Ausgabe 
19.1.1890 Zweites Blatt
 
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1890

Nr. 16. Zweites Blatt

Amts- und Anzeigeblatt für den Aveis Gieren

chratiskeikage: Gießener Kamilienökätter.

Sonntag den 19. Januar

Gemeinden sollen sich jedoch die einzelnen Landwirthe nicht vom Beitritt abhalten lassen, da bei Hinzutritt einer Gemeinde nur deren Bullen, nicht aber die Mutterthiere berücksichtigt werden. Die Statuten der Vereins werden erst nach der ersten Generalversammlung gedruckt und jedem einzelnen Mit­glied übergeben. Einstweilen sind geschriebene Statuten in den Händen der Vorstandsmitglieder, der Herren H. Hoff­mann-Stockhausen, Georg Fülberth-Eisenbach, vr. A. Backhaur-RMos, D. Schäfer-Sickendors, H. Dörr- Rixfeld, R o d e m e r - Angersbach, Hoffmann- Schlitz, befind- lich und werden von diesen bereitwilligst verliehen werden.

Zur Veröffentlichung der Bekanntmachungen der Zucht- Vereins und belehrender Abhandlungen, die in das Gebiet der Rindviehzucht etnschlagen, hat sich derLauterbacherAnzeiger bereit erklärt, dessen Abonnement daher den Mitgliedern empfohlen wird.

Der Vorsitzende des Zuchtvereins Lauterbach.

H. Hoffmann, Rentmeister.

Vierteljähriger ASounementspretsr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, LxpedM« und Druckerei:

KchutstratzeAr.'U Fernsprecher 51.

Eine Weltausstellung in Berlin?

In Berliner Blättern ist das Project einer Weltaus­stellung in Berlin angeregt worden und zwar wird als Zeit des geplanten Unternehmens das Jahr 1897 vorgeschlagen, das Jahr, in welchem Alldeutschland den hundertsten Ge­burtstag seines unvergeßlichen Heldenkaisers Wilhelm I. zu feiern hat und würde demnach die Weltausstellung in Berlin äußerlich an das genannte patriotische Ereigniß gewissermaßen anknüpfen. Vorläufig handel es sich in der Sache eben nur um eine erste Anregung und bleibt demnach durchaus noch abzuwarten, inwieweit die hierbei in erster Linie maßgebenden und interessirten Kreise aus diese Anregung eingehen werden, aber jedenfalls ist der Gedanke einer Weltausstellung in ver­deutschen Reichshauptstadt keineswegs neu, sondern schon mehr als einmal in der Tagesdiscussion ausgetaucht. In der That hatte das Projeet in Anbetracht nicht nur der politischen Stellung, welche sich in Deutschland seit den gewaltigen Ereignissen von 1870/71 in Europa errungen, sondern auch seiner hervorragenden industriellen Bedeutung und des wirth- schaftlichen Aufschwunges, welchen es in der ersten Hälfte des vorigen Jahrzehntes genommen, entschieden etwas für sich und selbstverständlich war, daß, wenn überhaupt auf deutschem Boden ein industrieller Völkerwettkamps stattfinden sollte, der geeignetste Platz hierzu nur die Reichshauptstadt sein konnte.

Dennoch verhielten sich den Stimmen gegenüber, welche dergestalt die Abhaltung einer allgemeinen internationalen Ausstellung in Berlin forderten und begründeten, die Reichs-

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Alle Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

lernt auch so mancher die ihm bisher fremd gebliebene Sprache des Herzens. .

Eine herrliche Sprache, die von Glanz und Schönheit, reden zu uns die Baupläne, mit deren Ausführung bereits in diesem Jahre begonnen wird. Da ist vor Allem der Ab­bruch der Schloßfreiheit und die Umgestaltung der Linden, für welche ein gewaltiges Stück Geld ausgegeben werden soll. An der Stelle des Hotel du Nord entsteht schon jetzt in dieser Straße ein mächtiger Bau aus Granit und Sand­stein. Am Schinkelplatz, dem Platz, der nach Niederlegung der Schloßsreiheit dem Schlosse gegenüber liegen wird, ent­steht an der Stelle, wo jetzt das Hotel de Russie und Hotel d Angleterre stehen, der große Neubau der Darmstädter Bank. Der alte Dom am Lustgarten dürste auch schon in diesem Jahre abgebrochen werden, um dem Bau des neuen Domes zu weichen, welcher nach den Plänen von Raschdorfi errichtet werden soll. Dicht dabei werden drei neue Museen entstehen, deren Pläne bereits genehmigt sind. Bedenkt man das Alles und vergegenwärtigt sich die Vollendung dieser Pläne, so er­hält man im Geiste um das Schloß herum ein Städtebild, wie es in der ganzen Welt einzig dastehen dürste. Im Thiergarten soll ein Lessing-Denkmal, auf dem Schloßplatz der Begas-Brunnen und auf dem Neuen Markte das Luther- Denkmal entstehen. Was die Bauthätigkeit in Berlin selbst betrifft, so ist dieselbe in Folge des milden Winters noch kaum unterbrochen gewesen, so daß noch manches Haus bis zum 1. April beziehbar werden wird. Bezüglich der eigent­lichen Neubauthätigkeit in diesem Jahre dürste dieselbe nach derBaugew.-Ztg." davon abhängen, ob die jetzige Geld­knappheit andauert oder gar noch Fortschritte macht. Viel­leicht, meint das Fachblatt, wird durch diese Knappheit manches Uebel gemildert, welches ungünstig aus die Bau­thätigkeit des vergangenen Jahres eingewirkt hat: die große Höhe der Baustellenpreise und die Strikelust. Vor einer Wohnungsnoth stehen wir noch 'nicht. Große Wohnungen

Amtlichem Theil.

Bekanntmachung

de« Zuchtver^inS Lauterbach.

Zn der vorigen Sonntag zu Lauterbach stattgehabten Verfammlung hat sich derZuchtverein Laulerbach constituirt. Es wurden bte von einer Commission vorher berathenen Statuten von der Verfammlung genehmigt, 60 An­wesende erklärten durch ihre Namensunter,chr,st ihren Beitritt und weitere zahlreiche Anmeldungen wurden m Aussicht gestellt. __ Der Zuchtverein stellt sich die Aufgabe, die Rindviehzucht in unferem Kreise zu heben, hauptsächlich durch Ernfiihrung der Simmenthaler Rasse, die für die meisten.Ortschaften im Kreise wohl die empfehlenswertheste sein dürfte. Zu diesem Zwecke soll dar Rindvieh der Mitglieder von einer Commission besichtigt und die tauglichen Thiere als Stammzuchtthtere gekört und gezeichnet werden. Hierbei werden jedoch nicht blos etwa reine Simmenthaler Mutterthure angenommen, sondern alle Thiere mit gutem Körperbau und hohem Gebrauchs- werth ohne große Wcksicht auf die Raffe. Die reinen Sim­menthaler Thiere werden befonders behufs Eintragung ,n dar Heerdbuch für dar Großherzogthum Hessen vermerkt. Zur Veredlung der vorhandenen Zuchtmaterials dürfen nur rein­rassige Siminenthaler Bullen verwandt werden. Ueber die gekörten Stammzuchtthiere und deren Nachkommen chast wird ein genaues Zuchtbuch geführt, um Viehkäusern Aufschluß über die Abstammung eines jeden Thieres geben zu können untz um Anhalt zur Beurtheilung der eigenen Stammzuchtthiere zu ge- winnen Ferner bezweckt der Verein seinen Mitgliedern den Bezug von Original-Rindern und -Bullen zu erleichtern. Es haben sich bereits verschiedene Mitglieder zur Anschaffung von Ortginal-Simmenthaler-Rindern bereit erklärt und wird dem- nächst vom Zuchtverein um Aufgabe fester Bestellung angefragt werden. EL soll weiter vom Zuchtverein eine Vereinbarung über einheitliche und zweckmäßigste Aufzucht des JunMehs, Belehrung der Mitglieder und Erzielung günstiger Absatzwege für Zuchtvieh in's Auge gefaßt werden - Der Beitrag ist für jedes Mitglied auf 3 .X, für >ede Gemeinde aus 5 p werden nun alle diejenigen Landwirthe, die dem Zucht­verein noch beizutreten wünschen, aufgefordert, ihren Beitritt baldigst schriftlich (Postkarte genügt) dem Vereins,ecretar Herrn Dr. A. Backhaus, Rudlos, anzumelden, damit deren Vieh­bestände bei der demnächst erfolgenden Körung berücksichtigt werden können. Namentlich werden die Gemeinden zum Bei­tritt eingeladen, damit ihnen der Zuchtvereinbehufs^Beschaffung von Zuchtbullen behülflich sem kann. Durch Beitritt de.

Der Oietz«er Ai-Her erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

Die Gießener As««irie«ßtLlier werden dem Anzeiger »Schentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mzeiger.

regierung wie auch der überwiegende Theil der deutschen Großindustriellen und Gewerbetreibenden auffallend kühl und die von dieser Seite gegen den Plan vottzebrachten Bedenken waren allerdings auch schwerwiegende. Sie wurzelten haupt- ächlich in dem Hinweise darauf, daß die Weltausstellungen einander viel zu rasch folgen und daß hierdurch em Kosten­aufwand verursacht wird, der durch den mannigsachcn Nutzen dieser Unternehmungen nur selten wieder ausgeglichen werde. Die bisherigen finanziellen Erfahrungen mit den internatimialen Industrieausstellungen sprachen allerdings auch deutlich für jene Bedenken, denn von den zahlreichen Weltausstellungen, welche im Lause von nun saft vierzig Jahren veranstaltet wurden, haben nur wenige, nämlich die erste Londoner Au stellung vom Jahre 1851, dann die Weltausstellungen von Amsterdam und Antwerpen und endlich die Pariser Aus­stellung vom vergangenen Jahre, einen wirklichen Ueberschuß ergeben, während die übrigen ein mehr oder weniger großes Deficit auswiesen.

Aber soll denn der Hauptzweck einer Weltausstellung auch der sein, für das unternehmende Comito und die Garantiesondszeichner ein möglichst großes Profitchen heraus- ruichlagen. Wohl kaum, vielmehr bezwecken diese friedlichen Wettkämpfe der Völker, eine lebhafte Anregung für die Industriellen und Gewerbetreibenden, die sich schließlich aus alle Gebiete des wirthschaftlichen Lebens erstrecken soll, zu geben und der indirecte Nutzen, welcher zunächst der Aus­stellungsstadt und weiter dem ganzen Lande aus den Aus­stellungen erwächst, dürfte das etwaige finanzielle Deficit der­selben fast immer entschieden überragen.

Jedenfalls sind aber gerade für die deutsche Reichshaupt­stadt "alle Vorbedingungen gegeben, um eine Weltausstellung glänzend durchzufübren und was die Rentabilitätsfrage an- bclangt, so gestattet der pecuniäre Erfolg fast aller bis jetzt in Berlin veranstalteten größeren Ausstellungen schon sttzt einen gewissen zuversichtlichen Schluß auch auf die glichen Ergebnisse einer Weltausstellung in seinen Mauern. Aller­dings erfordert ein derartiges Unternehmen, soll es mit Aussicht auf' Erfolg durchgeführt werden, lange und gründ­liche Vorbereitungen, aber bis zum Jahre 1897 ist zu solchen auch mehr als genügend Zeit gegeben. Hoffentlich wird die erneute Anregung einer Weltausstellung in Berlin bei den zunächst beteiligten Kreisen nicht länger eine kühle Zurück­weisung erfahren und die Verbindung derselben mit der patriotischen Feier des hundertsten Geburtstages Kaiser Wilhelms I. kann der Entwickelung des Unternehmens nur förderlich sein.

Feuilleton.

Aus der Reichshauptstadt.

Berlin, 15. Januar 1890.

Nur der Lebende hat Recht'. Zu merken ist des Wortes Wahrheit selbst bei dem Tode einer Kaiserin, die ehrlich e- trauert zur ewigen Ruhe gebettet wurde und deren Andenken als derDiakonissin in Purpur" noch spatesten Geschlechtern theuer sein wird. An den Hausern sind die chwarzen Fahnen kinqezogen, die mit dunklen Stoffen ungefüllten Schausenstei der Modemagazine zeigen wieder die lichten, lebensfrohen Farben und nur das Militär mit seinen florumhullten Ab­zeichen erinnert an den jüngsten Trauerfall int Hanse der Hohenzollern. Arn Sonntag haben auch die Privatbuhnen ihre Pforten wieder geöffnet und heute werden d-° königlichen Theater folgen. Ganz spurlos >st «n den ersteren die Landes­trauer nicht vorübergegangen. Bei Kroll, woselb'I // Königsgardist", eine neue Operette des Mikado-Componisten, von einer eigens angeworbenen Truppe unter Leitung Direetors Scherenberg gegeben wurde, Hut dieser Direetoi während der Tage der Landestraner Coneurs angezeigt. Latz ein Bühnenleiter birect beim Gericht seine Zahlungsunsa )ig- keit anmeldet, ist in Berlin schon feit längerer Zett »uht d°- gewesen, und dieserTheaterkrach" macht um ,° gr°tzeres Aussehen, als er daher ganz unberechtigt erscheint. In einer den hiesigen Blättern gemachten Zuschrift legt der Inhaber des Kroll'fchen Theaters dar, daß Herr Scherenberg nicht allein keinen Schaden erlitten, sondern allabendlich noch 172 Mk. über sämmtliche Kosten im Durchschnitt verdient habe. Die Truppe, welcher einige aus Wien verschriebene tüchtige Gesangskräfte angehören, setzt übrigens lau - kündigung heute ihre Vorstellungen fort. Ob fi /, l Theilung" spielt oder ob der Besitzer des Etablissements die Direction übernommen hat, das entzieht sich noch der open -

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

lichen Kenntniß. Jedenfalls sind diese Leute vor Noth ge­schützt und besser daran als ihre Collegen vorn Belle-Alliance- Theater, die von ihrem Director auf Grund der Landes­trauer einfach auf die Straße gefetzt worden find. Ausbruch eines Krieges, Revolte, Brand des Theaters und Landes­trauer lösen bekanntlich sämmtliche mit den Künstlern ab­geschlossenen Contracte und diesen letzteren Umstand hat die Direction der genannten Bühne zu Nutze gemacht und ihrem gesammten Personal gekündigt. Als dieses ob solcher Härte vorstellig wurde und auf den ungünstigen Eindruck hinwies, welchen ein. derartiges Vorgehen in der öffentlichen Meinung Hervorrufen müßte, entgegnete der Director, daß es ihm höchst gleichgiltig sei, in welchem Lichte er der öffentlichen Meinung erscheine. Gewinnbringend mag es ja sein, solchen Ansichten zu huldigen, edel ist es jedenfalls nicht, und übel daran wäre die deutsche Metropole, wenn sich nicht in ihr noch genug Männer und Frauen fänden, die, nicht des eigenen Vor- theils gedenkend, dem allgemeinen Wohle zu dienen sich be­strebten. An der Spitze solcher Männer und Frauen steht die regierende Kaiserin. Der Vorsitzenden des Vereins Ber­liner Volksküchen, der Frau Lina Morgenstern, hat sie un­mittelbar nach dem Hinscheiden der Kaiserin Augusta ge­schrieben, daß sie dem Verein nunmehr ihr dauerndes Interesse zuwenden wolle, in der Ueberzeugung, damit eine heilige Pflicht gegen die verklärte Fürstin zu erfüllen, ^etzt dürfte die Kaiserin auch mehr aus jener Reserve heraustreten, welche sie, wie es jetzt klar wird, zu Gunsten der kaiserlichen Groß­mutter einem Theile der Wohlthätigkeitsanstalten gegenüber

bisher bewährt hat. - Wenn solche jugendliche Kraft, erfüllt von gleichem Geiste, in die gelegte Bresche eintritt, dann wird das Banner der Humanität, heut noch umflort, bald wieder stolz und leuchtend emporragen zum Schrecken der dünkelhaften Selbstsucht und der oftmals nur gedankenlo en Herzlichkeit. Beispiele braucht die Menge- an Beispielen

I lernen wir fremde Sprachen und werden sie gegeben, dann