pestilenz, Aasgeruch, Hunger, Insubordination, erstickende Hitze, totale Muthlosigkeit herrschten- in der Stadt waren ganze Quartiere als Choleraherd ausgestorben und gemieden. Der Typhus war auch unter den Zuaven zu Füßen meines Tschardak bereits ausgebrochen, als ich zurückkehrte, und mit Schaudern erblickte ich, wenn ich mein hartes Lager in der Ecke desselben suchte, hinab in die vom Mond beleuchteten blutlosen und fahlen Gesichter, wie sie da unter mir im Stroh lagen und vielleicht am Morgen schon mit gebrochenen Augen fortgeschafft wurden.
Es drohte der Ausbruch einer völligen Insubordination, wenn das Material an Menschen und Belagerungszeug nicht bald zur Genüge eintraf. Namentlich die Turkos und die Zephirs, letztere zumeist verwahrloste und bestrafte Pariser Kinder, verübten in den abgelegenen Quartieren scheußliche Brutalitäten- bei der furchtbaren Sonnengluth, die mit Bleischwere über Stadt und Meer lag und selbst Abends kaum eine leichte Brise auskommen ließ, trieben sich die Kerle, vom Alkohol zum Delirium getrieben, nackt in den Straßen umher und plünderten die Häuser, in denen sie „Raki", den Pflaumenstein-Schnaps, witterten. Einer derselben erschoß in seiner Trunkenheit, den Sergeanten, der ihn in Arrest schicken wollte, und stürzte sich fliehend ins Meer. Selbst die Zigeuner- samilien, die, so lange die Truppe noch Geld und gute Laune besaß, diese mit ihren Tänzen und Cympeln zu unterhalten gewußt, hatten sich in die Wälder der Balkan-Vorhöhen geflüchtet- bei einem abendlichen Ritt zum Devno-Camp ward ich aber Zeuge einer viehischen Mißhandlung, welche die Zephirs mit ächt Pariser Raffinerie an einigen jungen Zigeunerweibern verübten, die sie in den Wäldern aufgejagt. Es waren meist die afrikanischen Truppen, welche sich diesen Excessen Hingaben. — Nichts der Art dursteman den Eng-


